„Ich hoffe auf den Frühling und einen Sieg der Ukraine“

Natalia arbeitet für ein Ministerium, das sich um den Wiederaufbau und jetzt auch die Notstromversorgung kümmert. Foto: privat

Interview mit einer tapferen Ukrainerin, die mit ihrer Tochter und ihrem Mann in Kyiv trotz der russischen Terrorangriffe auf die Energieversorgung ausharrt, über das Leben vieler dort ohne Heizung und Strom und ihre Erwartungen an Deutschland

Wie kalt ist es derzeit in Kyiv?

Natalia: Die Temperaturen haben sich auf fünf bis sieben Grad unter Null erhöht. Davor lagen sie bei bis zu 20 Grad minus.

Russland hat die meisten Kraftwerke in ihrem Land zerstört, sodass viele seit Wochen ohne Strom, Heizung und Wasser sind. Wie ist die Situation bei ihnen?

Natalia: Unser Haus war 10 bis 12 Stunden pro Tag ohne Strom. Dank einer Notstromversorgung, die wir mit Miteigentümern gekauft haben, haben wir jetzt 5 bis 6 Stunden Wasser und Heizung, wenn die Versorger liefern können. Das Mehrfamilienhaus, in dem eine Kollegin wohnt, hat weniger Glück – dort wird es bis zum Ende der Heizperiode keine Zentralheizung geben. Und es sind viele Rohre in den Häusern geplatzt. Die Situation ist schrecklich.

Können Sie kommunizieren? Funktionieren Internet und Telefon?

Natalia: Ja, wir haben Internet und Mobilfunk. Die Anbieter von Kommunikationsdiensten stellen Internet über Glasfaserleitungen zur Verfügung, und das Notstromsystem unserer Wohnung sorgt für die Verbindung.

Lange Zeit gab es nur wenige Angriffe auf Kyiv. Jetzt schickt Russland jeden Tag und jede Nacht Bomben und Drohnen, so heftig wie nie seit der Invasion 2022. Befürchten Sie, dass die Ukraine den Krieg verlieren könnte?

Natalia: Ich liebe die Ukraine, ich bin hier geboren, aufgewachsen, habe hier studiert, mich beruflich weiterentwickelt und mich so weit wie möglich für die Gesellschaft engagiert. Deshalb versuche ich, nicht daran zu denken, dass die Ukraine diesen brutalen Krieg verlieren könnte.

Denken Sie darüber nach, Kyiv angesichts der Lage mit ihrer Tochter zumindest für eine Weile zu verlassen?

Natalia: Bisher habe ich nicht darüber nachgedacht, da wir in Kyiv leben, arbeiten und meine Tochter sogar während des Krieges zur Schule geht.

Hunderttausende Menschen haben die Stadt verlassen, nachdem Bürgermeister Klitschko dazu aufgerufen hatte. Wohin sind sie gegangen, zu Freunden und Verwandten?

Nalia: In meinem Bekanntenkreis bleiben alle. Daher kann ich nicht sagen, wer wo aus Kyiv hingegegangen ist.

Hier in Deutschland haben viele erwartet, dass aufgrund der anhaltenden Bombardierungen und der schwierigen Situation erneut viele Ukrainer aus ihrem Land fliehen würden. Aber sie tun dies nicht, im Gegensatz zur Zeit nach der vollständigen Invasion. Warum?

Natalia: Ich kann nur für mich sprechen. Ich haben 2022 für mich entschieden, mit meiner Familie zu bleiben und das Land höchstens für ein paar Tage oder zwei Wochen Urlaub zu verlassen. Daran hat sich durch die neuen Bombardierungen nichts geändert.

Haben sie sich an den Krieg gewöhnt? Ist das überhaupt möglich?

Natalia: Nein, ich habe mich nicht an den Krieg gewöhnt und werde mich auch nie daran gewöhnen. Für mich und alle anderen Ukrainer ist das unmöglich.

Derzeit finden zwischen der Ukraine und Russland direkte Verhandlungen unter Vermittlung amerikanischer Regierungsvertreter statt. Hoffen Sie, dass der Krieg dieses Jahr endet?

Natalia: Ich würde mir sehr wünschen, dass der Krieg 2026 mit einem Sieg der Ukraine endet.

Putin fordert, dass ihr Land den gesamten Donbass aufgibt. Sind sie dafür, dass die Regierung dies tun sollte, um die Bombardierungen, Kämpfe und das Töten und Sterben zu beenden?

Natalia: Das ist für mich eine schwierige Frage, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe.

Unterstützen andere Ukrainer eine Gebietsaufgabe?

Natalia: In meinem Umfeld wird diese Frage nicht diskutiert.

Deutschland ist der größte europäische Waffenlieferant der Ukraine, nachdem Trump die Lieferungen aus den USA gekürzt hat. Wünschen sie sich, dass die Bundesregierung auch den Taurus liefert, wie Bundeskanzler Merz versprochen hatte, um Waffenfabriken und Kommandostellungen tief im Inneren Russlands zu zerstören?

Natalia: Ich hoffe, dass Deutschland in diesem Krieg ein Partner der Ukraine bei der Lieferung von Waffen bleibt.

Zu Beginn des Krieges 2022 konnte ihre Tochter wegen der Bomben und Scharfschützen das Haus nicht verlassen. Wie ist ihre Situation jetzt? Was denkt sie über ihre Zukunft?

Natalia: Derzeit lernt sie online, wegen der Wetterbedingungen und weil es im Moment unmöglich ist, die Heizung in ihrer Schule wieder in Betrieb zu nehmen. Sie will später ihre Ausbildung in der Ukraine fortsetzen. In Freiheit. Die Ukraine ist auch ihre Heimat. Die lassen wir uns nicht nehmen.

Sie arbeiten wie ihr Mann für die Regierung. Was ist ihre Aufgabe?

Natalia: In meinem Ministerium kümmern wir uns um den Wiederaufbau und die Bereitstellung von Wohnraum für Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben. Im Moment ist unsere dringlichste Aufgabe, die Häuser, in denen Menschen leben, mit zusätzlichen Stromquellen zu versorgen.

Was sind Ihre Hoffnungen für die nächsten Tage und Wochen?

Natalia: Ich hoffe, dass ich weiter produktiv arbeiten, meine Familie umarmen und meiner Tochter ein wenig Freude in Form von Leckereien oder Spielzeug bereiten kann. Und für die nächsten Wochen hoffe ich, dass es in der Ukraine wärmer wird und langsam, aber sicher der Frühling Einzug hält.

(Das Interview erscheint in der christlichen Zeitschrift Publik-Forum)

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