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Kreativquartiere: Viel Lärm um nichts

Für Stadtplaner und Wirtschaftsförderer im Ruhrgebiet sind Kreativquartiere vor allem ein Immobilienthema. Kritiker des Konzepts fürchten die Vertreibung sozial Schwacher aus ihren traditionellen Wohnquartieren. Beide liegen daneben: Im Ruhrgebiet wird das Konzept der Kreativquartiere nicht funktionieren.

Richard Florida stammt aus Newark, dem Arbeitervorort New Yorks. Das arme New Jersey vor den Toren der Stadt der Städte wurde von Philip Roth in zahlreichen Büchern liebevoll beschrieben. Sein Vater: Ein einfacher Arbeiter in einer Fabrik für Brillengestelle, die es längst nicht mehr gibt. Florida erlebte den wirtschaftlichen Niedergang New Jerseys, studierte und arbeitete als Politikprofessor an der Uni in Pittsburgh. Dort erlebte er, wie die alte Industriestadt um ihre Zukunft kämpfte: Die Uni wurde ausgebaut, ein Konzerthaus errichtet, Museen erweitert, Parks angelegt… nichts sollte mehr an Kohle und Stahl erinnern. Pittsburg machte alles richtig. Man hoffte auf neue Unternehmen und neue Jobs, und dann war da das Suchmaschinenunternehmen Lycos: Es war ein Hoffnungsträger für Pittsburg. Endlich hatte man auch eines dieser coolen Startups, war ein hipper Standort geworden – doch dann passierte es: Lycos zog nach Boston. Gut, es stellte sich im Falle Lycos heraus, dass man als Unternehmen auch in Boston scheitern konnte, aber erst einmal stellte man sich in Pittsburgh die Frage: Wie konnte das geschehen? Florida fragte nach und fand das Thema, das ihn als Wissenschaftler berühmt und reich machen sollte: Die kreative Klasse. Florida sprach mit Lycos-Bossen und Mitarbeitern, warum sie trotz höherer Mieten nach Boston gegangen waren. Ihre Antworten überraschten ihn: Boston war einfach die spannendere Stadt, hatte das bessere Nachtleben, die cooleren Clubs, und: hier wohnten die Leute, die Lycos gerne als Mitarbeiter gewinnen wollte. Ins dröge Pittsburgh würden die ohnehin nicht kommen.

Florida erkannte, dass es eine Gruppe von Berufstätigen gab, die Wert darauf legten, in einer Stadt zu leben, die eine tolerante Atmosphäre hatte. In denen Minderheiten respektiert und nicht nur geduldet wurden. Zu dieser Gruppe zählte er Ingenieure, Softwarentwickler, aber auch Künstler, Musiker und Journalisten. Beide Gruppen brauchten einander: Die einen wollten in einer anregenden Umgebung leben, auf Konzerte gehen, Clubs besuchen und vielleicht am Wochenende Mountainbiken. Die anderen konnten die gut verdienenden Techniker als Kunden gut gebrauchen – oder für die Zusammenarbeit bei Projekten. An drei Ts, so folgerte Florida, würde sich die Zukunftsfähigkeit von Standorten künftig entscheiden: Technologie – gibt es genug Jobs in den boomenden High-Tech Branchen? Toleranz: Können die Menschen ihr Leben selbstbestimmen, unabhängig ob sie schwul, tätowiert, Moslem, Jude oder Punker sind? Und Talent: Zieht die Stadt kreative Köpfe, die Ideen haben, an? Querdenker, die nicht mitschwimmen sondern machen?

Städte, die in diese drei Kategorien gut aussehen – so Florida – hätten eine Zukunft. Die anderen? Siehe Pittsburgh. Ein Konzerthaus? Alte, langweilige Kultur. Gute Clubs, Kneipen in denen man Leute kennen lernen kann oder gute Mountainbikestrecken sind wichtiger. Und auf der Straße will man nicht schräg angeschaut werden.

Die Stadtplaner und Wirtschaftsförderer auf der ganzen Welt hatten nach Erscheinen von Floridas Buch „The Rise of the Creative Class“ ein neues Thema – auch wenn kaum einer von ihnen es wirklich gelesen haben dürfte: Dass Florida die Sicherheitsgesetze der Bush-Administration, die Zuwanderung beschränkten, geißelte und die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen in McJobs zur neuen sozialen Frage erklärte, scheint zumindest in Deutschland kaum jemand mitbekommen zu haben.

Mit der üblichen Zeitverzögerung von mehreren Jahren – Floridas Buch erschien 2002 – erreichte das Thema Nordrhein-Westfalen und das Ruhrgebiet.

Noch vor ein paar Jahren waren zum Beispiel die Betreiber der kleinen, phantasievollen Läden und Galerien, die sich im „Viertel vor Ehrenfeld“ angesiedelt hatten und eine eigene Werbegemeinschaft gegründet hatten, der Stadt Bochum noch nicht einmal einen Termin wert. „Wir wollten“, erinnert sich einer der Gründer der Werbegemeinschaft, „kein Geld von der Stadt sondern uns nur einmal vorstellen. Niemand hatte Interesse.“ Das ist jetzt anders: „Seit wir ein Kreativquartier sind, interessieren sich alle für uns.“

Denn Kreativquartiere, das wissen Immobilienleute auf der ganzen Welt, sind die Goldgruben von morgen. Auch …., beim Wirtschaftsministerium für Kreativwirtschaft zuständig, weiß: „Kreativwirtschaft ist ein Immobilienthema.“

Und das geht so und nennt sich Gentrifizierung: Irgendwo in der Stadt gibt es ein Quartier mit einer eigentlich attraktiven Bausubstanz, vielen Migranten, billigen Wohnungen und preiswerten Gewerbeflächen. In das ziehen irgendwann einmal junge Leute mit vielen Ideen ein. Leben dort genug von ihnen, eröffnen die ersten Kneipen und Cafés – das hippe Publikum ist ja da. Auch Galerien, Bio-Läden eröffnen, und in den Hinterhöfen machen sich kleine Agenturen breit. Das Viertel ist jetzt hip, immer mehr Leute mit Geld kommen um hier ihren Kaffee zu trinken. Und dier ersten denken sich: Nette Ecke, preiswerte Wohnungen – hier zieh ich hin. Nun werden die Mieten teurer, die Häuser für die nun anspruchsvollere Klientel aus den teuren Stadtteilen renoviert. Die Cafés werden edler und die Pionieren wachsen mit oder weichen aus in ein anderes Quartier mit preiswerten Mieten, einer eigentlich schönen Bausubstanz… .

