Kohle: Hello again

Blick von der Schleuse Wanne-Eickel über den Kanal auf das Kraftwerk in Herne Foto: Arnold Paul Lizenz: CC BY-SA 2.5


Auch Nordrhein-Westfalen befand sich im Kohleausstieg. Doch nun fahren die alten Meiler wieder hoch.

Wie ist die Luft? „So gut wie überall“, sagt Denise Herter. Sie wohnt im Herne Stadtteil Crange, die Blöcke der Steag-Kraftwerke am Rhein-Herne-Kanal prägen das Bild der Siedlung, in der sie lebt. „Hier ist es grün, ein neuer Sportplatz wird gebaut. Die Kraftwerke stören mich nicht.“

Anfang des Jahres ging hier ein neues Gaskraftwerk ans Netz. Vor ein paar Monaten war das noch die Technik der Zukunft. Das alte Steinkohlekraftwerk Herne 4 wollte der Betreiber, das Essener Energieunternehmen Steag, zu einem Gaskraftwerk umbauen. Es sollte eine Musteranlage werden, die zeigt, was die Ingenieure des Unternehmens können. Doch daraus wird erst einmal nichts. Schon im März entschied sich die Steag, das alte Kraftwerk weiter mit Kohle zu befeuern. Für Herter kein Problem: „Wir brauchen jetzt vor allem Versorgungssicherheit. Wenn das Kohlekraftwerk weiterlaufen muss, damit wir genug Strom haben, dann ist das eben so.“

Nur ein paar Straßen weiter sieht Dagmar Schreiber das ähnlich. Sie wohnt mit ihrem Mann Egon in einem von Efeu bewachsenen Haus. Der Garten grenzt an das Kraftwerksgelände, auf dem die Kühltürme hoch in den Himmel ragen: „Gas ist knapp und teuer, das sehe ich ja schon an meiner Gasrechnung, die immer höher ausfällt. Mich stört es nicht, wenn das Kohlekraftwerk weiterläuft.“

Die lange Beziehung Nordrhein-Westfalens zu Kohle war eigentlich schon beendet: Ende 2018 wurde auf der Bottroper Zeche Prosper Haniel die letzte Tonne Steinkohle gefördert: Spätestens ab 2030 sollte auch im Rheinland keine Braunkohle mehr gefördert werden. Im selben Jahr, so war es der Wille von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) schon im November vergangenen Jahres, würden auch die Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke vom Netz gehen. Ersetzt werden sollten die Kohlemeiler vor allem durch Gaskraftwerke, bei denen allerdings unklar war, wer sie denn bauen sollte. Am Kohleausstieg bis 2030 hält auch die neue schwarz-grüne Koalition als Wunschziel fest, aber erst einmal setzt man in NRW wieder auf Kohle.

Allein die Steag betreibt im Land neben Herne 4 zwei weiter Kohlekraftwerke in Duisburg-Walsum und Bergkamen. Zusammen bringen sie es auf eine Leistung von fast zwei Megawatt. Auch Kohle stehe genug zur Verfügung, sagt das Unternehmen auf Anfrage. Zumindest zurzeit: „Es wird jedoch abzuwarten sein, wie sich die Lage sowohl bei der Binnenschifffahrt wie auch beim Transport auf der Schiene entwickelt.“ In Nordrhein-Westfalen besitzt die Steag kein stillgelegtes Kraftwerk, das in den kommenden Monaten an Netz gehen kann.

Anders sieht es im Saarland aus: Dort hat das Unternehmen mit den Kraftwerken in Weiher und Bexbach zwei Anlagen, die ab Herbst wieder Strom liefern können. Zusammen verfügen sie über eine Kapazität von knapp 1400 Megawatt.

Im Marl wird das Spezialchemieunternehmen Evonik in seinem Industriepark sein altes Kohlekraftwerk auf Wunsch der Bundesregierung wieder hochfahren. Es wird zwei moderne Gaskraftwerke ersetzen, die Evonik gebaut hatte, um seine CO2-Bilanz zu verbessern.

