Eine Woche nach den ersten Lockerungen – Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt erwachsen

Selbsgenähte Atemschutzmasken Foto: Elly Lizenz: CC BY-SA 4.0


Vor gut einer Woche wurden die ersten Einschränkungen, die im Zuge der Corona-Krise erlassen wurden, gelockert und langsam dämmert den Bürgerinnen und Bürgern, dass Sie zukünftig eigenständig entscheiden müssen.

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt erwachsen.

Es gibt aktuell Vorschriften und Empfehlungen zum Umgang mit der Coronakrise. Während Vorschriften in jedem Fall zu befolgen sind, bieten Empfehlungen seit jeher den Menschen Freiräume, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Ohne lenkenden Staat, ohne externen Bewertungsmaßstab.

Gehe ich Einkaufen? Treffe ich mich mit Freunden? Besuche ich meine Familie? Date ich potentielle Partnerinnen und Partner?

Es gibt darauf eine klare Antwort: Möchten Sie das Risiko maximal minimieren? Dann sollten Sie das nicht tun. Für alle anderen bleibt die gewissenhafte Abwägung von Risiken. Viele Deutsche scheinen dies in nur wenigen Wochen nahezu verlernt zu haben.

Dazu gehört, Hygienemaßnahmen, wie sie das RKI und andere Stellen herausgegeben haben und weiterentwickeln, möglichst gewissenhaft zu befolgen. Dazu gehört, unnötige Menschenansammlungen und unnötigen Kontakt zu vermeiden. Vereinsamung, die psychologisch nachweislich einen mit Folter vergleichbaren Effekt haben kann, ist jedoch nicht notwendig.

Wolfgang Schäuble äußerte kürzlich: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig“. Für einen solchen Satz muss man aktuell vermutlich qua Alter und Stellung über nahezu jeden Zweifel erhaben sein – aber er hat recht. Auf ganzer Linie.

Corona-risikofreie Treffen und Besuche wird es aber erst geben, alsbald der Menschheit eine Impfung oder ein antivirales Gegenmittel zur Verfügung steht. Das kann, im schlechtesten Fall, noch Jahre dauern.

Mein Patenkind wäre dann möglicherweise bereits zwei oder drei, seine Säuglingszeit und somit auch die Zeit, in der sich engste Bindungen herausbilden, wäre dann vorbei. Für immer. Das möchten weder seine Eltern, noch möchte ich das. Der Preis ist uns zu hoch.

Ich treffe mein Patenkind, ich kümmere mich. Auch jetzt. Ich käme jedoch nicht auf die Idee, Freunde oder Bekannte zu besuchen, die ich sowieso seit Monaten oder Jahren nicht gesehen habe. Ich treffe niemanden, der in der Pflege tätig ist und somit, im Falle einer Ansteckung, Multiplikator innerhalb einer Risikogruppe werden könnte. Ebenso wenig käme ich auf die Idee, aktuell krank das Haus zu verlassen. Ich trage beim Einkaufen eine MNS Maske, ich wasche mir die Hände und desinfiziere Flächen und Handgriffe, falls notwendig. Ich wäge ab, nach bestem Wissen und Gewissen. Ich treffe eine Entscheidung, die ich als erwachsener Mensch vor mir und der Gesellschaft verantwortungsvoll rechtfertigen kann.

Sehr vergleichbare Entscheidungen treffen Menschen jeden Tag, mit dem Schritt ins Flugzeug, mit der Teilnahme am Straßenverkehr oder schlicht damit, am öffentlichen Leben teilzuhaben. Jede unserer Handlungen kann andere und uns selbst gefährden. Im unglücklichsten Fall sogar töten. Es ist eine Illusion zu glauben, dass ein risikofreies Leben möglich sei. Die aktuelle Situation ist ein Lehrstück für die Bürgerinnen und Bürger, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben können und sorgfältiger Abwägung bedürfen.

Am Ende dieser Abwägung kann auch stehen, dass sich Menschen treffen, Kontakte pflegen. Leben. Soldatenhafte Selbstaufgabe, vorauseilender Gehorsam und gegenseitige Überbietung in der Isolation, die nahezu jakobinische Züge aufweisen kann, wären eine schlechte Basis, um eines Tages wieder gemeinsam den Weg in eine offene, freiheitliche Gesellschaft zu beschreiten.

Die aktuelle Situation hat hohe Kosten. Menschlich, sozial, künstlerisch, wirtschaftlich. Sie kostet Teile dessen, was unser Leben, unsere Gesellschaft erst ausmacht. Sie kostet Teile des Fundaments, das eine Gesellschaft überhaupt erst dazu bringt, zum Schutz von Menschenleben derartige Einschränkungen zu ertragen. Zerbröckelt dieses Fundament, gewönne Schäubles Satz umso mehr Aussagekraft. Niemand sollte daher auf die Idee kommen, diese Kosten und die individuelle Dramatik herabzuwerten.

Deshalb sind jetzt die Vernunft und Abwägung erwachsener Menschen gefragt. Ganz ohne Staat, der den Menschen sagt, was richtig und falsch ist.

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2 Kommentare

  1. #1 | Arnold Voss sagt am 28. April 2020 um 11:31 Uhr

    Wow. Es gibt noch Besonnenheit in diesen Tagen. Danke dafür, Daniel.

  2. #2 | ke sagt am 28. April 2020 um 15:46 Uhr

    Es hat sich gezeigt, dass ein kleiner Hotspot wie Ischgls ausreicht, halb Europa in einen Winterschlaf zu versetzen. D.h. die großen Multiplikatoren müssen weiterhin gestoppt werden.
    Hier erwarte ich einen starken Staat, der aber auch Konzepte zulässt, wie Ansteckungen vermieden werden.
    Sonst geht es nur mit uns Bürger. Wie soll man sonst mehrere Monate/Jahre mit dem Virus leben.
    Das bedeutet auch, dass sich viele Menschen und auch die Politik anpassen müssen. Ein Verbieten auf Kindergarten-Niveau reicht nicht mehr.

    Es bedeutet auch, dass Quarantäne durchgeführt werden muss. Der Schaden, der durch einzelne Ignoranten passieren kann, ist gewaltig. Hier muss auch der Staat erhebliche Konsequenzen für solche Gefährder durchsetzen. Das gilt natürlich auch für Entschädigungen bzgl. der Kosten durch Quarantäne Massnahme von anderen Menschen.

    Ja, ich finde es gut, dass Herr Schäuble klar Stellung bezogen hat.

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