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Nationalstürmer Timo Werner führt seinen Arbeitgeber RB Leipzig vor

Timo Werner (links). Quelle: Wikipedia, Foto: Эдгар Брещанов – soccer.ru, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es gibt Entwicklungen und Abläufe im Profifußball, die lassen einen als Beobachter im Nachhinein staunend zurück. Zu diesen zählt auch die gestern bekanntgewordene Vertragsverlängerung von Nationalstürmer Timo Werner bei seinem Bundesligaklub RB Leipzig.

Der 23-Jährige nervte große Teile die Szene bereits seit etlichen Monaten mit einem öffentlich vieldiskutierten und scheinbar endlosen Vertragspoker, entschied sich jetzt, gut eine Woche vor Ende der laufenden Wechselfrist in der Fußball-Bundesliga, zum Verbleib in Leipzig. Dadurch führte er seinen Arbeitgeber ganz nebenbei nach allen Regeln der Kunst vor. Werner darf sich jetzt im Rückblick als der ganz große Sieger dieses Vorgangs fühlen, auch wenn der Verein aktuell alles versucht sich in der Öffentlichkeit als Begünstigter dieser Entscheidung des Nationalspielers darzustellen.

Das alte Arbeitspapier von Werner in Leipzig wäre im kommenden Sommer ausgelaufen. Der Spieler wäre somit nach der Saison 2019/20 ablösefrei zu haben gewesen. Klar, dass ein womöglich ablösefreier Nationalspieler Begehrlichkeiten bei anderen Klubs weckt. Im Gespräch als mögliche neue Arbeitgeber für Werner waren zuletzt unter anderem der FC Bayern München oder auch Borussia Dortmund.

Der frühere Manager von Rasenball, Ralf Rangnick, machte in der Vorsaison immer wieder deutlich, dass es einen ablösefreien Abgang Werners nicht geben werde, er den Stürmer gerne frühzeitig längerfristig an den eigenen Verein gebunden hätte, ihn ansonsten aber, wenn Werner das Angebot der Leipziger nicht annehmen würde, in diesem Sommer, noch mit einer fälligen Ablöse, ‚verkaufen‘ wolle.

Rangnick überschätzte seine Rolle in dem Deal offenkundig kolossal, denn Werner vermied über lange Zeit ein klaren Bekenntnis zum Klub. Und was hätte Rangnick am Ende denn gegen den Willen des Aktiven tun wollen? Werner hatte ja noch einen gültigen Vertrag mit dem Klub, auf dessen Erfüllung er Anspruch gehabt hätte. Hätte er das neue Vertragsangebot nicht angenommen, Leipzig hätte einen ablösefreien Abgang des Top-Angreifers im kommenden Sommer zähneknirschend hinnehmen müssen.

Das wurde auch bei RB offenkundig im Laufe der Zeit immer mehr Leuten klar. Die in Richtung Werner gerichteten Worte wurden in der jüngeren Vergangenheit jedenfalls immer freundlicher, woran wohl auch der Abgang von Rangnick in diesem Sommer entscheidenden Anteil hatte.

Da sich für Werner aber offenbar in diesem Sommer kein optimal geeigneter Abnehmer fand, die Bayern ihren Kader inzwischen bereits ohne ihn zusammengestellt hatten, auch in Dortmund derzeit keine Bereitschaft zu erkennen war den 23-Jährigen für viel Geld zu verpflichten, erfolgte an diesem Wochenende etwas überraschend doch noch die Verlängerung des Arbeitspapiers bis zum Sommer 2023, was RB Leipzig auf den ersten Blick wie den Sieger des langen Pokers aussehen lässt.

Entsprechend euphorisch kommentierten gestern die Verantwortlichen des Vereins die Nachricht: Das ist ein klares Signal, dass wir kein Ausbildungsverein sind und uns die Spieler nach zwei, drei Jahren verlassen, sondern das wir auf Nachhaltigkeit und Kontinuität setzen“, sagte Olaf Mintzlaff und schob noch nach: „Timo Werner ist hier Nationalspieler geworden, hat weit über 150 Spiele gemacht und über 60 Tore geschossen. Er ist für uns ein wichtiger Spieler, deshalb haben wir lange um ihn gekämpft.“

Ein ‚klares Signal‘? Wirklich? Das Problem ist doch, dass sich die Situation rund um Werner bei näherer Betrachtung gar nicht wesentlich zum Vorteil des Vereins verändert hat.

Das Ganze ist wohl eher ein symbolischer Akt zur Gesichtswahrung gewesen, auch um die nervige, öffentliche Diskussion zu beenden, die eigenen Fans zu beruhigen.

