Die Stadt Waltrop findet diese Aschehaufen auf dem Friedhof sind eine ‚würdige Bestattungsart‘

Aschestreufels in Waltrop am 20. Oktober 2016. Foto(s): Robin Patzwaldt
Das Aschestreufeld auf dem Friedhof in Waltrop am 20. Oktober 2016. Foto(s): Robin Patzwaldt

Bei manchen Themen dauert es offenbar etwas länger, bis sie mal von einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert werden. So auch im Falle der bereits vor drei Jahren von mir hier im Blog erstmals thematisierten Bestattungspraxis in Waltrop, wo man die Asche Verstorbener öffentlich für jedermann sichtbar auf Häuflein ausschüttet und den Toten somit wohl ein etwas unwürdiges, zumindest aber wohl sehr diskutables Ende bereitet.

Diese Praxis, die hier in Waltrop wie gesagt schon seit Jahren gepflegt wird, hat nun, zehn Tage nachdem ich das Thema hier im Blog am 10. Oktober noch einmal frisch aufgebracht hatte, und wenige Tage nachdem auch die Kollegen David Schraven und Martin Kaysh dies in ihrem Podcast ‚Wir und heute‘ das Thema noch einmal ganz emotional diskutiert haben, heute dann auch die Lokalpresse in Waltrop erreicht.

In einem recht ausführlichen Beitrag in der Printausgabe der Waltroper Zeitung verteidigt die Stadtverwaltung, mit CDU-Bürgermeisterin Nicole Moenikes an der Spitze, die seit Jahren so gepflegte Praxis, befindet das derzeitige Vorgehen dort kurz zusammengefast tatsächlich so als ‚eine würdige Bestattungsart‘.

dsc07955-600x450Nun, über die Tatsache, dass die Stadt Waltrop dem Kollegen Martin Kaysh dazu jüngst ja leider gar nicht auf seine Anfrage dazu antworten mochte, wie er im Podcast bemerkte, der örtlichen Lokalzeitung nun aber offensichtlich sehr wohl zu dem Thema Rede und Antwort stand, wollen wir hier mal schmunzelnd hinwegsehen. Denn viel ärgerlicher sind an der Darstellung in der Lokalzeitung nämlich die darin geworfenen ‚Nebelkerzen‘ im Kern der Sache.

Markus Weßling, der zuständige Waltroper Lokalredakteur des Medienhauses Bauer, schreibt dazu in seinem Text heute wörtlich: „Die Stadt wehrt sich entschieden gegen den Eindruck, es handele sich um eine unästhetische und eigentlich nicht vorgesehene Bestattungsart und erklärt, was es damit auf sich hat. … Bürgermeisterin Nicole Moenikes und Katrin Borowiak von der Friedhofsverwaltung ärgern sich über den Beitrag. Sie stellen klar: Es gibt in Waltrop seit einigen Jahren die Grab-Art „Aschenstreufeld“. Dabei wird Asche auf einem festgelegten Teil des Friedhofs durch Verstreuen beigesetzt. „Das geht nur, wenn der Verstorbene das vor seinem Tod schriftlich bestimmt hat“, sagt die Bürgermeisterin. Der Urnen-Inhalt werde in der Regel gleichmäßig auf der Fläche verteilt oder gezielt am Wurzelhals eines Baumes ausgestreut. … Die Bürgermeisterin und die Friedhofs-Fachfrau machen deutlich, dass die Ausstreuung der Asche eine erlaubte Bestattungsart sei. Bei der Verbrennung der Leiche habe zuvor der Ofen eine Temperatur von etwa 900 Grad. Dass menschliche Überreste auf dem Streufeld aufzufinden sind, sei „absolut ausgeschlossen“. Allenfalls könnten Edelmetalle zurückbleiben, die noch im Krematorium aus der Asche entfernt würden. Aus guten Gründen, nämlich wegen der Pietät, habe man das Streufeld im Übrigen eben nicht entlang der üblichen Wege, sondern etwas abseits angelegt. Kurzum: Es handle sich um eine würdige Bestattungsart. Falsch sei im Übrigen auch die Behauptung, die Asche lande im Fangkorb eines Rasenmähers, sagt die Bürgermeisterin. Ein Fangkorb werde in diesem Teil des Friedhofs nicht eingesetzt.“

dsc07962-600x450Nun gut, offenbar haben die Stadt- bzw Friedhofsverwaltung und ich bzw. wir da dann doch eine etwas andere Auffassung von einer würdevollen Bestattung.

