Die postkoloniale Drehtür (I): Natan Sznaider über eine deutsche Debatte

Revolving door 2014 by Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0 auf 3.2-Format zugeschnitten)

Im Mai wird die Documenta diskutieren. Über den russischen Krieg? Über Israel. Eingeladen ist  –  neben manchem BDS-Versteher  –  auch Natan Sznaider, ihn erstaunt seit langem „die Leichtigkeit“, mit der Israel „als weiße, europäische Kolonialmacht“ gelabelt wird. In seinem jüngsten Buch zeichnet der israelische Soziologe die Gedankengleise nach, die zu sehr verschiedenen Beschreibungen des jüdischen Staates führen: Ist Israel, diese Gesellschaft aus Flüchtlingen aller Länder, „ein Projekt der Emanzipation oder ein kolonialistisches Projekt? Kann es beides gleichzeitig sein?“  –  Teil 1 einer Sznaider-Lese, es treten auf Alfred Dreyfus und Albert Memmi, Claude Lanzmann und Frantz Fanon, Achille Mbembe und Karl Mannheim und natürlich Hannah Arendt.

„Fluchtpunkte der Erinnerung“ hat Sznaider, Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv, sein Buch betitelt, es beginnt mit dem Satz „Bis Mitte März 2020 war in Deutschland die Welt der Kultur noch in Ordnung“, dann erschien ein Beitrag auf diesem Blog: Die Intendantin der Ruhrtriennale, Stefanie Carp, hatte in einem dritten Anlauf versucht, BDS-Promoter auf ihre Bühne zu laden, diesmal den Historiker Achille Mbembe. Auf diese Weise kam zwar nicht BDS, die internationale Kampagne für die Denunziation von Demokratie, auf die große Bühne, wohl aber eine Debatte „über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus“, so der Untertitel von Sznaiders Buch.

Aufgewachsen ist Sznaider als Staatenloser im Badischen, mit 20 Jahren ist er „aus Deutschland weg“, schon deshalb ist sein Blick auf die deutsche Debatte „der Blick des Fremden, des gleichzeitig dazu- und nicht dazugehörenden Menschen“. Biographisch hat er ihn also einüben können, den „jüdischen Blick“, der auf das „Drama der Moderne“ fällt, es liegt Sznaider zufolge darin, im selben Moment sowohl gleich als auch verschieden zu sein: „Wer gehört dazu und wer nicht“, welche Traditionen werden eingebunden, welche nicht, wie fügt sich das Besondere ins Allgemeine ein? Diese „Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus“, Wesenszug der Moderne, habe sich in den Juden verkörpert, so Sznaider, sie hätten „bewusster“ in ihr gelebt.

Der jüdische Blick, wie er ihn beschreibt, ist mithin keiner, der von unten nach oben ginge, von Beherrschten zu ihren Beherrschern, sondern ist ein Blick derer, die sich der Alternative entziehen. Es ist, wenn man so will, ein dritter Ort, von dem aus dieser Blick auf die Gesellschaft fällt, der Ort liegt weder in ihrem Zentrum noch an ihren Rändern, sondern „freischwebend“ über ihr.

So jedenfalls Karl Mannheim (1893 – 1947), ungarisch-deutscher Soziologe, ab 1930 Professor in Frankfurt aM, 1933 von den Nazis geschasst. Mit der von Mannheim begründeten Wissenssoziologie steckt Sznaider den theoretischen Rahmen seines Buches ab: „Der Schlüsselbegriff für Mannheim ist die Perspektive.“

Heißt: Jeder Blick auf die Gesellschaft werde von einem bestimmten Ort auf sie geworfen, den „universellen Menschen“ gebe es nicht, darum auch keine gemeinsame Wahrheit mehr, wie sie vormals von Religion und Philosophie bereitgestellt worden sei: kein Glaube mehr an einen gemeinsamen Gott, aber eben auch „kein Glaube an eine gemeinsame Welt“. Wenn aber Wahrheit und Welt nur noch in Perspektiven erscheinen, werde die Fähigkeit entscheidend, „die Perspektive zu wechseln“. Diese Fähigkeit habe Mannheim nun nicht etwa wie seinerzeit üblich einer bestimmten Klasse oder Partei angedichtet, sondern einer bestimmten sozialen Gruppe zugetraut, den Intellektuellen: Sie seien imstande, sich abzulösen von ihren Perspektiven, um „die Gesellschaft als Ganzes zu denken und bestimmte Standpunkte zu überwinden, indem sie frei darüber schweben“.

