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Fabians Eltern

aus der WDR-Dokumentation “Die letzte Loveparade”; Bildquelle: daserste.de

Fabians Eltern haben geheiratet. Neulich irgendwann. Irgendwann im zweiten Quartal. Irgendwo in Lünen, glaube ich. Sie haben geheiratet, nachdem sie 25 Jahre ohne Trauschein zusammengelebt hatten. Nachdem sie gemeinsam ein Kind großgezogen hatten. Ihren Fabi, wie sie Fabian zu nennen pflegten. Fabian hätte im Mai sein Abitur gemacht, vermutlich als erster in seiner Familie. Danach wollte er Elektrotechnik studieren. Daraus ist nichts geworden. Fabian ist letzten Sommer gestorben. Am 24. Juli auf der Karl-Lehr-Straße in Duisburg.

Fabians Eltern sind im Frühjahr umgezogen. Sie konnten es in der Wohnung, in der sie während der letzten achtzehn Jahre gemeinsam mit Fabian, ihrem einzigen Kind gelebt hatten, einfach nicht mehr aushalten. Jede Ecke dieser Wohnung erinnerte irgendwie an Fabi, nicht nur sein Zimmer, das Thomas und Kathleen die ganzen Monate von der Loveparade bis zum Umzugstermin unverändert gelassen hatten. Dort trug sich dieses mit Fabian zu, dort jenes. Dann die Geräusche im Haus, wie immer. Wie immer, wenn Fabian wieder einmal von einer Fete zu spät nach Hause gekommen war, und Kathleen sich Sorgen machte, wo ihr Sohn denn wohl bleibt.

Mütter sind so. Ständig in Sorge, ihrem Kind könne etwas zustoßen. Aber natürlich ist Fabian nie etwas zugestoßen. Irgendwann das Geräusch des Aufschließens der Wohnungstür, Fabian hatte danach den Wohnungsschlüssel ans Schlüsselbrett gehängt, und Kathleen hatte nichts gesagt. Was hätte sie denn auch sagen sollen?! Der Junge war doch fast erwachsen. Es wäre doch albern gewesen, jetzt die keifende Mutti zu geben. Warum auch?! Kathleen konnte jetzt beruhigt einschlafen. Ihr Fabi war wohlbehalten zu Hause.

Irgendwann im zweiten Quartal ist Fabians Geburtstag. 19 Jahre wäre er alt geworden, der Fabian. Aber Fabian ist keine 19 Jahre alt geworden. Er starb mit 18 in diesem Duisburger Scheißtunnel. Er hatte gerade vor abzuhauen. Keine besonders gute Idee; denn im Tunnel knubbelte es sich von allen Seiten. Von Westen und von Osten. Und eben von oben, von diesem alten Bahnhofsgelände, diesem Loveparadegelände. Unten im Tunnel wurde es dann zu eng, viel zu eng, tödlich eng.

Auf Fabians Geburtstag haben seine Eltern geheiratet. Thomas und Kathleen wollten damit zeigen, dass sie einen neuen Abschnitt beginnen. Sie wollten es Fabian zeigen. Sie wollten ihm zeigen, dass sie jetzt umso fester und enger zusammenstehen. Ganz so einfach ist das nicht. Viele Ehen – oder wie in diesem Fall: Beziehungen – scheitern nach dem Tod des Kindes. Thomas und Kathleen sagen, dass ihnen nur der Andere die Kraft zum Weiterleben gegeben habe. Allein hätten sie es niemals geschafft.

Unmittelbar nach der Eheschließung sind sie mit der gesamten Hochzeitsgesellschaft zum Friedhof gefahren – zu Fabians Grab. Die Eheleute haben ein Zeichen gesetzt – zusammen mit allen Freunden und Bekannten der Ex-Familie. Ein Zeichen für Fabian. Doch Tote haben keine Probleme. Fabian hat keine Sorgen mehr. Gewiss hätte er noch länger leben wollen. Mit 18 das Zeitliche zu segnen, ist einfach zu früh. Viel zu früh! Und wenn schon Sterben, dann bestimmt nicht so. Nicht in diesem völlig überfüllten, stinkenden Scheißtunnel in Duisburg. Hilflos in der hilflosen Menge, zerquetscht und totgetrampelt. Es war schrecklich, doch es ist vorbei. Tote haben keine Probleme.