Der Kicker berichtet in dem Zusammenhang nämlich von eine überraschend niedrigen Ausstiegsklausel im neuen Vertrag, die den Leipzigern in der Praxis wohl keine große Sicherheit in Bezug auf einen Verbleib des Spielers über den kommenden Sommer hinaus bieten dürfte.

Die Rede ist einer festgeschriebenen Ablösesumme von rund 30 Millionen Euro. Für einen Stürmer von internationaler Klasse ist das ein Schnäppchen in diesen Zeiten. Kein Top-Klub wird sich dadurch davon abhalten lassen Werner zu holen, wenn er denn in guter Form ist/bleibt.

Selbst die in einigen anderen Medien kolportierten 60 Mio. Euro sind noch knapp unter dem aktuellen Marktwert des Stürmers, der bei 65 Millionen liegen soll. Auch das dürfte internationale Top-Klubs nicht verschrecken.

Wer jetzt denkt, dass Werner durch die Verlängerung doch seinerseits auf viel Geld verzichtet habe, da er durch die im kommenden Sommer fällige Ablöse auf ein nettes ‚Handgeld‘ verzichtet haben dürfte, dem sei gesagt, dass Werners Gehalt schon für die gerade begonnene Runde dem Vernehmen nach kräftig erhöht worden sein soll.

Zudem hat der Spieler jetzt die Sicherheit ‚zur Not‘ auf den Vertrag in Leipzig bis 2023 zu verbesserten Bedingungen und längerer Laufzeit zurückgreifen zu können, sollte die Karriere im kommenden Jahr doch einen überraschenden Negativtrend erfahren. Der Klub investiert die zu erwartende Ablösesumme der kommenden Jahre also in höhere Personalkosten, die zu erheblichen Teilen direkt an Werner selber abließen dürften. Viel Vorteil ist da für RB Leipzig am Ende nicht zu erkennen.

Diese Entwicklung kennt also in Wahrheit wohl nur einen großen Gewinner, und der heißt Timo Werner.

Die Taktik des Profis, das lange Pokern mit RB, ist ideal aufgegangen. Der Verein war inzwischen in der Öffentlichkeit offenbar so sehr unter Druck geraten, dass er sich auf diese Bedingungen, die Leipzig am Ende nicht wirklich weiterhelfen dürften, eingegangen ist nur um mit Gesichtswahrung aus der leidigen Angelegenheit herauszukommen, das Thema Werner für dieses Jahr aus den Schlagzeilen zu nehmen.

Zu verdanken hatte Rasenball diesen Druck im Wesentlichen auch den unnötig vollmundigen Aussagen von Ralf Rangnick, der diese Notlage unter offenkundiger Verkennung seiner Machtlosigkeit in diesem Vertragspoker in die Öffentlichkeit getragen hatte.

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15 Kommentare zu “Nationalstürmer Timo Werner führt seinen Arbeitgeber RB Leipzig vor

  • #1
    Meckerheinie

    Entweder man sieht es so schwarzmalerisch wie Sie oder man bemüht sein Hirn und sieht da nur Gewinner.
    Können sie sich ja gleich mit zwangsbeglückt zusammensetzen und gemeinsam die fießen Menschenverachtenden Praxen von rb beschimpfen!

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Meckerheinie: Fragen Sie doch einfach mal bei Aki Watzke in Dortmund nach, warum der seit ein paar Jahren schon partout keine Ausstiegsklauseln mehr in den Verträgen der Spieler haben will. 😉

  • #3
  • #4
    thomas weigle

    Letztlich ist die Ausstiegsklausel doch ne Abwägungssache. Will ich den Spieler, hilft er mir in der folgenden Saison zur Meisterschaft? Letztlich dürfte es doch auch eine Frage der festgeschriebenen Höhe der Ablösesumme sein. Ich würde, Robin, im heutigen Profifußball nichts als in Stein gemeißelt einordnen wollen. Beim BVB nicht, bei Bayern nicht, der SGE nicht etc. Die Summen sind doch so, dass Du nix ausschließen kannst. Immer öfter ein Sch…spiel.

  • #5
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Soweit kein Widerspruch, Thomas. Aber das ist ja hier nicht die Kernfrage. Was bitte hat RBL denn durch diesen Vertrag gewonnen, ausser vielleicht die eine oder andere Million an Ablöse, wenn die Zahlen so stimmen, wie berichtet? Werner ist, so oder so, zu 99% weg im nächsten Sommer. Er hat bei einer festgeschriebenen Ausstiegsklausel, zumal wenn die Summe wirklich so niedrig ist, die Hebel in der Hand, nicht der Verein. Schlecht gelaufen für RB, und von den ursprünglich großen Worten von Ragnick ist in der Realität des Sommers 2019 nicht viel geblieben, wie es scheint.

