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Kreativwirtschaft: Einige Nachbemerkungen zum ‚Auftakt‘ vom 26.11.

(von links nach rechts): Dr. Olaf Arndt, Josef Hovenjürgen MdL, OB Sören Link, Brigitte Pavetic, Rasmus C. Beck, Minister Garrelt Duin, Prof. Dieter Gorny Foto: WMR

(von links nach rechts): Dr. Olaf Arndt, Josef Hovenjürgen MdL, OB Sören Link, Brigitte Pavetic, Rasmus C. Beck, Minister Garrelt Duin, Prof. Dieter Gorny Foto: WMR


Warum nur fällt mir bei den großen, ruhrgebietsweiten Veranstaltungen zur Entwicklung der Kreativwirtschaft immer wieder das Märchen von „des Kaisers neue Kleider“ ein? Unser Gastautor Dieter Wagner ist Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung des Ennepe-Ruhr Kreises.

Da wartet zu Beginn der Veranstaltung der Gutachter der Prognos AG mit niederschmetternden Zahlen auf: Die Kreativwirtschaft des Ruhrgebiets landet bei Umsatz, Erwerbstätigen und Bruttowertschöpfung im Vergleich weit hinter den Werten von NRW und Deutschland – z.T. sogar mit gegenläufigem negativen Trend – doch die Protagonisten auf der Bühne sehen sich unbeirrt auf Augenhöhe mit Amsterdam, London etc. und feiern sich bzw. die Kreativwirtschaft des Ruhrgebiets ausgiebig. Um in Andersens Märchenbild zu bleiben: Man steht splitternackt auf der Bühne und lässt über Stunden seine tollen Klamotten feiern. Geht’s noch?

Nur die Ruhrgebietsstädte Mülheim, Oberhausen, Bochum und Dortmund übertreffen beispielsweise den Anteil der Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft des Landes NRW und des Bundes. Bei den Zahlen von Land und Bund sind dann sogar auch jeweils die ländlichen Räume mit ihrem spärlichen Besatz an Kreativen enthalten. Letztlich können allenfalls Essen, Bochum und Dortmund (vielleicht) mithalten.

Hier wäre es dann eigentlich richtig spannend geworden bei der Beantwortung von entscheidenden Fragen:

  • Wie sehen die relativ positiven Erwerbstätigenanteile in Essen, Bochum und Dortmund im Benchmark mit vergleichbaren deutschen urbanen Räumen wie Köln, Frankfurt, Leipzig oder Hamburg aus? Ich fürchte allerdings die Zahlen würden sehr ernüchternd wirken.
  • Und falls dabei das erwartet schlechte Ergebnis herauskäme, müsste die anschließende Frage lauten: Warum ist das so?
  • Nächste Frage: Woran liegt es, dass das Ruhrgebiet mit seiner Kreativwirtschaft insgesamt so mies da steht? (Und dies trotz der großenteils wirklich guten Arbeit der branchenunter-stützenden Akteure in den letzten sieben/acht Jahren.)
  • Ist die Schwäche der Kreativwirtschaft nur ein Reflex auf die Schwäche der übrigen Wirtschaft des Ruhrgebiets, auf deren Aufträge sie vermutlich vorrangig angewiesen ist?
  • Sind unsere Kreativen (im Durchschnitt) vielleicht tatsächlich schlechter als die auswärtige Konkurrenz, weil die wirklich Guten nämlich weg gehen aus dem Ruhrgebiet?
  • Wie erklärt sich der hohe Anteil der Kreativwirtschaft als Kunde der Kreativwirtschaft (49%)? Ist das vielleicht ‚gegenseitiges Haareschneiden‘ auf höherem Niveau?
  • Wenn das negative Image des Ruhrgebiets eine Rolle spielt, kann sich dies ja nur auf Aufträge von außerhalb des Ruhrgebiets beziehen. Ist der Auftragseingang ‚von außen‘ denn signifikant niedriger als in anderen Ballungszentren?

Ganz offensichtlich geht es doch auf absehbare Zeit – selbst für das Kernruhrgebiet – nicht um ein Messen auf Augenhöhe mit anderen Metropolen, sondern erst einmal darum, Anschluss zu gewinnen
an den Durchschnitt des Landes NRW und von Deutschland. Bis wir ernsthaft zu den europäischen Metropolräumen als Konkurrenten schielen können, wird noch viel Wasser die Ruhr hinunter fließen. Schlechtestenfalls sind diese sich schnell entwickelnden Metropolen spätestens in ein paar Jahren uneinholbar weit weg (wenn sie es nicht schon längst sind).

