„Kinder des Teufels“: Weltkirchenrat badet im Hass auf Israel. Für evangelische Kirchen wird es Zeit, den Laden zu verlassen

 

„Parade of Palestinian Mujahideen prepared to carry out martyrdom operations in the territory of the Zionist entity“ by Hadi Mohammad 2011 cc 4.0

Eben erst hat er Israel als ein „System der Apartheid“ dämonisiert, jetzt legt der World Council of Churches mit einer „World week“ nach. Die Texte: Agitprop mit frommem Flair. „Apartheid“, „Genozid in Echtzeit“, „nie endende Nakba“, das Hohelied des Hasses. Über Hamas kein Wort, auch keines an eine inner-palästinensische Opposition. Israel wird theologisch geplündert und dann  –  im Wortsinn  –  verteufelt. Die Kirchen in Deutschland setzen auf „Dialog“. Über was, über Gott?  

Höhere Weihe für Hass: Kirchen weltweit sollen kommende Woche eine „World Week for Peace in Palestine and Israel“ abhalten. Die Weltwoche ist Herzstück einer Kampagne, die der Weltkirchenrat (World Council of Churches, WCC) seit 2007 fährt. Man wolle „Zeugnis ablegen“, heißt es, und „Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen dazu ermutigen, für ein Ende der Unterdrückung durch Israel zu beten“, dann könnten alle „in Frieden leben“.

Das Wort Terror taucht in keinem der Texte auf, die der WCC vorgibt, um nachgebetet zu werden. In keinem die Hamas, nicht die Massaker von 10/7, nicht die Geiseln, die in Tunneln zu Tode gefoltert werden. Nirgends der Hinweis darauf, dass das Leiden seit langem ein Ende hätte, wären die Geiseln freigegeben, die Waffen niedergelegt, dem Terror abgeschworen worden. „We will not stop resisting“ lässt der WCC beten und „our history“ 1948 beginnen, dem Jahr, in dem die israelische Demokratie gegründet worden ist.

Das sei die „Nakba“ gewesen, „die Katastrophe“, wie es in den „Prayer Reflections“ des WCC heißt: „Nakba has never ended“. Um den Sound einmal vorzuspielen: „Nakba“ sei „jedes Mal, wenn Olivenbäume entwurzelt werden. Der Völkermord in Gaza heute“  –  für den WCC so zweifelsfrei wie die Erde flach  –  „ist Teil derselben langen Geschichte von Vertreibung, Unterdrückung und Verlust.“

Im Juni hatte sich das Zentralkomitee des WCC vollends dem Programm des BDS, der Hetzkampagne gegen Israel, verschrieben. Fürs bundesdeutsche Publikum hatte der Vorsitzende des Zentralkomitees, der vormalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sich vorsichtig von dem Beschluss distanziert, ihn aber mitgetragen. „Nicht leichten Herzens“, wie er in Die Zeit schrieb, es müsse möglich sein, „sachlich über die Apartheid-Frage zu diskutieren“. Für die Kirchen der EKD hatte sich Kirsten Fehrs, amtierende Ratsvorsitzende, dagegen deutlich abgesetzt vom WCC-Erlass, der Apartheid-Begriff, so Fehrs, sei „sachlich falsch“.

Jetzt legt der WCC nach, ein Schlag ins Gesicht der EKD: „Apartheid“, so der WCC, sei „the accurate way of describing“, dieses „System“ herrsche bis hinein in die „double standards at the Knesset level“. In der Knesset, dem israelischen Parlament, stellt Ra’am, die Vereinigte Liste der arabischen Parteien, die drittstärkste Fraktion, von Mitte 2021 bis Ende 2022 war sie Teil der israelischen Regierung.  Nein, erklärt der WCC, Palästinenser seien „silenced“, zum Schweigen gebracht, man selber sei prophetisch unterwegs, sei Stimme der Unterdrückten.

Eine bizarre Propheten-Pose, in die sich der WCC wirft, Silenced-Hamas hat längst und lauthals die Öffentlichkeit für sich gewonnen weltweit. Während im WCC selber Putins Kirche sitzt, die russisch-orthodoxe, eine Expertin in dem Fach, wie sich Wahrheiten nachplappern lassen.