Und nun auch im Ruhrgebiet. Über viele Jahre hinweg haben sich die Planer und Wirtschaftsförderer nicht um die Entwicklung von Stadtteilen gekümmert, sondern wollten auf der grünen Wiese und in alten Zechenbrachen neue Zentren entstehen lassen: Bochum baute sein kulturwirtschaftliches Gründerzentrum mit Millionen vom Land auf einem alten Zechgelände in Gerthe, und Essen träumte davon, die Zeche Zollverein zu einem Kreativzentrum zu machen. Heute wirkt Zollverein mit all seinen Attraktionen wie dem neuen Ruhr Museum und der gehobenen Küche im Casino wie ein in Stoppenberg gelandetes Raumschiff. Kontakte zum Stadtteil? Gar ein Wirken ins umgebende Quartier hinein? Fehlanzeige. Fast das geiche Bild in Bochum: Das kreative Gründerzentrum in Gerthe funktioniert und ist vollständig vermietet – aber um das Zentrum herum hat sich kaum etwas geändert. Die Kreativen steigen nach Arbeitsende in ihre Autos und fahren nach Hause.
Nun soll alles anders werden: Die Kreativen sollen, möglichst auch noch aus dem Ausland, ins Ruhrgebiet gelockt werden. Sie sollen sich hier in den Kreativquartieren niederlassen und für bunte Städte und mittelfristig steigende Immobilienpreise sorgen.

Die Zahl der Quartiere, die sich als Kreativquartiere bezeichnen und auch von der von Rüttgers versprochenen Hilfe in Höhe von 15 Millionen profitieren wollen, ist lang: Von Dinslaken bis Unna sollen jetzt überall Kreativquartiere entstehen: Die Flächen, die das Ruhrgebiet bietet, dürften an Zahl und Fläche locker die zusammengezählten Flächen New Yorks und Berlins übertreffen. Nicht, dass jemand wirklich will, dass sich überall dort schlechtverdienende Kreative ansiedeln, die wohlmöglich auch noch Krach machen, komisch aussehen und vielleicht sogar Hasch rauchen. Alle Städte hoffen auf den Prozess der Gentrifizierung, eine Verbürgerlichung der Quartiere, angestossen durch kreative Pioniere, auf die Steigerung der Immobilienpreise und die Kritiker dieses Prozess, organisiert in der Kulturhauptstadt von unten befürchten genau dies.

Das ist natürlich, was das Ruhrgebiet betrifft, kaum mehr als Wunschdenken: Zum einen gibt es nur in drei, vielleicht vier Städten, Szenen von einer relevanten Größe und die meisten ihrer „Mitglieder“ leben in Bochum-Ehrenfeld, Essen-Rüttenscheid oder dem Kreuz-/Klinikviertel in Dortmund. Schöne Altbauten, Citynahe Lage, gute Kneipen und vor allem kostengünstige Mieten – und das Schönste: es gibt noch genug Platz für alle, die dorthin wollen. Und billige Gewerbeflächen hat fast jeder Statteil im Ruhrgebiet. Warum sollte jemand nach Unna?

Was in London, Berkin oder New York funktioniert, die Revitalisierung von Stadtteilen durch Kreative, liegt daran, dass diese Städte wachsen. Durch die Zuzüge steigen die Preise und die traditionell schlecht verdienenden Kreative werden in schlechte Wohnbezirke verdrängt, die sie dann attraktiv machen, bis sie wieder verdrängt werden. Aber im Ruhrgebiet wird niemand verdrängt. Hier zieht kaum jemand hin – im Gegenteil: In den kommenden Jahren wird das Ruhrgebiet noch einmal gut 400.000 Einwohner verlieren – mehr als Bochum Einwohner hat. Wer Kreativwirtschaft als Immobilienthema sieht, hat also schon verloren, bevor er so richtig angefangen hat die Steuergelder zu verschwenden.

Und er hat Florida nicht verstanden. Denn natürlich müssten die Städte sich Gedanken machen, wie sie für die Kreativen, die das Ruhrgebiet seit Jahrzehnten verlassen, attraktiver werden können. Zum einen, eine meist ignorierte Binsenweisheit, geht das über eine ganz normale wirtschaftiche Erholung des Ruhrgebiets: Mehr Wohlstand – mehr Aufträge. Das gilt auch für die Kreativwirtschaft. Die Ruhr2010 GmbH, der große Propagandist der Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet, ging da mit schlechtem Beispiel voran: Unternehmen aus dem Ruhrgebiet wurden bei der Vergabe von Aufträgen weitgehend ignoriert.

Aber auch Städteplaner und Immobilienbesitzer, im Fall der alten Industriegebäude sind das häufig die Kommunen oder am Tropf der öffentlichen Finanzierung hängende Unternehmen, können den Kreativen etwas Gutes tun: Raum geben, nicht planen, abwarten, was passiert.
Also genau das, was den Stadtverwaltungen im Ruhrgebiet schwer fällt. Tendenziell wird hier das zerstört, was gerade erst entstanden ist, wie die Club-Landschaft auf dem Thier-Gelände in Dortmund, die einem Einkaufszentrum weichen musste. Im Nachtleben in Dortmund sind seitdem die Lichter weitgehend ausgegangen.