Thomas und Kathleen, Fabians Eltern, haben Probleme. Ob sie es auch weiterhin schaffen werden?! Hoffentlich! Die Eltern all der anderen Verstorbenen haben Probleme, ihre Freundinnen und oder Freunde, ihre Lebensgefährten. Und nicht zuletzt die Hunderte von Überlebenden, die auf der Loveparade zu Krüppel Gewordenen. Diejenigen, die ihr Leben lang nicht mehr ihr Bein richtig bewegen können werden. Und diejenigen, die heute noch nicht – und wer weiß wann – ohne starke Schmerzmittel über die Runden kommen. Und natürlich diejenigen, bei denen rein körperlich alles wieder in bester Ordnung ist, die aber diese Bilder niemals aus dem Kopf bekommen.

Diese Bilder von der Todesangst und die eigene Todesangst. Dieses Sterben und man selbst – im wahrsten Sinne des Wortes mittendrin. Hilflos mittendrin in diesem Unrat und Gestank, in dem 21 Menschen sterben und Hunderte verletzt, teilweise schwer verletzt werden. Diejenigen, die im Tunnel waren, werden dies nie vergessen können. Aber auch wir, die wir uns „nur“ Sorgen gemacht haben um unsere Freunde und / oder Verwandten, werden zeitlebens an die dramatischen Stunden des 24. Juli 2010 denken.

Und natürlich: auch Adolf Sauerland wird den Rest seines Lebens von dieser Loveparade-Katastrophe begleitet werden. Warum ich dies erwähne?! Nun, weil auch Sauerland dies für erwähnenswert gehalten hatte. Das ist alles.

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Über die Geschichte von Fabians Eltern wurde in der WDR-Dokumentation „Die letzte Loveparade“ (Maik Bialk / Eva Müller), die am 13. Juli 2011 um 23:30 Uhr in der ARD gezeigt wurde, berichtet. Die Sendung wird am 20.07.2011 um 20:15 Uhr im dritten Programm des WDR-Fernsehens wiederholt. Meine obigen Notizen über Fabians Eltern sind unmittelbar nach dem Betrachten der Fernsehsendung entstanden.

Zur Diskussion über juristische, politische und moralische Verantwortung ein Blick zurück:
vier Tage vor der Loveparade: Beats per minute, Personen pro Quadratmeter (20.07.2010) zwei Tage vor der Loveparade: Drama im Duisburger Kessel (22.07.2010)

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6 Kommentare zu “Fabians Eltern

  • #1
    Robin

    Das Zimmer eines verstorbenen Kindes so zu erhalten scheint zwar zunächst ein ’normaler‘ Wunsch zu sein, dürfte aus meiner Sicht am Ende aber in der Regel eher problematisch sein. Ich hatte in meiner Kindheit einen ähnlichen Fall in meinem Freundeskreis. Da ist der ältere Bruder eines Freundes von mir bei einem Verkehrsunfall gestorben. Auch dort haben die Eltern das Zimmer des Kinders über Jahre so zu erhalten versucht, wie es das Kind am Unglückstag hinterlassen hatte. Meine Beobachtung war, dass sich das aber eher als Belastung für die ganze Familie hgerausgestellt hat. Natürlich kann man das nicht für alle Fälle verallgemeinern. Aber das ‚konservierte‘ Zimmer, welches quasi täglich für die Rückkehr des toten Kindes bereitgehalten wurde, verhinderte aus meiner Sicht eher einen ’normalen‘ Fortgang der Dinge, als das die ständig aufgefrischte Erinnerung ‚geholfen‘ hätte das Ganze zu verarbeiten. Am Ende ist auch diese Familie dann umgezogen, alledings weil der Vater nach Süddeutschland versetzt wurde, nicht weil man es in der Wohnung ’nicht mehr aushielt‘.