Dieser „sozial freischwebenden Intelligenz“ habe Mannheim ein gesellschaftliches Wächteramt anvertraut und dieses Wächteramt in eine wiederum jüdische Perspektive eingebettet, nämlich in die der biblischen Propheten, jener Denker, die im Namen eines Universellen  –  der göttlichen Gerechtigkeit  –   gegen institutionalisiertes Unrecht protestieren.

Dreyfus-Affäre: „Wurzel des Konflikts“

Für Intellektuelle ein höchst attraktives Berufsbild, das Mannheim ausgemalt hat und jüdisch grundiert, vermutlich möchte jede „Kulturelite“ aller Zeiten über den Dingen schweben wie Gottes Geist über den Wassern, möchte prophetisch sein und bloß nicht provinziell, möchte den jüdischen Blick appropriieren, den Blick derer, die überblicken können müssen.

Beispiel Achille Mbembe: Im April 2020 stellt er sich und seine planetarische Sicht unter den Titel „Die Welt reparieren“, hebräisch „Tikkun Olam“, es ist ein rabbinisches Konzept. Auch in seinem „Brief an die Deutschen“  reiht er sich ein in „bestimmte Traditionen des jüdischen Denkens“, um schließlich von etwas zu künden, was sich universaler nicht denken lässt, nämlich von der „Aussöhnung der Menschlichkeit mit der Gesamtheit alles Lebendigen“ und „unserem gemeinsamen Aufstieg zum Menschsein“. Mit BDS.

Das die Drehtür, Mbembe betritt sie mit einem rabbinischen Konzept, heraus kommt die Verleumdung des jüdischen Staats. Ein universalistisches Ethos tritt ein, eine popelige Hetzkampagne heraus. Das Interessante an Sznaiders Buch ist nun, dass er diese wundersame Verdrehung nicht einfach für tricky hält, er will  –  und das mit einigem Respekt  –  verstehen, was eigentlich passiert, wenn jüdisches Denken adaptiert und dann in Israelhetze hineingedreht wird. Und geht zurück ins Jahr 1894: Der Konflikt, der mit einem Ruhrbarone-Beitrag im März 2020 in Deutschland aufbrach, reiche bis zur Dreyfus-Affäre in Frankreich zurück.

Hintergrund: Alfred Dreyfus, Offizier im mittleren Rang, ein unsichtbar gewordener Jude, wird Opfer einer antisemitischen Intrige, von etablierten Kreisen angestrengt und genutzt. Mit Dreyfus solidarisch erklärt sich eine neue gesellschaftliche Figur, der sichtbar gewordene Intellektuelle, verkörpert von Émile Zola und Émile Durkheim. Die Auseinandersetzung zieht sich hin, Gefühlswelten geraten in Frontstellung, „säkular oder katholisch, sozialistisch oder militaristisch, republikanisch oder monarchistisch, Stadt und Land, Intellektuelle und Antiintellektuelle und auch Juden und Franzosen“, so Sznaider. Ausgehandelt wird dieser gesamtgesellschaftliche Konflikt entlang der „jüdischen Frage“.

Für Theodor Herzl, den Vordenker des Zionismus, sei die Dreyfus-Affäre zum Impuls geworden, schreibt Sznaider, sie habe ihm eine Ahnung verschafft davon, was jedem Juden passieren könnte, sichtbar oder nicht. Herzls Konsequenz: nationale Souveränität.

