Die Mär von der Blockade des Ausbaus erneuerbarer Energieerzeuger

Enercon E-82 ohne Getriebe Foto: CarstenE Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ob öffentliche Beleuchtung, Schwimmbadtemperaturen oder warmes Wasser in Schulen. Aktuell stehen viele Dinge auf dem Prüfstand, um Energie zu sparen. Im Zuge der Energiekrise ist bereits jetzt klar: Deutschland steuert auf einen schwierigen Herbst zu. Ein gerne verbreitetes Narrativ ist die Aussage, der Ausbau erneuerbarer Energien sei in Deutschland systematisch blockiert worden, verbunden mit der Behauptung, Deutschland könne „schon viel weiter“ sein. Mittlerweile ist daraus eine Art von gesellschaftlich akzeptiertem Dogma geworden.

„Der Ausbau wurde blockiert, da müssen wir jetzt mal so richtig ran!“

Im ersten Moment klingt das auch schlüssig in der medialen Debatte. In Deutschland gelingt ja ohnehin wenig, irgendwer anderes ist immer schuldig, das wird schon so stimmen. Betrachtet man aber die Fakten, ergibt sich ein gänzlich anders Bild und es macht klar, wie verächtlich und diskreditierend das mediale Framing der Blockade eigentlich gegenüber all jenen ist, die ebendiesen Ausbau seit Jahren vorantreiben und passt dabei zur ebenso realitätsfernen Behauptung, dass Deutschland keinen Beitrag zum Klimaschutz leiste.

Der absolute Großteil der regenerativen Leistung verteilt sich auf Windkraft, Photovoltaik und Wasserkraft. Relevant für einen Vergleich sind Wind & Photovoltaik, da der Zugang zur Wasserkraft nur mit entsprechend wasserreichen Flüssen und langen Küstenlinien möglich ist. Weltweit gibt es außerdem Debatten um die Zukunft von Hydrokraftanlagen, da diese erhebliche Folgen für die Flora und Fauna haben. Bestes Beispiel ist der jüngst fertiggestellte Lower Sesan 2, der aktuell tausenden Familien die Existenzgrundlage nimmt. In der Folge findet ein Ausbau in demokratischen Staaten quasi nicht mehr statt.

Weltweit installiert sind 760 GW an Photovoltaikleistung und etwa 750 GW an Windkraftleistung (zeitgleich Datenquellen für die Grafiken). Die Top 5, auf die zusammen etwas 75 % der weltweit installierten Wind- & PV Leistung entfallen, sind Japan, Indien, Deutschland, die USA & China. Die Angaben aus China sind hierbei mit großer Vorsichtig zu betrachten, da der Ausbau von Energieanlagen Teil der chinesischen Staatspropaganda und nicht unabhängig geprüft ist.

Deutschland ist, was die zur Verfügung stehende installierte Wind- & PV-Leistung betrifft, der am drittstärksten aufgestellte Staat der gesamten Welt. Nun ist die Betrachtung absoluter Zahlen wenig zielführend. Deutschland ist von allen betrachteten Staaten sowohl was die Bevölkerung als auch die Fläche angeht der kleinste Staat. Die Abstände sind hierbei, mit Ausnahme von Japan, erheblich. In Indien, den USA und China leben zusammen 39-mal so viele Menschen, wie in der Bundesrepublik auf einer Fläche, die 64-mal so groß ist, wie die Bundesrepublik.

Betrachtet man die installierte Leistung pro 1.000.000 Einwohner, als Indikator für die Verteilung auf die Bevölkerung oder aber pro 100.000 km² Landesfläche, als Indikator für die Landnutzung, ergibt sich ein anderes Bild. Pro einer Millionen Einwohner hat Deutschland annährend die gleiche installierte Leistung, pro 100.000 km² Landesfläche übertrifft die installierte Leistung in Deutschland die der vier nachfolgenden Staaten zusammen.

Es ist unbegreiflich, wie angesichts der vorliegenden Zahlen von einer Blockade beim Ausbau der erneuerbaren Energie gesprochen werden kann. Vielmehr ist es so, dass Deutschland in den vergangenen Jahren die Grenzen der technischen Machbarkeit bei der Realisierung von Ausbaupotentialen in einem vergleichsweise kleinen, bevölkerungsarmen Staat aufgezeigt hat. Ein reiner Zubau von Erzeugerleistung ist nicht ausreichend, da zusätzlich die notwendigen Übertragungsnetzkapazitäten und Netzregelmechanismen geschaffen werden müssen. Insbesondere der Ausbau von Energietrassen wird sehr häufig von Bürgerinitiativen blockiert, die eine ganz bestimmte politische Unterstützung erfahren. Dass Deutschland aktuell vor erheblichen Problemen bei der Energieversorgung steht, liegt genau darin begründet. Wind- & PV-Anlagen sind nicht grundlastfähig und können nur über sehr komplexe Mechanismen zur Spannungsstütze und Frequenzstabilisierung eingesetzt werden. Ein einseitiger, ideologisch getriebener Ausbau schafft zwar Kapazitäten, die nachfolgende Nutzung (auch hier ist Deutschland weltweit unter allen Industrienationen führend) ist aber aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten limitiert.

