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Alkohol in NRW- Städten – Die Lösung ist immer ein Verbot

So schön könnte die Welt sein. Foto: Unbekannt Lizenz: Gemeinfrei

So schön könnte die Welt sein. Foto: Unbekannt Lizenz: Gemeinfrei

Die Städte in NRW fordern ein Verbot des Alkoholverkaufs ab 22.00 Uhr und die Möglichkeit, in den Städten zeitlich befristete Alkoholverbote zu erlassen. Der Umbau der Städte nach den Wünschen. Das Motto „Unser Dorf soll schöner werden“ wird zum Leitmotiv der Kommunalpolitik.

Diedrich Diederichsen erklärte in seinem Buch „Sexbeat“ was die Stadt einzigartig macht. Sie sei der einzige Ort, in dem man das „später“ entdecken kann. Nie hat alles geschlossen, immer gibt es noch etwas zu entdecken. Das Publikum wechselt mit der Uhrzeit, es wird irgendwann an vielen Orten ruhiger, aber es gibt immer noch den einen Club, die eine Kneipe, das eine Atelier, wo es trotzdem weitergeht. Die Frage „was später noch passiert“, die treibende Kraft ihrer eigen Zeitlosigkeit macht die Stadt nach wie vor zu einem faszinierenden Ort.

Diedrich Diederichsen beschreibt die Freiheit der Möglichkeiten anhand von ein paar Kids, die sich in die Nacht begeben und den fieberhaften Wunsch erleben, dass diese Zeit nie enden möge. Die Geschichte zeigt eindringlich, was die Stadt vom Land unter- scheidet: Die Freiheit, sein Leben so zu gestalten wie man möchte und die Gewissheit zu jedem Zeitpunkt Menschen zu finden, die sich für das Gleiche begeistern und über dieselben Dinge aufregen wie man es selbst tut. Freiheit hat etwas mit den Möglichkeiten zu tun, die sich einem eröffnen. Für Diedrichsen lässt Freiheit nicht nur Vielfalt zu, sondern provoziert sie geradezu. Das alles macht Urbanität aus.

Das macht immer mehr Menschen Angst. Die älter werdende Loha-Gesellschaft verlangt nach Ruhe, nicht nach Exzessen und sie ist bereit, ihre Interessen durch das Ordnungsrecht rigoros durchsetzen zu lassen. Die Städte in NRW fordern ein Verbot des Alkoholverkaufs nach 22.00 Uhr, Düsseldorf würde gerne ein Alkoholverbot in der Innenstadt verhängen – natürlich nur für diejenigen, die kein Geld haben in den Kneipen etwas zu trinken und sich ihr Bier selbst mitbringen.

Sie, zumeist Jugendliche, weichen ab von dem, was man sich als Publikum für eine saubere Innenstadt vorstellt, sind laut aggressiv und immer wieder gibt es Ärger. Interessanterweise scheint sich niemand der Kommunalpolitiker mit der Frage beschäftigen zu wollen, warum die Kids am Wochenende saufen und ab und an Theater machen. Für sie interessiert sich die Politik nicht mehr, sie sollen einfach nur weg aus der Öffentlichkeit. Um das zu schaffen, hat der Staat das Ordnungsrecht. Wer nicht so leben will, wie es die Mehrheit für sich gerade als richtig ansieht, bekommt die harte Hand des Staates zu spüren, der sich längst wieder als Volkserzieher sieht und für sich in Anspruch nimmt, Lebensstile durchzusetzen. Die einstige Beschränktheit der Provinz ist längst zum bestimmenden Faktor in den Städten geworden.

Sicher, idyllisch ist die Stadt nicht und je urbaner sie ist, umso weniger idyllisch ist sie. Hier gibt es keine Selbstgewissheit, nur Zweifel. Alles wird neu ausgehandelt, jeden Tag. Millionen Menschen mit unterschiedlichsten Hoffnung, Zielen, Ängsten, Träumen und Leidenschaften jedes Alters versuchen auf engstem Raum miteinander klar zu kommen. Das ist verdammt anstrengend – aber auch verdammt schön.

