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Essen: Während Chefgehälter steigen muss die Belegschaft sparen

Janina Herff, Rafsgruppe "Schöner Links", Essen

Janina Herff, Rafsgruppe „Schöner Links“, Essen


Unter dem Druck der sogenannten Haushaltssanierung der Stadt Essen haben sich die beiden Verkehrsgesellschaften Mülheims und Essens nach langen Verhandlungen zur Bildung eines gemeinsamen Verkehrsverbunds durchgerungen. Erklärtes Ziel: Geld einsparen. Unsere Gastautorin Janina Herff ist für die Ratsgruppe Schöner Links Ratsfrau im Rat der Stadt Essen.

Geld einsparen: Das, was die Führungsspitze darunter versteht, lässt einem nahezu das Frühstücksbrötchen im Hals stecken. Während der Belegschaft Vergünstigungen wie Familientickets und Jubiläumsgeld gestrichen werden und unbefristete Beschäftigungsverhältnisse in befristete umgewandelt werden, greift die Spitze kräftig zu und erhöht ihre Gehälter auf satte 250.000 Euro plus Versorgungsbezüge. Eine Erhöhung, die über den Daumen gepeilt den Einstiegsgehältern von gleich 10 Busfahrern entspricht.

Die EVAG spricht von der Erhöhung, als sei sie ein „ganz normalen Vorgang“ im Rahmen einer Unternehmensfusion. Die Gehälter der beiden Vorstände seien branchenüblich – die deutliche Fahrpreiserhöhung für die Kunden im Zeichen des Sparzwanges wahrscheinlich auch.

Wer jetzt denkt, dass der deutschlandweit bekannte Kämmerer und Kurvenfeger Lars Martin Klieve und der Oberbürgermeister Tomas Kufen dieses beanstanden, hat sich geschnitten.

Während die einen kräftig in den Fleischtopf greifen, gerät Tomas Kufen in das bekannte Fahrwasser seines Vorgängers Paß, der sich in seiner Amtszeit besonders dadurch hervortat, bei Filz und Kungel gerne mal ein Auge zuzudrücken – und damit in den politischen Fleischwolf.

Oberbürgermeister Thomas Kufen hält die deutlich erhöhten Jahresgehälter der Evag-Vorstände für gerechtfertigt. „Wir haben hohe Ansprüche an den Vorstand und müssen uns bei der Bezahlung daran orientieren, was in der Branche üblich ist.“, so Kufen.

Das ist besonders für die Essener und Essenerinnen, denen seit Jahren immer wieder das Kürzungsmantra vorgekaut wird, ein Schlag ins Gesicht. Aber auch für Angestellte aus anderen städtischen Beteiligungen, wie z.B. der Essener Suchthilfe, die seit Jahren für angemessene Tarifverträge kämpft, dürfte dieses Vorgehen kaum zu verstehen sein.

Kritische Stimmen hört man auch aus der Belegschaft. Die „Stimmung ist mies.“, so Rainer Sauer, Gewerkschaftsvorsitzender.

Und außerdem stellt sich die Frage, was wohl Obersparkommissarin Anne Lütkes dazu sagen wird. Selbst eine marginale Absenkung der Kitagebühren war von ihr beanstandet worden. Matthias Stadtmann, Ratsherr für DIE PARTEI, hat sich wohl die gleiche Frage gestellt und Frau Lütkes gleich mal einen Brief geschrieben. Auf die Antwort bin ich sehr gespannt.

Vielleicht führt der gesamte Unmut und Protest von allen Seiten ja dazu, dass Herr Feller und Herr Bonan ihre Gehaltssteigerung nochmal überdenken und dankend verzichten.

Und eventuell denkt der Oberbürgermeister nochmal selbstkritisch darüber nach, ob es ihm so gut zu Gesicht steht, sich für Unternehmensinteressen instrumentalisieren zu lassen.

Ich persönlich würde ja gerne mal überrascht werden durch ein grundsätzliches Umdenken bei Unternehmensführung und Vorstandspositionen. Mit gutem Beispiel voran zu gehen, könnte ja auch zur Abwechslung mal eine Devise sein. Anstatt des ständigen „Krieg den Hütten und Frieden den Palästen“ einfach mal „Frieden für alle“. Niemand hat etwas gegen faire Bezahlung. Das muss dann aber für die gesamte Belegschaft gelten und nicht nur für eine elitäre Führungsspitze. Frau wird ja nochmal träumen dürfen.

