
Foto: Kirsten E. Lehmann Lizenz: Copyright
Die Künstlerin und Schriftstellerin Mona Yahia erinnert in ihrem Buch „Vier Tage“ an die lange, erloschene jüdische Vergangenheit Bagdads. Von unserem Gastautor Roland Kaufhold
Im Jahr 2002 veröffentlichte Mona Yahia ihre literarische Erinnerung an ihre Kindheit als Jüdin in Bagdad. Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom gehört zu den wenigen deutschsprachigen literarischen Werken, die autobiografisch an die – längst erloschene – jüdische Geschichte Bagdads erinnern. Yahia war 16, als sie mit ihren Eltern via den Iran nach Israel floh. Lina hieß die jugendliche Protagonistin in ihrem Werk, die in sprachlich beeindruckender, persönlicher Weise eine jüdische Kindheit in Bagdad beschrieb, die im Jahr 1954 begann. Gewidmet hatte Yahia ihr Werk ihren Eltern, „die mir Sprache gaben statt Wurzeln“.
Ihre Bagdad-Erzählungen endeten im Jahr 1970: Da flieht sie mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder mit Hilfe kurdischer Peschmergas über die irakischen Berge in den Iran. Der vom Schah mit harter Hand regierte Iran, man vermag es heute kaum noch zu glauben, war seinerzeit mit Israel freundschaftlich verbunden. Yahias Familie gehörte in den 1960er Jahren zu der kleinen, nur noch 3000 Menschen zählenden jüdischen Gemeinde, die sich noch nicht aus dem Irak hatte vertreiben lassen. „Fremde! Geschafft! Wir sind geflohen, haben unsere Freiheit gefunden. Flucht. Freiheit“, jubelt die jugendliche Protagonistin Lina am Ende ihrer erfolgreichen Flucht aus dem Irak. Mona Yahias Werk war zugleich ein literarischer und persönlicher Abschied von mehr als 2000 Jahren jüdischer Geschichte.
Die Familie gelang nach Israel, und Mona Yahia benötigte noch 15 Jahre, um das Verlorene zu verinnerlichen.
Nun hat die Künstlerin, Schriftstellerin und in Israel zur Familientherapeutin ausgebildete Yahia Von Roland Kaufhold in ihrer neuen literarischen Erzählung Vier Tage erneut an die lange, erloschene jüdische Vergangenheit Bagdads erinnert. Yahia hat ihr Buch erneut auf Englisch, eine ihrer Muttersprachen, verfasst. Es wurde von Kirsten Lehmann ins Deutsche übersetzt.
In ihrem 584-seitigen imposanten Roman geht die Autorin gleich 100 Jahre in ihrer jüdischen Familiengeschichte zurück. Sie begann in dem heute 2,9 Millionen Einwohner zählenden irakischen Mossul.
In den 1880er Jahren lebten in Mossul 164.000 Muslime, 7200 Christen und über 4000, zum größten Teil in Armut lebende, mehrheitlich arabisch sprechende Juden. Bereits damals gab es Übergriffe gegen Juden. Diese verschärften sich mit der Eingliederung Mossuls in das Königreich Irak im Jahr 1921. 1941 und nach Israels Staatsgründung im Jahr 1948 kam es erneut zu antisemitischen Demonstrationen gegen Juden. In diesen Jahren wurde Mossul zu einem der wichtigsten Durchgangsorte Richtung Palästina.
Nach einer anderen Quelle sind während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach 150.000 Juden aus dem Irak geflohen. In den frühen 1950er Jahren flohen noch einmal zwei Drittel der verbliebenen Juden vor antisemitischen Verfolgungsmaßnahmen aus dem Irak. Heute gibt es nahezu keine Juden mehr im Irak. Die weiterhin dort Lebenden schützen sich durch Konversion.
Mossul 1918: Hayim: Arzt oder Abtrünniger?
Mona Yahias großartiges Werk besteht aus vier Kapiteln, in denen sie jeweils einen einzigen Tag aus dem Leben dieser jüdischen Familie erzählt.
Es beginnt im Jahr 1918 in Mossul. Im Ersten Weltkrieg war die Türkei mit Deutschland verbunden. Der Völkermord an den Armeniern wurde vorbereitet und vollzogen. Im ersten Kapitel „Hayim. Arzt oder Abtrünniger? Mossul 1918“ erzählt Mona Yahia in Person des jüdisch-syrischen Protagonisten Dr. Yahia, genannt Hayim, einem Arzt, über die Grausamkeit und Willkür der osmanischen Machthaber.
Hayim, das wie Yahia Leben bedeutet, spürt seine eigene existenzielle Bedrohung, wie auch die seiner Frau Nazli und seiner beiden Töchter Serafine und Rebekka. Hayim hat sich geweigert, Kriegsgefangene umzubringen. Für einige sucht er sogar nach Möglichkeiten eines Schutzes. Hiermit verweigert er seinem türkischen Dienstherrn die Gefolgschaft, was eine existenzielle Eigengefährdung darstellt. Er beschließt, nicht in das „sichere“ Istanbul zurückzukehren, sondern mit seiner Familie in Mossul zu bleiben. Von diesen Ambivalenzen, den verschiedenen Loyalitäten, den Wünschen seiner Töchter nach Autonomie und selbstgewählter Liebe und den Versuchen, sich durch Anpassung zu retten, handelt diese meisterhafte Erzählung.
Hayim, der soeben von den Krähen aus dem Schlaf gerissen wurde, denkt an seinen Dienstherrn Khalil Bey, dem Gouverneur von Mossul, dem er misstraut und zu dem er doch loyal bleibt: „Hayim setzt seine Kippa auf und wirft sich den Gebetsschal um die Schultern. Keine Frage, er ist auf ihrer Seite, auch wenn ihm persönlich der Verlust Mossuls ziemlich egal ist. Was zählt, ist, dass der Krieg vorbei ist.“ (S. 13)
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Ein großartiges Werk der Weltliteratur über das orientalische Judentum.
Lesung von Mona Yahia aus: Vier Tage. Leipziger Buchmesse 2026
Mona Yahia: 4 Tage
Eine nahöstliche Tetralogie.
Mossul, Tel Aviv, Babel, Istanbul. Roman.
Übersetzt von Kirsten E. Lehmann,
Salon Literatur Verlag,
Nov. 2025, 584 S., 24,50 Euro