Die vielen Industriegebäude müssten zu Spielplätzen werden: Nicht nur für die Kreativwirtschaft, sondern für all diejenigen, die mit wenig Geld etwas ausprobieren wollen: Ateliers, Gemeinschaftsbüros aber auch KFZ-Werkstätten oder türkische Basare. Das Neue entsteht nicht im perfekt geplanten Umfeld, es entsteht aus dem Chaotischen, Ungeplanten. Und ganz vielleicht könnte dann das Ruhrgebiet mit seinen Freiräumen nicht nur mehr Leute hier halten, sondern sogar ein paar Menschen für sich gewinnen.

Die Immobilienpreise werden dann noch immer nicht steigen, aber es könnte hier etwas netter werden.

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35 Kommentare zu “Kreativquartiere: Viel Lärm um nichts

  • #1
    Frank

    @Stefan:

    Wenn man es so im Zusammenhang liest, wird es noch trostloser. Aber auch absurder. Stoff für einen Film.

    Ich sehe darin den Immobilienmakler sagen: „Wir brauchen mehr Kreative, dann steigen die Mieten.“ Antwort vom Bürgermeister: „Oder wir schenken den jetzigen Bewohnern Malkästen, E-Gitarren und iMacs. Dann werden die eben kreativ. Geht vielleicht schneller.“

    Ergebnis:
    Er hat die gleiche Gitarre bekommen, wie Mark Knopfler sie hat. Er hat sie genau so gehalten und genau so geguckt wie er bei „Sultans of Swing“. Aber was aus den Lautsprechern kam, klang trotzdem ganz anders. Warum nur…

    Die Wirtschaftsförderer mit ihren Standortmarketingagenturen und die Designkinderwagenschieber, die die Gentrifizierung staffen sind Bürorocker und Luftgitarrenhelden.

  • #2
    Frank Weissberg

    In diesem Kontext sehe ich die Erhöhung der Eigenbedarfsgrenze von Haschisch von 6 auf 10 Grammm in NRW plötzlich in einem ganz anderen Licht.
    :-DD

  • #3
  • #4
    Bericht aus Berlin

    @ Stefan Laurin

    „In den kommenden Jahren wird das Ruhrgebiet noch einmal gut 400.000 Einwohner verlieren …“

    Und hier ein sicheres statistisches Erkennungszeichen für erfolgreiche Gentrifizierung:

    Die Anzahl der Kinderwagen der Marke „…“:

    http://www.faz.net/s/Rub867BF88948594D80AD8AB4E72C5626ED/Doc~E21169EBB13824625AF9363D87BC5A766~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_googlefeed

    „Kinderwagen – Buggy statt Porsche

    (…) Kinderwagen sind Statussymbole. Geld spielt keine Rolle, Design dafür eine umso größere. Die Wahl des falschen Modells ist ein schwerer Fauxpas, der beispielsweise in Berlin-Prenzlauer Berg mit größtmöglicher Missachtung geahndet wird. Da sind die Mütter vom Kollwitz-Platz rigoros.“

  • #5
    BoleB

    Na dann viel Spass dabei! Dass Gentrifizierung und die dazugehörige Debatte noch nicht so richtig bei euch angekommen sind, sieht man am folgenden Satz:

    „Leben dort genug von ihnen, eröffnen die ersten Kneipen und Cafés – das hippe Publikum ist ja da. Auch Galerien, Bio-Läden eröffnen, und in den Hinterhöfen machen sich kleine Agenturen breit. Das Viertel ist jetzt hip, immer mehr Leute mit Geld kommen um hier ihren Kaffee zu trinken.“

    Hier muss es mindestens Milchkaffee, wenn nicht sogar besser Latte Macchiato heissen…., und von Bionade ist auch nirgends was zu lesen, ich bin enttäuscht!

    Bevor die Gentrifizierung dann planmässig in die Wege geleitet wird, sollten sich die zuständigen Personen allerdings mal das Ergebnis im so oft als Beispiel herangezogenen Prenzlauer Berg anschauen: Da gibts Kreative nur noch bei der Gestaltung bzw. Nutzung von Kinderspielplätzen, die „Pioniere“ ziehen weiter, eben wegen der steigenden Mieten etc. Aber was rede ich, kann man ja alles bei A. Holm und an vielen anderen Stellen nachlesen.

    Der letzte Absatz trifft es ganz gut, die möglichen Perspektiven jenseits geplanter Gentrifizierung und die Voraussetzung: nämlich den (günstig verfügbaren) Raum, den man dafür braucht. Achso, und so großartig ist Berlin in den letzten 20 Jahren auch nicht gewachsen.

  • #6
    Fabian

    Sehr guter, treffender Kommentar. Gerade noch einen Bericht über das Dortmunder FZW gesehen: DAS wäre nun mal wirklich ein Punkt wo man sagen könnte, hier wächst etwas in Dortmund und bereichert das Leben der Einwohner, doch nun wird ein Eiertanz vollführt, anstelle dass man den Laden in die Hände von Leuten gibt, die etwas von einem Gesamtkonzept solch einer Einrichtung verstehen. Man könnte dort so viel rausholen…

    Aber btw: hier im Kreuz/Klinikviertel Dortmunds sind die Mieten aber garnicht mal sooo günstig. Das zählt schon eher zu den „teureren“ Gegenden. Günstig ist zB die Nordstadt aus der das Foto oben ja auch stammt 😉

  • #7
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @BoleB: „Dass Gentrifizierung und die dazugehörige Debatte noch nicht so richtig bei euch angekommen sind…“ Sie wird hier auch nicht ankommen – sie wird hier nur von allen simuliert. Und in Berlin wird die Gentrifizierung sich verlangsamen. Die Stadt ist viel zu arm und ihr wirtschaftliches Potential zu gering. In Hamburg sieht das anders aus…

  • #8
    uzdo

    das problem ist doch, dass die planer im ruhrgebiet, tatsächlich alles paternalistischst planen und steuern wollen und kreativität nicht ohne wirtschaft denken können. da sind zentrale A-lagen nicht mal für zwischennnutzungen denkbar, denn die nutzer könnten ja ansprüche stellen und nicht mehr gehen wollen, wenn sich die sache anfängt zu lohnen: siehe die DGB besetzung in essen.