  • #2
    Arnold Voß

    Habe gestern nacht die WDR-Sendung zur Loveparade gesehen. Verdammt harter Stoff. Kaum zum aushalten. Wie muss es den Betroffenen gehen wenn sie dann noch die Nachricht über das verschwiegene Seminar lesen, in dem von Experten vor all den Gefahren gewarnt wurde die sich später zur Realität verwandelten. (Siehe auch Ruhrpilot)

    http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Warnungen-im-Bericht-verschwiegen-id4867817.html

  • #3
    Jessy Rilana Schätzke

    Es muss für die Angehörigen und Verletzten einfach unfassbar schwierig sein, nach diesem provoziertem Unglück wieder wirklich ins Leben zurück zu finden. Nicht nur, dass so ein Trauma schwer zu überwinden ist – wäre ich betroffen, ich könnte nur schwer mit diesem Groll leben, der daraus resultiert, dass unterm Strich immer noch niemand wirklich Verantwortung dafür übernommen hat. Diese Menschen müssen sich verhöhnt vorkommen, weil einfach keine zufriedenstellende Konsequenzen gezogen wurden, wenn man in diesem Fall überhaupt von „zufriedenstellend“ sprechen kann…Und es bleibt spannend, ob und was da noch passiert, und was dann noch alles von der Staatsanwaltschaft kommt. Tragödien sind immer schlimm, aber diese war doch irgendwie abzusehen und keine „höhere Gewalt“. Wie schlimm muss das dort gewesen sein? Ich kriege immer noch Gänsehaut und einen dicken Kloß im Hals, wenn ich diese Bilder sehe. Und ich war nicht dort, auch wenn das nur eine glückliche Fügung war. Wie muss es erst den Menschen gehen, die Kinder, Freunde oder andere Angehörige dort verloren haben? Deren Lieben dort einen qualvollen und völlig verhinderbaren Tod gestorben sind? Oder die für ihr Leben lang gezeichnet sind, und das nicht nur körperlich? Die die Bilder nicht mehr aus dem Kopf kriegen, dass auf ihnen rumgetrampelt wurde, und sie selbst auf anderen rumtrampelten? Die gesehen haben, wie Menschen blau angelaufen und unter ihnen im Müll und Dreck gestorben sind? Man kann die Ausmaße nur erahnen, was das mit jemandem macht. Ich wünsche den Betroffenen zum einen, dass sie irgendwann zu so etwas wie einer Normalität zurück finden, und zum anderen, dass dieses beschämende Sich-aus-der-Verantwortung-ziehen ein Ende hat und die Menschen, die die Schuld tragen, sich auch wirklich dazu bekennen und die Konsequenzen dafür tragen, damit die Betroffenen in Ihrer Verarbeitung auch ein Stückchen weiter kommen und ihre Wut sie nicht weiter auffrisst.

  • #4
    Lothar Evers

    Obwohl ich die Dokumentation gestern gesehen hatte, eine tolle Ergänzung. Hervoragend geschrieben und aufwühlend. Das kann eben nur „print“:
    Danke Werner!

    Eine winzige Anmerkung:
    so weit ich weiss, starb niemand im Tunnel.
    Am Fuss der Rampe vor der Treppe oder (wenige) im Krankenhaus…

  • #5
    Mir

    Warum wird eigentlich nie NRW Innenminister Jäger zur Verantwortung herangezogen, schließlich ist ‚Sicherheit‘ seine oberste Zuständigkeit. Er wurde zur Zeit der Katastrophe zwar gerade ins Amt gewählt, aber seitdem sagt er so gut wie nichts dazu.
    Er muss/sollte doch klare, harte Worte zur Verantwortung sprechen und nicht nur moralische. Vor allem was den Duisburger B.meister angeht.
    Das Unglück geschah schließlich in seinem Kompetenzumfeld, sozusagen ist das seine Hauptaufgabe und -pflicht. Die Folgen muss der Innenminister erklären und vor allem verantworten, nicht nur die Stadt Dusiburg und irgendwelche Verwaltungen oder die städt. Polizei.

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