Und auf die entscheidenden Kritikpunkte meiner Beiträge geht man auch gegenüber der Lokalzeitung leider weiterhin gar nicht ein.

‚Gleichmäßig verstreuen‘ stelle ich mir ebenfalls irgendwie anders vor als einen teilweise tatsächlich zentimeterdicken Aschehaufen zu bilden, der zudem sehr leicht von jedermann dort entfernt werden kann. Ob mit oder gegen den Wunsch des Toten.

Verboten ist es zudem, wie auch die Waltroper Zeitung am Rande des Beitrags der Printausgabe betont. Dass die Stadt Waltrop hier faktisch eine indirekte Einladung an Verwandte und Passanten ausspricht sich doch an der Asche zu bedienen, ohner dies zumindest unnötig leicht ermöglicht, das scheint sie auch irgendwie noch immer nicht zu bemerken.

Ich möchte ehrlich gesagt lieber gar nicht genau wissen von wie vielen der hier ‚Verstreuten‘ im Laufe der Jahre zumindest Teile der Asche so schon klammheimlich den Weg in irgendwelche Einmachgläser o.ä. gefunden hat. Die diversen Kratzspuren an den einzelnen Stellen und Aschehaufen lassen jedenfalls schlimmes vermuten…

dsc07961-600x450Zudem ist es doch auch Haarspalterei ob an der betroffenen Stelle nun tatsächlich ein Fangkorb eingesetzt wird beim Rasenmäher.  Das eigentliche Problem dahinter ist hier doch schließlich nicht der Fangkorb, sondern vielmehr die Tatsache, dass Rasenmäher regelmäßig über die entsprechenden Aschehaufen fahren, dabei die Asche-Ansammlungen so fast zwangsläufig verändern und ‚verwirbeln‘. Ist das so tatsächlich ein friedliches Ende für die betroffenen Menschen, ein würdevoller Umgang mit Verstorbenen, wie die stadt Waltrop offenbar findet? Möchte man wirklich eines Tages mal so enden?

Ich finde das so jedenfalls mehr als makaber und total unwürdig.

Und was passiert denn mit dem Grünschnitt und der darin enthaltenen Asche? Selbst wenn es an dieser Stelle, im Gegensatz zur sonstigen Praxis, dort inzwischen tatsächlich keine Fangkörbe an den Rasenmähern mehr geben sollte? Wohin wandern der Grünschnitt und die darin eingelagerte Asche von diesem Streufeld denn am Ende?

Entfernt wird der dort gekappte Rasen, samt der darin wohl zwangsläufig enthaltenen Aschekörner, doch ganz offensichtlich nach wie vor irgendwie, wie ein aktueller Blick auf das so genutzte Areal zeigt. Denn größere Mengen an Heu sind dort schließlich nicht zu sehen.

Bemerkenswert aus meiner Sicht in dem Artikel übrigens auch die von der Friedhofverwaltung mitgelieferte Definition von menschlichen Überresten. Denn auch wenn man es hier mit auf über 900 Grad erhitzen ehemaligen Menschen zu tun hat, es sich technisch bzw. chemisch ‚nur‘ um Asche handeln mag, finde ich einen solchen Umgang mit dieser tatsächlich unwürdig, egal wie man das seitens der Friedhofsverwaltung in Waltrop im Detail auch für sich definieren mag.

dsc07964-600x450Und nach allem was ich bisher zu dem Thema höre wird der Betrieb der Aschestreufelder in den Nachbarstädten auch anders gehandhabt. Deutlich sichtbare Aschehaufen, wie hier in Waltrop seit Jahren üblich, sind dort im Regelfall nämlich so nicht zu finden. Sicherlich auch aus gutem Grunde.

