Gauck: Ein heimeliger Zirkelschluss

Joachim Gauck Foto: Kleinschmidt / MSC Lizenz: CC BY 3.0 DE

Ex-Bundespräsident Gauck hat ein Buch geschrieben und damit man es nicht lesen muss, gibt es einen Vorabdruck in der ZEIT. Sachbücher lassen sich ja meistens auf eine Kernthese zusammenfalten, sodass man mutmaßlich mit diesem Ausschnitt einen relevanten Einblick in Gaucks Gedankenwelt bekommt. Und in dieser Welt regiert ein seltsamer Zirkelschluss.

Der Artikel will das Wiedererstarken der Intoleranz erklären. Er beginnt mit Ralf Dahrendorf und jeder Menge weiterem Namedropping. Zunächst spricht Gauck von der Globalisierung und dass sie die Schere zwischen Arm und Reich vergrößere, Arbeitsplätze gefährde. Von dieser wirtschaftlichen Analyse springt er aber schnell zum Thema „Heimat“.

Heimat ist wieder ein Thema geworden. Gleichgültig, wo Menschen nach Gemeinschaft suchen, überall geschieht es aus demselben einfachen Grund: Unter seinesgleichen braucht der Mensch weniger Diskriminierung zu fürchten, weniger Ausgrenzung, weniger Kränkung und weniger Vereinsamung. Unter seinesgleichen fühlt der Mensch sich zu Hause. Und so sucht er ein ihn sicherndes und bestätigendes Kollektiv, das zudem noch Kräfte zur Durchsetzung von Interessen bündelt.

Hier gibt es freilich schon wieder einen Logiksprung, denn Heimat ist nicht gleichbedeutend mit Gemeinschaft. Und ob diejenigen, die wieder nach Heimat schreien, diskriminiert werden, lässt sich ebenso in Frage stellen, wie die Behauptung, dass sie unter ihresgleichen weniger Kränkung und Vereinsamung fürchten müssten. Die AfD punktet gerade in Gebieten, in denen wenig Fremde zu finden sind und dass ihre Wähler gekränkt und vereinsamt sind, mag ich glauben, doch sie sind es innerhalb von Strukturen, die gerade nicht besonders von Diversität, Offenheit und Multikulturalität „betroffen“ sind.

Was ist, wenn sich die Bevölkerung durch Einwanderung zu schnell wandelt und den Einheimischen die Vielfalt zu bunt wird? Schon vor fünfzehn Jahren erklärte der britische Publizist David Goodhart, dass die Progressiven scheitern müssen, wenn sie Solidarität und Diversität gleichzeitig haben wollen. Denn wenn eine Gesellschaft zu divers wird, fühlt sich ein Teil der Bürger im eigenen Land nicht mehr zu Hause, und seine Bereitschaft zum Teilen nimmt ab. Es ist zu befürchten, dass in derartigen Situationen die Intoleranz und nicht die Toleranz wächst.

Ein augenzwinkerndes Sprachspiel: „Die Vielfalt wird ihnen zu bunt“. Wenn man aber weiß, dass das „bunt“ ein Hassbegriff der neuen Rechten ist und wenn man weiß, was diese Leute tun, wenn es ihnen „zu bunt“ wird (nämlich Körperverletzung, Brandstiftung, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, Landfriedensbruch, Totschlag und Mord), dann wirkt Gaucks Zirkelschluss unangenehm verständnisvoll. Ein Zirkelschluss ist es, denn wenn das Vorhandensein von Diversität zu Intoleranz führt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass es die Toleranz nur in der Fantasie gibt. Sobald die zu tolerierenden Menschen da sind, schlägt es dieser Logik nach um.

Für die Weltbürger steht Freiheit an erster Stelle, für die Sesshaften die Sicherheit. Die Weltbürger brauchen die Mobilität, die Sesshaften die Verwurzelung. Und während die Weltbürger mit der Homo-Ehe ebenso wenig ein Problem haben wie mit einem Moscheebau, schätzen die Sesshaften eher die eigene Tradition.

Auch das sind nur scheinbare Widersprüche, die Gauck mit seinem rhetorischen Talent nebeneinander stellt. Wieso bedroht denn die Freiheit die Sicherheit? Weil die „Fremden“ von Natur aus kriminell sind? Weil durch Fernreisen gefährliche Ideen mit zurückgebracht werden? Was hat die Mobilität des Weltbürgers mit der Verwurzelung des Anderen zu tun? Und ganz besonders: Welcher verheiratete Homosexuelle hindert denn irgendeinen Trachtenvereinsvorstand an der Ausübung seiner Tradition?

