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Gift im Essen – Nein Danke!

Schon unsere Vorfahren mussten sich damit herumschlagen. Und es hört nicht auf: ständig dieses Gift im Essen. Dieses Jahr soll es besonders schlimm werden.

„Hunger. Wenn ich das schon höre!“ Nun ja, so etwas passierte hin und wieder, wenn einer der Kerle miese Laune hatte. Dann brüllte er uns Jungs an: „Hunger. Ihr wisst doch gar nicht, was das ist: Hunger. Wir damals – wir hatten Hunger!“ Und wir wussten auch schon, wie die Platte weiterläuft. Egal. Offenbar war die Gattin gerade nicht da. Einkaufen oder so. Kein Problem: wir gingen einfach ein paar Häuser weiter. Wir hatten nämlich Kohldampf. Kein Wunder: wenn man ein paar Stunden auf dem Bolzplatz Fußball gespielt hatte, dann musste man auch mal etwas zwischen die Rippen bekommen. Genau genommen war das schon ziemlich praktisch. Unser Bolzplatz lag mitten in der Stahlarbeitersiedlung, in der wir alle wohnten. In diesen kleinen Häuschen mit diesen kleinen Vorgärten; und bei einigen war man, wenn man reinkam, direkt in der Küche. Oder die jeweilige Mutter war bei dem gutem Wetter, das wir zum Fußballspielen nutzten, ohnehin im Vorgarten oder Hof – Wäsche aufhängen oder so. Ziemlich praktisch insofern, als dass es galt, nicht allzu viel Zeit zu verlieren. Also riefen wir schon in einer Entfernung, ab der es die von uns auserlesene Mutter hätte hören können, was jetzt an hausfraulichen Pflichten anstand. Wir riefen – wegen der besagten knappen Zeit – einfach „Hunger“, und schon konnte es losgehen mit dem Stullenschmieren.

Mitunter hatte man halt Pech, und Neider hatte man sowieso. Wenn also statt der Stullenschmiererin einer dieser missgünstigen Biertrinker bei seinen nachmittäglichen Reflexionen gestört wurde, fing mit hoher Wahrscheinlichkeit die Dudelei dieser offenbar in allen Haushalten vorrätigen Schallplatte an: „Hunger – dass ich nicht lache! Soll ich Euch mal erzählen, was wirklich Hunger ist?! Aus Kartoffelschalen hatten die Weiber Suppe gekocht. So war das damals! Am schlimmsten war es ja gar nicht im Krieg, sondern nach dem Krieg. Winter 46 / 47. Ach, was rede ich?! Der Hungerwinter 47 / 48, der war schlimm, kann ich Euch sagen. Die Hühner hatten wir ja im Winter zuvor schon alle geschlachtet; da war dann natürlich Essig. Und heute kommt Ihr an und schreit Hunger. Ich will Euch mal was sagen: Euch allen geht es viel zu gut!“ Ja ja. Wie das so ist: auch die schärfste Schallplatte wird, wenn man sie zu oft gehört hat, irgendwann einmal langweilig. Und außerdem hatten wir meistens echt keine Zeit für diesen Scheiß. Wir hatten doch nur eine kurze Fußballpause.

Dennoch: wenn man etwas nur oft genug hört, bleibt eine Menge davon hängen. Unsere Kindheit war deshalb nicht nur ziemlich praktisch, sondern auch sehr lehrreich. Wir lernten, dass das Wort „Hunger“ offenbar zwei zwar irgendwie zusammenhängende, aber doch nicht ganz deckungsgleiche Phänomene beschreiben kann. Einmal das sich mehrmals täglich meldende Primärbedürfnis, etwas zu essen. Ein anderes Mal das vermutlich extrem unangenehme Gefühl, das sich einstellt, wenn man über einen längeren Zeitraum nicht oder nicht hinreichend in der Lage ist, Nahrungsmittel zu akquirieren. Die Ursache des Phänomens Nummer Eins ist ganz natürlich: rennst Du ein paar Stunden über den Bolzplatz, hast Du Hunger. Fertig. Mit der Ursache für das Phänomen Nummer Zwei scheint es sich offenbar wesentlich komplizierter zu verhalten. Klar war – das lernten wir auch aus ganz anderen Zusammenhängen: Krieg taugt nix. Man konnte zum Beispiel auch ziemlich satt sein. Wenn man es aber nicht rechtzeitig in den Bunker geschafft hatte, …

