Moers 2008 war auch nicht anders: Die Szene lebt

Ein Gast-Kommentar von Stefan Pieper

Ist der Jazz wirklich ein therapiebedürftiger Patient? An diesem sonnigen Ort beim Moers-Festival betreibt ein gewisser Prozentsatz der Festivalbesucher tatsächlich Diskurse – ständig aufs Neue angeregt durch die hier so manigfaltig offerierten Momente von ästhetischer Faszination in den vielen Konzerten und Live-Projekten. Der Jazz als solcher ist dabei zur Minderheiten-Sache geworden – vor allem in seiner historisch strengen Genre-Definition. Entspricht also der vibrierende Kosmos der Moerser Zeltstadt der heutigen kulturellen und gesellschaftichen Realität?

Wo sind die gesellschaftliche Relevanz, der Umsturzgedanke und das visionäre Potenzial geblieben – etwa wenn es norwegische Freejazz-Ensembles oder der legendäre Cecil Taylor freejazzig krachen lassen? Was in den Gründerjahrzehnten verstört, wird heute in unzähligen Nischen und zahllosen ausdifferenzierten Verästelungen gehegt und von einer spezialisierten Minderheit hoch geschätzt. Die Massenmedien stellen die Abschottung gegenüber der Masse zuverlässig sicher.

Musiksendungen, in denen einzelne Autoren bestimmte Künstler präsentierten, werden ins Nachtprogramm abgeschoben und in ihrer Zeitdauer gekürzt.Wenn die Anzeigenredaktion einer Tageszeitung eine halbseitige Anzeige beansprucht, fliegt als erstes das halbe Feuilleton raus. Und dort zuerst alles, was irgendwo zwischen den Stühlen von quotenträchtigerer Pop-Kultur und etabliertem bürgerlichem Kulturbetrieb eingezwängt liegt…

….aber der ist inzwischen wunderbar vielfältig aus den engen Genre-Gleisen ausgebrochen. Die Szene lebt! Musiker, Bands und Projekte befruchten einander, bringen ihren immer größer werdenden Output ans geneigte Hörer-Ohr, ohne noch den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie unterworfen zu sein. Hier muss eine engagierte Medienarbeit ansetzen. Bernt Noglik, einer der berufensten Jazz-Autoren im Lande, moderiert dieses Podiumsgespräch.

Er plädiert dafür, dass sich die unterschiedlichen Medienformen zusammenschließen, um sich auf öffentliche rechtliche Kulturaufträge zu besinnen und um den interessierten Musikfans auf ihren Reisen durch den immer weiter wachsenden Dschungel an zeitgenössischen musikalischen Ideenwelten zur Seite zu stehen. Der Rundfunk als Bildungsinstanz: Das klingt – aus Sicht heutiger Sicht der medialen Wirklichkeit – so antiquiert wie etwas utopisch. Aber die Initiativen rund ums Moerser Festival zeigen Wege auf, das Besondere nicht nur ins Rampenlicht zu rücken sondern darüber hinaus auch öffentlich zu machen.

Stefan Pieper ist freier Journalist. Er schreibt
für die Recklinghäuser Zeitung und für die Jazzzeitung

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