 

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13 Kommentare zu “Essen: Während Chefgehälter steigen muss die Belegschaft sparen

  • #1
    Klaus Lohmann

    Aus dem verlinkten WAZ-Artikel:
    "Die Arbeitnehmervertreter beider Betriebe gehen den eingeschlagenen Kurs mit"

    Was jetzt? Mitgehen oder kritisieren? Lt. Artikel hat der EVAG-Aufsichtsrat der Salär-Erhöhung um 20% und mehr schon "vorweihnachtlich" zugestimmt, also haben die AN-Vertreter doch sicher ein paar Wochen lang Kenntnis davon, oder? "Stimmung sei mies" ist ein Allgemeinplatz, den so ziemlich jedes kommunale Verkehrsunternehmen in DE für sich beanspruchen könnte.

  • #2
    Simon Ilger

    Ich finde einen kritischen Artikel zur Erhöhung der Bezüge der Geschäftsführer von MVG und EVAG wichtig, aber Janina Herff aus der durchaus kruden "Schöner Links"-Fraktion schreibt schon etwas Unsinn: Die Erhöhung entspricht natürlich nicht dem Einstiegsgehalt eines Busfahrers. Es sei denn man bemüßigt sich der äußerst kreativen Rechnung, den Monatslohn eines Busfahrers mit dem Jahreslohn des Geschäftsführers zu vergleichen. Kann man machen, ist aber natürlich albern und keine Kritik, sondern dient einfach zu Emotionalisierung.
    Ansonsten finden sich Allgemeinplätze, die man sonst in Flugblättern pseudoantikapitalistischer Demos und – noch schlimmer – aus DGB-Reden kennt. Eine Anslyse oder Kritik des "privatwirtschaftlichen" OPNV bzw. des Systems nein, Feindbildpflege ja.

  • #3
    Arnold Voss

    Alles richtig Leute, aber Niemand hätte die beiden Chefs daran hindern können in Anbetracht der Gesamtsituation des Unternehmens auf eine Gehaltserhöhung zu verzichten, bzw. damit zu warten, bis die angestrebten Rationalisierungserfolge eingetreten sind. Von Führungspersönlichkeiten dieser Kategorie erwarte ich Augenmaß und Selbstkontrolle. Beides haben die beiden Herren offensichtlich nicht.

  • #4
    Stefan Laurin

    @Arnold Voss: Wundert Dich das? Ausserhalb des VEB-Milieus haben die doch kaum eine Chance. Also greifen sie ab, was geht.

  • #5
    Arnold Voss

    So ist es wohl. Und wenn Kufen das angemessen findet, dann macht er das Spiel mit und wird im Gegensatz zu den beiden Managern auch den politischen Preis dafür bezahlen.

  • #6
    Rambow

    @Stefan: Naja, das stimmt ja so nicht. In der "freien" Wirtschaft stehen ja zumeist Fähigkeiten und Bezahlung im oberen Management auch in keinerlei Relation. Das sind auch die beiden interessantesten Punkte im Artikel. Branchenüblichkeit und Leistungsbezogenheit, die Kufen in seiner Aussage („Wir haben hohe Ansprüche an den Vorstand und müssen uns bei der Bezahlung daran orientieren, was in der Branche üblich ist.“) herbeizitiert, sind beides komplett inhaltsleere Argumente.

  • #7
    Klaus Lohmann

    @Rambow: Als 2 Geschäftsführer (statt wie vorher in der VIA geplant mit 4) mal eben 50% Mitarbeiter mehr zu haben, kann bei einer Fusion nicht unübliche 20% mehr Gehalt wert sein. Zudem ist EVAG-Vorstand Feller Liebling der Arbeitnehmer-Vertreter (http://www.derwesten.de/staedte/essen/michael-feller-wird-neuer-evag-chef-id7664188.html)

    Wenn ein "Konzern Stadt" also Geld verschwendet, dann ist das nicht immer eine reine Management-Untat – was man als Linke/r aber anscheinend gern verschweigt.

  • #8
    Jäckel

    Es ist eine Frechheit hoch 10 , diese Selbstbedienungsmentalität wird zwar von der Politik vorgelebt , ist aber in Zeiten von sparen völlig unangebracht , Vorbildfunktion wäre gefordert , zumal die bisher nichts auf die Reihe bekommen haben ! Würden wir so arbeiten , ginge nix mehr ! Einen ganz faden Beigeschmack ergibt die Zustimmung er Arbeitnehmer Vertretungen dabei , ein Schelm der böses dabei denkt !

