››Wir Festivalmacher hängen gerade alle in der Luft‹‹

Für das Ruhrpott Rodeo gibt es durch die Corona-Pandemie aktuell viele Fragezeichen

Alex Schwers kommt aus Gladbeck und organisiert seit vielen Jahren das ›Ruhrpott Rodeo‹, was mittlerweile in der Festival-Saison das wichtigste Punk-Festival in unseren Breitengraden ist. Jedes Jahr findet das Festival mit über 50 Bands am Flugplatz Schwarze Heide in Hünxe bei Bottrop statt. Im Zuge der Corona-Pandemie gerät derzeit alles ins Stocken. Wir haben uns bei Alex erkundigt, ob das Festival überhaupt – und zu welchen Bedingungen stattfinden kann.

Alex, wie ist gerade der Stand der Dinge, was das Ruhrpott Rodeo angeht – können sich Punkrock-Fans schon auf die Auftritte von Social Distortion, Anti-Flag und die Suicidal Tendencies im Juli freuen?

››Wir sitzen gerade auf heißen Kohlen, wir planen weiter – aber wir wissen nicht was passiert, denn wir Festivalmacher hängen gerade alle in der Luft. Jeder intelligente Mensch weiß derzeit, dass keiner was weiß. Ich muss eigentlich so langsam in Verbindlichkeiten gehen, denn von Tag zu Tag wird unser Kostenapparat immer größer.‹‹

Musst du als Veranstalter eigentlich im Vorfeld auch in Vorleistung für Gagen für große Bands gehen?

››In der Regel schon, ja. Aber angenommen jetzt wird wegen Corona alles abgesagt werden, dann würden die meisten Bands auch im nächsten Jahr bei uns spielen. Würde das Ordnungsamt die ganze Kiste jetzt wegen ”höherer Gewalt” absagen, denn nichts anderes ist diese Pandemie ja, hoffe ich trotzdem, dass ich einigermaßen auf der sicheren Seite bin. Aber ich bin zum Beispiel mit vielen Booking-Agenturen gut vedrahtet. Wenn aber jetzt alle Besucher ihr Geld von den Tickets zurückhaben möchten, wird das bei mir finanziell auch etwas eng – da ich ja schon Vorab-Gagenzahlungen für ein paar Bands leisten musste.‹‹

Merkst du als Veranstalter auch das Weihnachtsgeschäft?

››Wir haben im Dezember 2019 einen super starken Vorverkauf gehabt, das lief super. Momentan stockt das ganz natürlich mit dem Corona-Scheiss. Ich hab auch noch die Fühler in Richtung Überraschungsgäste ausgestreckt – aber momentan ist das alles einfach zu unsicher. Momentan steht der Vorverkauf überall still, in der letzten Woche sind vielleicht 10 Ruhrpott Rodeo-Tickets verkauft worden – im Vorjahr waren das zum Vergleich etwa 200 Karten. Aber wenn das Ruhrpott Rodeo wie geplant im Juli stattfindet, werden wir uns noch mit diversen Überraschungen allergrößte Mühe geben – Stand jetzt haben wir noch ein paar Knaller im Ärmel.‹‹

Alex Schwers hier in seinem Büro | Bild: Mirja Nicolussi

Es ist schon alles ein Wahnsinn, was gerade passiert….

›› Ja, aber was soll passieren? Wir machen so lange weiter mit dem Festival, bis uns einer sagt was Sache ist. Je länger der Shutdown vollzogen wird, desto größer ist der wirtschaftliche Schaden für alle, die beruflich in der Festival-Saison drinhängen. Denn derzeit haben ganz viele große Sorgen: einige sind auf Kurzarbeit, andere haben ein kleines Geschäft und können nicht die Dinge verkaufen, damit sie ihr Geld erwirtschaften können, um damit ihre Miete zu bezahlen. Das Ganze wird ja in allen möglichen Richtungen durchgereicht. Ich hab gerade mit den Leuten vom Club Turock in Essen gesprochen – und die haben natürlich die gleichen Sorgen, weil ihr Club gerade nicht öffnen kann…

