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Die B3E-Story 8 – Die 80ger Jahre und die Entstehung der Szenemagazine

Betrachtet man die bislang beschriebene Entwicklung aus einer räumlichen Warte, so wurde der ökonomische Grundstein des späteren Bermudadreiecks außerhalb des Engelbertviertels gelegt. Das Gebiet wurde räumlich gesehen quasi erst umzingelt und dann von außen Stück für Stück erobert. Das durch die Bahnhofsverlegung entstandene städtebauliche Vakuum um den Bahnhofsvorplatz entlang der oberen Kortumstraße und die damit verbundene wirtschaftliche Schwächung dieses Quartiers musste sich erst so weit steigern, dass sinkende Mieten, begründet durch Unternutzungen und Leerstände, eine Vereinnahmung durch neue Nutzer mit geringen finanziellen Mitteln möglich machten.

Die Promotoren dieser Entwicklung  kamen, von ihrer Profession her gesehen, ebenso von Außen. Sie  waren weder speziell für die Gastronomie ausgebildet, noch von ihrer Herkunft dafür prädestiniert. Es waren vielmehr im wahrsten Sinne Pioniere ihrer Zeit, die nichts anderes hatten als Ideen und den unbändigen Willen, diese umzusetzen. Vor allem aber wussten sie um die Potentiale des Engelbertviertels und nutzten seine ökonomische Schwäche bzw. seine gerade im Verhältnis zu ihrer Innenstadtlage niedrigen Mieten, zu ihrem Vorteil.

Leo Bauer und alle späteren Mitstreiter und Mitbewerber waren zugleich personifizierter Ausdruck einer Aufbruchsstimmung, die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Generation und damit viele andere Menschen in Bochum – und nicht nur dort – prägte. Personen, mit denen die herkömmlichen Gastronomen und Brauereien und die städtische Bürokratie erst einmal gar nicht umzugehen wussten. Sie irritierten mit ihrem Lebensstil und ihrem Auftreten ihre Vermieter, ihre – sofern es sie überhaupt gab – Geldgeber, ihre Nachbarn und vor allem das städtische Ordnungswesen.

Im Übergang zu den 80ger Jahren war, was die Szene betraf, Bochum aber mittlerweile eine andere Stadt geworden. Man sah die Menschen die unterschiedlichsten Schwarz-Töne trage: Leder-Schwarz, Lack-Schwarz, Jeans-Schwarz, Seiden-Schwarz oder Gummi-Schwarz – ja, einige ganz Wagemutige trugen auch Baumwollschwarz. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit, denn auch viele andere Jugendkulturen tummelten sich auf den Straßen: Punks, Mods, Teds, Psychobillies und auch ein paar vereinzelte Hippies waren noch anzutreffen.

Sie alle hatten Bochum endgültig zur Nachtleben-Metropole des Ruhrgebiets gemacht, denn neben dem Bermudadreieck und dem Logo hatten auch die Zeche, der Rockpalast (heute Matrix) und der Zwischenfall Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinaus erlangt. In Bochum kannte, im Gegensatz zu vielen anderen Städten, die Nacht kein Ende. Im Bermudadreieck gab es Kneipen wie den Intershop, die bis fünf Uhr morgens geöffnet waren – im Ruhrgebiet damals eine Seltenheit. Und wenn schwankende Gestalten zu früher Morgenstunde aus den Clubs wankten, konnte man sich im Sachs und im Mandragora bereits wieder mit einem Frühstück stärken – oder mit einem Bier.

Ästhetisch waren die 80ger eine Revolte gegen die 68er, politisch jedoch nicht: Beinahe alle, die man rund ums Bermudadreieck antreffen konnte, waren irgendwie „links“. Aber Kleidung und Mode gewannen an Bedeutung und wurden zum Thema – was sich auch publizistisch niederschlug. Die 80er Jahre waren die große Zeit von Zeitgeistmagazinen wie Tempo und Wiener – und die der Stadtmagazine: Marabo  und Guckloch erlebten in diesen Jahren ihren Aufstieg, Coolibri wurde gegründet.
Kommerz, in den 70ern noch ein Schimpfwort, bestimmte nun die Szene – und am erfolgreichsten war Kommerz, der sich unkommerziell gab.

