(Durch das) Objektiv betrachtet

Neal Slavin, Capitol Wrestling Corporation, Washington, D.C., 1972–75, Chromogener Farbabzug, Kunstpalast, Düsseldorf, © Neal Slavin

Ob auf Papier oder in digitaler Form – seit der Erfindung der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert lassen sich Szenen und Orte dauerhaft festhalten. Aber bilden sie wirklich die Realität ab und gibt es eine verborgene Ebene hinter dem Bild?

„Community“, unter diesem Leitmotiv steht die aktuelle Fotoausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast, die am 11. Februar 2026 eröffnet wurde. Dieser Ansatz eröffnet einen sehr interessanten Blick nicht nur auf die Motivwahl des Fotografen, sondern nähert sich dem Begriff der Gemeinschaft auf unterschiedlichen Ebenen. Wie kann Gemeinschaft sichtbar gemacht werden? Was verbirgt sich überhaupt hinter diesem Ausdruck? Wer bestimmt, wer dazugehört und wer nicht?

In neun Themenkomplexen widmet sich die Ausstellung diesen und noch weiteren Fragen, die man sich unweigerlich stellt, je intensiver man sich mit diesem Ansatz der „Community“ beschäftigt. Menschen sind soziale Wesen, sie werden in Gemeinschaften hineingeboren, sie sind Mitglieder anderer Gruppen, wie Dorfgemeinschaften, Vereinen, Religionsgemeinschaften, Nationen usw.

Das Individuum verschwindet in der Gemeinschaft

Was so trivial klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen jedoch als zentrale Frage. Wie kann „Community“ sichtbar gemacht werden? „Gemeinschaft“ ist nicht greifbar, sie ist eine Idee, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches auf gemeinsamen Werten gründet und ihren Ausdruck in gemeinsamen Fotos findet.

„Die Idee der Gemeinschaft konkretisiert sich in der fotografischen Aufnahme“, so die Kuratorin Linda Conze („Fotografie und Gemeinschaft“, S. 7). Zusammengehörigkeit wird auf unterschiedliche Weise demonstriert, sei es im spontanen Selfie, in arrangierten Gruppenfotos von Familienfeiern, Sportmannschaften, politischen Parteien oder freien Fotos von zufälligen Gemeinschaften wie Zuschauer beim Fußballspiel.

Gleichgültig, ob freie oder arrangierte Gruppenaufnahme – es stellt sich die Frage, wie Gemeinsamkeiten sichtbar gemacht werden. So kann der Besucher in einem der Ausstellungsräume einen Bilderzyklus zum Wandel einer Gemeinschaft erleben. Ludwig Schirmer, Müllermeister in dem kleinen thüringischen Ort Berka und leidenschaftlicher Freizeitfotograf, hielt mit der Kamera Szenen des dörflichen Alltags und seiner Einwohner fest. Sein Schwiegersohn, Werner Mahler, suchte sich, ohne diese Bilder zu kennen, Berka als Sujet für den Abschluss seines Fotostudiums aus. Er reiste 1998, im Auftrag des „Stern“ noch einmal für eine weitere Fotoserie nach Berka  (Anmerkung: Diese Fotos wurden vom „Stern“ nicht veröffentlicht). Als Ludwig Schirmer drei Jahre später starb, fand seine Tochter Ute Mahler, selbst Fotografin, in seinem Nachlass die Negative zu den Aufnahmen ihres Vaters und kehrte zwanzig Jahre später für ihre eigene Fotoserie nach Berka zurück. Die Aufnahmen aus den Jahren 2021 / 2022 vollenden ein gut siebzig Jahre umfassendes fotografisches Portrait Berkas und dokumentieren eindrücklich, was Gemeinschaft damals und heute für diesen Ort bedeutete.

Einbeziehen oder ausgrenzen?

Wer gehört dazu? Betrachtet man Gruppenbilder, scheint es eindeutig: Alle abgebildeten Personen. Aber was ist mit den Menschen, die nicht zu sehen sind, weil sie vielleicht zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht da waren? Oder nachträglich – digital oder per Schere – entfernt worden sind? „Communitiy“ wird hier als Prozess gedacht, flexibel, dem Moment geschuldet. Bildbearbeitung und Retusche gab es auch im vordigitalen fotografischen Zeitalter, heute sind nur die Methoden andere.

Wie das Thema des Dazugehörens mit Hilfe digitaler Bildbearbeitung kreativ umgesetzt wurde, zeigen die Arbeiten des senegalesischen Künstlers Omar Victor Diop.

„Being There“ / Omar Victor Diop & Lee Shulman / Pigmentdruck / 2023 / 30 x 43 cm

Für die Serie „Being There“ (2024) benutzte er Fotos aus den 1950er und 1960er Jahren, die Menschen aus der US-amerikanischen Mittelschicht zeigen. In diese Motive mit ausschließlich weißen Personen montierte er sich selbst in die Bildszenen hinein. Die dadurch erzeugte „Realität“, nämlich eine Person mit dunkler Hautfarbe inmitten einer Gruppe von weißen US-Amerikanern zur Zeit der Segregation greift das Thema der Zugehörigkeit deutlich sichtbar auf.

Behind the scenes

Der Moment des Auslösens schafft zwar das Gruppenbild, es ist jedoch das Endprodukt eines Prozesses. Diese verborgene Ebene hinter dem Bild bleibt dem Betrachter unzugänglich, ist aber ein wesentliches Element der Entstehungsgeschichte eines Fotos. Wer steht wo, vorne, in der Mitte oder am Rand? Hier bilden sich Rollen und Hierarchien ab, wobei natürlich auch entscheidend ist, ob es sich um miteinander vertraute oder einander fremde Menschen handelt, die gemeinsam posieren.

Diesen Prozess der Produktion eines Gruppenbildes hat Juliane Herrmann als eigenständiges Motiv festgehalten. Ohne deren Wissen filmte sie die Personen, während sie sich für ein Gruppenfoto aufstellten, so dass der Betrachter den gesamten Ablauf bis hin zum fertigen Foto erkennen kann. Hier sind es Mitglieder eines Schwimmvereins, die sich für ein Gruppenfoto am Beckenrand positionieren. Man fühlt sich fast hineingezogen in die großformatige Szene, die als Blickfang bereits den ersten Raum dominiert und fragt sich, welchen Kriterien die Aufstellung für das fertige Bild folgte. Die Jungs stehen hinten, die Mädchen sitzen (fast) alle mit übereinandergeschlagenen Beinen in der vorderen Reihe. Ist das Zufall, ist das Absicht? Welche Aussage soll dem Betrachter vermittelt werden?

Diese Fragen würden sich die Ausstellungsbesucher vermutlich nicht stellen, wenn nicht der Begriff „Community“ der zentrale Bezugspunkt wäre. Der Blick auf die gezeigten Fotos umfasst hier gleichzeitig soziologische Aspekte, die in die Entstehungsprozesse der Bilder einfließen. Sie sind Hilfestellung und Herausforderung zugleich und lassen „Community – Fotografie und Gemeinschaft“ zu einer Ausstellung werden, die den Blick für die „Geschichte neben dem Bild“ schärft.

Die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast ist noch bis zum 25.05.2026 zu sehen.

Nähere Informationen zu Öffnungszeiten und dem Begleitprogramm unter www.kunstpalast.de

 

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