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Das Auge hört mit – „Insomnia live“ im Zeiss Planetarium Bochum

Die Kuppel des Planetariums setzt Kai Schumachers stark visuell geprägte Grundidee zum Album "Insomnia" mit Bildern des Berliner Videokünstlers Marco Moo in Szene (Foto: Marco Moo)

Die Kuppel des Planetariums setzt Kai Schumachers stark visuell geprägte Grundidee zum Album „Insomnia“ mit Bildern des Berliner Videokünstlers Marco Moo in Szene (Foto: Marco Moo)

So ein Nachthimmel war im Bochumer Zeiss Planetarium bisher noch nicht zu sehen. Ab Samstag nutzt der international bekannte Pianist Kai Schumacher Kuppel und Lautsprecheranlage für fünf Aufführungen seines Albums „Insomnia“ als 3D-Klangerlebnis in einer abstrakten Video-Bildwelt.

Die perfekte Nacht: Gegen 12 Uhr werden in der Bar die ersten Stühle hoch gestellt. Man geht also, taumelt etwas ziellos hin und her, ist in Gedanken versunken. Äußere Einflüsse kommen dazu – Worte, die man aufschnappt, und die Lichter der Stadt. Man wird mitgerissen. Sinkt in diesen Schwebezustand – Traum oder Wirklichkeit? Und dann im Morgengrauen kommt man doch glücklich wieder zu Hause an.

Diese Nacht hatte der Folkwang-Dozent als Idee für sein Album „Insomnia“ im Kopf. „Ein paar Themen wecken einfach Bilder bei den Leuten: Liebe, Tod, Nacht. Und für mich war es eben dieses Nacht-Thema, weil ich ein absoluter Nachtmensch bin.“ Ein paar Nocturnes zusammenzustellen, reichte Schumacher daher nicht aus. Amerikanische Zeitgenössische Musik sollte eine Art Soundtrack werden, dramaturgisch gestaltet nach seiner Vorstellung von einer traumhaften, schlaflosen Nacht.

„‚Insomnia’ holt einen nun mit Gershwin vertraut ab. Führt über Cage, Crumb, Broening, Belet in immer abstraktere und psychedelischere Sphären, um am Ende bei Stark wieder auf Gershwin zurückzukommen.“ Die 360°-Lautsprecheranlage des Planetariums wird dabei voll ausgenutzt. 60 Kanäle vermitteln dem Besucher, das Zentrum des Klangs zu sein: „Man nimmt den Klang um sich herum wahr und nicht nur links/rechts wie beim Stereosystem.“

Dieser Film zu dem Soundtrack, der schon existierte

Daneben ist die Bochumer Kuppel auch unverzichtbar, um die stark visuell geprägte Grundidee mit Bildern des Berliner Videokünstlers Marco Moo in Szene zu setzen: „Was wir jetzt im Planetarium zeigen, könnten wir durch eine normale Projektion auf eine Fläche nicht wiedergeben.“ Dass Hörer, die „Insomnia“ bereits kennen, ihre eigene Idee von der perfekten Nacht nicht wiederfinden, ähnlich Lesern, die von der filmischen Umsetzung eines Romans enttäuscht werden, glaubt Schumacher nicht. „Also dieser Film zu dem Soundtrack, der schon existierte, ist an Club-Kultur angelehnt.“ Das Video von Moo arbeite viel mit geometrischen Figuren und bliebe sehr abstrakt, reale Bilder gäbe es nicht.

Was es aber gab, war eine Art Drehbuch: „Wir haben uns gefragt, wo die Stellen sind, die zwischen Musik und Video auf die Sekunde stimmen müssen. Und wo fließt die Musik, dass Atmosphäre geschaffen werden muss?“ Außerdem hätten Moo und er die Struktur der Musik auf die Bilder übertragen. „Wenn Leitmotive sich wiederholen, müssen sie auch visuell wiederkommen. Das Auge hört auch mit.“

Die Wahrnehmung verändern

Das Album „Insomnia“ erschien 2015 auf dem renommierten Label Hänssler Classic. Bei den Studio-Aufnahmen wurde zwar mit Sound-Effekten gearbeitet, 360°-Raumklang gibt es aber nur live: „Neben der Stereo-CD hätten wir ‚Insomnia’ in 3D bloß als Download anbieten können. Es wäre auch nur über Kopfhörer hörbar gewesen und hätte durch die völlig andere Produktionsweise die Kosten verdoppelt.“

Das 3D-Klangbild, das er sich vorgestellt hatte, konnte Schumacher auf Konzerten in kleinerem Rahmen schon dank Sound Designer Jonas Gehrmann verwirklichen: „Das ist eine feste Einstellung, ein Preset. Durch die spezielle Audio-Software, die uns für ‚Insomnia’ zur Verfügung gestellt wurde, lässt sich die Anzahl der Klangquellen auf verschieden Räume relativ einfach umrechnen.“ Beim Release-Konzert in Berlin seien zum Beispiel zwölf Lautsprecher verwendet worden, kreisförmig um das Publikum aufgebaut.

Neben dem Ton lenkt Gehrmann auch die Klangliebe des Duisburger Pianisten in die richtigen Kanäle. „Natürlich sage ich: Wir haben bei diesem Stück 40 Einzelspuren, ich will die erste Spur frontal. Die fünfte Spur soll aber nur Mono langsam von einer Seite rüberkommen.“ Gehrmann entscheide jedoch, ob das technisch so funktioniere. Aber auch manchmal, wo es zu reinem Selbstzweck werde. Dann wird auf ein Klangspiel verzichtet, denn Reizüberflutung ist nicht Schumachers Ziel: „Ich möchte die Wahrnehmung ändern, dass Neue Musik zwangsläufig atonal sein muss und unhörbar, total verkopft und kompliziert. – Denn so ist es ja nicht.“

 

Termine : 20.02. um 21 Uhr sowie 25.02., 28.02., 03.03. und 06.03. jeweils um 20 Uhr
Zeiss Planetarium Bochum, Castroper Str. 67, 44791 Bochum
VVK 16,- Euro regulär und 12,- Euro ermäßigt hier

Die 360°-Lautsprecheranlage des Planetariums vermittelt dem Besucher durch 60 Kanäle das Zentrum des Klangs zu sein (Foto: Emelie Wendt)

Die 360°-Lautsprecheranlage des Planetariums vermittelt dem Besucher durch 60 Kanäle das Zentrum des Klangs zu sein (Foto: Emelie Wendt)

 

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