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Freiheit ist keine Metapher – Rezension

Freiheit ist keine Metapher

Freiheit ist keine Metapher

Freiheit ist keine Metapher bietet messerscharfe Analysen und formuliert eine Kritik an linken akademischen Zuständen, die längst überfällig war.

Das Thema lag schon lange in der Luft. Kürzlich erst zeigte eine Gruppe Wissenschaftler mit Fake-Beiträgen den alltäglichen Wahnsinn in den akademischen Kreisen der Betroffenheitsfächer auf, wir berichteten. Der kürzlich von Vojin Saša Vukadinović herausgegebene und im Querverlag erschienene Essayband ist da weniger plakativ. Doch in seiner messerscharfen Analyse und kenntnisreichen Kritik ist er wesentlich vernichtender im Urteil.

Auf 498 Seiten und über sieben Kapitel hinweg analysiert ein breites Spektrum erstklassiger Autorinnen und Autoren (darunter auch etliche Ruhrbarone-Gastautoren) ein Aktivistentum und eine linke Wissenschaft, die kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Sie haben den Bezug zur Realität verloren und erschöpfen sich in der Erstellung von Opferhierarchien und der Trivialisierung von Diskriminierung. Und vor allem öffnen sie immer wieder Antisemitismus und der Verharmlosung des Islamismus die Tür.

Die zahlreichen Essays halten durchweg ein qualitativ hohes Niveau. Einzelne Ausreißer nach unten wie Amed Sherwans Ausführungen über den politischen Gehalt seines Gesäßes, der einen etwas ratlos zurücklässt, fallen in der Fülle der hervorragenden Texte kaum auf. Stellvertretend für viele der im Sammelband erhaltenen großartigen Essays sei hier nur der von Panagiotis Koulaxidis genannt. Im Alleingang zerlegt er nach allen Regeln der Kunst auf acht Seiten Judith Butlers menschenfeindliches Ethik-Konzept.

„Freiheit ist keine Metapher“ war längst überfällig. Man kann nur hoffen, dass dieser Essayband die so bitter nötige Debatte über die an sich selbst und der Welt irre gewordene Postmoderne in Wissenschaft und Aktivismus endlich ins Rollen bringt und der Zenit dieser akademischen und politischen Verirrung überschritten ist. Ein Fundament dafür ist mit „Freiheit ist keine Metapher“ gelegt.

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11 Kommentare zu “Freiheit ist keine Metapher – Rezension

  • #1
    Laubeiter

    Dieser Text liest sich für mich wie der Klappentext eines Buches, der lobt ohne zu sagen, was er lobt: "erstklassiger" "durchweg ein qualitativ hohes Niveau" "großartigen" "überfällig"
    Ich finde das Wort zerlegen seltsam in Verbindung mit einer akademischen Debatte und kann an Zerlegen auch wenig großartiges finden. Sind wir hier im Gladiatorenzirkus? Was ist an Butlers Ethik menschenfeindlicher als an Singers oder Haraways oder Appiahs? Für mich liest es sich wie ein Witz, Butler als ein Beispiel für die Schwächen universitärer Forschung in den Geisteswissenschaften zu nennen. Mir scheint manchmal, ihre Philosophie würde mehr deshalb angegriffen, weil sie eine Frau ist, und weniger um ihres Inhalts willen.

  • #2
    nussknacker56

    Natürlich darf man über eine so fragwürdige Ideologin der Frauenbewegung ein paar kritische Worte verlieren. Vor allem, wenn diese der Meinung ist, Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah seien u.a. „Teil einer sozialen Bewegung“. Selbstverständlich fühlt sie sich prompt missverstanden und behauptet sehr wortreich, ihre „Äußerungen seien aus dem Zusammenhang gerissen“. Aber ja doch, belegen ihre sonstigen Aussagen doch das glatte Gegenteil. 😉

    „Mir scheint manchmal, ihre Philosophie würde mehr deshalb angegriffen, weil sie eine Frau ist, und weniger um ihres Inhalts willen.“ Ganz schwache Konstruktion.

