Flugzeugträger gegen Bedenkenträger

USS Gerald und F18 Ford U.S. Navy photo by Erik Hildebrand Lizenz: Gemeinfrei


Stellt euch vor, ein Mensch, den ihr sehr liebt, ist dabei zu ertrinken. Eine furchtbare Vorstellung. Doch ihr seid in der Nähe und könntet mit einem beherzten Sprung ins Wasser zu Hilfe eilen. Um euch herum stehen allerdings Menschen, die euch dringend davon abraten. Die Strömung sei zu stark, das Wetter zu stürmisch, das Wasser zu kalt, viel zu gefährlich also. Die Rettung könne ohnehin nicht gelingen.

Ersetzt nun den Ertrinkenden durch die von ihren Herrschern geschundenen Menschen im Iran und euch selbst durch jemanden, dem dieses Leid nicht gleichgültig ist. Schon befindet ihr euch mitten in der deutschen Debatte über einen möglichen Krieg gegen das iranische Regime.

Ringsum Politiker und Experten, die dringend abraten oder einen Regime Change aufgrund der Umstände für unmöglich, zumindest aber für höchst unwahrscheinlich halten.

Auch sie sehen, mit wenigen Ausnahmen, das Leid der Iraner, insbesondere das der Frauen. Dennoch warnen sie davor, ihre Peiniger mit militärischer Gewalt zu beseitigen, obwohl selbst Realisten unter ihnen wissen, dass es kaum einen anderen Weg gibt. Der Versuch erscheint ihnen schlicht zu riskant. Oder sie halten den von den USA und Israel ins Auge gefassten Regimewechsel für unerreichbar.

Diejenigen, die eher links stehen, lehnen ihn oft schon aus moralischen Gründen ab. In ihren Augen besitzen die USA und Israel nicht die Autorität, einen solchen Schritt zu unternehmen. Übertragen auf das Bild des Ertrinkenden hieße das: Es gäbe einen Bademeister, der im Gegensatz zu euch die Kraft, die Technik und die Erfahrung hätte, den geliebten Menschen zu retten, aber er dürfte es nicht, weil er beispielsweise früher einmal im Gefängnis war.

Die Experten und Politiker der politischen Mitte geben dagegen zu bedenken, dass der amerikanische Präsident gar nicht genau wisse, was er wolle, und deshalb für eine solche Aufgabe zu unzuverlässig sei. Im Bild gesprochen: Niemand außer dem Bademeister will ins Wasser springen, doch auch er soll es nicht tun, weil nicht auszuschließen ist, dass er kurz vor dem Ziel wieder umkehrt.

Und jene Stimmen, die politisch eher rechts stehen, finden den Krieg gegen den Iran grundsätzlich richtig, wollen sich militärisch jedoch keinesfalls beteiligen. In unserem Bild würden sie dem Bademeister also nicht im Weg stehen, aber sie würden ihm auch nicht helfen, falls er selbst in der Strömung unterzugehen droht und am Ende zwei Menschen ertrinken.

Die ersten beiden Gruppen fallen in den Medien vor allem dadurch auf, dass sie unablässig nach Bestätigungen für ihre Risikoabschätzung suchen und sie natürlich auch finden. Notfalls, indem sie positive Entwicklungen schlicht übergehen, relativieren oder kleinreden, während negative Szenarien ausgiebig ausgemalt werden. Da treten z. B. Experten auf, die gar nicht wissen können, wie viel Munition oder Waffen die Kombattanten tatsächlich besitzen, es aber dennoch mit großer Sicherheit behaupten.

Die dritte Gruppe der ausschließlich verbalen Unterstützer hofft hingegen inständig, selbst nicht in den Krieg hineingezogen zu werden. Deshalb neigt sie dazu, die militärischen Erfolge des Bündnisses zwischen den USA und Israel zu überschätzen. Auch hier wird gern mit Zahlen und Prognosen gearbeitet, meist unkritisch übernommen von eben jenen Kombattanten, obwohl gerade der amerikanische Präsident für Übertreibungen und Unwahrheiten berüchtigt ist.

Alle drei Gruppen verbindet jedoch eines: Die meisten von ihnen sind, abgesehen von warmen Worten, nicht bereit, auch nur eine ernsthafte Hand zur Linderung des Leids der Unterdrückten zu rühren. Und der Grund dafür ist simpel: Die Menschen im Iran sind ihnen letztlich gleichgültig. Man mag empört sein über das, was das Regime seinen Bürgern antut, betroffen ist man selbst jedoch nicht.

Doch was ist mit jenen, die Menschen im Iran kennen, vielleicht sogar lieben? Oder mit denen, die überzeugt sind, dass solchen Menschenschindern auch jenseits persönlicher Betroffenheit endlich Einhalt geboten werden muss? Menschen, denen es nicht um geopolitische Kalküle geht, sondern schlicht darum, dass die Massaker endlich aufhören.

