Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – Deutschlands liebste WM-Disziplin

Deutschland im Fußballfieber. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Es ist schon faszinierend, wie schnell sich die Stimmung in Fußball-Deutschland drehen kann. Vor wenigen Tagen wurde die DFB-Elf nach einem standesgemäßen 7:1 gegen Fußballzwerg Curacao und einem mühsamen, aber erfolgreichen 2:1 gegen die Elfenbeinküste bereits wieder in Richtung WM-Titel geschrieben. Julian Nagelsmann? Ein Genie. Deniz Undav? Der neue Messias. Jamal Musiala? Unaufhaltsam.

Dann kommt Ecuador. Eine 1:2-Niederlage im bedeutungslos gewordenen dritten Gruppenspiel – und plötzlich ist alles vorbei. Krise! Alarm! Weltuntergang! Wer heute durch die Schlagzeilen scrollt, könnte meinen, Deutschland sei bereits sang- und klanglos ausgeschieden. Was für ein Unsinn.

Die Wahrheit lag schon vorher irgendwo dazwischen

Natürlich war der Auftritt gegen Ecuador alles andere als überzeugend. Das darf und muss man kritisieren. Aber wer ehrlich ist, der muss zugeben: Schon gegen Curacao war längst nicht alles Gold, was das 7:1 glänzen ließ. Und auch gegen die Elfenbeinküste war Deutschland alles andere als souverän unterwegs. Dort hatte die DFB-Elf das nötige Spielglück auf ihrer Seite. Gegen Ecuador eben nicht. Der Unterschied? Diesmal wurden die Schwächen bestraft.

Ecuador spielte mit maximalem Einsatz, weil es ums Weiterkommen ging. Deutschland hatte den Gruppensieg bereits sicher. Das ist keine Entschuldigung, erklärt aber zumindest einen Teil der unterschiedlichen Intensität. Während die Südamerikaner in jeden Zweikampf flogen, wirkte die deutsche Mannschaft oft einen Schritt zu spät. Körpersprache, Aggressivität und Entschlossenheit – in all diesen Bereichen war Ecuador schlicht besser.

Das macht die Leistung Deutschlands nicht gut. Aber es macht sie auch nicht zu einer sportlichen Bankrotterklärung.

Mehr Warnschuss als Weltuntergang

Ja, es gibt Baustellen. Wirtz und Musiala laufen ihrer Topform noch hinterher. Leroy Sané vergab die Riesenchance zum 2:1. Manuel Neuer machte beim entscheidenden Gegentor keine glückliche Figur. Dazu präsentierte sich die Defensive mehrfach ungeordnet und der Spielaufbau viel zu fehleranfällig.

Und über den Rasen im MetLife Stadium sollte man besser den Mantel des Schweigens legen. Was dort als Fußballplatz verkauft wurde, erinnerte stellenweise eher an einen schlecht gepflegten Stadtpark. Trotzdem: Der Platz war für beide Mannschaften gleich schlecht.

Die Niederlage kommt deshalb vielleicht sogar zum richtigen Zeitpunkt. Lieber jetzt ein Warnschuss, wenn der Gruppensieg bereits feststeht, als im K.-o.-Spiel mit dem ersten echten Wirkungstreffer aus dem Turnier zu fliegen. Nagelsmann hat nun genügend Material, um seiner Mannschaft deutlich zu zeigen, dass sie sich in den kommenden Spielen erheblich steigern muss.

Dieses ständige Drama nervt gewaltig

Was allerdings mindestens genauso anstrengend ist wie Deutschlands Auftritt gegen Ecuador, sind die extremen Stimmungsschwankungen im eigenen Land.

Nach jedem Kantersieg werden sofort die Hotelzimmer fürs Finale reserviert. Nach jeder Niederlage werden Trainer, Taktik und halbe Mannschaft infrage gestellt. Irgendetwas dazwischen scheint im deutschen Fußball einfach nicht mehr zu existieren.

Dabei ist die Realität doch ziemlich simpel: Diese Mannschaft war nach den ersten beiden Spielen nicht plötzlich das beste Team der Welt. Und sie ist nach einer Niederlage gegen einen hochmotivierten Gegner auch nicht auf einmal eine Katastrophe.

Am Montag beginnt ohnehin ein völlig neues Turnier. Jetzt zählt jedes Spiel. Dann wird sich zeigen, ob Deutschland aus diesem Dämpfer gelernt hat oder ob Ecuador tatsächlich mehr war als nur ein Warnsignal.

Bis dahin wäre etwas weniger Weltuntergangsstimmung und etwas mehr Sachlichkeit vielleicht gar keine schlechte Idee. Aber wahrscheinlich verlange ich damit schon wieder viel zu viel von der deutschen Fußballseele.

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