Die von der Bundesregierung ehemals avisierte Lösung, zu diesem Zweck Gaskraftwerke einzusetzen, ist technisch einwandfrei, jedoch ohne den Zukauf von Gas schlicht nicht umsetzbar. Die Nachnutzung von Gaskraftwerken für die Verstromung von Wasserstoff stellt ein mögliches Zukunftsszenario dar, dessen technische Machbarkeit jedoch von erheblichen Energieüberschüssen, bisher ungelösten Problemen bei der Haltbarkeit und Skalierbarkeit von Elektrolyseuren und der Transportfrage abhängig sein wird. Häufig wird übersehen, dass das deutsche Gasnetz, welches zu den größten der gesamten Welt zählt, nicht für den Transport von Wasserstoff ausgelegt ist. Wasserstoffmoleküle sind erheblich kleiner als Methan, der Großteil der deutschen Erdgasleitungen bietet hierfür derzeit keine ausreichende Dichtigkeit, wobei diese nachträglich hergestellt werden kann. Um die Energieversorgung aktuell abzusichern und insbesondere auch die Nutzung von regenerativ erzeugter Energie auszubauen, ist hierfür technisch tragbare Lösung notwendig.

Die Aussage aber, dass der Ausbau erneuerbarer Energieerzeugung in Deutschland blockiert würde, ist ein medial gerne reproduziertes Märchen, das die Realität nachweislich nicht abbildet und, wie ausgeführt, all jenen Unrecht tut, die für die oben referenzierten Zahlen gesorgt haben.

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9 Kommentare

  1. #1 | Adrian E. sagt am 5. August 2022 um 12:45 Uhr

    Deutschland hat gleichzeitig rekordhohe Energiepreise und im europäischen Vergleich einen hohen CO2-Ausstoß pro Kopf.

    An mangelndem Ausbau von Solar- und Windenergie liegt das sicher nicht, da geht Deutschland schon an die Grenze des aktuell technische möglichen.

    Es hat vielmehr damit zu tun, das Deutschland ausgerechnet aus der treibhausgasemissionsfreien und grundlastfähigen Kernkraft ausgestiegen ist. Das hätte man sicher nicht gemacht, wenn die Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen eine hohe Priorität gehabt hätte. Mit dem Atomausstieg hat man sich dafür entscheiden, für lange Zeit von fossilen Brennstoffen abhängig zu sein.

  2. #2 | Thomas Weber sagt am 5. August 2022 um 13:11 Uhr

    Der Text widerspricht sich selbst, denn er weist vollkommen korrekt darauf hin, dass der Bau von variablen erneuerbaren Energiequellen alleine nicht ausreicht, da diese zwingend zusätzliche Infrastruktur benötigen, um eine vollwertige Stromversorgung zur Verfügung stellen zu können. An dieser zusätzlichen Infrastruktur herrscht derzeit noch ein eklatanter Mangel und den kann man durchaus als Folge einer Art von Blockade sehen, die in meinen Augen wiederum die Folge einer ganz anderen Mär ist: Der Mär der billigen erneuerbaren Energie.

    Der politische Trick ist, dass die reinen Stromgestehungskosten von Wind und Sinne relativ niedrig sind und man durch den Bau solcher Anlagen sehr einfach zu Erfolgsmeldungen und immer neuen Rekorden kommt. Nun hilft es uns aber relativ wenig, wenn wir an windigen Sonnentagen geradezu in Strom ersaufen, wenn man an anderen Tagen dann doch wieder den Gashahn aufdrehen muss; denn die wichtige Kennzahl ist eben nicht, wie viel erneuerbare Energie wir im besten Fall haben, sondern wie viel davon im schlechtesten Fall noch übrig bleibt. Noch schlechter als beim Strom sieht es bei der Wärme aus, wo uns vor kurzem noch allen Ernstes erzählt wurde, es wäre Unsinn, mit elektrischem Strom zu heizen (wie zum Beispiel die doofen Finnen mit ihrem Atomstrom das machen), weil Erdgas ja viel effizienter ist und Holzpellets nachwachsen.

    Eine kluge Energiepolitik hätte deshalb dafür gesorgt, dass für jedes neu installierte Megawatt Wind- oder PV-Leistung gleichzeitig auch entsprechende Speicher- und Netzkapazität gebaut werden muss und das alles in einem Umfang zu tun, der weit über den des bisherigen Strombedarfs hinausgeht. Doch offenbar hat sich durch die Bank _keine_ der in den letzten Jahren an irgendeiner Regierung beteiligten Parteien getraut, den Bürgern die dafür notwendigen Investitionen und somit den wahren Preis einer echten erneuerbaren Energieversorgung zu erklären. Noch heute setzt sich die Grünen-Chefin in Talkshows und erzählt dort, ohne rot zu werden, dass die Energiekosten auch wieder sinken werden, wenn denn „endlich mal der Ausbau Erneuerbarer vorwärts geht“. Das stimmt schlichtweg nicht. Es gibt keine billige Energie. Es gab bisher nur Energie, die billig erschien, weil ihre externen Kosten (von Umweltschäden bis hin zu Versorgungsrisiken) nicht einberechnet wurden.