Die Globalisten hatten gar nicht gespürt, wie ihr Streben nach Selbstentfaltung, nach einem immer individueller zugeschnittenen Lebensentwurf, nach immer höher entwickelten Ansprüchen an Essen, Reisen, beim Designen von Wohnung und nach Aufsprengung traditioneller Geschlechterrollen bei vielen Somewheres auf Befremden, Unverständnis und Widerstand stieß.

Jetzt wird es ganz absurd. Die neuen Intoleranten würden einem Streben nach Selbstentfaltung und individuellem Lebensentwurf wohl gar nicht widersprechen. Sie sind tätowiert, sie geben sich im Falle von alt-Right und Identitären bewusst als Hipster, sie folgen dem Diktat der Konsumgesellschaft genau wie alle anderen. Was soll ein „Sesshafter“ denn gegen gutes Essen oder Wohnungsdesign haben? Perfide wird es aber im letzten Abschnitt. Denn hier setzt Gauck das „Aufsprengen“ von Geschlechterrollen mit Lifestyle-Kosmetik gleich. Das ist ein Schlag ins Gesicht von Menschen mit solchen untypischen Geschlechterrollen, die gerade erst ein wenig Anerkennung erfahren haben.

Weil die einen zu viel Toleranz einforderten, zumal in Bereichen, die für den Durchschnittsbürger keine prioritäre Bedeutung haben, sind autoritäre und intolerante Tendenzen bei anderen geradezu aktiviert worden. […] Wenn die Progressiven zu weit vorauseilen, erst recht, wenn sie die Interessen relevanter Mehrheiten gering schätzen, aktivieren sie die Reaktion.

Hier also noch eimal der Zirkelschluss in seiner ganzen Blüte. Wer Toleranz fordert, verursacht Intoleranz. Aber Toleranz wird ja überhaupt erst in „Bereichen, die für den Durschnittsbürger keine prioritäre Bedeutung haben“ relevant. Es sind ja die Minderheiten, die Ausgegrenzten, die Opfer von Intoleranz werden. Und selbst wenn jemand als Teil der Mehrheit den Eindruck hat, dass die Forderungen dieser Minderheiten übertrieben sind, ist derjenige in der komfortablen Situation, einfach darüber hinweggehen zu können. Es gibt keinen Grund, darauf mit Intoleranz reagieren zu müssen. Wenn einen das so ärgert, dass er mit einer intoleranten Gegenreaktion, mit Gewalt gar, antwortet, dann ist nie eine Bereitschaft zur Toleranz da gewesen.
Auch wenn Gaucks Text anderes suggeriert: Es ist eine Minderheit, die so denkt. Diese Minderheit ist zuletzt unangenehm groß geworden. Sie ist vor allem sehr laut. Das letzte, was es braucht, ist ein Ex-Bundespräsident, der ihren Hass als zwangsläufige Folge des Fortschritts entschuldigt.

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5 Kommentare

  1. #1 | Zero sagt am 14. Juni 2019 um 11:10 Uhr

    Allgemein sollte man sich die Frage stellen ob es nicht besser ist in einem Land zu leben, in dem Leute von überall her hinein wollen, als in einem Land, in dem ein Großteil der Bevölkerung heraus will.

  2. #2 | Arnold Voss sagt am 14. Juni 2019 um 15:34 Uhr

    Er muss in seiner Präsidentenzeit unter den vielen Reisen in fremde Länder und den vielen bunten Menschen die er da getroffen hat sehr gelitten haben. Aber jetzt hat er ja die lebenslange XXL Versorgung und kann endlich bis zum letzten seiner Tage nur noch unter seines Gleichen wohnen.

