Es ist Zeit für einen Potlach

Können Sie sich noch daran erinnern? Ich habe fast eine halbe Stunde gegoogelt bis mir der Name wieder einfiel. Jetzt frage ich Sie: Was ist eigentlich aus den Yuppies geworden? Sie wissen doch, diese jungen, meist an der Börse erfolgreichen, Unternehmer, die doch vor 20 Jahren so häufig zitiert wurden. Von unserem Gastautor Helmut Junge.

Sie waren damals doch Vorbild für viele andere junge Leute, die fest daran glaubten, dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen könnten, wenn sie nur wollten. Die Möglichkeiten dazu schienen grenzenlos, und ihr Vertrauen in die Fähigkeiten des Marktes, diesen grenzenlosen Reichtum für alle, die sich darum bemühten, möglich zu machen, war riesig.

Wo sind also diese Yuppies geblieben?

Die ursprünglichen Yuppies müssten jetzt so etwa Mitte der Vierziger alt sein. Einen neuen Namen haben sie jedoch nicht. Statt Yuppies vielleicht Oppies? Das sagt aber keiner so. Ich habe den Eindruck, seit den letzten beiden Krisen ist entweder die Anerkennung dieser gesellschaftlichen Gruppen extrem gesunken, oder diese Gruppen gibt es gar nicht mehr.
Gibt es Nachfolger? Klar, es gibt immer Nachfolger. Aber haben die das Ansehen, dass sie selber zum Vorbild machen könnte?

Die Welt hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Wir reden heute von der Möglichkeit von Staatspleiten, also davon, dass ganze Staaten wegen Zahlungsunfähigkeit keine weiteren Darlehen bekommen, also bankrott sind. Aber wer entscheidet das, ob ein Staat bankrott ist, oder nicht?
Sehen wir erst mal die Hektik, und Nervosität, mit der andere Politiker in anderen Ländern, die noch nicht bankrott sind, versuchen, einen solchen Bankrott zu verhindern. Sehen wir, wie die Vertreter der Europäischen Union, sich bemühen, Griechenland vor dem Bankrott zu retten. Sehen wir, wie US Präsident Obama sich bemüht hat die USA vor dem Staatsbankrott zu retten.
Eine solche Situation hat es vor 20 Jahren nicht gegeben. Diese Situation ist neu, und weil sie von großen Teilen der Bevölkerung, auf schlechtes politisches Management und unkontrollierte Zockerei auf den Aktienmärkten zurückgeführt wird, haben sowohl Politiker, als auch die Finanzexperten an den Börsen und den Banken erheblichen Vertrauensverlust erlitten. Junge Politiker, mit dem äußeren Habitus der ehemals erfolgreichen Yuppies, wirken heute, wenn sie die Probleme großer Teile der Bevölkerung nicht erkennen können, wie verwöhnte Jüngelchen, die das Glück hatten, eine Kindheit ohne finanzielle Sorgen zu erleben. Sie werden nicht mehr bewundert, sondern abgestraft, weil ihnen die Wählergefolgschaft wegläuft. Viele kleine Sparer, aber auch Menschen mit größeren Vermögen, haben Angst, dass durch die Unwägsamkeiten der gigantischen Finanztransaktionen ihr Besitz zerbröseln könnte. Kleinanleger meiden den Aktienmarkt.

Es hat sich aber die Situation eingestellt, dass privater Reichtum einzelner Personen, so stark angewachsen ist, dass er, wenn er gebündelt wird, wie es zum Beispiel in den so genannten Hedgefonds geschieht, großer Druck auf die überschuldeten Staaten und ihre Regierungen ausgeübt werden kann, so dass diesen Regierungen kaum noch Handlungsspielraum bleibt. Unabhängig von der Frage, ob diese Entwicklung ein Zufallsergebnis, oder aber eine Zwangsläufigkeit darstellt, die im Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsform begründet ist, wird die Tendenz zum Anwachsen der Macht dieser Fonds aber zunächst einmal weiter zunehmen.
US Präsident Obama möchte in den USA eine Reichensteuer einführen. Dieser Gedanke erscheint mir zwar folgerichtig, aber, weil es die USA betrifft, auch für absolut überraschend. Obama begründet seine Forderung damit, dass mittlere Einkommensschichten häufig mehr Steuern bezahlen, als die großen Vielverdiener. Er appelliert dabei an den Gerechtigkeitssinn. Wahr daran ist jedenfalls, dass den Vereinigten Staaten das Geld ausgeht.

