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Little Istanbul und Chinatown im Ruhrgebiet

Kaiser-Wilhelm-Straße in Duisburg Marxloh Foto: Cfbolz Lizenz: CC-BY 4.0

Unser Gastautor Wilhelm Klümper hat einen Vorschlag für die Revitalisierung von Stadtteilen im Ruhrgebiet.

Die meisten türkischen Migranten im Ruhrgebiet leben weitgehend unter sich, in den einstmals stolzen Arbeiterstadtteilen. Die von den Stadtplanern erhoffte soziale und ethnische Mischung mit der deutschen Bevölkerung nach der ersten türkischen Einwanderungswelle in den 1970er Jahren ist gründlich misslungen.

Zuerst zogen viele Deutsche weg und später die Aufsteigertürken, die es sich leisten konnten. Heute sind die Viertel mit überwiegend türkischstämmiger Bevölkerung meist heruntergekommen und eher Schandflecken in den Ruhrgebietsstädten.

Das müsste aber nicht so sein. Denn eigentlich haben diese Stadtteile großes Entwicklungspotenzial. Dazu müssten sie aber konsequent türkisch und vor allem weltoffen-liberal werden. Warum schafft es das Ruhrgebiet nicht, einige Klein-Istanbuls zu schaffen, mit herausragender türkischer Küche, attraktiven Supermärkten, bunten türkischen Läden, Galerien, Buchhandlungen und Cafes.

Chinatown in San Francisco und Little Italy in New York sind Touristenmagneten. Dagegen fährt kaum ein Ruhrgebiets-Tourist ins bundesweit für Klein- und Clan-Kriminalität, Dreck und dubiose Hinterhofmoscheen bekannte Duisburg-Marxloh? Mit einer Ausnahme: Steht irgendwo in Deutschland oder dem benachbarten Ausland eine der großen türkischen Hochzeiten an, dann trägt dabei nicht selten die Braut ein auf der Marxloher Brautmodenmeile erworbenes Kleid.

Wie wäre es, wenn beispielsweise der Duisburger Oberbürgermeister den Türken in Marxloh sagen würde: Ich schenke Euch den Stadtteil. Macht ihn so bunt und weltoffen türkisch, dass selbst die Düsseldorfer zum Bummeln, Essen und Einkaufen hierherkommen, weil es hier so anders ist. Im ersten Schritt könnten auch türkischstämmige Künstler und Designer durch kostenlosen Wohnraum und Stipendien für Marxloh gewonnen werden, um frischen Wind ins miefige konservative und strenggläubige türkische Milieu zu bringen.

Durch Formen der Selbstverwaltung türkischer Verbände könnte ein Dynamisierungsprozess in Gang gesetzt werden, der aus einem Problemstadtteil nach und nach eine exotische Perle im Ruhrgebietseinerlei schaffen könnte. Jede Wette, dass der heute dreckige Stadtteil ruckzuck sauber wäre, wenn etwa der türkische Unternehmerverband bei der Müllvermeidung ein gewichtiges Wörtchen mitreden würde.

Angesichts der Clanstrukturen, zweifelhaften Moscheen, der Bildungsferne und Kriminalität erscheint ein Wandel von Marxloh zu einem dynamischen, weltoffenen, quirligen Little Istanbul im Ruhrgebiet sicherlich utopisch. Aber was ist die Alternative? Weiterhin ohnmächtig zuschauen, wie alle gutgemeinten Integrationsprojekte verpuffen und sich die Parallelgesellschaft weiterhin verfestigt und die Clans immer dreister werden?

Neben türkischen Hotspots könnte mit den Tausenden von chinesischen Studenten an der Uni Duisburg-Essen ein Little China im Ruhrgebiet entstehen Schenkt ihnen einen kleinen Stadtteil mit preiswerten Wohnungen und bald gibt es dort chinesische Geschäfte, Bars und Restaurants. Oder schenkt Künstlern einen dieser vielen grauen abgetakelten halbleerstehenden Stadtteile, die zu Künstlerkolonien werden könnten.

Bewusste Separierung statt krampfhafter Integration könnte im gesamten Ruhrgebiet Inseln der Einzigartigkeit schaffen. Es braucht allerdings Mut.

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11 Kommentare zu “Little Istanbul und Chinatown im Ruhrgebiet

  • #1
    Bochumer

    Gehört dem Bürgermeister ein Stadtteil, den er einfach verschenken kann? Und wenn die Aufsteiger wegziehen, wer wohnt denn da? Wäre es nicht auch Aufgabe der Menschen, die vor Ort leben, etwas aus dem Stadtteil zu machen?