  • #9
    Arnold Voss

    Klaus Lohmann # 7
    Klaus, die Menge der Geschäftsführer steht nirgendwo in direkter Relation zur Menge der Mitarbeiter. Höchstens die Anzahl der Beschäftigten in ihrer Führungsstäben/Abteilungen. Ein Gehaltserhöhung mit der höheren Anzahl der Mitarbeiter des Gesamtunternehmens pro Geschäftsführer zu verknüpfen halte ich deswegen für eine gewagte Position. Dann müssten nämlich bei jeder Reduzierung dieser Zahl entsprechend viele Geschäftsführer gehen respektive ihre Gehälter gekürzt werden. Das passiert jedoch in der Regel nicht. Wenn überhaupt blutet neben der Arbeitnehmerschaft das mittlere Management. 🙂

  • #10
    Klaus Lohmann

    @Arnold: Natürlich steht die Anzahl der Mitarbeiter synonym für mehr Umsatz und mehr Personalkosten, für die der GF verantwortlich zeichnen muss. Oder für mehr Arbeit bei der Wegrationalisierung von Personal innerhalb kurzer Zeit.
    Und eins ist noch wichtig: Ein Vorstand oder GF wird bei einer Fusion nicht einfach übernommen, denn da er als Vertreter einer Organisation im Sinne einer juristischen Person gilt und die alte Organisation aufgelöst wird, erhält jeder V/GF eine außerordentliche Kündigung – und dann eben Neuverhandlung eines Vertrags mit wesentlich vergrößertem Verantwortungsbereich. Bei solchen Verhandlungen gibt es kein "soziales Gewissen" oder ein "Lass mal gut sein" unter Kumpels.

  • #11
    Walter Stach

    Ich versuche, mich in aller Regeln Diskussionen über "die gerechte Höhe" von Manager-Gehältern zu entziehen. Das gilt für die sog. freier Wirtschaft. Das gilt für sog.öffentliche Unternehmen einschließlich der kommunalen Sparkassen. Das schließt den Versuch (die Versuchung) ein, die Höhe der Gehälter der Manger in Relation zu setzen zu den Löhnen und Gehältern der Mitarbeiter oder zu Umsatz/Ertrag/Gewinn des Unternehmens.

    Ich neige stattdessen dazu, daran zu erinnern, daß die Manager in der Regel ihr Gehalt -plus….- nicht eigenständig festsetzen, sondern das es festgesetzt wird durch die dafür per Gesetz festgelegten Organe.
    Ich meine infolgedessen, daß diese Organe -ihre Mitglieder-im Streitfall zu benennen und sich ihrer Verantwortung zu stellen haben bzw. zur "Verantwortung zu ziehen sind", also z.B. die Aufsichtsräte durch die Aktionäre oder die Aufsichtsräte /Verwaltungsräte in kommunalen Unternehmen durch das letztendlich zuständige kommunale Organe -den Rat- und dieser wiederum hat sich seiner Verantwortung gegenüber der Bürger-/Wählerschaft zu stellen.
    Die Erfahrung zeigt, daß das Alles in der Regel entweder gar nicht geschieht oder bestenfalls ‚mal spontan , nicht hartnäckig und meistens "morgen wieder vergessen".
    Wäre eine System-Analyse fällig, eine diesbezügliche Systemkritik? Könnte sein. Für mich wäre die jedenfalls sinnvoller, als die gewohnte Kritik an den "gierigen" Managern in privaten und öffentlichen Unternehmen".

  • #12
    Arnold Voss

    Synonym ist aber nicht direkt proportional. Es ist ja auch kein strukturell neues Unternehmen dazu gekommen sondern das gleiche nochmal. Dem Rest stimme ich zu. Aber auch das ändert nichts daran, dass es in diesem Fall mehr Augenmaß hätte geben müssen. Da bin ich dann doch eher bei Stefan (#4).Wobei, wie Rambow (# 6) treffend bemerkt, das auch bei privaten Unternehmen zunehmend vorkommt.

  • #13
    Recherche Rechnen

    Hmm… wie kommt man auf so einen Satz? "Eine Erhöhung, die über den Daumen gepeilt den Einstiegsgehältern von gleich 10 Busfahrern entspricht."…. ich habe ausgerechnet, 20 % Erhöhung = 120 % = 250.000 €, 100 % vorher waren 208.000,– €, Differenz bei 13 Monatsgehältern 3.230 e brutto Erhöhung / Person, was da netto von ist, weiß ich nicht, aber ich komme rechnerisch auf 2 Busfahrer, die einen Job haben könnten, wenn es die Erhöhung nicht gäbe, man möge mich verbessern, wenn es falsch ist, wie ich rechne.

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