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Die Psychologie des Postfaktischen: Hintergründe zu Fake News und Co.

Eigentlich hatte ich dieses Buch als Geburtstagsgeschenk erworben: Für einen Freund. Der, via sozialen Medien, jeden Kettenbrief mit mir teilt und sich jedesmal über vermeintliche Gutscheine und vermeintliche Angebote freut. Eigentlich. Dieses Buch wird wohl, nachdem ich nur „kurz reinlesen wollte“, doch bei mir im Bücherregel seinen Platz finden: Das Buch sticht, aus den üblichen Berichten zu der Thematik hervor und geht in die Tiefe. Ohne dabei langweilig zu werden.

In diesem Buch, beim Springer-Verlag 2020 erschienen, beschäftigt sich Markus Appel, Professor für Kommunikationspsychologie und neue Medien an der Universität Würzburg, mit den Phänomenen Fake News, Lügenpresse, Clickbait und den Mechanismen dahinter. 

"Die Psychologie des Postfaktischen - über Fake News, Lügenpresse und Co."; Foto: Peter Ansmann

„Die Psychologie des Postfaktischen – über Fake News, Lügenpresse und Co.“; Foto: Peter Ansmann

Am Sonntag, Anne Will hatte zum Thema Wahl-Eklat in Thüringen geladen, konnte sich ein Gast in der Runde entspannt zurücklehnen und grinsen während die anderen Gäste (Sara Wagenknecht (Die Linke), Kevin Kühnert (SPD), Peter Altmaier (CDU), und Wolfgang Kubicki (FDP)) sich untereinander zerlegten. Ansonsten fiel Alice Weidel (AfD) während der Sendung durch verhaltensauffälliges Gegackere und Zwischenrufe (Unglaublich!) auf.

Als Kevin Kühnert (SPD) das unwürdige Verhalten von Alexander Gauland (AfD) während der Auschwitz-Gedenkrede anspricht, der entweder geschlafen oder aber eine betont desinteressierte Körperhaltung an den Tag legte, legt sich Alice Weidel richtig ins Zeug mit Kommentaren wie „Unglaublich“ und Dementis.

Typische Fake-News und Ablenkungen der AfD.

Fake News ist in aller Munde. Rechtspopulisten sprechen von Desinformation durch die Systemmedien: Und schimpfen auf die sogenannte „Lügenpresse“, einem nationalsozialistisch vorbelasteten Kampfbegriff.

Nicht erst seit  Thüringen hat man gute Gründe, sich mit dem Thema Desinformation in den (sozialen) Medien zu beschäftigen!

In 18 Kapiteln geht Markus Appel in Die Psychologie des Postfaktischen auf die psychologischen Mechanismen in den sozialen Medien ein:  Themen wie Social Bots, Manipulation durch (zweckentfremdete) Bilder, Gerüchte, Trolling, Filterblasen und Verschwörungstheorien  werden wissenschaftlich und ausführlich  behandelt. Zugegeben: Kapitel 18 (Wie lassen sich Fake News eindämmen?) ist nicht so umfangreich wie die anderen Kapitel, dafür aber sehr konkret. Es wird auf Faktenchecker (Correctiv.org, Mimikama.at) und Hilfestellungen gegeben, wie man effektiv gegen Fake News argumentieren kann.

Das Thema „Big Data“: Überaus interessant! So kann man mittels Farbwertanaylse bei (mit Filter verwendeten) Fotos Rückschlüsse über die Psyche des Profilinhabers ziehen. Ergebnis der Instagram-Studie (2017): Je düsterer die verwendeten Fotofilter, desto wahrscheinlicher ist ein User depressiv.

Wer ein Geschenk sucht für einen Menschen,  der in den sozialem Medien jeden Fake teilt: Das Buch ist prima zu lesen und deckt die Bereiche Fake-News und Desinformation in den sozialen Medien thematisch ab. Sollte man in dem Bereich eigentlich fit sein und Fake-News von Fakten trennen können: Die Psychologie des Postfaktischen geht auch ins Detail und erklärt Hintergründe.

„Desinformation heute“ wird, in Die Psychologie des Postfaktischen, im Zusammenhang mit psychologischen und historischen Faktoren – flüssig und klar – dargestellt.

Fazit: Lesenswert und informativ!

Die Psychologie des Postfaktischen
Autor: Markus Appel
Umfang: 224 Seiten
ISBN: 978-3662586945
Preis: 19.99 Euro

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13 Kommentare zu “Die Psychologie des Postfaktischen: Hintergründe zu Fake News und Co.