    Man könnte über Butler hinweggehen, wäre sie alleine und kein angehimmelter Star in weiten Teilen der Frauenbewegung. Das ist sie leider bei weitem nicht. Es ist beängstigend, wie völlig selbstverständlich massive Teile dieser Bewegung geradezu ein Faible zu haben scheint für Anführerinnen, die eine offene Vorliebe zu totalitären Bewegungen haben.

    Nur ein Beispiel dazu, die Organisatorinnen von women’s march in den USA:
    – Tamika Mallory
    – Carmen Perez
    – Linda Sarsour

    Wer mit deren Vorstellungen keine Probleme hat, sollte beim Wort „zerlegen“ nicht ganz so empfindlich sein.

  • #3
    Laubeiter

    Mein Verständnis von geisteswissenschaftlicher Forschung ist so: Der Wissenschaftler, die Wissenschaftlerin forscht und veröffentlicht das Ergebnis. Die Veröffentlichung wird inner- und außerhalb der Wissenschaft rezipiert. Wenn die von Ihnen genannten Organisatorinnen des women’s march Veröffentlichtungen von Butler rezipieren und in deren Inhalt Positionen finden, durch die sie ihre eigenen Positionen unterstützt sehen, so werden wissenschaftliche Veröffentlichungen in einen außerwissenschaftlichen Zusammenhang gebracht durch Rezipientinnen. Meinen Sie, wenn es Butlers Bücher nicht gäbe oder die anders wären, fielen die women’s marches aus? Andere Frage: Stört Sie das Formulieren von Ideologien an sich oder das Formulieren von fragwürdigen Ideologien?.

  • #4
    Ines C.

    Hab es 🙂 "Freiheit ist keine Metapher" verspricht Einiges an Herbstabend-Lektüre zum Mitdenken!
    Für mich als Frau kann’s gar nicht genug kluge Butler-Kritikerinnen geben, Jungs! Sie hat die Frauenrechtsbewegung okkupiert.

  • #5
    ke

    Ich habe einen naturwissenschaftlichen Hintergrund.

    Spannend wäre für mich bspw. die Reaktion auf meine Behauptung, dass blaue Autos im Strassenverkehr diskriminiert werden. Ich habe erst heute viele Beispiele erlebt und könnte diese auch beschreiben.

    Ich gehe davon aus, dass viele Beobachter sofort mit vielen Beispielen kommen würden, die genau diese These belegen. Was für eine Echo-Kammer!

    Wann beginnt Wissenschaft und welche Ansprüche hat sie an die Prüfung von Erkenntnissen? Ich habe zu oft den Eindruck, dass mein lächerliches Beispiel durchaus in der Realität in abgewandelter Form Realität ist.

  • #6
    Bert

    @ ke

    "Spannend wäre für mich bspw. die Reaktion auf meine Behauptung, dass blaue Autos im Strassenverkehr diskriminiert werden."

    "Blau" wird bevorzugt:

    "Weil die Farbe „blau“ so häufig als Lieblingsfarbe genannt wird, wird dieses Phänomen "Blue-Seven-Phänomen" genannt."

    https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben#Symbolik

    (blaues Auto mit 7-speichiger-Alu-Felge … mal drauf achten)

  • #7
    nussknacker56

    @Laubeiter #3

    Zweifelsohne würde der women’s march auch ohne Butler stattfinden. Mir geht es um die Feststellung, dass die Erkenntnisse einer Philosophin durch deren mehr als fragwürdige ideologische Aussagen in ihrer Aussagekraft und Seriosität von vornherein mit einem entscheidenden Makel behaftet sind. Einzig im mathematischen Forschungsbereich würde ich in diesem Fall eine solche Beeinträchtigung nicht zwingend sehen. Detailfragen zur „Wissenschaftlichkeit“ von Butler überlasse ich ansonsten gerne kompetenteren Personen wie z.B. Alice Schwarzer oder dem oben erwähnten Panagiotis Koulaxidis.

    Butler ist im Übrigen nur ein Symptom für eine Entwicklung, die ihren behaupteten Anspruch auf Humanität auf geradezu absurde Weise konterkariert. Nach wie vor bleibt offen, warum so unheimlich viele Personen aus dieser Szene eine ausgesprochen destruktive und reaktionäre Haltung einnehmen und diese vehement vertreten.