Und entgegen aller Bagatellisierungsversuche vom Tage scheint übrigens auch irgendjemand hier am Ort zuletzt  durchaus schon Anstoß an der Sache genommen zu haben.

Bei einem neuerlichen Besuch dort fand ich dort heute nämlich bereits deutlich weniger Asche vor als noch zuletzt, vor allem eben auch auf den freien Flächen. Gerade dies stellte sich bei den letzten Besuchen dort, auch am 09. Oktober übrigens, eben noch ganz anders dar (siehe Fotos in den beiden hier auch verlinkten, älteren Texten zum Thema).

Zudem wurden auch die zuletzt auf freien Flächen für jedermann sofort sichtbar abgestellten Kerzen und die häufig direkt neben den diversen Aschehaufen niedergelegten Rosen inzwischen auffälliger Weise komplett entfernt.

Heute Vormittag konnte man einzelne Kerzen und persönliche Gedenkstücke (Keramikengel usw.) dort tatsächlich nur noch in der unmittelbaren Nähe von größeren Bäumen und an den dort zur ‚Zierde‘ platzierten alten Grabsteine finden. Auch das war zuletzt  über längere Zeit hinweg eben noch anders.

Alles nur ein Zufall?

Foto vom 09. Oktober 2016.
Foto vom 09. Oktober 2016.

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23 Kommentare

  1. #1 | Marko Siebenpfeiffer sagt am 20. Oktober 2016 um 13:10 Uhr

    hm….

    kann man so machen, muss man aber nicht. Das gilt sowohl für das Verstreuen der Asche, als auch das Schreiben dieses Artikels von Robin Patzwaldt.

    Was ästhetisch und angebracht ist empfindet nun mal jeder anders. Das Wissen, dass da ehemalige Menschen verteilt werden ist sicher gewöhnüngsbedüftig. Auf der anderen Seite: warum nicht so? Wenn es der Wunsch der Verstorbenen war, auf diese Art und Weise den Überresten ihres Körpers genau so zu behandeln. Immer hin liegen sie da nicht selbst.

    Als Atheist sage ich, dass eh nichts mehr bleibt. Aber auch ein gläubiger Mensch kann dies durchaus als okay empfinden. Er sagt dann halt, dass mit dem Tod sich die Seele vom Körper gelöst hat. Und der Körper wird eh "nur" als eine Hülle für den wirklichen Menschen gesehen.

    Was da liegt ist also "nur" der Rest des Menschen. Im Grunde *sorry* nichts anderes als jeder andere Verbrennungsrest auch.

    Wohin also sonst streuen, wenn nicht an einem entlegenem Teil des Friedhofs? Und wenn Angehörige trotzdem einen Teil davon holen- naja das würden sie auch überall anders machen.

  2. #2 | J. Stiels sagt am 20. Oktober 2016 um 13:27 Uhr

    Sind in Ihren Augen denn auch Seebestattungen unethisch? Schließlich werden die sterblichen Überreste vom Ökosystem aufgenommen und verteilt.

    Die Bestattungsart des Aschefeldes finde ich persönlich eine ganz Gute. Es ist anonym, relativ günstig und ich möchte meine Bestattung lieber mit dem Gedanken "Gone by the Wind" assoziieren als mit dunklen,modrigen Löchern.

    Asche ist chemisch rein und verpestet nix und dem Verstorbenen ist es vermutlich egal, ob seine Asche als Häufchen zusammenbleibt oder sich verteilt.

    Nochmals: Die Entscheidung sich auf einem Aschefeld bestatten zu lassen muss vor dem Tod getroffen werden. Die Angehörigen können das, soweit ich informiert bin, nicht nach dem ableben einer Person entscheiden.