In Deutschland vertreten Teile der Opposition eine ähnliche Position, auch sie fordern höhere Spitzensteuern, aber die Regierung ist von einer solchen Forderung noch weit entfernt.

Dennoch gibt es auch hier bei uns eine verblüffende Nachricht. Auch das ist ungewöhnlich, dass es eine große Zahl von Millionären in Deutschland gibt, die freiwillig bereit sind, höhere Steuern zu bezahlen!
Also während die Regierung sich noch bemüht, höhere Steuern für Reiche zu verhindern, verkündigen einige Reiche, dass sie gerne höhere Steuern zahlen möchten.

Freiwillige Steuerzahlungen, das wäre ein Potlach!

Ach so, jetzt muss ich erklären, was ein Potlach ist. Ein Potlach ist eine Einrichtung, die sich Indianer, der amerikanischen und kanadischen Nordwestküste früher haben einfallen lassen, damit einzelne Mitglieder ihrer Gemeinschaft, nicht übermäßigen Reichtum anhäufen konnten. Das war vor der Eroberung der Europäer so. In diesen „primitiven“ Gesellschaften war es so, dass das Ansehen einer Person davon abhängig war, wie viel Reichtum sie bereit waren, an andere Gesellschaftsmitglieder zu verschenken. Ein  Häuptling etwa verlor an Ansehen, wenn er nicht bereit war, seine Reichtümer mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft zu teilen. Ein Häuptling, der es in seinem Leben zu Reichtum gebracht hatte, musste also, wenn er sein Ansehen steigern wollte, einen Potlach abhalten. In diesen Indianerkulturen, die noch keine Steuergesetzgebung kannten, wurde dazu ein großes Fest abgehalten, und auf diesem Fest verschenkte der Reiche Teile seines Reichtums an andere Stammesmitglieder. Das führte meist dazu, dass sich seine Konkurrenten in ähnlicher Weise verhielten. Auch sie konnten ihr Ansehen nur wahren, wenn sie ihrerseits anderen Stammesmitgliedern Geschenke machten. Gelegentlich versuchten sich einzelne konkurrierende Stammesmitglieder gegenseitig zu übertrumpfen. Letztlich aber führte solch ein Potlach zu einer friedlichen Umverteilung der Reichtümer, die innerhalb dieser Gesellschaft angehäuft worden waren.
Den weißen Eroberern hatte diese Praxis nicht gefallen, und der Potlach wurde über viele Jahrzehnte verboten, bis er 1950 wieder erlaubt wurde.
In der sogenannten zivilisierten Welt ist diese Form der Umverteilung des Reichtums allerdings unbekannt. Es gibt überhaupt in der Geschichte Europas keine bekannte, vergleichbare Regulierung, die auf friedliche Weise ablaufen konnte. Dafür gab es immer wieder ungezählte Gruppierungen, die wie Robin Hood versuchten, durch Raub, einen Ausgleich in ihrem Sinne zu erreichen.