Steinkohlekraftwerke hat RWE in Nordrhein-Westfalen nicht mehr. Die Kraftwerke des Essener Energieriesen laufen mit Braunkohle, die er in eigenen Gruben im Rheinland abbaut. Das führte zu Ärger mit Autonomen und Umweltschützern, die den Hambacher Forst besetzten und sich Schlachten mit der Polizei lieferten. Heute sind die Kraftwerke von RWE die einzigen in Deutschland, die vollkommen von Kohleimporten unabhängig sind. Die RWE-Kraftwerke sind dicke Dinger: 3200 Megawatt liefern die vier Blöcke des Kraftwerks Neurath, 1600 Megawatt die beiden Blöcke in Niederaußem und 1500 Megawatt die drei Blöcke in Weisweiler. Ab Oktober kommen dann noch zwei Blöcke in Niederaußem mit 600 Megawatt und ein Block mit 300 Megawatt in Neurath dazu. Sie waren in Sicherheitsbereitschaft. Damit Deutschland durch den Winter kommt, müssen sie nun wieder anfahren. An eine langfristige Renaissance der Kohle glaubt das Unternehmen jedoch nicht. „RWE steht zum Kohleausstieg“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit, „Wenn temporär Kraftwerke zurückkehren müssen, um Gas bei der Stromproduktion einzusparen, ist das keine Rolle rückwärts, sondern allenfalls ein Schritt zur Seite für eine begrenzte Zeit.“

Über nur ein Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen verfügt das 1999 von über 100 Stadtwerken gegründete und in Aachen ansässige Energieunternehmen Trianel. Die Anlage in Lünen ging 2013 nach heftigen Protesten und Klagen von Umweltschutzorganisationen ans Netz. 2019 besetzte das Bündnis „deCOALonize“ das Kraftwerk und forderte seine sofortige Stilllegung. Zum Glück Vergeblich. Heute Lünen liefert 750 Megawatt Strom und verfügt nach Angaben von Trianel über Kohlereserven für 40 Tage.

Nicht weit entfernt von Lünen liegt das wohl bekannteste Kohlekraftwerk Deutschlands: Datteln IV. 1100 Megawatt leistet der einzige Block des erst 2020 nach Protesten, Klagen und technischen Problemen nach 13 Jahren Bauzeit in Betrieb genommenen Kraftwerks. Das ist europäischer Rekord. Die Anlage gehört Uniper. Der in Düsseldorf ansässige Konzern, eine Abspaltung von Eon, ist schwer angeschlagen: Der Staat musste Uniper mit 15 Milliarden Euro vor der Pleite retten. Viel Geld, dass er sich auf jeden Fall teilweise von den Verbrauchern zurückholen wird. An den Kohlekraftwerken lag es nicht, dass Uniper ins Straucheln geriert: Nachdem Russland weniger Gas lieferte, mussten die Düsseldorfer es für ihre Kunden auf dem freien Markt dazukaufen. Zu deutlich höheren Preisen als kalkuliert.

In Nordrhein-Westfalen besitzt Uniper neben Datteln noch Kraftwerke in Heyden und in Gelsenkirchen-Scholven. Die Anlage in Scholven war in den frühen 70er Jahren mit 3.406 Megawatt eines der leistungsstärksten deutschen Kraftwerke. Der 302 Meter hohe Schornstein und die fünf gewaltigen Kühltürme prägen das nördliche Ruhrgebiet. Heute liefert der übrig gebliebene Block gerade noch 760 Megawatt. Ob er wie geplant bald vom Netz gehen wird, ist offen. In der Lokalpresse wird über seinen Weiterbetrieb spekuliert. Eine Anfrage ließ Uniper unbeantwortet.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

 

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6 Kommentare

  1. #1 | Reginald sagt am 18. August 2022 um 10:54 Uhr

    40 Jahre Murks,Murks und nochmal Murks.Die Energieprobleme dieses Landes sind fast die gleichen wie zu meiner Schulzeit.Anstatt dieses Land energisch in Richtung erneuerbare Energien voranzubringen,wurde nur zaghaft umgesteuert.Die erforderlichen Schlüsseltechnologien wurden an China verscherbelt.So sehe ich keine Zukunft mehr für dieses Land.Deutschland hat fertig.