  3. #3 | Robin Patzwaldt sagt am 20. Oktober 2016 um 13:42 Uhr

    Na ja, 'gleichmäßig verstreuen' ist offenbar eben doch nicht immer gleich 'gleichmäßig verstreuen', wie man hier an diesem Beispiel ja sehr plastisch sieht. 😉 Offenbar hat da jeder eine andere Vorstellung von. Und wohl auch von 'würdevoll', wie mir scheint….

  4. #4 | Walter Stach sagt am 20. Oktober 2016 um 13:54 Uhr

    Robin,
    wie Du in den drei letzten Absätzen Deines Kommentars berichtest, hat Deine kritische Kommentierung vor einigen Tagen hier im Blogg offenkundig 'was bewirkt, und zwar im Sinne dessen, was vermutlich dem Wunsch eine sehr großen Mehrheit der Bürger in Waltrop vom Zustand eines "der Würde der Toten" gerecht werdenden Friedhofes entspricht.

    Aber gänzlich ausschließen lassen sich Zustände/Geschehnisse auf dem Friedhof nicht, die (ver-) störend wirken können, nicht auf alle Menschen, aber z.B. auf mich, ua. dann, wenn
    der Friedhofsbesucher seinen Hund an den frisch gepflanzten Grabblumen urinieren läßt, wenn regelmäßig Grabschmuck geklaut wird, wenn während einer Bestattungszeremonie an einem Grab sich in dessen unmittelbarer Nachbarschaft lautstark Friedhofsbesucher über die Geschehnisse während eines Fußballspieles streiten u.ä. mehr.
    Mir scheint, Fehlverhalten dieser und ähnlicher Art, die ich jedenfalls als solche empfinde, haben zutun mit allgemein zu registrierender wachsender Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen, gegenüber Ritualen anderer Menschen, gegenüber den Vorstellungen anderer Menschen von der "Würde der Toten".
    Ich registriere das so wie es ist, weil ich es nicht ändern kann.

    Ansonsten sollte das bedacht werden, was Marko Siebenpfeifer -1- schreibt, d.h., daß letztendlich jeder respektieren sollte, was der jeweils Andere im Hinblick auf den Leichnam ihm Nahestehender
    für "angebracht" hält: – Sargbestattung, Trauerfeier , wo und wie auch immer, kleines Grab oder Gruft, Feuerbestattung und Urnenbeisetzung, Verstreuen der Asche wo und wie auch immer.
    Alles das kann in Würde -dem Verstorbenen gegenüber- geschehen und ist von Dritten zu respektieren.

    Selbstverständlich erscheint mir, daß die Kultur, daß der Kult, daß das Ritual des Umganges einer Gesellschaft mit den Verstorbenen es wert sind, vor allem dann, wenn sich ein sichtbarer Wandel vollzieht, von jedermann bedacht und öffentlich diskutiert zu werden und daß sie
    einer näheren Betrachtung, Würdigung, Wertung durch die "einschlägige Wissenschaft" bedürfen.

  5. #5 | Arnold Voss sagt am 20. Oktober 2016 um 14:45 Uhr

    Das mit der Asche kann auch schief gehen, wie die folgende Szene aus "The Big Lebowski" überzeugend zeigt:

  6. #6 | Robin Patzwaldt sagt am 20. Oktober 2016 um 14:58 Uhr

    Genau, Arnold.

    Und um genau so etwas wie hier zu vermeiden, sollte das hierzulande ja eigentlich auch gar nicht möglich sein:

    https://www.youtube.com/watch?v=XVXeluqgJ2k

    Wobei ich persönlich grundsätzlich gar nichts dagegen hätte, wenn man den Friedhofszwang in NRW insgesamt lockern würde, so wie auch teilweise im Ausland aktuell schon geschehen. Warum soll man die Asche eines Verstorbenen nicht im eigenen Garten o.ä. ausbringen (lassen) dürfen. Nur irgendeinen Blödsinn sollte man, gerade auch völlig unbeteiligten Passanten oder irgendwelchen dahergelaufenen 'Spinnern', eben nicht so leicht ermöglichen wie das hier so aktuell offensichtlich noch der Fall ist. Dann wäre in der Sache doch schon viel erreicht. Nur genau das ist hier eben so nicht der Fall. Hier kann jeder mit der Asche der Toten quasi unkontrolliert machen was er will. Und ob das im Sinne der Verstorbenen ist möchte ich bezweifeln, auch wenn sie grundsätzlich eine Verstreuung nach der Einäscherung akzeptiert haben. Aber ob sie sich das dann so vorgestellt hatten? Wohl kaum!