Und, es gab Piraten! Das bekannteste Kleidungsstück der französischen Revolution ist die rote prygische Mütze der Jakobiner. Diese Mütze sieht man auch gelegentlich in Piratenfilmen. Diese Mütze hat eine ganz bestimmte historische Tradition. Sie hat zwar tatsächlich etwas mit der Freiheit zu tun, ist aber auf jeden Fall auch ein Symbol für Gleichheit. Von den Piraten ist nämlich bekannt, dass sie schon im Altertum, allerdings nur innerhalb ihrer Gruppe, die Elemente der Demokratie anwendeten. Die Jakobiner haben sich bewusst an diese Traditionen angelehnt. Viele Piraten, natürlich nicht alle, waren dem Prinzip der Gleichheit verpflichtet, und teilten ihre Beute zu gleichen Teilen. Das geht auch aus den Berichten über die deutschen Piraten des Mittelalters um Klaus Störtebecker hervor, die sich sogar nach diesem Prinzip als „Likkedeeler“, was „Gleichteiler“ bedeutet, benannten.
Piraten waren über lange Zeit auf den Weltmeeren tätig, aber seit etwa 200 Jahren komplett verschwunden. Ich wusste lange Zeit nicht, warum das so war, aber jetzt glaube ich, dass in der Geschichte, Piraten immer dann aufgetaucht sind, wenn es einerseits zu einem großen Ungleichgewicht der materiellen Güter, bei einer gleichzeitigen, spürbaren Abschwächung der staatlichen Gewalt gekommen ist. Das ist auf jeden Fall so bei den Piraten, die heute wieder auf vielen Weltmeeren fähig sind, ungestraft Schiffe zu kapern. So etwas war aber in den letzten 200 Jahren praktisch undenkbar.
Heute haben wir in Deutschland eine politische Partei, die sich als Piraten bezeichnet.
Ich habe mich natürlich gefragt, weshalb sich Menschen in einer Partei zusammenschließen, und diese Partei „Piraten“ nennen, aber auch diese politischen Piraten wollen ja, weil sie davon sprechen, monopolistische Patente aufzulösen und zu Allgemeingut zu machen, eine Umverteilung wertvoller Güter herbeiführen. Der Weg ist anders, weil er über die Gesetzgebung läuft, aber der Sinn ist der gleiche. Insofern haben sie ihren Namen mit Bedacht gewählt. Was sie von den wirklichen Piraten und den wirklichen Räubern à la Robin Hood unterscheidet, ist der friedliche Weg über das Parlament. Dieser Weg ist zwar nicht vergleichbar mit einem freiwilligen Selbstverzicht, wie beim Potlach, aber angesichts der Tatsache, dass den meisten Reichen ihr Ansehen in der Gesellschaft gleichgültig zu sein scheint, möglicherweise notwendig. Trotzdem fände ich, dass der Staat denjenigen, die freiwillig höhere Steuern bezahlen wollen, keine bürokratischen Hindernisse in den Weg legen sollte. Daraus könnte sich, auch bei uns, eine neue Tradition entwickeln. Und morgen, liebe Leser, schreibe ich eine neue Geschichte.

Dir gefällt vielleicht auch:

18 Kommentare

  1. #1 | Falk sagt am 20. September 2011 um 13:23 Uhr

    Es gibt schon lange ein Konto, auf das man freiwillig Steuern einzahlen kann:

    Bundeskasse Halle/Saale
    Kontonummer: 86001030
    BLZ: 860 000 00
    Bundesbank Leipzig
    Betreff: Einzahlung zur Schuldentilgung für Bundesministerium der Finanzen

    Da kann jeder soviel einzahlen, wie er übrig hat, nur scheinen die Promis hauptsächlich Maulhelden zu sein, weil es kaum einer nutzt.

    Siehe auch:
    https://hurrawirtilgen.blog.de/

  2. #2 | Stefan Laurin sagt am 20. September 2011 um 13:32 Uhr

    Die wenigen, die überhaupt noch Steuern zahlen, wären blöd, wenn sie auch noch freiwillig mehr zahlen würden. Es gibt noch genug Sparmöglichkeiten.

  3. #3 | Arnold Voss sagt am 20. September 2011 um 14:17 Uhr

    Hier in New York City belagern seit ein paar Tagen ein bis zwei hundert meist jugendliche Protestierer friedlich die Wallstreet. Sie verkaufen dort unter anderem einen Botton, auf dem auf weißem Hintergrund in rot kurz und knapp steht: Tax the Rich!

    Das Ding findet reißenden Absatz bei den New Yorkern.
    Ein Freund von mir, der den Botton demonstrativ in einem der bekanntesten Edelrestaurants der Stadt trug, hatte den Eindruck, dass er besonders zuvorkommend bedient worden ist.