    dass gerade kreativwirtschaft unwirtschaftlich (also unprofitabel) anfängt und selbst subversive strategien der verwertungslogik nicht entkommen, wird hier nicht erkannt. es nervt sich hier ständig als wirtschaftsberater aufspielen zu müssen, obwohl man mit mit dieser scheiss-wirtschaftsordnung gar nicht am hut hat

  • #9
    land for what

    Vor allem das Modewort gentrification ist für das Ruhrgebiet nicht wichtig, die Preissteigerung (bei Aufwertung) bzw. Bezahlbarkeit zentraler Lagen ist das Normalproblem. Und mit Verlaub: Das war es aber immer schon. Wer kann denn ernsthaft gegen Aufwertung, Kunst, Kultur und Kreativität sein? In dem Papier „Zeche Prellen – Recht auf Stadt“ heißt es dazu: „Gerade der Ruhrpott weiß, was Drecksarbeit ist und kann sich einer kreativen Neudefinition von Arbeit kaum verweigern. Wir wollen uns nicht abwenden von Kreativität, (Sub-)Kultur und progressiver Politik: maximal den Produktionsprozess und seinen Verteilungsmechanismus geben wir gerne preis“ (inura ruhr 2010).

    http://landforfree.blogsport.de/2010/07/16/zeche-prellen-recht-auf-stadt/#more-58

  • #10
    teekay

    Auch wenn hier bereits mehrmals auf Florida bezug genommen wurde finde ich die Debatte wichtig und richtig. Man stelle sich mal vor Washington DC, Chicago und Baltimore laegen so dicht beieinander wie die grossen Ruhrgebietsstaedte. Dann wuerde auch Florida gut ins Schwitzen kommen. Klar, alle Unis siedeln sich in Dortmund an, alle Theater in Duesseldorf und alle Kleinkunst in Bochum-und fertig ist die perfekte Region…bloed nur, dass das so in der Realitaet nicht funktioniert…Das Duplizieren von Strukturen (was bei vollen Kassen ja kein Problem war) bremst jeden ‚Metropolenregion‘-Ansatz schon zu Beginn aus. Solange jede Stadt ein Einkaufszentrum, ein Theater, eine Uni und ein ‚cooles Viertel‘ hat/braucht (und hohe Arbeitslosigkeit…) wird es weder Gentrifizierung noch ein neues Kreuzberg geben. Wie wuerde man einem ahnunglosen Auslaender erklaeren, warum er nach Essen und nicht nach Dortmund ziehen soll? Wie kann man das Ruhrgebiet greifbar machen, ohne gleich ins Phrasenschwein einzahlen zu muessen (‚gibt halt ueberhalt nette Ecken‘, ‚Duisburg ist schon gruen‘ etc)? Was bleibt den Politikern denn anderes uebrig, als auf eine rosige Zukunft zu setzen? Das Ruhrgebiet wird in den kommenden Jahren sich kaum veraendern-aber es wird mehr Alte und weniger Junge geben und es wird eher schwieriger werden neues Talent anzuwerben-das alte Talent wird sich wie bisher ‚durchwurschteln‘.

  • #11
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Teekay: Alles richtig. Nur: Es gibt keinen vernünftigen Grund warum heute nochj von der Ruhr2010 „Kreativquartiere“ in Dinslaken, Dorsten, Herne, Unna und weiß der Geier wo gefördert werden. Das ist nicht als grober Unfug.

  • #12
  • Pingback: Links anne Ruhr (10.08.2010) » Pottblog

  • #14
    basta! Wuppertal

    Die urbanen Kämpfe um einen Erhalt und eine Rückeroberung unserer städtischen Räume sind längst schon an Ruhr, Rhein und Wupper angekommen. Ob sie nun geführt werden müssen, weil Investoren und finanzstarke (Neu-) Mieter die alteingesessenen Bewohner verdrängen wie in Hamburg, oder ob uns die Kieze und Strukturen unter dem Arsch zusammenbrechen, weil die Kommunen bewusst finanziell vor die Wand gefahren werden, nur um sie für wirtschaftliche Interessen sturmreif zu machen – das ist ein und dieselbe Medaille. Nur eben die andere Seite. Die Lebensqualität der Menschen ist in Shrinking Cities mindestens ebenso bedroht wie in Boomtowns.

    Dass Gentrification in den hiesigen Städten eher eine Spielwiese finanzwirtschaftsnaher Institute und dummer Stadt- und Wirtschaftsplaner ist, heisst noch lange nicht, dass ein Kampf für ein „Recht auf Stadt“ hier unnötig wäre. Im Gegenteil.

    Wir müssen uns bewusst machen, wie wir unsere Städte haben wollen, und was wo aus welchen Gründen investiert werden sollte – sofern eine Kommune denn überhaupt noch investieren kann. Wenn, wie in Wuppertal, eine Kreuzung als „Leuchtturmprojekt“ zukünftige Investoren anlocken soll, während gleichzeitig die so gern postulierte „soziale Stadt“ abgewrackt wird, ist das ebenso eine Prioritätenfrage wie die, ob die Ansiedlung eines „Mediaparks“ erwünscht ist.

    Die zukünftigen Prioritäten werden wir setzen. Nicht Städteplaner und Investoren. Viele Grüsse aus Wuppertal. basta! Aktionsbündnis gegen das Totsparen und für das Recht auf Stadt.

  • #15
    Arnold Voss

    „Die urbanen Kämpfe um einen Erhalt und eine Rückeroberung unserer städtischen Räume sind längst schon an Ruhr, Rhein und Wupper angekommen.“

    OOOHMANN! Wer soll denn da der Gegner sein? Bankrotte Bürgermeister die mal gerade noch die Gehälter ihrer Beamten, Angestellten und Arbeiter bezahlen können? Immobilienbesitzer die auf Grund der gesunkenen Mieteinnahmen ihre Häuser dem Verfall preisgeben? Stadtplaner die höchstens noch schöne Broschüren hinkriegen, aber nichts mehr davon umsetzen können? Investoren, die gar nicht kommen?