Was dabei für die Kirchen der EKD  –  20 Landeskirchen gesamt, die rheinische ist die zweit-, die westfälische die drittgrößte  –  was für sie entscheidend ist: wie der WCC die Bibel plündert, um Israel zu verteufeln. Klassischer Antijudaismus, mit zeitgenössischem Israelhass vertäut. Ein paar Beispiele (falls es zu theologisch wird, einfach fünf Abschnitte überspringen):

Schabbat? „No specific reason“

Die „World Week“ des WCC beginnt am 20. September, einem Schabbat. Warum am jüdischen Ruhetag, dem letzten Tag der Woche? Haben wir den WCC gefragt, Antwort: „No specific reason.“ Tatsächlich lässt sich nicht deutlicher machen, mit wem man es nicht zu tun haben möchte, wenn es, wie der WCC behauptet, um „beide“ gehe, Palästinenser wie Israelis. Auch in den Texten des WCC, die dessen „World Week“ vorbereiten, ist an keiner Stelle von Dialog die Rede: Israel sei ein „System“, ein Jude kein Gesprächspartner.

„We must give account“

Stattdessen wird ein eigenes „Wir“ konstruiert, das Motto der „World Week“ lautet: „We must give account“, wir müssen Rechenschaft ablegen, das Text-Fragment stammt aus dem neutestamentlichen Hebräer-Brief. Einem jüdisch-christlichen Text: In ihm ist jenes „Wir“, das der WCC reklamiert, das von Juden, die einen Juden für ihren Messias halten. Im Kontext des 4. Kapitels, aus dem sich der WCC bedient, geht es um ausschließlich jüdische Generationen, ausschließlich jüdische Erfahrungen und darum, wie sie  –  unklar, ob vor oder nach dem Jahr 70, als die Römer den Tempel in Jerusalem zerstört haben  –  in ihre Gegenwart sprechen.

In der kirchlichen, der heiden-christlichen Auslegung des Hebräer-Briefes, wurde diese innerjüdische Reflektion immer wieder in ein Gegenüber von Juden und Christen gekehrt. Und dann auf je zeitgenössische Juden umgelegt. Beispiel Martin Luther, in seinen Vorlesungen über Hebräer nimmt er den Text, den der WCC bemüht, als Beleg dafür, dass „die Juden heute in ihrem Unglauben verharren und erkennen Christus nicht an“. Oder Thomas von Aquin, 13. Jahrhundert, der in seinem Kommentar zu der Passage erklärt, dass „die heutigen Juden außerhalb der göttlichen Gnade bleiben“. So nun auch der WCC, auch er denkt das Wir des jüdisch-christlichen Textes judenfrei.

„Ihr habt den Teufel zum Vater“

Und geht aufs Ganze, der WCC baut einen Gottesdienst für seine „World Week“ und baut ihn rund um die prekärsten Verse überhaupt im griechischen, dem Neuen Testament: Johannes-Evangelium, 8. Kapitel. Wieder ist es ein innerjüdischer Disput, Jesus, pharisäisch geschult, disputiert mit anderen Pharisäern: „Ihr sucht mich zu töten“, lässt Johannes seinen Jesus behaupten, „denn mein Wort findet bei euch keinen Raum.“ Die Logik dieses Satzes: Weil er andere nicht überzeugen kann, darum wollen sie ihn töten. Der Bochumer Neutestamenter Klaus Wengst spricht von einer „unterstellten Tötungsabsicht“, die später  –  im Johannes-Evangelium selber  –   widerlegt werde. Aber eben erst später, nicht in der Passage, die sich der WCC gefischt hat: Heute, schreibt Wengst  –  sein Kommentar zum Johannes-Evangelium gilt als Goldstandard  –  „verbietet es sich in jedem Fall, diese Unterstellung nachzusprechen“. Sie entwickele eine Logik, „die sofort zur Verteufelung der Gegenseite führt“. Wie in dem anschließenden Vers, den der WCC als Evangelium lesen lässt, als gute Nachricht: „Ich rede, was ich von meinem Vater gesehen habe“  –   mit ich ist Jesus gemeint, mit meinem Vater Gott  –  „und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.“

Hier bricht die Lesung des WCC ab. Wer euer Vater sei, bleibt ungesagt, aber nur scheinbar in der Schwebe. Die Auflösung, die kurz darauf folgt, ist allzu bekannt: „Ihr habt den Teufel zum Vater.“

Verse mit übelster Wirkungsgeschichte[i], in sie reiht sich der WCC ein: Dass Juden „Kinder des Teufels“ seien, müssen Weltkirchen nicht eigens erwähnen, um es weltweit abzurufen. Sie nutzen eben das für sich, was Wengst eine „zwanghafte Logik“ nennt, „wir dürfen sie in keiner Weise nachsprechen“. Der WCC spricht nach. Und lässt vorlesen. Anschließend „Alleluia“.