  • #1
    Gerd

    Ja, ja, als ob das Phänomen der Fake News eine neues wäre. Es ist so alt wie die Presse und wurde früher als Zeitungsente bezeichnet. Die alten Medien sind nur sauer, weil sie ihr früher fast totales Informationsmonopol verloren haben, weswegen wir u.a. über Köln, Freiburg und Claas Relotius Bescheid wissen.

    https://www.focus.de/finanzen/news/die-12-maerchen-der-medien-die-presse-ist-neutral_id_4138456.html

    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163740/umfrage/parteipraeferenz-von-politikjournalisten-in-deutschland/

  • #2
    Peter Ansmann Beitragsautor

    @Gerd:

    Das Phänomen ist – da bin ich einer Meinung mit Dir – nicht neu. Stichwort: Zeitungsente.
    Was aber heuer anders ist zu "früheren" Zeiten: Vor 30 Jahren gab es einige "Verteiler" – Printmedien, Radio, TV – und alle anderen waren Konsumenten. Heute ist JEDER Mensch Verteiler. Er kann sich ’nen Blog bauen oder via Twitter, Instagram, YouTube und Facebook relativ schnell ein (potenzielles) Milliardenpublikum erreichen. Was die Problematik auf eine andere Stufe stellt. Claas Relotius ist in diesem Zusammenhang auch (vielleicht) nicht das beste Beispiel für den "Imageverlust" der etablierten Medien: Der Skandal wurde ja vom SPIEGEL selbst thematisiert. Naja: Gutes Krisenhaltmanagement halt.

  • #3
    Gerd

    Dass jeder Nachrichten verbreiten kann finde ich eine äußerst positive Entwicklung. Früher gab es das Bomont, dass Pressefreiheit das Recht der 100 reichsten Menschen ist ihre Meinung(!!) zu sagen. Der Rest konnte nur konsumieren, aber Pressenten nicht korrigieren! Da das heute jeder kann, ist es m.A. viel schwerer zu desinformieren. Köln, Freiburg und Relotius sind sehr gute Beispiele dafür. Die sozialen Medien haben die Berichterstattung der privaten Medien über Köln erst in Gang gebracht und das hat dann auch den ÖRR unter Zugzwang gesetzt. Der Relotius ist von den Bürgern von Fergus Falls enttarnt worden, die von seiner Lügengeschichte nur dank des Internets erfahren haben, eine Gegendarstellung vorbereiteten und den Spiegel informierten. Und ohne dieses Blog hätte vermutlich keiner gewußt, was DGB und die antisemitische BDS Bewegung neulich in Dortmund getrieben haben und dagegen demonstriert.

  • #4
    Peter Ansmann Beitragsautor

    Jepp: 100% Zustimmung. Wobei es, bei allem Positiven, die Gefahr von Desinformation erhöht. Das mit Relotius, ich hab es damals nur am Rande verfolgt, war mir jetzt übrigens neu. Dachte SPIEGEL selbst hätte da von sich aus enttarnt. Man lernt nie aus.

  • #5
    Thomas Weigle

    #3 "Ist es heute viel schwerer zu desinformieren." Was rauchen oder werfen sie ein? Das würde ich auch mal gerne probieren.

  • #6
    Gerschmi

    Im Zeitalter des Internets / Social Media kann man zwar schnell Fake News verbreiten. Diese können aber innerhalb kürzester Zeit gegen geprüft werden. Im Vorinternetzeitalter musste man glauben, was in der Zeitung stand oder was im Fernsehen verbreitet wurde. Sehe das mit den Fake News also wesentlich entspannter!

  • #7
    Walter Stach

    Peter Ansmann,
    damit Sie nicht auf Lügengeschichten hereinfallen:

    Der Fälschungsskandal Relotius wurde aufgedeckt durch den SPIEGEL (!!) Reporter Juan Moreno und erstmals medial durch den SPIEGEL publiziert -nicht durch "Dritte", auch nicht durch Bürger von Fergus Falls (USA).

    Da Relotius in einer Reportage für den SPIEGEL angegeben hatte, persönlich in Fergus Falls recherchiert zu haben – Vorort Gespräche mit Bürgern dieser Gemeinde- hat Moreno -auf eigene Kosten- in Fergus Falls recherchiert und vor Ort festgestellt, daß Relotius , nicht nur, aber eben auch dieserhalb gelogen hatte.

    Wenn Sie dazu an weiteren Fakten interessiert sein sollten statt an Märchenerzählungen:

    "Tausend Zeilen Lügen"
    Juan Moreno
    Rowohlt -Taschenbuch ; 18 €

    PS

    1,
    DER SPIEGEL selbst hat sich nicht nur zu seinem eklatanten Fehlverhalten in Sachen Relotius bekannt und sich dafür entschuldigt , sondern dessen Ursachen aufgedeckt und alles getan, um zukünftig solche Fälschungen auszuschließen. Und das qualitativ und quantitativ in einer Weise, die es bis dahin in der "deutschen Medienwelt" noch nicht gab.