    Obama hat sich, propagandistisch geschickt wie er ist, einen der bekanntesten Milliardäre des Landes als Protagonisten für seine Forderung nach höheren Steuern für die Reichen genommen: Warren Buffett. Dieser hatte von sich aus öffentlich mehr Steuern für Leute seines Gleichen gefordert. Die Kommunikationsexperten Obamas haben deswegen als Kurzform für die Reform den Namen „Die Buffet-Regel“ erfunden.

    Gleich darauf hat sich einer der führenden New Yorker Hedge Fund Manager, Jim Steyer, zusammen mit seinem Bruder mit einem neuen Non Profit Fund für die Angelegenheiten von Kindern in der zukünftigen Gesellschaft als Philantrop geoutet, bzw. in der New York Times outen lassen.

    Die Debatte über Armut und Reichtum ist damit auch in der finanziellen Elite der USA angekommen. Die Republikanische Partei reagiert aber bislang wie gewohnt mit Ablehnung gegenüber jeder Art von Steuererhöhung. Dieses Mal könnte der Schuss für sie allerdings nach hinten losgehen. Spätestens dann, wenn Obama die zweite Legislaturperiode per gewonnener Wahl erreicht.

  4. #4 | Stefan Laurin sagt am 20. September 2011 um 14:19 Uhr

    @Arnold: Die Steuersätze in den USA sind auch ein Witz im Vergleich zu denen in Deutschland – vor allem wenn man hier noch die Sozialversicherungsbeiträge dazurechnet oder die TV-Gebühren dazu rechnet, die ja auch nichts anderes als Zwangsabgaben sind.

  5. #5 | Helmut Junge sagt am 20. September 2011 um 15:06 Uhr

    @Arnold,
    wenn der Button mit der Aufschrift: „Tax the rich“ solch guten Absatz findet, zeigt das nur, dass dort, in New York, die Stimmung anders ist, als früher in goldeneren Zeiten.
    Hier wäre das vermutlich noch nicht so, aber bisher kam auch hier alles, wie in den USA, nur mit einigen Jahren Verspätung.
    @Stefan,
    Straßenreinigungsgebühren, Grundsteuer, Mehrwertsteuer, alles Zwangsabgaben.
    Aber die zahlen doch alle! Auch und gerade die Einkommensschwachen, wenn auch indirekt, über ihre Miete.

  6. #6 | DH sagt am 20. September 2011 um 15:12 Uhr

    „Es ist Zeit für einen Potlach“ – wird sich vor zwei Jahren bereits Sloterdijk gedacht haben.
    https://www.faz.net/artikel/C30717/die-zukunft-des-kapitalismus-8-die-revolution-der-gebenden-hand-30074630.html

    Auch seine Revolution der Gebenden Hand passt wunderbar zum vordemokratischen Gesellschaftsbild, das sich „Gerechtigkeit“ letztlich nur als (barmherzigen und / oder berechnenden) Gnadenakt der Wohlhabenden vorstellen mag.

    Heuer ist aber nicht mehr die FAZ, sondern die Welt das Sprachrohr für die Thesen der deutschen Teaparty-Bewegung:
    https://www.welt.de/dieweltbewegen/article13576914/Reichensteuer-Dieser-Staat-hat-kein-Mitleid-verdient.html

  7. #7 | Andreas sagt am 20. September 2011 um 15:37 Uhr

    Von: „Jim Messina, BarackObama.com“
    Datum: 20. September 2011 02:36:26 MESZ
    An: Andreas
    Betreff: „Class warfare“
    Antwort an: info@barackobama.com

    Andreas —

    This morning, the President proposed the „Buffett Rule,“ which would require those earning more than $1 million a year to pay the same share of their income in taxes as middle-class families do.

    This proposal makes sure millionaires and billionaires share the responsibility for reducing the deficit. It would correct, for example, the fact that Warren Buffett’s secretary currently pays taxes at a higher rate than he does.

    The other side is already saying it’s „class warfare“ — that’s their rhetorical smokescreen for providing millionaires and billionaires special treatment.