    Der Artikel ist dann doch Recht naiv. So wird das nix. Anders vermutlich auch nicht. In Marxloh wird es auch noch in 20 Jahren Schei.e aussehen.

  • #2
    Angelika, die usw.

    Sollte ihm (diesem imaginären Bürgermeister …) irgendwas gehören, dann kann er von mir aus die Innenstadt samt Hauptbahnhof (ich weiß, ich weiß, DB, aber bei diesem Marxloh-Monopoly kommt es nicht so genau darauf an …) auch verschenken. Das Bahnhofsdach! Puh! Die Fahrstühle in der Fußgängerzone. Puh! Die Treppen zu den Parkhäusern zwischen Gericht und City-Palais…Da stinkt es nach Urin!
    Vielleicht kann er (dieser Bürgermeister) mir den Landschaftspark Duisburg-Nord schenken. Ich verkaufe den dann – als Filmkulisse (da war ma wat, da is nix mehr, da wächst nu Unkraut, sieht abber schön aus).

  • #3
    Philipp

    Interessante Ideen!

    V.a. den Schlusssatz "Bewusste Separierung statt krampfhafter Integration könnte im gesamten Ruhrgebiet Inseln der Einzigartigkeit schaffen. Es braucht allerdings Mut.", finde ich einen guten Ansatz.

    Wenn der OB das allerdings mit "Stadtteil an die Türken verschenken" ankündigen würde, holla, da wär was los. Das würde, glaube ich, auch die falsche Aufmerksamkeit auf das Projekt lenken, da bräuchte es eher einen "Konservative Rhetorik, progressives Handeln" Ansatz.

    Die Idee "türkischstämmige Künstler und Designer durch kostenlosen Wohnraum und Stipendien für Marxloh gewonnen werden, um frischen Wind ins miefige konservative und strenggläubige türkische Milieu zu bringen", ich weiß nich‘. Ich kenne ein paar von denen und die wollen auch da sein wo der Buzz ist, also Berlin, oder zumindest Düsseldorf, wo Sammler und Geldgeber sind.

    Zuletzt noch der Gedanke, ob "Klein-Istanbul" nicht sowieso schon die "konsequent-türkische" Realität in Marxloh ist. Ändert daran ein neues Schild am Ortseingang etwas?

  • #4
    Frau U.

    Habe ich zu meinem Nachbarn, dem Hisbollah- Chef Clanpaten auch immer gesagt: Lass uns tauschen. Ich schenke Euch das kaputte Ruhrgebiet und wir nehmen uns Beirut am Meer.
    Er rätselt bis heute darüber, warum 😉

  • #5
    Walter Stach

    Eine nach- und bedenkenswerte Idee.

    Ich hoffe darauf, daß das zumindest in einer großstädtischen Kommune des Reviers ähnlich gesehen wird – in "relevanten" Teilen der dortigen sog. Bürgergesellschaft und in der kommunalen .Politik

    ""Man" könnte dann dort z.B. dem Gedanken nachgehen, z.B. mittels eines sog. Pilotproprojektes ‚mal ausprobieren zu wollen, ob und wie sich den örtlichen Gegebenheiten entsprechend die Idee von Wilhelm Klümper umsetzen ließe
    Dabei wären die "klassischen" Grundsätze bei der Installierung solcher Projekte zu beachten:

    !. Aus Betroffenen (das wären hier vor allem die Menschen mit sog. Migrationshintergrund)
    Beteiligte machen.

    2.Uneingeschränkte Transparenz -vom ersten bis zum letzten Schritt- ,

    3.Öffentliche Rechenschaft aller Projekt- Beteiligten (-regelmäßig- und von Anfang an die sog. Fehlerkultur (be-) achtend.

    Also…….

    "Dann ‚mal los" und "Glück auf" dazu.

    Aber………
    "Wir" im Revier -die Bürgerschaft, die komm.Politik, die komm. Administration- sind nun ‚mal nicht bekannt dafür, das Begehen neuer Wege immer dann mutig, entschlossen, risikobereit anzugehen, wenn, wenn "wir" erkannt haben, daß "die altbekannten Wege" nicht zum Ziel führen. Insofern gehe ich davon aus, daß die Idee von Wilhelm Klümper nach einer -mehr oder weniger tiefgründigen Diskussion hier bei den Ruhrbaronen- " versanden wird.