  • #16
    basta! Wuppertal

    OOOHMANN! Wer soll denn da der Gegner sein? Bankrotte Bürgermeister die mal gerade noch die Gehälter ihrer Beamten, Angestellten und Arbeiter bezahlen können?

    Ja klar. Nicht die Bürgermeister sind bankrott, sondern die Städte. Diese werden seit Jahren bewusst vor die Wand gefahren. Die Bürgermeister et al machen sich zu Exekutoren eines neoliberalen Umbaus öffentlicher Aufgaben und Räume, anstatt für ihre Bürger zivilen Ungehorsam gegen die kommunale Entdemokratietsierung zu leisten. Appelle, die eine gleichzeitige Verstümmelung sozialer und kultureller Strukturen begleiten, sind nichts anderes als billige Alibis. Vor deren Hintergrund geht der Ausverkauf der Städte und die Unterhöhlung der kommunalen Gestaltungsmöglichkeiten einfach immer weiter.

    Und wenn dann noch die Privatisierungsgewinne eines Teilverkaufs der Stadtwerke mal wieder einem freundlichen Unternehmen wie Bilfinger-Berger zugeschanzt werden können, um einen weiteren (…mangels Vermietung hohlen…) Glaspalast zum Ruhme der Bürgermeister zu errichten, haben die Bürgermeister ihren Auftrag erfüllt.

    Immobilienbesitzer die auf Grund der gesunkenen Mieteinnahmen ihre Häuser dem Verfall preisgeben?

    Klar. Wenn sie auf der Basis kommunal nicht mehr zu finanzierender Quartierspolitik plötzlich dank solcher Konzepte wie HID (Housing Improvement District) in die Lage versetzt werden, in Dortmund, Köln oder Wuppertal „Quartiershausmeister“ genannte private Ordnungskräfte in den Kiezen einsetzen, um „nach dem Rechten“ zu sehen. Wenn Hausbesitzer anfangen, darüber zu entscheiden, wer die öffentliche Räume in der Umgebung ihrer Immobilien benutzen darf, sind sie der Gegner. Klar.

    Stadtplaner die höchstens noch schöne Broschüren hinkriegen, aber nichts mehr davon umsetzen können? Investoren, die gar nicht kommen?

    Mit Verlaub, das ist Quatsch. Stadtplaner und Investoren sind sehr wohl da und basteln kräftig an den Vorstellungen von segregierten Stadträumen mit privatisierten Konsumzonen, in denen das Wort von der „Stadtluft die frei macht“ nicht mehr gilt, sondern ausschliesslich Konsum Freiheit bedeutet. Für Konsumenten die „neue Mitte“, für die anderen die aufgegebenen Innenstädte.

    Wer all‘ das nicht sieht, handelt schicksalsergeben, kurzsichtig oder begrüsst die Entwicklung. In Wuppertal sehen immer mehr Menschen die Zusammenhänge klarer. Vielleicht auch nur, weil dort die „Gegner“ ungeschickter und dreister als anderswo gehandelt haben. Vielleicht, weil unser „Sparpaket“ früher thematisiert wurde als in anderen Städten. Sei’s drum – jetzt ist es zu spät für die üblichen Beruhigungsmittel. Das „Schluss jetzt!“ ist in der Welt. Ob das einige, viele, alle Ruhrgebietsstädte auch noch bemerken werden, ist eine spannende Frage.

    Und – nebenbei gesagt, es ist eine grosse Freude, sich mit den Entwicklungen der (Gesamt-) Politik auf einer Ebene auseinanderzusetzen, die man nicht nur in grossen TV-Inszenierungen sieht, sondern die man mit der Schwebe- (Strassen-) -bahn erreichen kann. So diese denn noch fahren…

    Viele Grüsse aus einem kämpferischen Wuppertal.

  • #17
    BoleB

    @Stefan Laurin #7
    es kommt halt darauf an, wie weit sie diese Simulation treiben. Ich kenn mich bei euch nicht so wirklich aus, was sich in den nächsten Wochen eventuell ändert.

    Wenn es aber so aussieht, dass lediglich die Kreativität simuliert wird, die Enteigung des öffentlichen Raums mittels Aneignung durch Privatinvestoren (Kommunen werden da nicht viel mit zu tun haben, ausser als Ermöglichende bzw. Verkaufende) dagegen real stattfindet, dann ist das schon unschön.

    Deshalb bin ich generell immer erst mal positiv gegenüber denen eingestellt, die das „Recht auf Stadt“ fordern (#14&16). Raum ist eben nicht nur der geografische, sondern auch der vorgestellte und der gelebte Raum, so ähnlich war das bei Lefebrve, wenn ich mich recht erinnere. Aber der Raum muss eben auch gelebt/belebt werden, nur die reine Einforderung eines Rechts allein bringt’s auch nicht.

    Doch bevor es zu theoretisch wird (wer will kann ja bei Harvey, Marcuse oder auch Martina Löw nachlesen, oder wie schon erwähnt bei Andrej Holms http://gentrificationblog.wordpress.com/ ) hier mal die neueste abstruse Geschichte aus Berlin (dein Wort von der Verlangsamung des Prozesses in Gottes oder wessen auch immer Ohren): Gentrifizierungsgegner gegen Globalisierungsgegner sozusagen: http://linienhof.blogsport.de/ – ich selber bin mir noch nicht ganz sicher, was ich von dieser Geschichte halten soll…