Sie müssen wissen, dass zufälligerweise direkt neben unserer Stahlarbeitersiedlung eine Stahlfabrik stand (und steht). Und weil die während des Krieges naheliegenderweise Rohre für die Panzer gebaut hatte, wurden wir damals ständig angegriffen. Logisch. Dass der Hunger, also der etwas dauerhaftere, kausal auch durchaus etwas mit dem Krieg zu tun haben könnte, leuchtete mir ebenfalls unmittelbar ein. Entweder Kanonen oder Butter, klar. Dass es aber nach dem Krieg mit dem Hunger schlimmer gewesen sein sollte als im Krieg, fand ich dagegen etwas befremdlich. Nur: so hatten es alle Kriegsberichterstatter in unserer Siedlung erzählt. Als ich das dann später auch noch in der Schule unterrichtet bekam, verflog mein Verdacht, dass es sich bei dieser Story einfach nur um dummes Zeug handeln würde. Bis ich mal dahinter kam, dass sich die Alternative Kanonen oder Butter gar nicht so drängend stellt, so lange man andere Leute für sich schuften lassen kann, hat es eine Weile gedauert. Da hatte ich wohl etwas auf der Leitung gestanden. Es hätte mir aber auch mal irgendjemand sagen können. Hatte aber keiner. Komisch eigentlich.

Bei Wikipedia ist unter dem Stichwort „Nachkriegszeit“ zu lesen: „Für später Geborene ist es kaum nachvollziehbar, worüber man alles nicht sprach, nicht einmal in den Familien. Statt dessen gab es – freilich nicht wenig – realen Stoff für Klagen (Kriegsgefallene und nicht heimkehrende Kriegsgefangene, Bombenterror, Flucht und dann Vertreibung, Hunger und Kälte), jedoch mit einem den Besatzungsmächten sofort auffallenden ausufernden Selbstmitleid und großem Unwillen, dasjenige Leid und Elend ins Auge zu fassen, das zuvor das nationalsozialistische Deutschland ringsum und in der eigenen Mitte anderen zugefügt hatte.“ Selbstmitleid hin oder her: das mit dem Hunger (Definition Zwei) war blöd. Außerdem traf die während meiner Kindheit übliche Formulierung „schlimmer als im Krieg“ den Nagel nicht so ganz auf den Kopf. Im Krieg hatten die alten Herrschaften nämlich überhaupt keinen Hunger.

Sie hatten auch eigentlich nie etwas Anderes behauptet; sie hatten bloß einen irreführenden Eindruck erweckt. Bestimmt, damit keiner von uns verwöhnten Fußballspielern einen Verdacht schöpft oder sich gar noch genauer erkundigt. Es durfte nämlich auf gar keinen Fall rauskommen, dass in all den Kriegsjahren Gift im Essen war. Im reichhaltigen Essen der Kriegsjahre steckte die Arbeit der von den Deutschen besetzten Völker, die für ihre nicht bestellte Beglückung horrende „Besatzungsgebühren“ zahlen mussten. Im Essen steckte die Maloche der unzähligen Zwangsarbeiter, die nicht für einen Appel und ein Ei, sondern hungernd für die deutschen Herrenmenschen schuften mussten. Im Essen steckte das Blut der Juden, die vor ihrer Vergasung noch der Vernichtungsarbeit ausgesetzt waren. Jeder hatte – jedenfalls nach dem Krieg – die Bilder dieser ausgemergelten Gerippe gesehen.

So mussten sich unsere Vorfahren schon vor siebzig Jahren mit Gift im Essen herumschlagen. Aber: es hatte damals nichts geschadet. Es scheint auch heute nicht wirklich zu schaden. Und Sie wissen ja: es hört nicht auf. Ständig dieses Gift im Essen. Dieses Jahr soll es besonders schlimm werden. Vermutlich werden diesmal so viele Menschen verhungern wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Die Nahrungsmittelpreise sind förmlich explodiert. 2009 hat – wegen der Weltfinanzkrise – die Zahl der Hungertoten auch schon kräftig zugelegt. Dieses Jahr scheint es dicker zu kommen, wenn man das so sagen darf. Es kommen so viele Faktoren zusammen, nicht nur Kriege. Und auch nicht nur die EU-Agrarpolitik – das muss auch mal gesagt werden! Zugegeben, die Nahrungsmittel sind bei uns so billig, weil sie in Afrika so teuer sind.

Na sicher: wenn die EU ihre Lebensmittelsubventionen einstellen würde, gäbe es hier einen Rabatz, dagegen wäre jetzt der Knatsch in Tunesien einfach nur Kindergarten. Aber in Tunesien verhungert kein Mensch; und was weiter südlich so läuft, wie gesagt: da kommen viele Faktoren zusammen. Außerdem: so billig sind die Nahrungsmittel bei uns nun auch wieder nicht. Wenn die jetzt auch noch teurer werden … Man weiß doch ohnehin schon nicht mehr, was man überhaupt noch essen soll. Essen kann, essen darf. Wenn ich an diese Dioxine denke, die können doch überall drin sein. Ständig dieses Gift im Essen, das hält doch auf die Dauer kein Mensch aus! Sie müssen bedenken, dass wir ja alle ständig älter werden. Da können sich diese Gifte im Körper ganz schön akkumulieren. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Es müsste mal einer kommen und mit diesen ganzen Ganoven ein für allemal aufräumen.

Einmal gab uns eine Mutter, als wir uns über ihren Alten wegen dieser Hunger-Litanei beschwert hatten, den brandheißen Tipp, wir sollten doch statt Hunger demnächst einfach Appetit sagen. Das sei ohnehin gepflegter. Spätestens da war mir der Appetit vergangen. Das brachte immerhin den Vorteil, dass ich alsbald diese Nachkriegshunger-Schallplatte nicht mehr aufgelegt bekam. Da in den 1960er Jahren jeder, der nicht mindestens 20 % Übergewicht auf die Waage brachte, als unterernährt galt, bekam ich fortan etwas ganz Anderes zu hören: „Du musst mehr essen, Junge! Du siehst ja aus, wie ein Biafra-Neger.“

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3 Kommentare zu “Gift im Essen – Nein Danke!

  • #1
    Dieter Carstensen

    Lieber Werner Jurga,

    da ich Jahrgang 1956 bin und aus Waldbröl, Oberbergischer Kreis komme, erinnerte mich vieles in Ihrem Beitrag an meine eigene Kindheit.

    Wenn ich in den Ferien bei meinen Grosseltern in Rendsburg, Schleswig-Holstein war, so mit 6 bis 10 Jahren, wurde der Erfolg meiner Erholung daran gemessen, was ich denn zugenommen hatte.

    Aber war doch klar, meine Grosseltern haben im Krieg fürchterlichen Hunger gelitten und wollten mir als Enkel nur das Beste.

    Der Vater meiner Ex-Verlobten war Stahlarbeiter in der Henrichshütte in Hattingen gewesen, ein Zufall verschlug ihn nach Waldbröl. Er war als Hitlerjunge mit 16 Jahren in den letzten Kriegstagen eingezogen worden, war dann 10 Jahre in russischer Gefangenschaft und muss fürchterlichen Hunger erlitten haben.

    In ihrer Not haben die Menschen in diesen Lagern sogar Ratten gefangen und roh gegessen. Er hat mir das berichtet. Ich habe mal erlebt, wie Hans voller Wut einen Teller mit einem nicht richtig durchgebratenen Kotelett an die Wand schmiss, welches seine Frau gebraten hatte, er konnte einfach nicht anders, nicht weil er seiner Frau böse war, sondern weil all die Gräuel in den russischen Gulags wieder in ihm hoch kamen.

    Gift im Essen hat es übrigens schon immer gegeben. Rechtfertigt bei unserem heutigen Wissen natürlich nicht die Verbrechen der Lebensmittelindustrie.

    Was kaum jemand weiß, Getreidesorten im Mittelalter wurden von einem Sporenpilz befallen und wenn man damit verseuchtes Getreide ass, bekam man Haluzinationen, Krampfanfälle oder starb sogar.

    Die neuere Forschung vermutet heute darin die Ursachen der „Hexenverfolgung“, weil man diesen Frauen und Männern die Schuld an den Vergiftungen zu schob, weil die damaligen Menschen keine andere Erklärung dafür hatten.

    Der Unterschied zu damals und heute ist, dass die Menschen des Mittelalters nicht wussten, was die Ursache ihrer Vergiftungen war und heutzutage die Lebensmittelindustrie aus Profitgier bewusst Menschen vergiftet, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

    Womit ich nicht sagen will, im Mittelalter war es besser, sondern höchstens, leben wir nicht immer noch im Mittelalter, nur technisch etwas besser verpackt?

    M.f.G.

    DC

  • #2
  • #3
    1ng0

    bei uns regiert das dioxin
    drum werde ich nach rio ziehn

    dort stirbt man ehrlich: durch macheten
    von kokssoldaten plattgetreten

    die fußgelenke betoniert
    und dann dem copahai serviert

    mojito wird gemischt mit gift
    der bogenpfeil die lunge trifft

    erschossen mit ner smeth & wisson
    den zuckerhut hinabgeschmissen

    skelett, organe – alles brei
    das zieh ich vor dem tod durch ei

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