    As the President said this morning, „This is not class warfare — it’s math.“

    The wealthiest Americans don’t need further tax cuts and in many cases aren’t even asking for them. Requiring that they pay their fair share is the only practical way forward. The Republican alternative is to drastically slash education, gut Medicare, let roads and bridges crumble, and privatize Social Security. That’s not the America we believe in — but many in the Republican leadership actually prefer those policies, which explains their refusal to act.

    That’s why they’ll say „tax increase“ over and over again, trying to muddy the waters and trick ordinary Americans into thinking the Buffett Rule will hurt them. And if we don’t speak out right now, they just might get away with it.

    If you stand with President Obama in this fight and want to see the Buffett Rule passed — say you’ll get his back now.

    Of course, the Buffett Rule won’t really touch most Americans — only 0.3% of households will even be affected.

    And without it, the only way to reduce our debt is to savage the programs that seniors and middle-class families rely on.

    That’s exactly what the President refuses to do — in fact, he’s said he’ll veto any bill that changes benefits for folks who rely on Medicare but doesn’t raise serious revenue by asking the wealthiest Americans or biggest corporations to pay their fair share.

    This isn’t just a commonsense approach to cutting the deficit — it’s the only way to make sure we can provide security to people who work hard and play by the rules.

    So right now, I’m asking you to say you’ll stand with the President on something that won’t be easy. Get the President’s back today:

    https://my.barackobama.com/Buffett-Rule

    Thanks,

    Messina

    Jim Messina
    Campaign Manager
    Obama for America

    ———–

    This campaign isn’t funded by Washington lobbyists or corporate interests. It relies on donations from people like you. Please make a donation today.

  8. #8 | Helmut Junge sagt am 20. September 2011 um 16:26 Uhr

    @DH (6),
    Die Stämme, die den Potlach zelebrierten, lebten auf der Kulturstufe der Mittelsteinzeit. Friedrich Engels ordnete sie alle der vorantiken Kulturstufe der „Barbarei“ zu, die er als Urkommunismus verstand, was zwar ungenau und falsch war, zumindest aber klärt, dass der Terminus „vordemokratisch“ da wohl nicht greifen dürfte.
    Beim Potlach handelte es sich auch nicht um „Barmherzigkeit“, sondern darum, dass der Reiche sein Gesicht verloren hätte, wenn er nicht hätte teilen wollen.
    Der Reiche stand unter gesellschaftlichem Druck.
    Das ist heutzutage nicht so. In meiner Einleitung versuche ich aber darzustellen, dass ein Umdenken im gesellschaftlichem Bewußtsein stattfindet. Das ist allerdings ein Prozeß, von dem ich nicht weiß, wohin er letztlich geht. Könnte doch sein, dass eines Tages auch hier Reiche anders beurteilt werden als heute. Wer weiß das schon?

  9. #9 | teekay sagt am 20. September 2011 um 17:00 Uhr

    Guter Kommentar im heutigen Guardian:

    The truth about ‚class war‘ in America
    Republicans claim, in Orwellian fashion, that Obama’s millionaire tax is ‚class war‘. The reality is that the super-rich won the war

    https://www.guardian.co.uk/commentisfree/cifamerica/2011/sep/19/class-war-america-republicans-rich

    Noch hat ja kein Superreicher irgendetwas abgeben muessen…

  10. #10 | Arnold Voss sagt am 20. September 2011 um 17:45 Uhr

    Es gibt einen englischen Lord der, nicht allzu lange her, und leider fällt mir jetzt auch nicht der Name ein, zu diesem Thema sinngemäß knapp und sarkastisch Folgendes gesagt hat: Viele Mitglieder meiner Klasse haben vergessen, was damals der Deal war. Wir geben ihnen die Demokratie und dafür lassen sie uns am Leben.

  11. #11 | DH sagt am 20. September 2011 um 18:07 Uhr

    @#8 (Helmut Junge): Den Engelseinwand akzeptiere ich gerne.