  2. #2 | Helmut Junge sagt am 18. August 2022 um 12:38 Uhr

    Wer A sagt, muß zwangsläufig auch B sagen. Denn es stellt sich die Frage, woher wir die Kohle kriegen. Lieferketten-Transportprobleme usw.
    Die Antwort ist, aus tausend Meter Tiefe. Also „Der Pütt ruft“ Dazu, zum Pütt und seinem Mythos, habe ich bereits ein paar Bilder gemalt und auf meiner Webseite
    http://junge-malerei.de/ unter „Gegenständliche Malerei“ veröffentlicht.

  3. #3 | Angelika, die usw. sagt am 18. August 2022 um 13:25 Uhr

    „…Nur ein paar Straßen weiter sieht Dagmar Schreiber das ähnlich. Sie wohnt mit ihrem Mann Egon in einem von Efeu bewachsenen Haus. Der Garten grenzt an das Kraftwerksgelände, auf dem die Kühltürme hoch in den Himmel ragen: „Gas ist knapp und teuer, das sehe ich ja schon an meiner Gasrechnung, die immer höher ausfällt. Mich stört es nicht, wenn das Kohlekraftwerk weiterläuft.“…“

    Dagmar und Egon.
    Ein Blick auf die Gasrechnung. Und zack, Kohlekraftwerke stören nicht!

    Egon.
    Immer Verbrenner gefahren. Und Egon fährt auch ab und zu gern schnell, denn er gibt dann bei seinem Schwager in Cuxhaven an. In nur…vom Pott bis hier! Ist das nicht klasse? Ein Tempolimit würde ihn schon stören.
    Dagmar hat keinen Führerschein. Dagmar hält sich raus. Dann kann sie sagen: Halt dich raus! Wenn Egon im Supermarkt zu viele Vorschläge macht.

    Dagmar.
    Dagmar will nach Mallorca. Ihre Turnfreundinnen machen es auch. Ihre Nachbarn gegenüber machen es. Die Verwandten in Cuxhaven machen es. Alle machen es – bis auf diesen Bekloppten fünf Häuser weiter, der mit dem Fahrrad nach… Mitt’n Fahrrad, wie nach’n Kriech… Hörnse ma…geht es noch …
    Flugzeuge stören Dagmar nicht.

    Dagmar und Egon.
    Die beiden grillen gern Fleisch – nie Gemüse. Wat für Kaninchen, sagt Egon. Grün ist die Wiese, sagt er immer (aber momentan ist die eher braun – wegen Dürre und so …).
    Dagmar und Egon.
    Sie mögen keine Vegetarier und Veganer, die stören sie.

  4. #4 | Stefan Laurin sagt am 18. August 2022 um 13:27 Uhr

    @Angelika, die usw.: ich fühle mich Dagmar und Egon sehr verbunden. Und morgen grille ich 🙂

  5. #5 | Karl-Heinz sagt am 18. August 2022 um 17:23 Uhr

    Lieber Autor, der Satz „ Heute sind die Kraftwerke von RWE die einzigen in Deutschland, die vollkommen von Kohleimporten unabhängig sind. “ ist eine alternative Wahrheit. Im Osten der Republik stehen viele Kraftwerke, die mit der dortigen Braunkohle befeuert werden. Lippendorf, Schwarze Pumpe, Boxberg…..

  6. #6 | SvG sagt am 18. August 2022 um 19:47 Uhr

    @ Angelika, die usw: Vorurteile haben für Sie wahrscheinlich auch nur andere Menschen, oder?
    Ihre abwertende Darstellung des Ehepaares Schreiber vom ungefragten Duzen bis zu den Unterstellungen trieft vor Herablassung und Böswilligkeit. Oder kennen Sie die persönlich?

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