Hannah Arendt 1958 by Barbara Niggl Radloff (CC BY-SA 4.0)

Anders Hannah Arendt. 1906 geboren  –  in dem Jahr wurde Dreyfus rehabilitiert  –  muss sie 1933 aus Deutschland und 1941 aus Frankreich fliehen, sie entkommt in die USA. „Ihr erster dort entstandener Aufsatz war (…) ‚From the Dreyfus-Affair to France Today‘ “. Der Text erscheint im Juli 1942, die Juden Frankreichs sind gerade in die Todeslager deportiert, die Gaskammern in Auschwitz bereits in Betrieb, und Arendt schreibt über eine vier Jahrzehnte zurückliegende Polit-Affaire, für sie: „der Anfang“. Ihre Konsequenz: keine territoriale, sondern kulturelle Souveränität, die territoriale Frage sei ihr „zweitrangig“ erschienen, schreibt Sznaider. Arendt habe nach einer Souveränität „jenseits von Assimilation und Zionismus“ gesucht, nach einem „jüdischen Diaspora-Nationalismus“. Einer freischwebenden Nation, wenn man so will.

Aber eben einer jüdischen. Dem Gerede vom „Menschsein“  –  eine „abstrakte Nacktheit“ hat Arendt dieses Sein genannt  –  habe sie zutiefst misstraut, dem jüdischen Staat sei sie, die 1950 in die USA eingebürgert wurde, stets verbunden geblieben, eben weil „Menschsein“ nur gewinnen könne, wer einer politisch organisierten Gemeinschaft zugehöre.

Claude Lanzmann, Frantz Fanon

1961 kommt es in Frankreich zu einer „Neuauflage der Dreyfus-Affäre“: In Paris werden mehr als 200 Demonstranten, die gegen das französische Kolonialregime in Algerien protestieren, von der Polizei erschossen, erschlagen, ertränkt. Der dafür verantwortlich Polizeipräfekt, Maurice Papon, war zuvor verantwortlich dafür gewesen, französische Juden in die Todeslager der Deutschen zu deportieren.

Sznaider erzählt dieses vielfach vergessene Staatsverbrechen aus zwei Perspektiven nach, einmal aus der von Claude Lanzmann, „Jude, Israeli, Franzose“, der mit der Zeitzeugen-Doku „Shoah“ schockierend deutlich gemacht habe, „dass die Shoah nicht als Meta-Narrativ erzählt werden kann“. Und dann aus der Sicht von Frantz Fanon, „Franzose, Algerier, Afrikaner“, der wenige Wochen nach dem Massaker von Paris  –  und wenige Tage vor seinem Tod  –  Die Verdammten dieser Erde veröffentlicht, das Buch galt bald als Bibel der antikolonialen Bewegung, das Vorwort von Jean-Paul Sartre als legendär.

Claude Lanzmann 2011 by Donostia Kultura (CC BY-SA 2.0)

Worauf Sznaider abzielt: dass beide, Fanon wie Lanzmann, eng vertraut gewesen seien mit Sartre, aber „skeptisch gegenüber Sartres Universalismus“. Einen Universalismus, den dieser ungemein einflussreiche Intellektuelle geradewegs in die Verklärung von Terror hinein verlängert habe. Selbst das Abschlachten israelischer Sportler bei der Olympiade in München 1972 habe Sartre, wie Sznaider belegt, „verteidigt“: Wer den Terror der FLN, der algerischen „Befreiungsfront“ unterstütze, so Sartres Kommando, müsse auch den Terror von Arafats Fatah gegen Israel unterstützen.

Gegen diesen Feldherrenblick, der weltweit Truppen sortiert, hätten sowohl Fanon wie Lanzmann  –  die sich nicht nur gekannt, sondern geschätzt haben  –  auf der „Erfahrung der jüdischen oder schwarzen Singularität“ bestanden, betont Sznaider. Ihr je eigener, ihr partikularer Blick sei ihnen näher gewesen als der universale, mit dem Sartre sie in einem Topf verrührt. Was die beiden  –  „in der Tat sehr verschieden“  –  einander verbunden habe, sei gerade die Erfahrung ihres Andersseins:

„Fanon verstand sehr früh, dass der rassistische Blick von einer tiefen und vor allen Dingen sichtbaren Ungleichheit der Menschen ausgeht, die dann hierarchisiert wird. Der moderne Antisemitismus beginnt mit der angenommenen Gleichheit, die zugleich verneint und akzeptiert wird.“

Das unterscheidet die Erfahrung von Fanon und Lanzmann von Grund auf, es unterscheidet Rassismus und Antisemitismus. Und es unterscheidet beide von einem Universalismus, der alles und jeden über den Kamm eines „Menschseins“ schert.