Ein Auftakt, der sich die Beantwortung dieser Fragen vorgeknüpft hätte und aus den schonungslosen Antworten und Analysen dann die geeigneten Strategien entwickelt hätte, wäre sachdienlicher gewesen als die vorgefundene eher peinliche Selbstbeweihräucherung.

Zum Abschluss eine kleine aktuelle Anekdote:
Was waren wir froh, der Presse zu entnehmen, dass wir im Ennepe-Ruhr-Kreis mit drei Wittenern aus dem Umfeld der Uni Witten/Herdecke ein Siegertrio im Bundeswettbewerb zu den ‚Kreativpiloten‘ vorzuweisen haben! Natürlich will man dann gleich Kontakt aufnehmen, will die Jungs als vorzeigbares Vorbild für Zwecke der Wirtschaftsförderung nutzen. Man ruft also zur Erlangung der Kontaktdaten die Internetseiten von deren Startup auf und sieht deren (neue) Adresse – sie liegt in:
Berlin…

Noch Fragen?

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9 Kommentare zu “Kreativwirtschaft: Einige Nachbemerkungen zum ‚Auftakt‘ vom 26.11.

  • #1
    Franz Przechowski

    So ärgerlich der Inhalt der „Story“ ist, umso dankbarer bin ich für diesen Gastkommentar.

    Vielen Dank und Glückauf

  • #2
    WALTER Stach

    Franz,
    wird sich nicht immer einer Meinung, aber hier stimme ich Dir voll ung ganz zu.
    Leider scheint sich hier im Ruhrgebiet schon so etwas wie eine Kultur des „Sich selbst etwas vormachen“ etabliert zu haben.
    An den Gastautor gefragt:
    Warum sind denn auf dem Kongress, was doch selbstverständlich so hätte sein müssen, die kirtischen Fragen, die im Kommentar aufgeliistet wurden, dort nicht gestellt und zum Gegenstand einer Diskussion gemacht worden? Ich kann das ganz und gar nicht nachvollziehen. Es bedarf doch weder der Wut -einer naheliegenden- noch des Mutes, auf einem solchen Kongress kritisch nachzufragen.

  • #3
    Dieter Wagner

    Hallo Herr Stach,
    auf Ihre Frage, wieso keine Publikumsreaktion erfolgte: es gab keine Beteiligung des Publikums, sondern sehr einmütige Diskussionen auf dem Podium.

  • #4
    Arnold Voss

    POTTemkin läßt grüßen:

    http://www.ruhrbarone.de/?s=POTTemkin

    Danke für deinen Gastbeitrag, Dieter!

  • #5
  • #6
    Klaus Lohmann

    @Dieter Wagner: Das gleiche Ergebnis wie in Ihrer Anekdote am Artikelende konnten Sie erleben, wenn Sie in den letzten Jahren vermehrt nach den Gewinnern der Dortmunder start2grow-Wettbewerbe recherchiert hatten. Und ich zweifle daran, dass es in anderen NRW-Kommunen oder Landeswettbewerben grundsätzlich anders läuft bei der Verteilung von Steuergeldern auf die „Wandernutten“ der Gründerszene.

    Wo Geld sinnlos und ohne Erfolgskontrollen „vergießkannt“ wird, sammeln sich halt die Ratten und Geier.

  • #7
  • #8
    Hank

    Kreativwirtschaft die von „oben“ geschaffen werden soll ist kann nichts anderes gebären als eine Fehlgeburt. Die Zweig muss von unten aus sich selber heraus entstehen. Politik und Wirtschaft haben lediglich die Aufgabe nicht im Weg zu stehen.
    Pittsburgher Politiker und Wirtschaftsbosse haben vor Jahren dasselbe versucht und sind gescheitert. Gebt oder lasst den Leuten ihre Räume und dann wirsa vielleicht.

  • #9
    der, der auszog

    „Leider scheint sich hier im Ruhrgebiet schon so etwas wie eine Kultur des “Sich selbst etwas vormachen” etabliert zu haben.“ Dieser Satz von Walter (#2) trifft den Nagel auf den Kopf. Nirgendwo treffen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn so stark aufeinander wie an Rhein und Ruhr und wenn man das eine mit dem anderen zu kompensieren versucht, dann kann das unter Umständen Menschenleben kosten.

    Dieter Grony war der künstlerische Direktor der Loveparadekatastrophe von Duisburg. Während andere Protagonisten nach dem Supergau 2010 aus Amt und Würden gejagt wurden, hat es Gorny bis heute verstanden, seinen Job aus dem Kulturhauptstadtjahr auf der Haben-Seite zu verbuchen und sich die Peripherie seines Schließmuskels vergolden zu lassen.

    http://www.taz.de/!56642/

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