  • #6
    Wuluk

    "Bewusste Separierung statt krampfhafter Integration könnte im gesamten Ruhrgebiet Inseln der Einzigartigkeit schaffen. Es braucht allerdings Mut."
    Das gab es doch schon mal in Südafrika, Amerika und Deutschland.Also eine Apartheid 2.0, Jim Crow Gesetze 2.0 und die Nürnberger Gesetze 2.0 als Lösung anzubieten, das ist schon sehr kreativ und erheiternd.

  • #7
    Yilmaz

    "Wie wäre es, wenn beispielsweise der Duisburger Oberbürgermeister den Türken in Marxloh sagen würde: Ich schenke Euch den Stadtteil."

    Garnicht nötig, die meisten Immobilien in Marxloh sind schon Eigentum türkischer und kurdischer Migranten.

  • #8
    DEWFan

    "Denn eigentlich haben diese Stadtteile großes Entwicklungspotenzial. Dazu müssten sie aber konsequent türkisch und vor allem weltoffen-liberal werden. "

    Spätestens bei diesem Satz habe ich mich gefragt, ob dieser Artikel eine (zugegeben ziemlich gut gemachte) Satire ist. Aber dann hat er mich doch zum ernsteren Nachdenken gebracht. Ich kenne DU-Marxloh nur aus den Medien, aber vergleiche mal mit der mir bekannten Dortmunder Nordstadt. So ein "Little Istanbul" wäre durchaus eine interessante Utopie – real haben wir es aber eher mit "Little Anatolia" zu tun.

    Damit solche Stadtteile überhaupt für Besucher interessant werden, müssen sie für diese auch etwas zu bieten haben. Wenn man vom heutigen Ist-Zustand ausgeht, sammeln sich im Ruhrgebiet eher die rückständigen und konservativen Einwanderer – wie der Artikel das auch beschreibt. Diese haben aber sehr oft auch total andere Freizeit- und Konsum-Gewohnheiten. Das sieht man schon an den vorhandenen Geschäften und mehr noch an der Gastronomie (Döner – Shisha – Tipico). Die einzige Schnittmenge mit "uns" ist wohl nur der gelegentliche Verzehr eines Döners.

    Was in Marxloh und auch in der Dortmunder Nordstadt – Ausnahme Hafenviertel – fehlt, ist eine ergänzende alternative Kietz- und Subkultur, wie z.B. in Berlin Kreuzberg mit seinen vielen Szene-Bars und Kneipen.

    So ein "Marxloh 36" oder "Borsig 36" wäre schon recht cool…

  • #9
    Marilou Monroe

    Little Italy in NY ist eine Touristenkiste und nicht mehr das was es einmal war. Was es mal war, war auch bestimmt nichts wohin sich ein Tourist verirrt hätte, oder ein Einwohner eines anderen Viertels. Lebendig, aber von der Armut und Kriminalität schlimmer als die übelsten Viertel im Revier.
    Hat halt seine Zeit und ein paar Filme gebraucht bis das Viertel das wurde was es heute ist, obwohl es eigentlich das was es darstellt nicht mehr als eine Kulisse ist.

    "As of the 2000 U.S. Census, 1,211 residents claiming Italian ancestry lived in three census tracts that make up Little Italy. Those residents comprise 8.25% of the population in the community, which is similar to the proportion of those of Italian ancestry throughout New York City. Bill Tonelli of New York magazine contrasted Little Italy with the Manhattan Chinatown; in 2000, of the residents of the portions of Chinatown south of Grand Street, 81% were of Chinese origins"

  • #10
    dfgf

    In Düsseldorf wird über Dubai geredet, aber nicht über Marxloh. Auf Istanbul City mag vielleicht ein Möchtegernpascha vom Bospurus mit seinem leicht größenwahnsinnigen Palast gewartet haben, sonst aber niemand.

    Die Niederländer sind nicht ganz ungeschickt. Warum die Leute nicht in Lage sind, einfach mal ein paar Ideen beim Nachbarn abzugucken, werde ich in diesem Leben vermutlich nie verstehen.

    Bei Marxloh fällt mir folgendes ein: Wundervolle Häuser mit beeindruckener Architektur aus der Gründerzeit. Aber mit einem Ruf, wonach man sich mit als Ortsfremder nach Sonnenuntergasng dort besser nicht aufhällt. Solche Sachen gehen eher über Mund-zu-Mund-Propaganda. Sie sind aber dennoch relevant für einen Standort.

    Wer die bestimmenden Clans von Marxloh sind, dass will ich gar nicht wissen, dass sie aber dem Ort bisher nicht genutzt haben, dass ist wohl offensichtlich.

  • #11
    Petra 42

    Chinatown sieht genauso runtergekommen aus wie Marxloh -> Billigstläden und Fastfood, aber keine Kulturangebote.

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