    2.
    Dem SPIEGEL-Reporter Moreno ist für seine journalistische Aufklärungsarbeit im Dez. 2019 der Titel " Journalist des Jahres" durch das " Medien Magazin" verliehen worden; erfreulich: für Moreno, für den SPIEGEL und für die Pressefreiheit in Deutschland.

  • #8
    Peter Ansmann Beitragsautor

    @Walter Stach:

    OK. Das war, nicht im Detail, mein Kenntnisstand. Wie geschrieben: Ich habe es damals nicht so aktiv verfolgt. Danke für’s Update!

  • #9
    abraxasrgb

    (Eulen)Spiegel?
    Aus dem einstigen “Sturmgeschütz der Demokratie” ist durch die Causa Relotius ein Rohrkrepierer im Schreckschusskaliber geworden.
    Die Auflage sinkt schneller und beschleunigter, als im freien Fall;-)

    Aus der Echo Kammer des juste Milieu en verde et Rouge dringen nur gefilterte Grenzdebilitäten nach draußen und da die Membran nur in einer Richtung semipermeable ist, wird die einseitige Argumentendiät immer dünner.

  • #10
    Gerd

    #4:

    Ja, es können jetzt auch viel mehr Akteure Sch… verbreiten aber es kann auch ein jeder darauf hinweisen, dass Akteure W und Z Sch… verbreiten. Und m.A. ist es das, was den alten Medien nicht passt:

    https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-02/israel-palaestina-jordantal-annektion-nahostplan

    https://www.mena-watch.com/wo-mit-der-palaestinensichen-flagge-fuer-den-verbleib-bei-israel-demonstriert-wird/

    Ja, hier wird Fake News verbreitet. Von der Zeit.

  • #11
    Berthold Grabe

    Es ist wohl unbestreitbar, das es im Internet Meinungsräume gibt, die sich selbst genug sind.
    Siewerden aber völlig überschätzt. Sie tragen relativ wenig zur Meinungsbildung bei, bestätigen ohnehin nur, was die Gruppenmitglieder schon vorher gedacht haben und nur Mangels Internet nicht öffentlich austauschen konnten.
    Das ist weder entscheidend noch bestimmend für die Politik. da reicht das unausgegorene und teilweise widersprüchliche Geschreibsel viel zu vieler inkompetente Journalisten in den traditionellen Medien völlig aus, deren persönliche Bewertungen nicht selten wie Tatsachen verkauft werden und manchmal so dumm sind, das man sie nicht mal zu Ende lesen mag.
    Ein "guter" Journalist ist heute wie Böhmermann Hauptsache er regt auf und gewinnt Aufmerksamkeit.
    Das damit meist polarisiert wird, gegensätzliche Meinungen gegeneinandergehetzt werden und Intoleranz durch Arroganz entsteht scheint ohne Belang.
    Lügenpresse ist eine zwar eingängiger aber sachlich nicht korrekter Begriff, die Lüge liegt nicht in den berichteten Fakten, sondernr darin, wie sie präsentiert werden und bewertet werden.
    Wie hieß es so schon in einem Artikel der NZZ zu Psychologie der Zustimmung, Viele Menschen machen sich unkritisch andere Meinungen zu eigen wie lsie dazu gehören wollen.
    Zu viele Journalisten unterbinden die persönliche Meinungsbildung durch Animation zur Gefolgschaft, weil sie massiv ihre Meinungen vertreten, die zu propagieren weder ihre Aufgabe ist, noch ihr Recht ist auf ihren beruflichen Pattformen, noch mehr Substanz besitzt als die eines jeden auf der Strasse .
    Daraus entstehen Meinungsbilder und Positionen, die nicht realitätsgerecht sind.
    Und Menschen die das merken und erbost sind kommen dann zu Begriffen wie "Lügenpresse"
    Was im Kern eine Wahrheit enthält, die zu Begreifen offensichtlich die Bezichtigten überfordert.

  • #12
    Berthold Grabe

    Nach dem Desaster in Thüringen lautete mindesten eine Zeitungsschlagzeile " Tausende demonstrieren in Erfurt" als protest gegen die Wahl.
    Im Artikel stand dann es waren gerade mal 2000 Demonstranten, also so gut wie nichts.
    Es gibt regelmäßig Studentenproteste mit 5-stelligen Besucherzahlen und man liest nicht eine Zeile davon in den Zeitungen oder Medien.
    auch das ist eine Form von "Fake News" Auch wenn man keine direkte Fehlinformation nachweisen kann.

  • Pingback: Das ist keine Propaganda | Ruhrbarone

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