    Um zum Buch zurückzukommen: Hier wird ein dringend notwendiger Versuch unternommen, diesem Weg in den politischen Abgrund Einhalt zu gebieten. Bin gespannt, ob sich für meine letzte Frage darin Hinweise auf eine Antwort finden.

    @Ines
    Ich bin lediglich aufgrund einer Leseprobe auf dieses Buch aufmerksam geworden, werde mir die Lektüre aber in absehbarer Zeit vornehmen.

  • #8
    Bert

    @ nussknacker56

    "… kompetenteren Personen wie z.B. Alice Schwarzer …"

    Comedy vom feinsten !

  • #9
    Wolfram Obermanns

    Butler ist Philosophin. Als solche kann sie selbstverständlich dem Dekonstruktivismus frönen.
    Kritisch wird es, wenn Geisteswissenschaftler ihre spezifischen Methoden und Begriffe auf Naturwissenschaft anwenden. Das ist als Kategorienfehler der klassische Irrtum des Fachidioten, der nicht in der Lage ist, die Grenzen der eigenen Kunst zu definieren.

    Gleiches gilt aber auch für Naturwissenschaftler, das ist u.a. mal wieder ein beliebter Fehler von Evolutions-irgendwas-wissenschaftlern. Wo man die Ökonomie unterbringen will, die wider die historische Faktenlage und den Sachstand der Kognitionswissenschaften von reiner Vernunft der Marktteilnehmer faselte, sei an dieser Stelle jedem selbst überlassen. Die Liste der verhunzten Wissenschaften ließe sich jedenfalls verlängern (Medizin, Ernährung, Bildung, Soziologie, Kosmologie etc.)

    Der Wissenschaftsbetrieb erscheint mir im Hinblick auf eine sinnvolle Selbstverortung im Zusammenspiel von Geistes- und Naturwissenschften, von sciences und arts auf ein Niveau des ausgehenden 19.Jh. gesunken zu sein. Damals fehlten die grundlegenden Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse, heute ist es eine fehlende Allgemeinbildung. Wissenschaft ist eine Technik, die beherrscht sein will und wie jede andere Technik danach verlangt mit den geeigneten Instrumenten angewandt zu werden, sonst wird es schnell fürs Publikum sehr lustig oder richtig schlimm:
    https://www.youtube.com/watch?v=9z77oztO6UQ
    oder
    https://www.youtube.com/watch?v=wovWn2osQlg

    Das Ergebnis heute ist bislang einerseits ein Szientismus, der sinnlos etablierte Methoden verwendet und Bedeutungen beschwört, die gar nicht da sind. Das ist dann wie in der Astrologie, die Wirklichkeit entsteht durch den Glauben an die Prophetie.
    Andererseits sind die Finanzmärkte heute der höchst subventionierte Markt den es jemals gegeben hat und ein Ende der Geldverbrennung ist noch nicht wirklich abzusehen. Gender ist, was den szientistischen Hokuspokus betrifft, nicht unser größtes Problem.

  • #10
    weiter

    Mich interessiert an dieser Debatte, wo sich die Autoren des Buches selbst und ihre Leser sehen. Sind die Autoren selbst Geisteswissenschafter und richtet sich ihr Buch an Geisteswissenschaftler? Geht es im Buch um die Rezeption von Philosophie oder um die Philosophinnen und Philosophen als Personen? Mir leuchtet nicht ein, wie Bücher einer Philosophin Drehbuch die Durchführung von women’s marches zu lesen sind. In meinem Umfeld haben die Frauen jedenfalls trotz philosophischen Deligitimationen der Privilegierung von Männern den Männern die Privilegien noch nicht abgenommen, sondern sitzen bei Aldi seit Jahr und Tag der Kasse und schieben Waren aus dem Lager nach vorn, während die feschen männlichen Azubis die Stationen Kasse und Lager nach an paar Monaten durchlaufen haben und in der Zentrale interessantere und sauberere Aufgaben bekommen.

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