Derzeit sind alle gefordert, aber niemand hat ultimative Antworten parat…

Das macht die ganze Kiste auch so schwierig. Wenn die Ungewissheit jetzt noch sechs Wochen bis etwa Mitte Juni so weitergeht – sind wir mit den Vorverkaufszahlen ganz weit hinten – und niemand kann mir sagen, dass wir dass bis zum Festival Anfang Juli noch aufholen können. Das Risiko ist in beiden Richtungen – egal ob das Ruhrpott Rodeo stattfindet oder nicht – unglaublich groß. Irgendwann sind die Leute den Viren-Stillstand leid und die wollen endlich nach draußen gehen im Sommer. Aber es wird auch viele geben die Angst haben. Vermutlich werden die Kontaktbeschränkungen noch eine Zeit lang aufrechterhalten werden – und die Gefahr einer flächendeckenden Ansteckung ist sehr groß.

Der Virologe Prof. Christian Drosten sagte, dass die große Welle der Infizierungen mit dem Coronavirus noch bevor steht. Besonders die Lage in den Pflege- und Altenheimen ist ja besonders diffizil…

Ja, das ist echt übel. Ich persönlich müsste in dieser Woche eigentlich planen, in welchen Magazinen ich noch Anzeigen schalte und wie es mit Bauzaun-Plakatierungen aussieht. Ich muss zudem für die Orga auf dem Gelände jetzt die Verträge unterschreiben für die Bühne, Aggregate, Toiletten-Wagen oder die P.A.-Anlage – aber faktisch kann ich das gerade nicht entscheiden. Mit einigen von denen kann man sich arrangieren, aber das geht halt nicht mit allen. Im Magazin Ox habe ich jetzt zum Beispiel eine Anzeige geschaltet – falls das Ruhrpott Rodeo jetzt aber ausfällt, haben die uns versprochen uns sehr entgegen zu kommen. Denn das ist eigentlich ein schöner Nebeneffekt gerade – viele aus unserer Branche verhalten sich sehr solidarisch. Und alle versuchen sich gerade gegenseitig am Leben zu halten. Mit Leuten, mit denen ich normalerweise nur auf einer Business-Ebene kommuniziere, führen die Gespräche gerade häufig tief ins Private. Das ist schon toll. Ich wünsche mir auch, dass alle nach der Corona-Panik weiter existieren können – und keiner Konkurs anmelden muss.

Impression vom Ruhrpott Rodeo 2019 / Foto: Peter Hesse

Was musst du zur Zeit noch bedenken?

Das sind einige Sachen, das Personal zum Beispiel. Ich bin insgesamt für 200 Leute verantwortlich, die auf dem Ruhrpott Rodeo arbeiten. Die werden alle gebucht, die werden alle angemeldet, und so weiter. Hier melden sich Zapfer oder Helfer aus der Roadcrew – denen gerade alle Jobs abgeraucht sind und mich nach einem Vorschuss fragen, weil sie gerade keine Kohle mehr haben. Jede Woche die jetzt weiter ins Land zieht hinterlässt nicht nur diverse Fragezeichen, sondern auch viele Kosten. Wenn jetzt das Festival abgesagt wird – wäre dann die vorläufigen Vorverkaufsgelder ein Vorschuss für das Jahr 2021 – und die gehören mir eigentlich ja nicht. Aber wir müssen auch sehen, dass am Ende alle so gut wie möglich aus diesem Scheiß rauskommen. Das Ganze ist gerade ein ganz schöner Eiertanz und auf verdammt dünnem Eis gebaut.

Das klingt in der Summe alles ganz schön heikel…

Wenn aber jetzt eine schnelle Entscheidung kommen sollte, dass die Festivalsaison abgesagt wird, haben wir viel Zeit und freie Kapazitäten um zum Beispiel weitere Umweltschutz-Sachen auf die Beine zu stellen. Unser kompostierbares Mehrwert-Becher-System ist zum Beispiel noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber ich bin froh, dass das Umweltbewusstsein auch bei unseren Besuchern angekommen ist. Auf dem Campingplatz ist im letzten Jahr zum Beispiel viel weniger Müll liegen gelassen worden, als noch in den Vorjahren. Die Leute sind da schon verantwortungsvoll. Aber natürlich hoffen wir trotzdem auf eine baldige Entspannung der Lage und darauf das der Festivalsommer wie geplant stattfindet. Eines ist sicher: Das Ruhrpott Rodeo wird diese Krise überleben – auch wenn es hart werden könnte!

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