„Dann werden die Steine schreien“

Auch Lukas 19 ist wieder dabei beim Bibel-Hopping, Vers 40: „Wenn die Jünger Jesu schweigen, dann werden die Steine schreien.“ Gemeint seien damit „the silenced voices of Palestinians in Jerusalem, West Bank, Gaza, and inside Israel“, deutelt der WCC, und überall würden die Steine „Widerstand symbolisieren“. Im unmittelbaren Anschluss geht es bei Lukas darum, dass Jerusalem  –  die Stadt steht für Israel  – „dem Erdboden gleichgemacht“ werde, mehr zu diesem Khamenei-Sound hier.

„System der Apartheid“

Weiter im WCC-Gebetsprogramm: Proverbien 17,15  –  „Der HERR verabscheut es, wenn der Schuldige freigesprochen und der Unschuldige verurteilt wird“  –  und Jesaja 5, 20: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen.“ Auch in diesen beiden Versen geht es um eine rein inner-jüdische Kritik, die der WCC jetzt, rund zweieinhalb Jahrtausende später, auf Israelis versus Palästinenser umlegt. In eine manichäische Welt hinein, das „System der Apartheid“, von dem der WCC spricht, ist das, was er selber erschafft.

Dass eine Adaption von Texten, die eine inner-jüdische Kritik formulieren, nur dann gelingen kann, wenn sie in Selbstkritik verwandelt würde, in inner-palästinensische Kritik, diese grundlegende Einsicht im Umgang mit biblischen Texten geht dem WCC ab. Kein Wort über Hamas, keines über Fatah, keines über die desaströse Politik, die Palästinenser seit Jahrzehnten verfolgen  –  und damit auch keines über die inner-palästinensische Opposition, die tatsächlich „silenced“ ist: Über sie rollt der WCC hinweg.

Terror? „No specific reason“

Theologisch ist das alles so unterirdisch wie die Tunnel der Hamas. Frage an den WCC, warum seine Texte, die eine Friedenswoche vorbereiten wollen, das Wort Terror kein einziges Mal erwähnen? Antwort: „If that is true there is no specific reason.“ Sagt Yusef Daher, Koordinator des Jerusalem Liaison Office des WCC, des Verbindungsbüros des WCC in die palästinensisch-christliche Szene hinein, es gebe einfach keinen Grund, Terror zu erwähnen: „As far as I know. Me who have been involved in all WWPPI-World Weeks since 2007.“

Wie viele Kirchen in wie vielen Ländern in 2023  –  zwei Wochen vor den Hamas-Massakern  –  und wie viele ein Jahr danach denn an der „World Week“ teilgenommen haben? „Jeweils mindestens sieben“, sagt Daher, ein WCC-Funktionär, der BDS aktiv unterstützt. Alle 356 Mitgliedskirchen in 120 Ländern seien eingeladen worden, sagt er, viele hätten das WCC-Material in ihren Kreisen verteilt. Wie viele Menschen denn dann tatsächlich teilgenommen haben an der „World Week“? Darüber gebe es keine Zahlen, sagt der BDS-Mann, „locally“ seien es „around 50 each event“, online rund 80.

Wenn Dialog in Judenhass mündet

Keine bedrohlichen Zahlen. Vielleicht ist dieser ganze Weltkirchenrat nur eine Luftnummer. Wäre da nicht die weltweite Stimmung, die Terror verleugnet und Demokratie verteufelt, wie der WCC es tut. In dessen Haushalt  –  zuletzt zwischen 24 und 28 Mio € gesamt, mitunter liegt er deutlich über 30 Mio  –  die Evangelischen Kirchen in Deutschland knapp 1 und bis zu knapp 3 Mio € jährlich einzahlen. Viel Geld für viel Hass. Ein Austritt aus dem WCC, hatte die Ratsvorsitzende Fehrs im August erklärt, werde aber „nicht erfolgen“. Das hatte ihr zuvor Pinchas Goldschmidt nahegelegt, Präsident der Europäischen Rabbiner-Konferenz:

„Von einer Kirche, die sich auf Nächstenliebe, Versöhnung und Verantwortung beruft, erwarten wir mehr. Einem Gremium, das derartige Beschlüsse fasst, sollte man kein Geld und keine moralische Legitimität mehr geben. Ein Austritt wäre ein Zeichen von Klarheit und Haltung“,

so Goldschmidt in der Welt am Sonntag. Das Apartheid-Gerede des WCC sei eine „rhetorische Entgrenzung“, sie gefährde Juden weltweit, weil sie zur „Zielscheibe“ gemacht würden für einen nun gleichsam gesegneten Hass. Weltweit nehmen die Attacken auf Juden  –  tödliche Attacken wie in Washington D.C.  –  rapide zu. Dennoch stehe ein Austritt der EKD aus dem WCC weiterhin „nicht zur Debatte“, wie eine EKD-Sprecherin jetzt den Ruhrbaronen gegenüber bekräftigte, „innerkirchlich gibt es dazu keine laufende Diskussion.“

Dagegen werde in den „demokratischen Strukturen des WCC“ der Begriff der „Apartheid“ sehr wohl diskutiert, so die Sprecherin, „die Diskussionen und Positionen im WCC zu diesem Thema sind vielfältig.“ Und: Die Haltung der EKD  –  die es ablehnt, den Apartheid-Begriff auf Israel umzulegen  –  werde „vielfach mit Verständnis aufgenommen“.

Mit Verständnis? In den Texten des WCC zeigt sich nichts davon. Was sich zeigt: wie fatal es ist, wenn sich die Kritik am WCC auf den „Apartheid-Begriff“ stürzt, ganz so, wie Bedford-Strohm es angeleitet hat. Er persönlich wolle diesen „Trigger-Begriff“ nicht verwenden, hatte er, Vorsitzender des WCC-Zentralkomitees, im Juli dem Magazin Zeitzeichen erklärt und dann Anfang September gegenüber der westfälischen Landeskirche, dass „die damit verbundene Kritik an der derzeitigen israelischen Regierung allerdings berechtigt sei“. Nicht sagen, aber meinen.

Nur dass  –  so wie der WCC jetzt aufgesattelt hat  –  es um keine israelische Regierung geht, sondern um Gott. Allein dass der WCC sich Johannes 8 gegriffen hat  –  „Wir“ haben Gott zum Vater und „ihr“ den Teufel  –  und eine furchtbare Wirkungsgeschichte fortschreibt in die Gegenwart, ist ungeheuerlich, die manichäische Manier, in der er dies tut, brutale Blasphemie. Der Gott, den der WCC anruft, ist nicht der biblische.

Über was diskutieren in den „demokratischen Strukturen des WCC“? Wenn Dialog in antisemitische Agitprop mündet?

Es wegdeuteln? Die weltkirchliche Weihe für Judenhass auf Warmhalten stellen? Indem man auf einen politischen Apartheid-Begriff abhebt, ohne sich darauf zu besinnen, dass es um theologische Apartheid geht? Dass sich der WCC seinen eigenen Gott zusammenschraubt?

Oder die ganze Sache beschweigen, wie es die Kirchen der EKD derzeit tun? Nirgends ein Link zu der World-Week-Kampagne des WCC auf ihren offiziellen Seiten. „In wie vielen Gemeinden oder Einrichtungen sie begangen wird“, darüber, so die Sprecherin der EKD, „liegen keine belastbaren Zahlen vor“.

Beides  –  rumpolitisieren oder beschweigen  –  sind Strategien, die Israel aufgeben und jeden Juden preis. Sind aber keine, die eine evangelische Kirche retten könnte. Austritt wäre besser.

Wäre „ein erster Schritt“, wie Pinchas Goldschmidt sagt, er meint den Austritt aus dem Weltkirchenrat. „Nicht aus Prinzip, sondern aus Verantwortung. Aus Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft in Europa. Und aus Respekt gegenüber der Wahrheit.“

 

Anmerkung

[i] Für das Johannes-Evangelium selber lassen sie sich erklären, der Text verhandelt einen extremen Spagat: hier der Teufel, den Juden zum Vater hätten, dort „das Heil, das von den Juden kommt“. Für diesen gedanklichen Spagat gab es einen historisch konkreten Grund, nachzulesen bei Klaus Wengst, Bedrängte Gemeinde.

 

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Waldemar Becker
Gast
Waldemar Becker
4 Monate zuvor

Da stimmt man doch Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. gern zu, daß es sich bei den einzelnen Mitgliedern der EKD lediglich um _kirchenähnliche_ Gemeinschaften handelt …

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