Das Bermudadreieck profitierte auch von dieser medialen Entwicklung denn alle drei für das Ruhrgebiet relevanten Szenemedien wurden entweder in Bochum gegründet (Marabo und Coolibri) oder aber verlegten kurz nach dem Erscheinungsbeginn ihre Redaktion nach Bochum (Guckloch). Diese Entwicklung hatte für das Bermudadreieck auch soziokulturell positive Folgen. Ermattet von der bekanntermaßen besonders durstig machenden Redaktionsarbeit ließen sich die Journalisten der Szeneblätter nach getaner Arbeit in den Kneipen des Bermudadreiecks nieder. Da die Kneipen- und Blattmacher alle in einem Alter waren, kam man sich schnell näher – und die Kneipen des Bermudadreiecks konnten sich einer ausführlichen Berichterstattung sicher sein. Da keines der drei Szeneblätter weiter als fünf Gehminuten entfernt war, lag es buchstäblich nahe, über das Geschehen vor der Tür zu berichten. Fernreisen nach Essen, Dortmund oder Duisburg ließen sich so umgehen.

Der Mythos des einzig relevanten Szeneviertels des Ruhrgebiets konnte so schnell wachsen, zumal es auch Pendler zwischen beiden Welten gab: Marabo-Musikredakteur Peter Erik Hillenbach war im Logo, wo sein alter Kumpel Ralph Odermann als DJ arbeitete, für das Licht zuständig. Odermann, der später auch Geschäftsführer des Logo-Nachfolgers Planet wurde und als Designer für die Ausstattung der holländischen Kneipe Oranje zuständig war, gehörte als Musikkritiker bis zuletzt zum Stammpersonal des Mitte 2005 verblichenen Magazins.

Aber auch Redakteure aus dem Umfeld der Magazine setzten dem Bermudadreieck literarische Denkmäler. Der MARABO Musikkritiker Wolfgang Welt beschrieb in seinem Erstlingswerk „Peggy Sue“ das junge Kneipenviertel und viele seiner Besucher, deren Namen er nur unwesentlich veränderte, so, dass jeder Szenekundige das Personal des Buches entschlüsseln konnte. Viele der Erwähnten waren darüber nicht glücklich. Auch der damalige MARABO Reporter Werner Schmitz, mittlerweile seit vielen Jahren beim Stern, ließ seine Protagonisten so manche Nacht im Bermudadreieck verbringen. In seinem Roman „Auf Teufel komm raus“ arbeitete er zudem einen Skandal im Bochumer Nachtleben auf, in dem ein damals leitender Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit Kontakten zur Satanistenszene im Mittelpunkt stand.

Sogar einen Comic über das Bermudadreieck gab es: Jan Michael Richter, einem größeren Publikum unter seinem Künstlernamen Jamiri bekannt, zeichnete ihn als Sonderausgabe des Bochumer Magazin Bospect. Auch in vielen Comics aus der Frühzeit des aus Hattingen stammenden Jamiris spielten die Kneipen des Bermudadreiecks eine wichtige Rolle – bis die Domestizierung durch Beate den Zeichner davon abhielt, seiner Leidenschaft für lange Kneipenabende wie in Jugendtagen zu frönen.

Auch als sich in den 90er Jahren ein regionaler Ableger der Berliner Tageszeitung taz gründete, war die Standortfrage schnell entschieden: Die Redaktion des Blattes logierte, wie Prinz, im Lueg-Haus am Engelbertbrunnen. Das Bermudadreieck konnte sich also seiner Präsenz in den Szenemedien immer gewiss sein – war es doch von Anfang an auch der Tummelplatz derer Redakteure. Doch das ist vorbei: Bis auf Coolibri gibt es in Bochum heute keine Redaktion eines ruhrgebietsweiten Mediums mehr. Marabo  zog schon 2002 nach Essen und stellte im Sommer 2005 sein Erscheinen endgültig ein. Prinz verließ die Stadt im Frühjahr 2005, und die taz ruhr wurde gleichfalls im Sommer 2005 eingestellt.

Mehr zu dem Thema:

Teil 1: Die B3E-Story – oder wie das Bochumer Szeneviertel namens Bermudadreieck entstanden ist

Teil 2: Die B3E-Story 2: Entstanden aus dem Nichts?

Teil 3: Die B3E-Story Teil 3- Vom proletarischen Moltkeviertel zur Bochumer Studentenbewegung

Teil 6: Die B3E-Story 6 – Vom Club Liberitas zum Mandragora

Teil 7: Die B3E-Story Teil 7: Vom Appel zum Sachs

 

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17 Kommentare zu “Die B3E-Story 8 – Die 80ger Jahre und die Entstehung der Szenemagazine

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