  7. #7 | Klaus Lohmann sagt am 20. Oktober 2016 um 16:32 Uhr

    @Robin:
    "Warum soll man die Asche eines Verstorbenen nicht im eigenen Garten o.ä. ausbringen (lassen) dürfen"

    Weil dann Keiner mehr zum Grillen kommt – es sei denn, Du verschweigst das Verstreuen, aber dann haben wir den umgekehrten Fall der gesetzlich erlaubten Ausstreuung in einigen Bundesländern wie eben auch NRW.

    Wenn diese Bestattungsform gesetzlich erlaubt ist (was sie ja nachweislich ist), dann *kann* sich der Testaments-Erlasser diese aussuchen. Punkt. Und dass Jemand dabei wirklich glaubt, seine Asche würde auf einer zoo-artig abgesperrten, wind- und wettergeschützten sowie dauerpflege-freien Fläche maschinell gleichmäßig verstreut werden, halte ich für ein Märchen. Dann könnte man sich ja gleich in die "sichere" Urne begeben, was im Normalfall auf städtischen Friedhöfen nicht teurer wäre.

  8. #8 | Robin Patzwaldt sagt am 20. Oktober 2016 um 16:38 Uhr

    Interessant finde ich daran ja auch den Aspekt, Klaus, dass man in unserer Lokalzeitung heute am Rande des Themas ganz deutlich betont, dass es sich hierbei ja um die preisgünstigste Variante aller am Ort denkbaren Bestattungen handelt. Offenbar wird der Kostenfaktor dabei für viele Zeitgenossen eben auch ein immer größerer Aspekt, was man ja auch an der stark rückläufigen Zahl von Familiengruften o.ä. sieht. Und das hier ist dann wohl das Ergebnis…

  9. #9 | jovan sagt am 20. Oktober 2016 um 17:10 Uhr

    mindestlohn von nicht mal 9€ brutto is ok, der umgang mit verbrennungsrückständen hingegen ruft die menschenwürde-krakeeler auf den plan.
    tolle welt.

    die verbrennung ist bereits die bestattung. alles danach bloß noch entsorgung.
    und überhaupt: was geht deutschland das an?

  10. #10 | Klaus Lohmann sagt am 20. Oktober 2016 um 17:40 Uhr

    @#8 Robin: In Dortmund spart man evt. 30 Euro auf 20 Jahre Grabnutzung, wenn man verstreut statt in der Urne beisetzt (https://www.dortmund.de/media/p/friedhoefe_1/friedhoefe/Gebuehrensatzung_2014.pdf). Das kann also nicht so das schlagende Argument sein.

  11. #11 | Walter Stach sagt am 20. Oktober 2016 um 18:04 Uhr

    Robin,
    wenn ich meine abschließend unter -4- dargelegten Überlegungen zum Umgang einer Gesellschaft mit ihren Toten -Kultur, Kult ,Rituale – verknüpfe mit Deinem Hinweis auf "die zunehmende Bevorzugung der preisgünstigsten Variante" im Umgang mit dem Körper eines Verstorbenen , dann könnte das der Stoff sein für ein weiteres gesellschaftskritisches Nachdenken.

    Noch einige weitere Bemerkungen zum Thema:
    1.
    Mir hat vor einiger Zeit eine "überzeugte, bekennende" kath. Christin davon erzählt wie die Asche ihres verstorbenen Lebenspartners auf dessen Wunsch hin auf "hoher See" von einem extra dafür gechartertem Schiff ausgestreut worden ist. Es war, so konnte ich ihrer Erzählung entnehmen, eine für sie und für alle anderen anwesenden Freude und Bekannte eine in Gänze würdige, besinnliche, erinnerungwerte, feierliche Verabschiedung von dem Verstorbenen.

