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Kreative und Geld V: Verkehrte Welt am Theater

Jean (Maximilian Strestik) und Gabrielle (Dagny Dewath) haben einiges zu besprechen. Foto: Rottstr5Theater

Theater, Opern, Philharmonien – Hochkultur ist teuer. Scheinbar. Denn das meiste Geld bekommen nicht die Kreativen sondern die Verwaltung.

Berry Doddema hat mir vorhin auf Facebook einen Stern-Artikel aus dem Jahr 2006 geschickt, der sich mit der wirtschaftlichen Situation Theater, Opern un Philharmonien beschäftigt. Er zeigt auf, dass an all diesen Institutionen die Künstler am wenigsten verdienen und am schlechtesten abgesichert sind – mit Ausnahme der Orchestermusiker:

Deutsche Theater sind Volkseigene Betriebe. Nur rund 16 Prozent ihrer Kosten spielen sie selbst ein. Den Rest zahlt der Steuerzahler. Der Staat subventioniert die Theater, um die Künstler zu unterstützen. Die Zuschauer kommen ins Theater, um die Künstler zu sehen. Doch in der Firma Theater spielen Künstler nur eine Nebenrolle. Das zeigt schon ein Blick auf den Stellenplan: Am Saarbrücker Theater sind 477 Menschen beschäftigt. Von ihnen sind 19 Schauspieler, 15 Opernsänger und 14 Balletttänzer. Zusammen zehn Prozent aller Beschäftigten. Am Theater arbeiten mehr Schreiner als Schauspieler, mehr Schlosser als Schauspieler, mehr Schneider als Schauspieler. Das Geld vom Staat ist also mehrheitlich keine Subvention der Kunst, sondern eine Subvention des Handwerks und der Verwaltung. Der Apparat hat übernommen.

Ähnliches hat mir vor einem guten Jahr auch Kay Voges, der Chef der Dortmunder Theater erzählt, die Situation hat sich also nicht geändert. Und ein wenig erinnert das auch an die Situation im Ruhrgebiet. Während freie Theater kaum Geld bekommen, werden überflüssige Schnorrer wie ECCE gepäppelt.

Hier geht es zu dem sehr lesenswerten Stern-Artikel.

Reihe Kreative und Geld:

Kreative und Geld IV: Design und Hartz IV

Kreative und Geld I: Was verdient man denn so?

Kreative und Geld II: Santa Precaria am Theater

Kreative und Geld III: Die verlorene Lust am Schreiben

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5 Kommentare zu “Kreative und Geld V: Verkehrte Welt am Theater

  • #1
    Reinhard Matern

    Mein Studium hatte ich an der ehemaligen Oper Oberhausen finanziert (80er), bei der Technik. Der riesige handwerkliche Aufwand hinter der Bühne ist von den Wünschen der Regisseure u. Bühnenbildnern abhängig. Zum Handwerk kommen übrigens noch die Bühnentechniker (Aufbau/Abbau – Licht – Ton).
    In das Ensemble wurden gerne junge Künstler (Sänger / Tänzer) aus dem Osten integriert: die bekamen fast nichts. Fürs Handwerk usw. gibt es in Deutschland Tarife.

    Die erste Frage, die zu stellen wäre: Mit welchem technischem Aufwand könnte man grundätzlich auskommen?
    Und zweitens: Wie ließe sich eine Honorar-Gerechtigkeit in Relation zu den verbliebenen technischen Angestellten herstellen?

  • #2
    Ulrike

    Der Satz „Der Staat subventioniert die Theater, um die Künstler zu unterstützen.“ ist so albern wie „Der Staat subventioniert die Schulen, um die Lehrer zu unterstützen“, oder „Der Staat subventioniert die Schwimmbäder, um die Wasserwerke zu unterstützen“.

    Subventionen sind Unterstützungen von Privatfirmen. Aber Schulen, (kommunale) Theater, Museen, Bibliotheken, Straßen, Schwimmbäder, Spielplätze, Musikschulen, Volkshochschulen, Parks, Brunnen, Fitnessparcours im Wald, (staatliche) Tiergärten, Gerichte, Polizei, Feuerwehr usw werden nicht subventioniert: Das sind alles Dinge, die wir uns als Gemeinwesen leisten wollen (oder manchmal auch nicht leisten wollen oder nicht leisten können). Dafür zahlen wir Steuern.

    Und dass in einem Theater mehr Menschen hinter der Bühne als auf der Bühne arbeiten, ist so seltsam nun wirklich nicht. Bei jedem Fußballspiel stehen mehr Leute an den Eingängen als auf dem Platz. Auch Zeitungen werden nicht allein von Journalisten gemacht.

  • #3
    teekay

    Natuerlich muss man immer vorsichtig sein, was man sich wuenscht: Mehr Geld fuer Theaterschauspieler wird es genau so wenig geben wie mehr Geld fuer Unis usw. Aber das Verhaeltnis ‚Apparat‘-Schauspieler muesste sich doch aendern lassen. Handwerkliche Dienstleistungen werden outgesourct…nein, nein nicht einfach an lokale Handwerker-sondern per Ausschreibung. Sagen wir mal eine grosse Baumarktkette bemerkt, dass man mit ourgesourcten Theaterdienstleistungen nett Geld verdienen kann. Angebot geschrieben (‚deutschlandweite Expertise‘), scheinselbstaendige Sub-Unternehmer eingestellt die auch irgendwie handwerken koennen und mit Kampfpreisen Auftraege sichern. Fazit: Das Verhaeltnis von Schauspielern zu ‚Apparat‘ wird sich dramatisch verbessern, Buerokraten koennen vom tollen Markt schwaermen und 3 Handwerksmeister und die lokale Industrie gucken in die Roehre…klar, so war das nicht gemeint, aber ich bin froh ueber jeden Schreiner der vom Theater ’subventioniert‘ wird.

  • #4
  • Pingback: Kreative und Geld VI: Was Sie schon immer über Prekarität wissen wollten, aber Ihr Fallmanager Ihnen nicht aufs Auge drücken wird. | Ruhrbarone

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