  • #18
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @BoleB: Die Privatisierung des öffentlichen Raums ist im Ruhrgebiet vor allem die Vernichtung der Innenstädte durch den Bau von Einkaufszentren.
    Aber die öffentliche Hand spielt hier schon eine große Rolle – und die subventionierte Steinkohlebranche. Zahlreiche Räume, die man hätte spannend nutzen können, wurden für subventionierte Kultur teuer umgebaut. Sie stegen für offene Wohn- und Arbeitskonzepte nicht mehr zur Verfügung – das ist die so hochgelobte Industriekultur. Profitiert davon haben die ehemaligen Besitzer, die ihre Immobilien jenseits von Marktpreisen veräussern konnten – oder aber die Marktpotentiale ihrer Immobilien durch die Nähe zur restaurierte Subventionskultur steigern konnten. Etwas mehr Wildwuchs wäre hier wünschenswerter gewesen.
    Zu Berlin: Ich sage nicht, dass es keine Konflikte gibt. Aber das Wachstum des Immobilienmarkts in Berlin ist limitiert durch das niedrige Einkommen der Berliner. Und das wird so bleiben: Berlin ist kein bedeutendes Wirtschaftszentrum wie München, Frankfurt, Hamburg Stuttgart oder auch in Teile des Ruhrgebiets. Weder was Produktion noch was Forschung betrifft. Es ist auch kein bedeutender Standort von Konzernzentralen (Gemessen an seiner Größe und der Tatsache dass es die Hauptstadt eines der wirtschaftlich stärksten Länder ist. Die Prozesse werden sich verlangsamen. Um es in Anlehnung an eine alte Punkplatte zu sagen: It´s Berlin – not Boston 🙂

  • #19
    lebowski

    Irgendwelche Kreativquartiere zu planen ist im Grunde genau so unsinnig wie von Menschen zu fordern, sie mögen doch bitte mal ein bisschen spontan sein.

    Bevor Grund und Boden Privatbesitz wurde gab es die Allmende. Land, das der Allgemeinheit gehörte. Wieso nicht mal größere Brachflächen in Land für die Allgemeinheit umwandeln? Vielleicht gibt es den Migranten, der in seiner ehemaligen Heimat als Bauer gearbeitet hat, interessante Anbaumethoden kennt und einen schönen Garten anlegen möchte. Vielleicht haben Menschen Lust, sich zusammenzuschließen und ein Gebäude für die Allgemeinheit zu bauen, ganz ohne kommerzielle Interessen. Wäre einen Versuch wert.

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  • #21
    Elfi

    Dass Gentrification in den hiesigen Städten eher eine Spielwiese finanzwirtschaftsnaher Institute und dummer Stadt- und Wirtschaftsplaner ist, heisst noch lange nicht, dass ein Kampf für ein “Recht auf Stadt” hier unnötig wäre. Im Gegenteil.

    Wir müssen uns bewusst machen, wie wir unsere Städte haben wollen, und was wo aus welchen Gründen investiert werden sollte –

    Nö! Ich denke wir sollten aufhören blind den Vorgaben zu folgen oder Bekanntes zu wiederholen. Geld/Investition gestaltet nicht. WIR lernen dann am meisten, wenn wir sehen können, was wir bisher nicht sahen, wenn wir denken können, was wir bisher nicht dachten, wenn wir tun können, was wir bisher nicht taten – NEUES, konsequent humanistische, positive Gemeinschaflichkeit … Gentrifizierung ist schon vorbei – neue Züge werden kommen, uns vielleicht ein Stück mitnehmen – aber in jedem Moment gestalten wir unseren Lebensraum – und nicht alleine und nicht verkopft und nicht als Blogger, sondern immer ganz real (und unsere schönsten Träume wirken daran mit), schaffen wir uns Orte, finden Umgang und Übereinstimmung mit anderen Menschen, suchen zu verwirklichen, freuen uns am Schönen und wollen doch nicht den schnöden Alltag verleugnen … >/ oder??????

  • #22
    Arnold Voss

    @ Basta Wuppertal #16

    Euer Kampfesmut in allen Ehren, aber ihr tut so, als wären die neoliberalen Bürgermeister vom Himmel gefallen. Sie und ihre Vorgänger sind alle gewählt worden und ebenso die Stadtverordneten die sie zu kontrollieren haben. Wo waren da eure Kandidaten? Und wenn ihre vom Parlamenten nicht viel haltet, wo waren da eure Basisinitiativen?

    Die Sache mit der Privatisierung läuft nämlich schon seit vielen vielen Jahren und sie basiert auf der immer größer werden Verschuldung der Gemeinden und nicht darauf, dass alle Bürgergemeister neoliberal aus Überzeugung sind. Und jetzt wo das Kind schon lange in den Brunnen gefallen ist, macht ihr einen auf Stadtteilkampf? Kommt ein bisschen spät, würde ich sagen.

    Aber für echte Kämpfer gibt es ja bekanntlich nie ein zu spät. Und das ist letztlich auch gut so. Wenn ich euch richtig verstanden haben wollt i h r ab jetzt über e u r e Stadt entscheiden. Das ist euer gutes Recht. Aber was ist mit den anderen die nicht eurer Meinung sind, die eine andere Vorstellung von Stadt wie ihr haben? Haben die jetzt nichts mehr zu sagen?

    Konkret gefragt: Was ist euer Konzept von städtischer Demokratie? Wir kriegt ihr raus, wie die Menschen bzw. die Mehrheit der Stadtbewohner sich ihre Stadt vorstellen? Oder ist euch das egal, weil ihr das ja selbst, sozusagen für alle, ganz genau wisst?

  • #23
    Arnold Voss

    @ BoleB #17

    Das mit dem „Recht auf Stadt“ ist zwar eine griffige Parole, aber es muss schon geklärt werden, wer den nun dieses Recht hat. Die pauschale Antwort ist dann normalerweise: alle. Die führt aber im konkreten Fall nicht weiter, weil es selbst in der kleinesten Bürgerinitiative schon unterschiedlicher Vorstellungen darüber gibt, wie denn dieses Recht praktisch und vor Ort aussieht.

    Gegen etwas zu sein führt nun mal nicht automatisch dazu, wie die Sache den positiv auszusehen hätte. Und selbst wenn die Leute es wissen. Was ist dann mit denen die die Stadt besitzen und gegen die sich das Recht auf Stadt immer wieder richtet, egal ob öffentlich oder privat. Haben die kein Recht auf Stadt? Oder darf es keinen Besitz in der Stadt geben? Oder nur öffentlichen? Und wer bestimmt dann über die Nutzung der Grundstücke? Alle?