    Jedoch: „Freiwillige Steuerzahlungen, das wäre ein Potlach!“ – das war Ihre These. Wo aber ist die Freiwilligkeit, wenn der Reiche, wie Sie sagen, sein Gesicht verloren hätte, falls er seinen Reichtum nicht teilt? Ist der Potlach nicht eher ein Ritual, ein ungeschriebenes Gesetz, dem man sich nur um den Preis gesellschaftlicher Ächtung entziehen konnte?

    Die neue Tradition der Freiwilligkeit, die Sie sich wünschen, ist vielleicht der Sloterdijk’schen Gebenden Hand doch etwas näher als den quasireligiösen Potlachfesten.

    Off topic: Wohin ist der für hiesige Verhältnisse angenehm sachliche Text des Herrn Jurga zur UNO-Abstimmung über die Anerkennung Palästinas entschwunden?

  12. #12 | Andreas sagt am 20. September 2011 um 18:38 Uhr

    @ Helmut Junge

    du schreibst: „Den weißen Eroberern hatte diese Praxis nicht gefallen, und der Potlach wurde über viele Jahrzehnte verboten, bis er 1950 wieder erlaubt wurde.“

    Das ist so nicht richtig. Das Verbot war nicht die reine Böswilligkeit der weißen Eroberer, sondern das Resultat des „Kapitalismus“, den die Eroberer mitbrachten – ganz im Sinne deines Artikels, würde ich sagen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Potlatch#Der_Zerfall_der_alten_Ordnung

    „Der Zerfall der alten Ordnung

    Im Verlauf des 19. Jahrhunderts geriet dieses System durch den Kontakt mit europäischen Händlern und Werten aus den Fugen und wurde unwiederbringlich zerstört. Die von den europäischen Einwanderern verfügbar gemachten Reichtümer ermöglichten es jungen Häuptlingen, in einen regelrechten Wettbewerb beim Abhalten von Potlatchs zu treten. Doch mit dem zunehmenden Einfluss des Christentums handelte es sich hierbei mehr und mehr um ein Ringen nach weltlicher, denn nach spiritueller Bedeutung. Ein Ringen, bei dem so mancher der jungen Häuptlinge sich selbst und die ihm anvertraute Stammesgruppe in den Ruin trieb. 1884 wurde der Potlatch deshalb von der kanadischen Regierung verboten. Dieses Verbot galt bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Seither wird versucht, das ursprüngliche Wesen des Potlach in zeitgemäßer Form neu zu beleben.“

  13. #13 | Arnold Voss sagt am 20. September 2011 um 22:03 Uhr

    @ Helmut Junge

    Ich glaube nicht, dass Umverteilung je wirklich freiwillig war. So sind wir Menschen einfach nicht. Wir sind im Kern Raffzähne.Auch die, die aus gutem Grund immer wieder nach Umverteilung rufen. Wir teilen nur, wenn es uns nutzt.

    Allerdings kann teilen in bestimmten Fällen und unter bestimmten Bedingungen eben auch sehr vorteilhaft sein. Für die die dabei nehmen sowohl für die die dabei geben. Vor allem in der Not und/oder unter den Bedingungen geringer technischer Produktivität und großer sozialer Integration.

    Im großen, zumindest aber dominanten, Teil heutiger Gesellschaften besteht sehr hohe Produktivität bei immer geringer werdender sozialer Integration. Zusammen mit der Globalisierung der Märkte und der Geldtransferbeschleunigung durch die Telekommunikation sind dadurch bislang unbekannte Größenordnungen des privaten Reichtums bzw. Vermögens in relativ kurzer Zeit möglich geworden. Das müsste eigentlich das Teilen erleichtern. Tut es aber mitnichten.Im Gegenteil.

    Selbst die meisten der viel gerühmten Stiftungen bleiben in der Verfügungsgewalt bzw. unter dem hauptsächlichen Einfluss der Spender. Das überwiegende Geld wird, auch bei den gebefreudigen unter den Vermögenden, ausgegeben, um den erreichten Reichtum ökonomisch zu vermehren und gegebenenfalls politisch zu sichern.Das hat aus deren Sicht sehrwohl eine nachvollziebare innere Logik.