„Luxus des Universalismus“: Albert Memmi

Zwischen allen diesen Stühlen: „Albert Memmi, Jude, Tunesier, Franzose“. 1920 in Tunis geboren, gestorben 2020 in Paris, ein nichtweißer Jude, als Araber kolonisiert, als Franzose kolonisierend, als Jude ein Atheist  –  Memmi „lebte den Existenzialismus, von dem Sartre schrieb.“

Im postkolonialen Diskurs allerdings werde sein Denken heute eher selektiv wahrgenommen, schreibt Sznaider. Memmis „Portrait du Colonisé / Porträt des Kolonisierten“ von 1957 galt einmal neben Fanons „Verdammten“ als zweiter Urtext der antikolonialen Bewegung, Memmi schreibt darin, das koloniale System mache den Kolonisierten zu einem Wesen, das „weder verantwortlich noch schuldig“ sei, „in keiner Weise ist er das Subjekt der Geschichte“.

Albert Memmi Dezember 1982 by Claude Truong-Ngoc (CC-BY-SA-4.0)

47 Jahre später zieht Memmi im „Portrait du Décolonisé“  –  das „Porträt des Dekolonisierten“ ist bis heute nicht ins Deutsche übersetzt  –  eine bittere Bilanz: In der arabisch-muslimischen Welt sei die Selbstbefreiung aus Unmündigkeit in selbstverschuldete Unmündigkeit zurückgeschlagen, emanzipatorischer Universalismus in eine regressiv interpretierte Religion.

Da ist er wieder, der jüdische Blick, der  –  bei Memmi wie Arendt  –  nach einer Rückkehr in die Geschichte sucht. Beide haben sie ihr Verständnis von Ethik und Politik „an die Partikularität gebunden“, so Sznaider, an die konkrete Verantwortung konkreter Menschen in konkreten Situationen. Memmi zeige, „dass jüdisches Denken sich den Luxus des Universalismus nicht erlauben kann“.

In der Tat, das sehr konkrete Projekt des Albert Memmi  –  ein Leben als arabischer Jude zu führen  –  war im selben Moment beendet, in dem Tunesien seine Unabhängigkeit erlangt: 1956 muss Memmi nach Paris emigrieren ins Land der universalen Ideen.

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Hier Teil (II): „Die postkoloniale Drehtür: Natan Sznaider über den jüdischen Blick von Hannah Arendt und Edward Said“

Und Teil (III): „Schade um die Documenta“

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3 Kommentare

  1. #1 | Die postkoloniale Drehtür (II): Natan Sznaider über den jüdischen Blick von Hannah Arendt und Edward Said | Ruhrbarone sagt am 18. April 2022 um 11:18 Uhr

    […] ist „der jüdische Blick Arendts“, den Sznaider hier (ebenso hier in Teil I) rehabilitiert. Und sich fragt, was eigentlich passiere, wenn ausgerechnet Arendt aus […]

  2. #2 | „Schade um die Documenta“. Die postkoloniale Drehtür (III) | Ruhrbarone sagt am 19. April 2022 um 09:10 Uhr

    […] Teil (I) “Die postkoloniale Drehtür: Natan Sznaider über eine deutsche Debatte” […]

  3. #3 | 8 Tage im Mai: Putin und BDS, Documenta und "anti-palästinensischer Rassismus" | Ruhrbarone sagt am 30. Mai 2022 um 11:15 Uhr

    […] oder papua-neuguineischen, nur deshalb hat jeder Mensch dieselben. Mit Natan Sznaider könnte man feststellen, dass der postkolonialistische Diskurs, wenn er palästinensische Menschenrechte erfindet, das […]

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