  • #6
    thomas weigle

    Da hast Du natürlich recht, aber mein Beitrag bezog sich auf Deinen Hinweis #2. Aber es muss doch aus Deiner Sicht und der sehr vieler Fans, auch in FFM, schön sein, dass RB hier offensichtlich die Ar…karte gezogen hat. Und Rangnick sowieso.

  • #7
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Och, so fanatisch wie du mich beschreibst bin ich in Sachen RBL gar nicht. Ich bin ja auch begeisterter US-Sport-Fan, wo alle Teams einem Eigentümer gehören, und mich stört das ‚Kostrukt‘ in Leipzig daher ansich auch gar nicht grundsätzlich. Wenn ich mit RB recht kritisch umgehe, dann aufgrund der ungleichen Chancen, die die anderen Bundesligisten durch solch extreme Projekte aktuell haben. Wenn alle Vereine so strukturiert wären, dann wäre das aus meiner Sicht ok. Auch wenn ich mir das als ‚Traditionalist‘ nicht unbedingt wünschen würde.

  • #8
    Joe Frank

    Leipzig zahlt 4 Mio mehr Gehalt, und bekommt dafür 30-60 Mio Ablöse, oder Werner für längere Zeit.
    Theoretisch hatte Werner alle Trümpfe in der Hand und hätte Leipzig ganz schlecht davon kommen lassen können.
    Wie man hier den unverhofften Erfolg für Leipzig nicht sehen kann ist mir ein Rätsel.

  • #9
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Joe Frank: Aber Werner hat jetzt ein garantiertes Gehalt in dieser neuen Höhe nicht nur bis 2020, sondern bis 2023. Das verändert die Rechnung schon ziemlich, oder? 😉

  • #10
    Tom

    Herr, lass Hirn regnen!
    RB investiert 3 Mio mehr Gehalt und erhält bei Wechsel nächstes Jahr mind. 30 Mio statt sonst Null !!(was drohte, siehe Rudy-Wechsel in Vergangenheit). Warum zum Teufel sollte sich RB nicht freuen über 27+ Mio mehr??!! Das ist fast wie ChampionsleagueGeld. Und wenn Werner nach 1 Jahr doch bleibt( die Wahrscheinlichkeit, dass er nach 4 Jahren wechselt ist hoch und nachvolllziehbar), dann hat RB einen deutschen Nationalstürmer für eine weitere Saison, der 30-65 Mio Ablöse kosten würde und den sie mal für 10Mio gekauft haben.
    Ihr RB-Hater könnt es "schwarz schreiben" wie ihr wollt … alles super für RB. Und das weiss man in Leipzig zu schätzen.

  • #11
    Joe Frank

    Nein, denn Werner ist gut genug für dieses Gehalt. Das Problem von RB ist ja nicht, dass sie die Gehälter nicht zahlen können, sondern dass Spieler wie Werner im Normalfall zu zB den Bayern abwandern. Tut er dies nicht, bleibt er für ein angemessen hohes Gehalt bei RB. Geht er im Sommer doch wie von allen erwartet, hat er RB mit seiner Unterschrift 26-56 Mio eingebracht, die nicht selbstverständlich waren, denn er hätte auch einen Lewandowski machen können.
    Ich weiß nicht, wie RB das geschafft hat, aber da wurde das Maximum herausgeholt – die Erwartung war ja ein ablösefreier Wechsel.

  • #12
    Robert

    Der Punkt, lieber Herr Patzwaldt, ist doch gar nicht, ob Werner nächste Saison wechselt, das war er nie, und wer in der Materie steckt, weiß auch, dass selbst ein Wechsel in diesem Sommer kein Problem für alle Beteiligten gewesen wäre. Der Punkt ist, dass RB, welches den maßgeblichen Anteil von Werners Transferwert geschaffen hat, am Ende nicht mit leeren Händen da stehen wollte und das auch manchmal überdeutlich so kommuniziert hat. Werner weiß das auch, deshalb hat er jetzt unterschrieben, und dabei nur einen Verein an der Nase durch den Kakao gezerrt: den FC Bayern. Der dachte, alles läuft wie immer und man könne sich den Griff auf das Festgeldkonto sparen. Nix wars!

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  • #14
    thomas weigle

    Die Unterschrift hat Herrn Werner gut getan, schon vier Tore seitdem. Und RBL sowieso. Da ist wohl einiges zu erwarten. Könnte eine wirklich interessante Saison werden, Dreikampf mindestens. Schön.

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