    Selbst wenn man gegen jeden Privatbesitz in der Stadt wäre, wer würde denn dann entscheiden, wer in den guten und wer in den weniger guten Lagen lebt? Wer in der Mitte und wer am Stadtrand? Wer mit wem zusammen am gleiche Ort lebt? Wer wo seinen Freiraum hat? Wer wem durch Lärm und sonstige Emmissionen den anderen auf den Sack gehen darf? Die räumlichen Interessenkonflikte sind doch nicht dadurch weg, dass alles allen gehört. Geschweige werden dadurch die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen andere.

    Was ist denn z.B. mit den Menschen, die ein Recht auf absolut autonome Privatheit und damit auf Eigentum haben wollen? Sind die keine Stadtbürger? Was unterscheidet eigentlich eine Gruppe von besoffenen Punks die demonstrative und aggressiv Teile des öffentlichen Raumes in zentralen Lagen für sich und nur für sich beanspruchen, von privaten Investoren die in ihrem Shoppingmal nur die rein lassen, die ihnen passen?

  • #24
    Frank (Frontmotor)

    Wuerde mich auch mal interessen, was ein recht auf stadt ist. Mich erinnert das zu sehr an das recht auf grillen im berliner tiergarten.

  • #25
    Dirk Haas

    @Frontmotor-Frank:
    „Recht auf Stadt“ geht maßgeblich auf Henri Lefébvre zurück:
    http://wiki.rechtaufstadt.net/index.php/Henri_Lefèbvre

    Das Netz ist voll mit solchen Diskursen > einfach ein wenig stöbern. Im Wesentlichen ist es ein Gerechtigkeitsdiskurs („spatial justice“), der gegenwärtig in vielen Ländern geführt.
    http://justmetropolis.org/home

  • #26
    Nadia

    Ich sehe es nicht so schwarz, wie es im oberen Teil des Artikels gemalt wird. Hatte mich schon länger gefragt, was nun das Problem der ansässigen Künstler ist, die hier trotz Leerstand nichts finden.
    Admin: Bitte keine PR für das Labdings

  • #27
    crex

    uzdo aktivisten fordern: kreativität ohne wirtschaft denken http://www.2010lab.tv/blog/kreativität-ohne-wirtschaft-denken-interview-mit-uzdo-teil-1

  • #28
    snoogie

    Sehr guter Artikel wie ich finde, die Diskussion bekommt ja langsam echt Wind in die Segel was ich auch gut heiße.
    Rüttenscheid hat diesen Gentrifizierungsprozess meiner Meinung nach vollends abgeschlossen und ist lange nicht mehr so hipp wie es von allen gehiped wird:
    Klar kann man hier noch weggehen doch die Preise sind ohne Ende gestiegen und für den jungen Stundenten, Azubis, Schüler oder Kreativen (nein, nicht Art Directoren etc) inzwischen zu hoch und die Menschen zu hochnäsig, die gehen lieber woanders hin. Wohnen kann man sich als junger Mensch schon lange nicht mehr leisten…
    Der nächste Stadtteil in Essen der einen solchen Prozess durchmachen wird ist das Südviertel rund um den Isenbergplatz. Die Szenekneipen sind da, junge Familien sitzen am Wochenende in den ruhigen Straßen vor den Kneipen und trinken Kaffee, die Gegend wird jünger… Die alternative Szene wird größer… BIs irgendwann die Yuppis kommen und alles ruinieren 🙂

  • #29
    Rollbrettfahrer

    Ohlala! Da macht sich ja tatsächlich jemand Gedanken über meine alte Heimat. Das ist keinesfalls Ironie sondern echt Freude (ich kannte Ruhrbarone vorher gar nicht)! Ein guter Artikel, der die in meinen Augen derzeit wichtigste Aufgabe der Ruhrgebietstädte aufgreift, nämlich den Ruf und die Präsenz des Reviers in den Medien und den Köpfen der Menschen zu stärken. Wie einige Vorkommentatoren bereits angedeutet haben, gibt es, zumindest in den größeren Ruhrgebietsstädten, bereits „hippe“ Viertel und noch viele mehr, die das Potenzial dazu haben und die Region für Zuzügler wieder attraktiv machen könnten. Der große Haken an der Sache ist, dass sich dies trotz Kulturhauptstadtjahr nicht herumspricht. Wenn man in Deutschland mal junge Menschen fragt, was sie vom Ruhrgebiet halten oder im Ausland einfach nur die Frage bejaht haben möchte, ob jemand Dortmund oder Essen kennt, dann wird man doch recht schnell enttäuscht. Der Ruf und die Präsenz des Ruhrgebiets wird seiner tatsächlichen Attraktivität ganz und gar nicht gerecht. Der Artikel konstatiert gut, dass das Ruhrgebiet im Grund genommen genau das bietet, was die „Creative Class“ sich bewusst oder unbewusst wünscht: Viel Raum zu Spottpreisen, dabei ein großes Kultur- und Freizeitangebot gepaart mit Metropolenleben. Hinzu kommt noch, dass neben den Mieten auch Preise für Lebensmittel und die Kosten für ein Bier an der Ecke (oder auch am Kiosk; denn wo sonst gibt es nachts Bier ab 58 Cent?) extrem attraktiv sind. In Europa oder Nordamerika gibt es wohl kaum einen Ballungsraum dieser Größe, in dem man mit so wenigen Mitteln so gut leben kann wie zwischen Duisburg und Dortmund und trotzdem bleiben die Leute fern. Natürlich kann man mit der derzeitig niedrigen Zahl an Arbeitsplätzen im Ruhrgebiet (Dortmund einmal bewusst außen vor gelassen, denn hier tut sich momentan einiges besonders im Bereich der gutbezahlten Jobs im Technologie-Sektor) keine Massen an bereits ausgebildeten Menschen anziehen aber die Saat kann man durchaus mit recht kostengünstigen Mitteln, nämlich gezieltem Marketing sähen. Das Ruhrgebiet wäre gut beraten, sich vor allem im Bereich der Attraktivität der Hochschulen zu bemühen. Die Unis müssen in Zusammenarbeit mit den Städten versuchen, soviele Junge Menschen wie nur irgend möglich für das Revier zu begeistern und diese während ihrer Studienzeit an die Region zu binden. Das würde nicht nur kurzfristig die Städte beleben sondern auch Unternehmen mit gutbezahlten Arbeitsplätzen für Akademiker an Land ziehen.