    Ich bin kein Moralist. Ich sehe nur die Dinge wie sie sind. Wer umverteilen will, der kann nicht auf übergeordnete Vernunft rechnen, geschweige den auf Freiwilligkeit. Er braucht stattdessen mindestens soviel Macht wie die, die ihn aus nachvollziehbarem Grunde daran hindern wollen.

    Pottlachs dagegen sind was für Träumer. Nichts gegen Träumer, Helmut. Ganz im Gegenteil. Aber du kennst ja selbst den besten Weg, um Träume zu realisieren: Aufwachen.

  14. #14 | DH sagt am 21. September 2011 um 09:22 Uhr

    @#14 (Arnold): „Träumer“ – das trifft es ja nicht, denn Potlachs gab und gibt es ja tatsächlich; sie sind nur keine Akte der unbedingten Freiwilligkeit und sie setzen ein Maß an sozialer Kohäsion voraus, das vermutlich nur kleinere Gemeinschaften ausbilden können.

    Andererseits finde ich es schon interessant, welche Aspekte dieser traditionellen Schenkökonomie sich z.B. in der heutigen Open-source-Bewegung wieder finden. Oder – Helmut hat ja auch auf die Piraten bezug genommen – inwieweit Netzkultur mit tribalistischen Verhaltensweisen einhergeht, d.h. z.B. in welchem Maße „teilen“ den sozialen Status des Teilenden bedingt.

  15. #15 | Helmut Junge sagt am 21. September 2011 um 10:08 Uhr

    @Arnold Voß, @DH,

    zunächst einmal:
    Ich finde die Idee des Potlach gut. Wenn mich aber jemand so verstanden haben sollte, dass ich darunter eine Alternativstrategie zu einer grundlegenden Veränderung bestehender Eigentumsverhältnisse sehe, dann muss ich dem widersprechen. Der Potlach ist keine Alternativstrategie zu einer grundlegenden Veränderung bestehender Eigentumsverhältnisse.
    Das ist auch leicht zu erklären. Den Potlach gibt es schon sehr lange, und er hat noch nie zu einer solchen grundlegenden Veränderung der Eigentumsverhältnisse geführt.
    Was Sloterdijk betrifft, ist er nicht der erste, der eine Idee des Teilens durch Schenken vertritt. Wenn er so geltungssüchtig ist, wie ich annehme, gibt er sie aber vermutlich als Produkt seines eigenen angestrengten Nachdenkens aus. Allerdings liegt er auch auf der Linie moralischer Konzepte, die schon einige andere Philosophen vor ihm vertreten haben, von Religionen einmal ganz abgesehen.
    Aber insofern diese Konzepte auf dem Prinzip der Barmherzigkeit beruhen, bedingen sie ja auf der anderen Seite immer auf Armut, setzen Armut sogar als notwendige Bedingung für die Barmherzigkeit voraus.
    Einem solchen Konzept würde ich nicht eine einzige Zeile widmen.
    Beim Potlach geht es um die Ballance zwischen mäßiger gesellschaftlicher Anerkennung bei großem Reichtum, oder großer gesellschaftlicher Anerkennung bei mittlerem Reichtum. Derjenige, der einen Potlach veranstaltet,erwirbt sich ein höheres gesellschaftliches Ansehen dadurch, dass er sich von einem Teil seiner materiellen Güter trennt, indem er sie verschenkt, und sich damit als großzügig erweist.
    Vermutlich fühlt sich aber jemand nur dann zu so einer Tat verpflichtet, wenn innerhalb dieser Gesellschaft traditionell eine entsprechende Erwartungshaltung ihm gegenüber besteht. Hier, in unserer Gesellschaft, in unserer Zeit würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, sein Ansehen auf diese Art und Weise zu verbessern. Es gibt auch von anderen Gesellschaftsmitgliedern diesbezüglich keinerlei Erwartungshaltung. Da wir zu der gleichen Gattung Mensch gehören, wie die Indianer, erklärt sich das aber nur auf der Basis einer anderen Sozialisierung, die wir durchlaufen haben.
    Aber ansatzweise gibt es solche Handlungen auch in unserer Gesellschaft, wo sie aber eher untypisch sind.