Bleiben wir beim Bild des Ertrinkenden: Wenn ihr selbst zu schwach oder zu ungeübt seid, würdet ihr euch nichts sehnlicher wünschen, als dass endlich jemand ins kalte Wasser springt. Ihr würdet es sogar selbst tun, wenn ihr nur die geringste Chance hättet, es zu schaffen, ganz gleich, wie laut die Warnungen der Umstehenden sind. Denn ohne den geliebten Menschen wollt ihr nicht weiterleben.

In diesem Moment wäre es euch egal, wer die Rettung versucht. Egal, welche Motive er hat. Egal, was er zuvor getan hat oder danach noch tun wird. Entscheidend wäre nur eines: dass es nicht unmöglich ist. Dass es überhaupt eine Chance gibt, selbst eine kleine. Und dass jemand sie ergreift.

Im Falle des Iran stößt dieser Vergleich allerdings an seine Grenzen. Hier geht es nicht um Schwimmkraft und Rettungstechnik, sondern um Feuerkraft und Waffentechnologie und damit zwangsläufig um tödliche Kollateralschäden. Die Schwächung oder gar Zerschlagung der im Namen Gottes mordenden Machtstrukturen des iranischen Regimes ist ohne erhebliche Kriegsfolgen auch für Zivilisten kaum denkbar.

Doch angesichts der zigtausenden Opfer, die dieses Regime in den vergangenen Jahrzehnten im eigenen Land und darüber hinaus zu verantworten hat und angesichts der Opfer, die es künftig noch fordern würde, fällt die Abwägung schwerlich zugunsten des Nichtstuns aus. Vieles spricht dafür, dass es kaum schlimmer, wohl aber besser werden könnte. Zumal die militärischen Strategien der USA und Israels zumindest den Anspruch erheben, zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden.

Hinzu käme eine mögliche mittelfristige Beruhigung und langfristige Stabilisierung der Region. Ein Regime Change im Iran wäre zudem kaum mit dem Irak zu vergleichen. Und selbst dort kann die Bevölkerung heute wieder wählen und die Kurden haben erstmals in ihrer Geschichte eine autonome Region erreicht.

Doch all das überzeugt viele deutsche Bedenkenträger nicht. Denn häufig geht es ihnen weniger um den Iran und seine Menschen als um die Abrechnung mit ihrem tief sitzenden Antiamerikanismus und Antizionismus. Es darf schlicht nicht sein, was sein könnte: dass ausgerechnet die verhassten USA und die „genozidalen“ Israelis den Iran, neben ihren eigenen Interessen, tatsächlich von einem tyrannischen Regime befreien könnten.

Dass die USA in ihrer imperialen Geschichte zahlreiche strategische Fehler und Kriegsverbrechen begangen haben, steht außer Frage. Ebenso aber, dass sie vieles davon selbst aufgearbeitet haben und dass sie Völker von Tyrannen befreit haben. Deutschland hat Letzteres nie getan. Stattdessen hat es den Iran hofiert und technisch hochgerüstet. Gerade deutsche Bedenkenträger sollten das im Gedächtnis behalten.

Auch Israels Krieg in Gaza war zweifellos brutal. Doch ebenso unbestreitbar ist die brutale Strategie der Hamas, Zivilisten als Schutzschilde zu missbrauchen. Ob Israels Vorgehen einen Genozid darstellt, ist bislang vom Internationalen Gerichtshof nicht festgestellt worden, dort läuft lediglich eine Prüfung. Hier sollte, wie woanders auch, die Unschuldsvermutung bis zum Urteil gelten.

Unstrittig hingegen ist, dass der Iran und die Hamas die Vernichtung Israels nicht nur seit Langem propagieren, sondern auch praktisch anstreben. In Israel leben rund sechs Millionen Juden. Der Versuch, sie zu vernichten, wäre nichts anderes als ein zweiter Holocaust. Ihnen zu verbieten, sich mit allen Mitteln dagegen zu verteidigen, ist aus deutscher Perspektive nicht nur geschichtsvergessen, sondern infam.

Auch deshalb sollten sich manche Kommentatoren, etwa aus der linken Presse, mit Belehrungen gegenüber jüdischen Stimmen über den Irankrieg besser zurückhalten. Nicht sie, sondern die Kommentatoren der TAZ z. B. sollten „die Klappe halten“ (siehe die Überschrift in folgendem Artikel: https://taz.de/Zentralrat-bejubelt-Irankrieg/!6159480/). Und auch öffentliche Intellektuelle wie Precht täten gut daran, Maß zu halten. Wer den USA ihre imperiale Vergangenheit vorhält, sollte dasselbe auch bei Russland tun und die eigene deutsche Geschichte nicht ausblenden.

Ob ein Regime Change im Iran gelingt, kann nur die Geschichte zeigen. Unmöglich ist er jedenfalls nicht. Doch sie kann es nur zeigen, wenn der Versuch überhaupt unternommen wird. Oder, um zum Bild vom Ertrinkenden zurückzukehren: wenn sich tatsächlich jemand traut, in das eiskalte und stürmische Wasser zu springen. Das geht im Falle des Irans allerdings nur mit Flugzeugträgern und nicht mit Bedenkenträgern, und es ist gut, wenn ein Land beides hat.

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