    2.
    Der Staat, die Stadt, ggfls. die betr. Kirchengemeinde/Religionsgemeinschaft können Regeln aufstellen über den "angemessenen Umgang" mit der Leiche eines Verstorbenen bis hin zu dessen Bestattung/Beisetzung. Wie innerhalb dieser Regeln die Angehörigen, die Freunde und die Bekannten mit dem Leichnam des Verstorbenen umgehen, hängt letztendlich davon ab, ob es in ihrem Verständnis "die Würde des Verstorbenen und die eines jeden toten Menschen" gibt und wie ggfls. dementsprechend mit der Leiche des Verstorbenen umzugehen ist. Das gilt gleichermaßen auch für das Verhalten der Menschen auf den sog. Friedhöfen.
    Es mangelt nicht an solchen Regeln, die durchweg nicht in Widerspruch stehen zum einschlägigen Willen der Mehrheitsgesellschaft, auch bezogen auf deren Toleranz gegenüber unterschiedlichen Bestattungs-/Beisetzungsritualen. Es mangelt -m.E.- zunehmend an der Fähigkeit der Menschen, die Erinnerung an den nahestehenden Verstorbenen aufrecht zu erhalten bzw. bewußt aufrecht erhalten zu wollen und folglich mangelt es daran, sich demgemäß, dem gerecht werdend zu verhalten. Wenn ich das für mich so wahrnehme und so einschätze, heißt das nicht, daß ich diese Menschen ob ihres Tuns/Nichtstuns kritisiere, denn es ist es letztendlich jedermanns ureigenste Entscheidung, wie er mit dem Tod eines nahen Angehörigen umgeht und in dessen Folge mit dem Leichnam des Verstorbenen und wie er sich ganz generell auf einem Friedhof verhält.
    Wenn der Verstorbene vorab verfügt hat, wie er bestattet, beerdigt, beigesetzt werden möchte -im Rahmen der Regeln von Staat und Stadt-, dann schränkt das diesbezüglich zwar die Entscheidungsmacht der Hinterbliebenen ein, nicht aber deren Raum für einen würdigen Vollzug dessen, was der Verstorbene verfügt hat und für ein den Verstorbenen würdigendes Gedenken/Andenken.

    3.
    Robin,
    ergänzend zu meiner o.a. enleitenden Bemerkung:
    Da Du die "Kostenfrage" aufgeworfen hast -Sargbestattung oder Urnenbestattung; Ausstreuen der Asche statt Beisetzung der Urne auf einem sog. Urnenfeld, Einzelgrab oder sog. Gruft, oder……-
    bleibt mir ja nichts anderes übrig als anzumerken, daß selbst im Umgang mit dem Leichnam Verstorbener nach meiner Wahrnehmung immer öfter das Diktat des Geldes gilt, bei einigen, weil es de facto am notwendigen Geld z.B. für eine an sich gewünschte Sargbestattung fehlt, bei anderen, weil z.B. der Erwerb des neuen Zweitwagens prioritäre Bedeutung hat gegenüber einer kostspieligen Sargbestattung in einem Einzelgrab oder in einer sog. Gruft. Wenn das so sein sollte, könnte man darüber nachdenken und diskutieren, was mir aber ehe nicht zeitgemäß bzw. mehrheitsgesellschaftlich nicht erwünscht zu sein scheint.
    4.
    Robin,
    mir fällt so eben auf, daß Du Deinen Kommentar zeitlich hervorragend platziert hast -bewußt/unbewuß?- , nämlich kurz vor Beginn des Monates November, der -sh. u.a. Allerheiligen, Allerseelen-ja in besonderem Maße im sog. christlichen Abendland der Monat des Totengedenkens ist. Deshalb "passen" ja auch alle o.a. Beiträge bestens " in die Zeit".

  12. #12 | Robin Patzwaldt sagt am 20. Oktober 2016 um 18:11 Uhr

    @Walter: Die Nähe zum 1. November ist mir im Nachhinein auch aufgefallen, Walter. Das war jedoch, wenn ich ehrlich bin, in diesem Falle ein reiner Zufall. Dass ich dieses Thema überhaupt nach 2013 hier im Blog noch einmal aufgenommen habe, das war vielmehr einigen Ruhrbarone-Kollegen geschuldet, die bei Facebook auf ein aktuelles Foto von mir von diesen Zuständen auf dem Waltroper Friedhof aufmerksam wurden, und mich dann ermunterten das Thema doch noch einmal in einem Artikel zu behandeln. Das tat ich dann am 10. Oktober auch. Der Termin war aber, wie beschrieben, eher ein Zufall, weil ich mich am Sonntag, den 9. Oktober, auf meinem üblichen Sonntagsspaziergang über das dort Gesehene dermaßen geärgert hatte. 😉

  13. #13 | Klaus Lohmann sagt am 20. Oktober 2016 um 18:46 Uhr

    Zum Thema Friedhofsgebühren und kommunale Kostentransparenz auf dem Bestattungssektor fallen mir – als regelmäßiger "Friedhofsgänger" – spontan noch ganz andere Aspekte ein – warum z.B. erlebe ich dort z.Zt. und in den letzten Jahren grade im Herbst die sog. Friedhofsruhe eher als Großbaustellen-Verkehr und -Lärm ala Stuttgart21 mit extensivem Maschineneinsatz von Fremdfirmen, kombiniert nur noch mit 1-Euro-Jobbern und Benzinbläsern zum Schön-Blattfrei-Blasen von Rasen und Wegen, während die Gebühren jährlich in die Höhe schnellen??? Das nur als Ergänzung zum berechtigten Kommentar #9…

  14. #14 | Moritz Flesch sagt am 20. Oktober 2016 um 19:04 Uhr

    Mich kann man gerne so verstreuen, natürlich erst nach meinem Tod. Inwiefern das jetzt mehr oder weniger würdevoll ist, als das vergammeln in einer Holzkiste, bleibt für mich unklar. Insgesamt kein Skandal.

  15. #15 | Walter Stach sagt am 20. Oktober 2016 um 19:41 Uhr

    Moritz Flesch,

    ich habe aus dem Kommentar von Robin Patzwald und aus den folgenden Beiträgen nicht entnommen, daß jemand den Akt des Verstreuen der Asche eines Verstorbenen als solchen mißbilligt.

    Ob man sich vor seinem Tode Gedanken darüber macht, welche Art der Bestattung des eigenen Leichnams wünschenswert wäre oder ob man sich nicht diese Gedanken macht und "das Weitere" seinen Angehörigen überläßt, erscheint mir ebenfalls nicht Gegenstand irgend welcher kritischer Erwägungen in den o.a. Beiträgen gewesen zu sein. Das ist -selbstverständlich- jedermanns ureigenste private Angelegenheit.

    Und ob man sich darüber Gedanken macht, inwieweit die Idee von der Würde eines jeden Menschen wirksam bleibt über den Tod eines Menschen hinaus -moralisch, nicht juristisch-, bleibt ebenfalls jedermann freigestellt. Daß über das diesbezügliche Ob und Wie in Vergangenheit und Gegenwart philosophiert wurde und philosophiert wird, ist ebenso selbstverständlich und ebenso selbstverständlich ist, daß das nicht im Sinne von "richtig oder falsch" geschehen kann.

    Im übrigen:
    Zustimmung, wenn Sie meinen sollten, daß für den Verstorben keinerlei Probleme existent sind, auch nicht bezüglich des Umganges mit seinem Leichnam -eine an sich triviale Einsicht und eine "irgendwie" für die Lebenden auch beruhigende.