  16. #16 | Arnold Voss sagt am 21. September 2011 um 15:58 Uhr

    @ DH

    Du hast recht Dirk. Träumer ist die falsche Kategorie. Visionär wäre wohl passender. Eine Tradition aufnehmen und sie unter neuen Bedingungen weiterführen. Shareware, ist ja mittlerweile ein fester Bestandteil des Internets. Es gibt es sogar eine Plattform, in der man seine Texte und Fotos einstellt und zugleich zum runterladen freigibt. Gleichzeitig unterschreibt, dass man nicht mehr auf ein Copyright besteht, bzw. nur auf das vorschriftsmäßige zitieren bzw. benamen.Damit werden dann auch die professionellen Abmahner unterlaufen.

    Ich finde das ja selber gut. Aber es hat halt Grenzen. Wenn man bedenkt, das hunderte Millionen Menschen durch die Mitgliedschaft bei Facebook autotomatisch und freiwillig der unbeschränkten Fremdverwertung all ihrer dortigen Wort- und Bildäußerungen zustimmen, dann sieht das zwar so aus wie shareware und Open-Source-Community, ist aber in Wahrheit die größte Abzocke aller Zeiten.

  17. #17 | Helmut Junge sagt am 21. September 2011 um 16:17 Uhr

    @Arnold Voß,
    Du schreibst das so locker hin: „Eine Tradition aufnehmen und sie unter neuen Bedingungen weiterführen.“
    Ja, Mann, wenn das immer so einfach ginge. Ich nehme etwas, was mir gefällt, und dann gehe ich hin, verkünde das, und schon rufen alle Hosianna.
    Das klappt so aber nicht. Das sehe ich doch schon an Dir und Dirk.
    Da muß mir wohl noch eine Menge zu einfallen, bevor ich Euch überzeugt habe.
    Wenn Ihr aber überzeugt seid, muß ich den Stefan dazu bringen, hier zu verkünden, daß er freiwillig mehr Steuern abgedrückt hat, als er eigentlich mußte, obwohl das nachweislich gegen seine Grundüberzeugung geht.
    Arnold, das ist mir doch zu schwierig. Das versuche ich erst gar nicht.
    So tief bin ich gar nicht drin, in diesem Traum.

  18. #18 | Arnold Voss sagt am 21. September 2011 um 16:23 Uhr

    @ Helmut Junge

    Ich bin ein unbedingter Befürworter des Privateigentums und halte auch den Markt für ein durchaus freiheitlichen und in vielen Fällen auch fairen Verteilungsmodus. Aber das bedeutet nicht das ich gegen staatliche Umverteilung bin, denn der Markt in Kombination mit dem Privateigentum auch an den Produktionsmitteln ist eben kein dauerhafter Garant für Gerechtigkeit und gerechte, d.h. leistungsorientierte Verteilung.

    Obendrein gibt es nun mal schwächere und stärkere Mitglieder in einer menschlichen Gesellschaft, nicht nur als Individuum sonder auch als organisierte Gruppen und Gemeinschaften. Macht erzeugt in der Regel jedoch noch mehr Macht und viel Geld immer noch mehr Geld. So läuft es nun mal in einer freien Gesellschaft, für die ich eben grundsätzlich bin.

    Das kann man privat durch Schenkung korregieren, mit dem Vorteil, dass man dann genau weiß, wo die Kohle hingeht. Und wenn diese Summen, wie bei den ganz Reichen, in die Milliarden gehen, dann wirkt das natürlich auch wie beabsichtigt. Und oft sogar besser bzw. effektiver als per staatlich vermittelter Umverteilung.Aber die Summen die wirklich gebraucht werden, wird man durch freiwillige Schenkung niemals mobilisieren können.

    Das ist das Konzept der staatlichen Steuern schlicht wirksamer und nachhaltiger, mit allen Fehlern die dieses System nun mal auf Grund seiner politischen und lobbyistischen Beeinflussung hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung