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Griechenland Verhandlungen: Guter Bulle, böser Bulle schlägt Spieltheorie

Yanis Varoufakis  in Belgrad Foto: Robert Crc Lizenz: FAL 1.3

Yanis Varoufakis in Belgrad Foto: Robert Crc Lizenz: FAL 1.3

Als Giannis Varoufakis Anfang des Jahres die politische Bühne betrat, schien es so, als ob durch Europa ein intellektueller Ruck gehen würde.  Varoufakis, so konnte man lesen, würde  sich bei den Verhandlungen mit der Europäischen Union an der Spieltheorie orientieren.  Spieltheorie war eines der Felder, auf dem Varoufakis als ausgewiesener Fachmann galt. Das Manager Magazin rätselte im Februar über die “irre Strategie” des damaligen Finanzministers:

Und doch scheint Varoufakis einen großen Auftritt nach dem anderen zu genießen, lacht, lässt seine “Partner” wie Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem wie Tölpel stehen, reist anscheinend ohne das vorher groß angekündigte Konzept zum entscheidenden Finanzministertreffen, verlässt es ohne Einigung über das weitere Vorgehen, geschweige denn einen dringend benötigten Deal, und gibt sich immer noch locker. Das irritiert nicht nur die Verhandlungsgegner, auf deren Entgegenkommen Varoufakis angewiesen ist.
Den Schlüssel zu diesem Auftreten könnte die Spieltheorie liefern, die durchaus auch für ernste Situationen gedacht ist. Darauf ist der Starökonom spezialisiert, er hat Lehrbücher über das Thema geschrieben und in den vergangenen Jahren im Auftrag des Videospielherstellers Valve Software dessen digitale Wirtschaft erforscht.

Varoufakis wurde zum Hip-Intellektuellen, was an sich für einen Mathematiker schon eine große Leistung darstellt.  Naturwissenschaften und Mathematik spielen  in der Popkultur eine viel zu geringe Rolle. Weniger aufregend schien da die Strategie von Merkel zu sein. Es gab keinen intellektuellen Überbau. Die Physikern Merkel und der Jurist Schäuble wirkten im Gegensatz zu  Varoufakis intellektuell eher dröge.

Bis man das Interview mit Varoufakis im New Statesmen liest. Dort beschreibt Varoufakis den Verlauf der Verhandlungen, soweit er sie mitbekam. Schäuble war in den Gesprächen eher hart:

Dr Schäuble, they were very clear. At some point it was put to me very unequivocally: “This is a horse and either you get on it or it is dead.”

Mit Merkel traf Varoufakis zwar nicht direkt zusammen, aber er weiß, was sie zum griechischen Regierungschef Tsipras gesagt hat:

“We’ll find a solution, don’t worry about it, I won’t let anything awful happen, just do your homework and work with the institutions, work with the Troika; there can be no dead end here.”

Sicher ist die Spieltheorie faszinierend und intellektuell eine reizvolle Angelegenheit. Aber auch  Merkel und Schäuble haben in den Verhandlungen gespielt. Das Spiel hieß offenbar Guter Bulle, böser Bulle:

Der „böse Bulle“ sorgt mit scheinbar ungerechtfertigten, heimlich aber beabsichtigten persönlichen Angriffen gegen den zu Verhörenden diesen zu provozieren und zugleich einzuschüchtern oder sogar ihm zu drohen. Dies ist die Grundlage für den Auftritt des „guten Bullen“. Dieser wirkt verständnisvoll, unterstützend und vorsichtig auf den zu Verhörenden ein.

Guter Bulle, böser Bulle war wohl der  Spieltheorie  in diesen Verhandlungen überlegen.

 

 

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16 Kommentare zu “Griechenland Verhandlungen: Guter Bulle, böser Bulle schlägt Spieltheorie

  • #1
    TuxDerPinguin

    Das Spiel schien eher Chicken zu sein. Wo zwei aufeinander zurasen. Wenn keiner ausweicht, sterben halt beide… nur dass Griechenland auf nem Fahrrad saß und Deutschland in nem SUV.

    Merkel und Schäuble haben keine Kompromisse gemacht. Kann man politisch gut oder schlecht finden. Ökonomisch hätte man lieber auf Varoufakis hören sollen. So hätte man die Rückzahlung der Schulden noch am ehesten garantieren können. Für den Bailout, der eine Umschuldung ist, also ein kredit, um vorherige Kredit zu bezahlen, hat Griechenland nicht sonderlich iel in Sachen Investments in die Wirtschaft. Schlecht in Krisenzeiten. Zudem die Reformen umsetzen, von denen paar gut sind, paar wiederum schlecht.

    Die Alternative ist aber wohl noch schlechter für Griechenland.

    Schade, dass es keine Solidarität zwischen Ländern der EU gibt… dass die EU immernoch nicht demokratisch ist, mit seinem schwachen Parlament.. der Euro immernoch nicht sinnvolle Regelungen bekommen hat, die ein stärkeres Zusammenwachsen fördern… die ganzen britischen und amerikanischen Professoren, die sich zu Wort meldeten hatten aber alle Recht: in der jetzigen Form ist der Euro nicht sinnvoll. Ich sehe aber nach dem verhalten von Merkel/Schäuble nicht, dass daran jemand was ändern möchte.

  • #2
    Klaus Lohmann

    @Tux: Keine Solidarität zwischen den EU-Ländern? Hätte Deutschland nicht gegen einen überreizten Schäuble weiter Verhandlungen und den jetzigen Kompromiss möglich gemacht, wäre man sich innerhalb vieler EU-Staaten durchaus solidarisch in der Meinung gewesen, dass die Griechen sofort raus müssen, da man den Schuldendienst an deren Misswirtschaft aufgrund zu vieler eigener Probleme nicht tragen will.

    Dass gerade Amis und Briten einen starken Euro immer wieder gern und wortreich zerreden wollen, ist nun mal in der Weltpolitik-DNA verankert. Ob das nun "Experten" oder Kalle Kleinbürger erzählen, ist dabei unerheblich.

  • #3
    Arnold Voss

    Könnte nicht auf der anderen Seite das gleiche gespielt worden sein? Zipras der gute und Varoufakis der böse Bulle? Nur eben intellektueller und in griechisch? 🙂

  • #4
    keineEigenverantwortung

    Es gibt viele Theorien und viel Kaffeesatzleserei.

    Ich finde die deutsche Verhandlungssstrategie eher schwach:
    – GREXIT war schon früh keine Option, obwohl es sinnvoll sein kann
    – NATO-Staaten außerhalb der EU bzw. des Euros, denen Griechenland so wichtig ist, hätten auch in die Pflicht genommen werden können.
    – Ewiges Verhandeln, statt direkt die Verhandlungen abzubrechen, wenn Partner unvorbereitet oder wenig verständnisvoll sind. Wer bis zum Hals im Wasser steht, seine Hausaufgaben nicht macht und auch vom Verhalten wenig interessiert zu sein scheint, darf eigentlich nicht davon ausgehen, dass die Gläubiger immer wieder die Türen öffnen und Verständnis zeigen.

    Zum Schluss war wohl einfach zu wenig Geld im Automaten, so dass der Vorschlag angenommen wurde.

    Das Vertrauen, was die griechische Regierung zerstört hat, wird die griechische Wirtschaft und den Euro in den nächsten Jahren schwächen.

    Die EU gefällt mir immer weniger. Wir beschäftigen uns nur mit Transfers, statt endlich die außenpolitischen Probleme zu lösen und die Wirtschaft/Einstellung der Bevölkerung konkurrenzfähig zu machen.

  • #5
    TuxDerPinguin

    @2: Viel zu verallgemeinert. Die "Amis", die "Briten"… es ist ökonomische Kultur, dass Professoren aus angloamerikanischen Ländern pragmatischer argumentieren und stärker die Funktion der staatlichen Investments und antizyklischer Steuerung betonen als etwa deutsche Ökonomen.

    Der IWF scheint ja nun nicht bereit zu sein, sich an dem Deal zu beteiligen, weil das ganze nicht nachhaltig ist, ohne Schuldenschnitt. So schlecht ist der Deal, den v.a. die Regierungen aus Deutschland, Finnland, Niederlande und einigen osteurop. Staaten zu tragen haben, die sich am vehementesten gesträubt haben… man muss sich vorstellen wie schlecht ein Deal sein muss, dass es tatsächlich Leute gibt, die einen Grexit empfehlen würden, indem man auch die EU verlassen müsste (laut Rechtsauslegen der EZB), seine eigene Währung einführen etc. pp.

    Von Anfang an haben einige Kreditoren die Verhandlungen blockiert statt konstruktiv zu diskutieren… . Ich muss sagen, wenn die europäische Idee so gelebt wird, ist von der EU nicht viel übrig außer eine große Freihandelszone mit Personenfreizügigkeit. Echt enttäuschend.

    Mal schauen, ob der Deal überhaupt jetzt zustande kommt, wenn der IWF tatsächlich abspringt ohne Schuldenschnitt

  • #6
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @TuxDerPinguin: Mir reicht mittlerweile die EU als Freihandelszone mit Personenfreizügigkeit.

  • #7
    Arnold Voss

    Der Deal wird auch in Griechenland, bzw. im griechischen Parlament durchgehen und Zipras wird trotzdem Ministerpäsident bleiben. Er hat sich durch seine Strategie das Gesicht des Kämpfers für die Rechte der Griechen bewahrt, bzw. es nicht verloren. Merkel hat ebenfalls in Deutschland ihr Gesicht der Sparkommissarin im Interesse des deutschen Steuerzahlers gewahrt. Gesichtswahrung war auf beiden Seiten das innenpolitische Hauptziel bei dem Verhandlungsmarathon.

    Der IWF wird dann über kurz oder lang, spätestens aber wenn sich zeigt, dass die versprochenen Reformen ind Griechenland wirklich umgesetzt werden, zusammen mit den moderaten Euroländern dafür sorgen, dass es auch einen, zumindest teilweisen, Schuldenschnitt gibt. Spätestens dann wird der Euro wieder die alten Höhen erreichen, wenn nicht darüber hinaussschießen.

  • #8
    Klaus Lohmann

    @Tux: Die europäische Idee war von Anfang an eine der weitestmöglichen Nichteinmischung in die nationale Wirtschaftspolitik, deshalb ja auch die No-Bailout-Klausel. Ein Grexit wäre also durchaus "auf Linie", wenn man den Austritt nicht fälschlicherweise rein juristisch genauso unmöglich gemacht hätte.

    Es sind einige EU-Nord-/Westländer, die uns mit ihrer links-folkloristischen Verklärung des griechischen Geröllaltertums und der dort zufällig erfundenen "Herrschaft des Staatsvolkes" den ganzen Quatsch eingebrockt haben: "Dietmar Wischmeyer – Der Grieche" (https://www.youtube.com/watch?v=1LKzxhLFF4Y)

  • #9
    Arnold Voss

    Wenn Tsipras politisch geschickt ist, und das scheint er zu sein, wird er den äußeren Druck auf sein Land ab jetzt dafür nutzen, denn inneren Druck auf die zu erhöhen, die die Teile der Staasreform, die auch er und alle reformbereiten Griechen für richtig halten, zu verhindern suchen. In 10 Jahren wird dieses Land, wenn ihm das gelingt, auf jeden Fall ein anderes sein als heute.

  • #10
    Helmut Junge

    Wenn ich an all die Verrückten denke, die sich unter Tsipras vereinigt haben, glaube ich schon, daß der ein begnadeter Politiker sein muß.

  • #11
    Thorsten Stumm

    @Tux
    "Ich muss sagen, wenn die europäische Idee so gelebt wird, ist von der EU nicht viel übrig außer eine große Freihandelszone mit Personenfreizügigkeit. Echt enttäuschend."

    Enttäuschend….nee super…weil es funktioniert….mehr muss auch nicht….

  • #12
    Klaus Lohmann

    Tsipras ist allerhöchstens ein Hobby-Demagoge, der seine politische Ahnungslosigkeit geschickt mit Dauerpopulismus kaschiert und sich von ungelöster Katastrophe zu ungelöster Katastrophe hangelt.

  • #13
  • #14
    Wolfram Obermanns

    Guter Bulle, böser Bulle,
    dabei habe ich eher an
    Deutschland und Frankreich
    gedacht.
    Die Vorstellung Europa ließe sich, wie hier vorgestellt, von Deutschland aus so einfach dominieren, kommt mir ein wenig wie eine ziemlich krude Fortsetzung altteutscher Allmachtsphantasien vor.
    Taktisch würde jedenfalls eine Aufgabenteilung zwischen Frankreich und Deutschland wesentlich mehr her machen, wenn das Ziel einen Grexit zu vermeiden, allen vorher bekannt ist, und gleichzeitig ein Ergebnis her muß, daß die Gläubiger bei Laune hält.

  • #15
    leoluca

    Der deutsche Finanzminister ist Teil jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft – das die Bundeskanzlerin nun als ihren Erfolg einfährt.

  • #16
    leoluca

    Dass Angela Merkel in der Griechenland-Entscheidung einen Reputations-Erfolg einfährt – diese These nehme ich hiermit zurück.

    Derzeit stellt sich das Gegenteil heraus: Der europäischen Idee, nach der die gemeinsame Währung eine entscheidende Basis für den Integrationsprozess in Europa ist, wurde am letzten Wochenende nachhaltig geschadet und dafür wird Merkel selbst in Deutschland und in Europa sowieso von Tag zu Tag mehr und zurecht verantwortlich gemacht.

    Die Spannungen zwischen den Nord- und Süd-Ländern sind kaum noch auszugleichen. Die Krise in Griechenland hat sich zu einer Krise der gesamten Euro-Zone ausgewachsen und selbst das deutsch-französische Paar arbeitet inzwischen unübersehbar gegeneinander.

    Dafür trägt Angela Merkel die Verantwortung. Dass Griechenland überhaupt die Chance bekommen hat, im Euro zu bleiben, hat es Frankreich zu verdanken. François Hollande hat europäische Interessen über nationale gesetzt und damit verhindert, dass Deutschland den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, den Grexit, durchsetzen konnte.

    Die Bundeskanzlerin hat am Ende zwar in der Not Hollande nachgegeben, der öffentlich den Austritt Athens aus der Währungsunion ausgeschlossen hatte, und sich nicht auf die Seite des Bundesfinanzministers geschlagen, der Athen aus der Währungsunion herauskaufen will.

    Doch Schäuble hatte seine Position mit Merkel abgestimmt. So ist das Vertrauen darauf, dass Merkel europäisch denkt und nicht national, ziemlich erschüttert. Der Vertrauensverlust in Merkels Führungsrolle ist das eigentliche Debakel für Europa und den Euro.

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