  3. #3 | Ashi sagt am 5. August 2022 um 13:28 Uhr

    Habe jetzt nicht alle Artikel dazu verfolgt aber das u.a. auch viele BI den Ausbau verhinden wurde schon mit als Grund aufgeführt. Und das die Konservativen den Ausbau jahrelang unten gehalten haben wo es nur geht, ist auch kein Geheimnis. Dazu kommen noch etliche Vorschriften, Gesetze, überforderte Ämter. Man blockiert das nicht aktiv, vor allen Dingen nicht die jetzige Regierung (außer FDP), aber wir hätten dennoch schon weiter sein können. Damit meine ich nicht nur den Ausbau an sich, sondenr auch die Forschung und weiterentwicklung auf allen notwendigne Gebieten. Klar reicht es nicht nur aus, Wind und PV Anlagen großzügig zu bauen, die (intelligenten) Netze und Stromspeicher müssen auch irgendwoher kommen.
    Man kann es drehen und wenden wie man will, auch auf schöne Tabellen zeigen: In Deutschland wurden die regenativen Energien bewußt verpennt, absichtlich in den Ruin getrieben (aber anderes Thema) und nur im ersten Gang gefahren.

  4. #4 | Jens sagt am 5. August 2022 um 13:31 Uhr

    Top, danke

  5. #5 | Bolzkopf sagt am 5. August 2022 um 13:55 Uhr

    Ich verstehe absolut nicht, warum man aus dem „Überschussstrom“ der PV- und Windanlagen nicht Methan erzeugt dass dann später in den Gaskraftwerken verfeuert werden kann.
    Ich konnte nirgendwo irgendwelche Ansätze dazu finden.
    Allerdings verschwinden die mit öffentlichem Geld geförderten Forschungsergebnisse gerne mal hinter Panzer-Paywalls.

  6. #6 | Ashi sagt am 5. August 2022 um 15:47 Uhr

    @Adrian E Ich nutze lieber (noch) fossile Brensstoffe als Atomstrom. Warum der immer so glorifiziert wird leuchtet mir beim besten Willen nicht ein. Ja, dessen Erzeugung macht keine Rußpartikel oder Treibhausgase, aber viel gefährlicheren Atommüll.
    Oder ist Ihnen das scheissegal, betrifft Sie ja nicht mehr?
    Auf den größten Teil der fossilen Brennstoffe kann man hoffentlich bald mal verzichten und dann hätte man „nur“ 20-50? Jahre bis das Klima sich bessert, aber mit alten Brennstäben und Atommüll hat man Freude für die nächsten Jahrtausende.
    Wir kriegen noch viel Spaß wenn die Atommüllfässe vor der englischen Küste anfangen aufzubrechen. Dann will ich die Atomfreunde mal sehen.

    @Thomas Weber: Wenn man einmal die Investitionen getägt und reingeholt hat sind regenetative Energien tatsächlich billig 😉

  7. #7 | SvG sagt am 5. August 2022 um 18:29 Uhr

    @ 5; Bolzkopf: Ein ähnlicher Plan wurde vor 10-12 Jahren an Merkel und Altmaier herangetragen, allerdings ging es damals um Wasserstoff. Die haben abgewunken: Zu teuer, man würde ja von Putin mit billigem Gas beliefert. Der Initiator war in einem langen Interview im WDR %5 zu hören. Er wußte auch von Firmen zu berichten, die genau dies jetzt tun. Im Sommer billig Wasserstoff im firmeneigenen Koppelkraftwerk herstellen, im Keller in Tanks oder Flaschen einlagern und im Winter Strom gewinnen. Ja, die böse Privatwirtschaft und die Konzerne…

  8. #8 | Wolfgang Heinrich Scharff sagt am 5. August 2022 um 18:35 Uhr

    Wie müssen sich die deutschen Polizisten fühlen, die in Brokdorf oder Wackersdorf ihren Kopf hingehalten haben für die Atomkraft und die jetzt, im Alter, erleben müssen, dass ihr Kampf vergeblich war?
    Da mal drüber nachdenken!

  9. #9 | Ihr mögt mich eh nicht sagt am 6. August 2022 um 10:29 Uhr

    @Scharff: Polizisten machen ihren Job, sie sind keine glorifizierten Verfechter einer Atomidiologie.

    Wenn ihnen das nicht bewusst ist, sind sie ein Träumer, ansonsten würde sie die Vorstellungsrunde #1 bei Putin Trollarmee nicht überstehen. 😀

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