    Ich habe mich jedoch wie jedermann als noch Lebender mit diesem Problem dann gzu befassen, wenn es um den Leichnam Verstorbener geht, vor allem aus dem familiären Umfeld.
    Und meine Angehörigen werden sich mit dem Problem befassen, wenn es um meinen Leichnam geht. Und wenn ich mich in meine Angehörigen angesichts meines Todes zu versetzen versuche, , frage ich mich dann und wann, was denn ihren Vorstellungen vom Umgang mit meinem Leichnam am ehesten entsprechen könnte und was ich folglich in der Verfügung meines "letzten Willens" zu beachten habe; und dann komme ich nicht darum herum, mir Gedanken darüber zu machen, was denn für sie -nicht für mich-"eine würdevolle Bestattung/Beerdigung" wäre; und darüber ist dann rechtzeitig miteinander zu sprechen -nicht meinetwegen!-.

  16. #16 | Klaus Lohmann sagt am 20. Oktober 2016 um 20:04 Uhr

    @#15 Walter Stach: "Das ist -selbstverständlich- jedermanns ureigenste private Angelegenheit."

    Im Falle des Ascheverstreuens wird lt. BestattungsGesetz NRW explizit verlangt, dass die verstorbene Person dies ausdrücklich und klar bestimmt hat. Angehörige können nicht allein darüber entscheiden.

    BestG NRW §15 Feuerbestattung (6) "Die Asche darf auf einem vom Friedhofsträger festgelegten Bereich des Friedhofs verstreut oder ohne Behältnis vergraben werden, wenn dies schriftlich bestimmt ist."

  17. #17 | Walter Stach sagt am 20. Oktober 2016 um 22:40 Uhr

    Klaus Lohmann,
    eigenverantwortlich heißt für mich -selbstverständlich- eigenverantwortlich im Rahmen der für jedermann verbindlichen staatlichen/kommunalen Regeln ; darauf habe ich doch ua.unter -11-Ziffer 2. ausdrücklich hingewiesen.

    Mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortlichkeit habe ich klar zu machen versucht, daß diese Entscheidung (pirvaten) Dritten nicht zugänglich sein kann, nicht zugänglich sein darf und nicht von Dritten für sich zu "reklamieren" ist..

    Also :
    Wenn ich in "meiner ureigensten privaten Sache" das Verstreuen meiner Asche verfüge würde, dann läßt mir das Gesetz diese Entscheidungs-Freiheit , und diese meine ureigene, alleinige Entscheidung legitimiert meine Angehörigen…..

    Klaus Lohmann,
    ich denke, wir sind und diesbezüglich einig.

  18. #18 | Klaus Lohmann sagt am 25. Oktober 2016 um 17:30 Uhr

    @Robin: Jetzt schaltet sich höchstkatholisch auch P.M. Franze ein: http://www.spiegel.de/panorama/vatikan-asche-verstorbener-muss-beigesetzt-werden-a-1118199.html 😉

    "Die Asche katholischer Verstorbener darf nicht verstreut oder aufgehoben werden. "

  19. #19 | Helmut Junge sagt am 25. Oktober 2016 um 18:29 Uhr

    @Klaus Lohmann, Früher durften Katholiken nicht mal eingeäschert werden. Heute ist das kein Problem mehr.

  20. #20 | Manche Dinge ändern sich scheinbar nie: Immer noch würdelose Bestattungen in Waltrop! | Ruhrbarone sagt am 31. März 2019 um 20:34 Uhr

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  22. #22 | Der Waltroper Bestatter Sascha Müller bedankt sich bei Corona-Leugnern! | Ruhrbarone sagt am 29. Oktober 2020 um 15:11 Uhr

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  23. #23 | Verena sagt am 8. Mai 2022 um 20:00 Uhr

    Letztlich muss jeder für sich selbst die Frage beantworten, ob eine bestimmte Bestattungsart würdig ist oder nicht. Ich persönlich finde es eher schade und etwas traurig, die Asche eines Verstorbenen einfach nur auf den Boden zu streuen. Eher kann ich nachvollziehen, dass es Personen gibt, die sich wünschen, dass ihre Asche eines Tages in einen schönen See oder ins Meer gestreut wird.

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