Erbakan gestorben – Sunday-Blues, Depri-Wetter und dann das auch noch

Erbakan - Foto via Wikipedia

Liebe Trauergemeinde!

Heute hat unser Herr, der allmächtige Gott, oder, wie er ihn zu nennen pflegte, der große Allah, seinen treuen Gefolgsmann, unseren frommen Bruder Dr. Necmettin Erbakan zu sich geholt. Sei es, dass der Herr das Herz versagen ließ, wie uns die Propheten von Spiegel Online kund tun, oder dass, wie bei Wikipedia geschrieben steht, Bruder Erbakan der Altersschwäche anheim gefallen ist, Necmettin Erbakan hat uns für immer verlassen und seinen wohlverdienten Platz im Paradies eingenommen. Wir sprechen die Verse 166 und 189 aus dem deutschen Strafgesetzbuch und erheben uns in Ehrfurcht vor dem Toten, vor Allah und der deutschen Rechtsordnung. Lasset uns beten:

Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Wer das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Liebe Trauergemeinde!

Was will uns – ja sicher, Sie dürfen wieder Platz nehmen! – unser Herr und Gebieter, der allmächtige Gesetzgeber mit diesen weisen Worten sagen?
Lassen Sie mich die Trauerpredigt für Dr. Erbakan mit einer Redewendung aus dem Lateinischen beginnen! «E pluribus unum», aus vielen Eines, heißt es auf dem Wappen der Vereinigten Staaten von Amerika und zu Beginn der Einleitung einer in Deutschland zur Zeit viel beachteten Doktorarbeit … – Moment. Entschuldigung. Ich bin hier jetzt gerade mit meiner Zitatensammlung ein wenig durcheinander gekommen. Eine kleine Unachtsamkeit, kann passieren, ich bitte Sie um Verständnis. Ich wollte etwas Anderes sagen. Hier habe ich es:

«De mortuis nihil nisi bene», über die Toten nur Gutes, wie die nicht ganz korrekte Übersetzung im „Latein für Angeber“ lautet. Gott sei Dank! Also: Gott sei Dank nicht ganz korrekt übersetzt. Denn da das „bene“ sich als Adjektiv auf das nicht ausdrücklich erwähnte „dicendum“ bezieht, mithin also kein Objekt ist, weist uns das lateinische Gebot eben nicht an, über die Toten nur Gutes zu sprechen, sondern über die Toten gut zu sprechen, was einen doch nicht ganz unerheblichen Unterschied markiert.

Diese kleine Klarstellung ermöglicht immerhin schon einmal, überhaupt irgendetwas über Herrn Dr. Necmettin Erbakan am Tag seines Ablebens anzumerken. Doch die ganze Sache, meine lieben bildungsbürgerlichen Trauerfreunde, gestaltet sich noch ein wenig komplizierter. Das Zitat, ich betone: das von mir korrekt zitierte Zitat, ist auch deshalb nicht ganz korrekt zitiert, weil es doch, wie Sie bestimmt wissen, dem guten Chilon von Sparta zugeschrieben wird. Und Sparta, das weiß nun aber wirklich jeder, lag nun wirklich im antiken Griechenland, und wäre, wenn da noch etwas wäre, auch heute noch griechisch, und nicht etwa türkisch wie z.B. dieser Erbakan.

So, und warum bitteschön hätte dann der Chilon von Sparta seine Anweisungen auf Latein durchgeben sollen?! Aha! Nicht Latein, sondern Griechisch hatte er selbstverständlich gesprochen; altgriechisch, von mir aus. Und deshalb sagte Chilon von Sparta nichts Anderes als das, wörtlich(!): „Τὸν τετελευτηκότα μακάριζε.“ So sieht es aus. Für die des Altgriechischen Unkundigen: auf Neuhochdeutsch übersetzt heißt das „Den Toten preise glücklich“.

So etwas muss man natürlich können. Ich meine: den Toten preisen und dabei auch noch glücklich sein. Der ist vielleicht gut, dieser Chilon! Ich weiß gar nicht, wie der sich das vorgestellt hatte. Wenn ich einen Nachruf schreiben müsste, würde ich eher so anfangen:

Heute ist ein Scheißtag. Ich weine so viel. Ich weiß gar nicht,
ob ich das hier zu Ende schreiben kann. Ich bin unendlich traurig.

Wenn ich so richtig traurig bin, so unendlich traurig wie jetzt zum Beispiel (Sunday-Blues, Depri-Wetter und dann auch noch der Erdogan gestorben), dann krieg ich so etwas sowieso nicht hin. Den Toten glücklich preisen. Dann bin ich so was von fertig, dass mich meine Komplexe wieder mal einholen – mit der selbstzerstörerischen Frage: „Mein Gott, warum hast Du mich nicht auch so erschaffen wie Til Schweiger?“ Was hat Til Schweiger bloß, was ich nicht habe?

Okay, ich weiß schon: so ziemlich alles. Ist aber auch egal. Jedenfalls weiß der, wie das geht, diesem hohen Anspruch des Chilon von Sparta gerecht zu werden. Heute, genau vor einem Monat, hat er es gebracht, der Til Schweiger. Der Herr legte ihm die weisen Abschiedsworte in den Mund:

„Er war die coolste Sau von allen.“

Danke, Til! Danke Dr. Necmettin Erbakan! Danke lieber Gott!

Liebe Trauergemeinde!

Wir gedenken jetzt des Besuches unseres verstorbenen Bruders Necmettin Erbakan am Sonntag, den 18. April 2010, in Duisburg, unserer wunderschönen Stadt an Rhein und Ruhr. Dazu schlagen wir auf:

  • den Bericht „Schlichtes Weltbild“, den Pascal Beucker am folgenden Tag in der taz veröffentlicht hatte. Klick hier, und
  • meinen Kommentar dazu, „die Gerechten und die anderen“, der am gleichen Tag bei xtranews erschienen ist. Klick hier.

Herr, erbarme Dich seiner! Falls Du es zeitlich einrichten kannst. Und Danke, dass Du uns seinen Zögling, einen gewissen Tayyib Erdogan, heute nach Düsseldorf geschickt hast! Du bist groß. Allah büyüktür. Allahu Akbar.

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3 Kommentare

  1. #1 | Hannes sagt am 27. Februar 2011 um 20:30 Uhr

    Mein lieber Werner Jurga, Du verlangst viel von Deinen Lesern – und das am Sonntag Abend 😉 Nun ist er tot und Du hast ihn gerecht besprochen. Danke auch für den „bene“ Hinweis. Hatte so eine Ahnung, dass auch ich schon mal das Adverb für ein Substantiv gehalten habe.

  2. #2 | Bert sagt am 27. Februar 2011 um 21:17 Uhr

    Naja, diese Info reicht mir eigentlich bzgl. Erbakan:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Necmettin_Erbakan

    „Erbakan war davon überzeugt, dass der Islam die einzige Rettung für die Menschheit darstellt, was er für wissenschaftlich und historisch erwiesen hielt.“

  3. #3 | Chan Tuppe sagt am 28. Februar 2011 um 11:31 Uhr

    Finde den Fehler:

    „Wenn ich so richtig traurig bin, so unendlich traurig wie jetzt zum Beispiel (Sunday-Blues, Depri-Wetter und dann auch noch der Erdogan gestorben), dann krieg ich so etwas sowieso nicht hin.“

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