  • #30
    Arnold Voss

    @ Rollbrettfahrer # 29

    Wenn sie das alles im Ruhrgebiet so toll finden, wieso sind s i e dann nicht dort geblieben? (Verstehen sie die Frage bitte nicht als Vorwurf sondern einfach nur als neugieriges Nachhaken.)

  • #31
    Rollbrettfahrer

    Weil ich jung bin und auch mal was anderes sehen wollte. Nach recht kurzer Zeit kann ich sagen, dass zumindest die französische Mittelmeerküste ziemlich abstinkt gegen meine alte Heimat. Würde gerade einfach gerne wieder zurück.

  • #32
    Jürgen

    @ Rollbrettfahrer # 29
    Nichts für ungut, aber ich stimme Ihnen in keiner Weise zu. Der schlechte Ruf des Ruhrgebietes ist nicht das Hauptproblem. Die Entscheider in der Wirtschaft rechnen knallhart, und wenn sie ein Geschäft wittern investieren sie. Der Ruf der Region spielt dabei keine große Rolle. Im Ruhrgebiet wittern sie kein Geschäft, das Ruhrgebiet ist Kriesenregion.
    Wir haben im Ruhrgebiet Universitäten mit hervorragendem internationalen Ruf. Und jedes Jahr verlassen gut ausgebildete Absolventen die Unis um dann nach München, Hamburg, Frankfurt zu gehen. Und ich kann es ihnen nicht verdenken, es gibt im Ruhrgebiet einfach keine interessanten Jobs. Da helfen auch nicht die geringen Lebenshaltungskosten. Auch Dortmund bietet nicht die Jobs in ausreichender Menge die junge Menschen brauchen die eine berufliche Herausforderung suchen. Es fehlen international operierende Großkonzerne. Aber die ziehen lieber dorthin wo die Mitbewerber sitzen, nach München, Hamburg, Frankfurt. Und wo die gut ausgebildeten Kreativen sitzen – Ingeneure, Physiker, Biologen, Chemiker.
    Um etwas zu verändern müssen erst die Unternehmen kommen.
    @ Alle
    Es wird viel von den Kreativen und von Gentrifizierung geredet. Und dann wird gefolgert wenn sich irgendwo ein paar Kreative – Künstler, Grafiker, Theaterleute – niederlassen kommt die Industrie sofort nach. Unsinn. Die entscheidenden Kreative sind die Ingeneure, Physiker … Die Künster folgen weil sie die Anderen als Auftraggeber brauchen. Aus dieser Sicht sind sie ein Indikator, nicht treibende Kraft.

  • #33
    Ben ny

    Schöner Beitrag, in der Tat wird auf der Suche nach einem der neuen Plätze gerne die Theorie „The World is Spiky“ von Richard Florida herangezogen. Diese bezieht sich (obwohl sie scheinbar global anwendbar ist) nicht auf europäische, sondern auf amerikanische Verhältnisse. Der Immobilienumschlag und die Umzugszahl sind bedeutend größer als z.B. im Ruhrgebiet. Dadurch erst bekommt man wirklich schnell Auf- und Abstiege hin. Wer auch immer bei den Kreativviertel das Konzept gemacht hat, er muss ein grober Floridaianer gewesen sein. Und beseelt vom Wunsch, die brachliegenden Nordinnenstädte im Abwärtssog zu retten.
    Die Kernfehler der Umsetzung durch die Ruhr2010-Macher ist der offiziöse Ausruf von einer Zahl von „Kreativquartieren“, die die Hochglanzbroschüren nicht wert sind. Und die irrige Annahme, dass Kreative dort wohnen müssen wo sie arbeiten. Gehen wir mal zum Beispiel nach Essen. In der Tat ist die Galeriedichte, die alternativen Kneipendichte z.B. in Rüttenscheid hoch. Die Gentrifizierung funktioniert auch seit Jahren, z.B. in Rüttenscheid, ist dort aber – wie bereits oben erwähnt – abgeschlossen, wenn jeder zweite Nachbar Lehrer, Anwalt oder Arzt ist. Die Preisgestaltung liegt denn auch z.T. bei 8-12 EUR pro QM – für normalen Wohnraum meinetwegen ok für Besserverdiener, nicht jedoch für Künstler. Wie reagieren Künstler? Entweder durch temporäres Arbeiten in Nutzungslücken oder durch Umzug. Faktisch wird zwar in Rüttenscheid einiges an Kunst präsentiert und verkauft – es entsteht aber außerhalb. Weil die Mieten faktisch in den letzten 5 Jahren verdoppelt wurden weichen die meisten Künstler aus auf andere Stadtteile, die coole Altbauten und ein Mietniveau zwischen 4 und 6 EUR haben. Wer möchte schon in ein 120qm Studio in einem Rü-Hinterhof für knapp 900 EUR kalt einziehen, wenn er nicht sagen kann ob er in einem halben Jahr soviel verdient. Spätestens mit einem Familienzuwachs ist das nicht mehr finanzierbar. Unter den meisten Essener Atelier-Umzügen oder Neugründungen, die mir bekannt sind, kristallisieren sich neue Atelier-Standorte heraus, die mit Frohnhausen (Apostelkirche, Markt) und Steele (alter Kern etc.) jenseits der „Kreativviertel“ liegen, weil das Verhältnis von Stadtteilfeeling und Miete einfach noch stimmt.
    Wenn die RUHR2010ler meinen, Sie könnten das in irgendwelche Zentren steuern, so sollten Sie vielleicht die alte Idee, ungenutzte Schulstandorte zu Künstlerhäusern zu machen, nicht auf dem Altar der Immobilienverwertung opfern statt den Künstler nur als „Trigger“ für Investorenglück zu sehen. Ein Ausrufen und Hypen von Kreativ-Standorten führt über die Miete schnell zum Gegenteil.

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