  3. #3 | Kommentar sagt am 15. Juni 2019 um 12:49 Uhr

    Robert von Cube macht oben deutlich, dass er genau das, wofür Gauck mit seinem Artikel Verständnis schaffen will, nicht verstanden hat. Cube, Gauck und auch ich stehen wahrscheinlich in diesem Konflikt der liberalen, progressiven, weltoffenen, und aus Eigenansicht toleranten Seite viel näher. Gauck versucht die andere Seite der „Traditionslisten, & Sesshaften“ für diese Seite, also für „uns“ , nachvollziehbarer zu machen um endlich eine erste Grundlage für das dringend wieder notwendige „Aufeinanderzugehen“ zu schaffen. Cube aber antwortet darauf mit dem beim „Intellektuellen Mainstream“ üblichen Reflex, den man überspitzt mit „Toleranz? Das sind dich alles Nazis!“ zusammenfassen kann und der zeigt damit, dass auch seine Seite noch nicht verstanden hat, dass ihre Sicht ebenfalls einen erheblichen Teil des Problems darstellt. Mit dieser „Meine Weltsicht ist die Wahrheit“-Mentalität kommen wir der Lösung jedoch keinen Schritt näher. Da hat der Ansatz von Gauck, die andere Seite (z.B. die „Trump Wähler“, „Orban Wähler“, „Brexit Befürworter“ also keinesfalls immer eine Minderheit) besser verstehen zu wollen, bessere Chancen. Wir müssen daran arbeiten, wie man beide Seiten wieder versöhnen kann und dazu ist das „Verstehen wollen“ der Bedürfnisse der anderen Seite der erste Schritt. Lesetipps dazu: „Francis Fukuyama: Identität Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ + „Jonathan Haidt: THE RIGHTEOUS MIND, Why Good People are Divided by Politics and Religion“

  4. #4 | Helmut Junge sagt am 15. Juni 2019 um 19:36 Uhr

    @ Kommentar 3,
    Wer denkt, daß der Gegner besiegt werden kann, denkt so wie Robert von Cube, und wer denkt, daß ein Sieg fraglich ist, denkt eher so wie du oder Gauck. Ich übrigens auch. Meine Sportart, dem Schach, das dem Leben ähnlicher ist als sonsteine Sportart, zeigt mir, daß ein Remisangebot dann sinnvoll ist, wenn ein Sieg fraglich ist, oder sogar unmöglich scheint. Es gibt immer weitere Spiele, die man dann gewinnnen kann. Robert ist ein hochintelligenter Mensch, aber eben kein Politiker. Als Politiker würde er Chancen berechnen. Robert denkt aber vermutlich eher moralisch. Ginge es um Leben und Tod, wäre seine Denkweise gefährlich. Aber das Problem liegt weit unter dieser Schwelle. Darum missioniere ich nicht.

  5. #5 | Kommentar sagt am 16. Juni 2019 um 16:08 Uhr

    Naja, es geht vielleicht nicht um „Leben oder Tod“…langfristig geht es aber immerhin um „Leben oder Tod“ der offenen Gesellschaft. Mit Ungarn, Polen, der Türkei und Brasilien wächst die Zahl der „gefährdeten Gesellschaften“ ständig. Das Problem „unserer“ Seite ist, dass unsere m.E. 100% richtige 1. Überzeugung „Keine Toleranz gegenüber Nazis!“ stillschweigend die 2. Überzeugung einschließt, dass „wir“ jeden in die Naziecke stellen können, der etwas konservativere Ansichten hat als wir selber, zum Beispiel weil er ein traditionelles Familienbild hat, nicht aufgeschlossen für mehr als zwei Geschlechter ist, die arabische Kultur extrem kritisch betrachtet und sich lieber „selber der nächste ist“, als sich selber „die Lösung der Probleme der gesamten Welt“ aufbürden zu lassen. Aus vielleicht 5% „richtige“ Nazis macht unsere zweite Überzeugung dann schnell 50% oder mehr. Indem wir sie so sehen und so behandeln, werden sie es nach und nach wirklich. Und: Mit „Null Toleranz gegenüber traditionellen Weltbildern“ befördern wir nicht gerade „die offene Gesellschaft“, die wir doch eigentlich verteidigen wollen. Ich habe noch nirgendwo eine gute Lösung für dieses Problem gefunden: Wenn wir dem „Drachen“ mit zu viel Toleranz füttern, wächst er, aber wenn wir ihm, durch zu wenig Toleranz, einen Kopf abschlagen wollen, wachsen ihm zwei Köpfe nach. Ein interessanter Beitrag, der aber eher auf der von mir oben kritisch betrachtet Linie von Robert von Cube ist, hier:
    https://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2019/Umgang-mit-der-AfD-Schluss-mit-Verstaendnis,afd2310.html

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