Die Stadt hat Orte voll Lärm und Hektik. Sie kann dreckig, hart und brutal sein. Aber sie bietet immer auch Orte voller Romantik und Poesie. Sie nimmt jeden auf, schützt, verlangt aber auch Hingabe und Offenheit. Dennoch muss man auch nebeneinander her leben können, sich einfach in Ruhe lassen, den anderen so sein lassen wie er nun einmal ist. Und sich den zahlreichen Ein- drücken und Angeboten auch einmal entziehen können. Kompliziert? Kompliziert. Aber auch unbegreiflich schön. Die Stadt wird ihre Schönheit verlieren wenn das Ordnungsrecht aus Düsseldorf Detmold, aus Bochum Borken und aus Köln Coesfeld gemacht hat.

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58 Kommentare zu “Alkohol in NRW- Städten – Die Lösung ist immer ein Verbot

  • #51
    Arnold Voss

    @ Volker

    Volker, in welcher Welt leben sie? Die meisten Jugendlichen können weder schrankenlos konsumieren, noch können es ihre Eltern. Ihre Arbeit hat, sofern sie welche haben, nichts mit Schlendrian zu tun sondern mit dem Gegenteil davon.Der Druck auf alle die Arbeiten ist in den letzten Jahrzehnten nicht geringer sondern größer geworden.

    Auch in der Schule müssen sie sich mehr anstrengen als alle vorhergehenden Generationen. Es ist auch nicht für alle Arbeit da, die welche wollen.Ehe sie mehr Anstand von den Jugendlichen verlangen sollte sich die Gesellschaft anständiger gegenüber unserer Jugend verhalten. Sie ist weitaus mehr sozial angagiert als Leute wie sie meinen.

    Kann es sein, dass sie einfach keine Ahnung von den Menschen und ihren Lebensbedingugen haben, über die sie hier hochnäsig und selbstgefällig ablästern? Kann es sein, dass sie ihre eigenen sicheren Posten, den sie sich in ihrem Leben erobert haben, einfach nur einer besseren Zeit mit mehr Chancen verdanken?

  • #52
  • #53
  • #54
    Robert

    Das Problem ist schon etwas älter:

    Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul,
    sie wird niemals so sein, wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.

    1000 v. Chr. zu Babylon

  • #55
    Walter Stach

    Ja, „das Problem ist in der Tat schon älter.“

    Seit altersher ist es so, daß die Menschen stets das gemacht haben, wo zu sie Lust hatten -rauchen,trinken,Sex…………..-.

    Seit altersher ist es zudem so, daß sich andere Menschen, Gruppen von Menschen, Gemeinschaften,Staaten,Religionen stets angestrengt habe, diesem Verlangen nach Lust-Befriedigung zu begegnen aus den unterschiedlichsten Motiven und mit den unterschiedlichsten Mitteln und Methoden.

    Und seit altersher ist es so, daß es nie gelungen ist, die Lustbefriedigung nennenswert einzuschränken, geschweige denn, gänzlich zu unterbinden , denn „wer ein großes emotionales Verlangen hat, sucht und findet Wege, dieses zu befriedigen“-.

    Das war so, das ist so und es wird weiterhin eben auch für alle gelten, für die es das Verlangen gibt, ihre Lust ,sich zu besaufen, zu befriedigen.

    Also, wenn es über das Bestehende hinaus noch weitere Beschränkungen geben sollte etwa für das Saufen im sog.öffentlichen Raum, oder altersbezogen o.ä., dann gibt es dafür gute Gründe , nur eine erfolgreiche „Lust-Bekämpfung“ wird nicht gelingen, unterstellt, daß man die trotz aller gegenteiliger Erfahrungen überhaupt ernsthaft will.

    Also…..die einen werden unverdrossen wann,wo und wie auch immer ihrem Verlangen nachgehen, sich zu besaufen und die anderen in Staat und Gesellschaft werden weiterhin unverdrossen…………………………………..
    -und dann gibt es eben auch hier den Hasen und den Igel………………………………….

    Vielleicht gibt es ja in 100 Jahren andere „Gelüste“, die an die Stelle der Lust treten, zu saufen, sich zu besaufen. Dann wäre nicht das unstillbare Verlangen der Menschen nach Lust-Befriedigung gelöst, sondern nur dessen Gegenstand wäre ein anderer.Und dann würden die Menschen vermutlich wieder unverdrossen darüber streiten, ob , wie , wann, wo dieser Lust-Befriedigung nachgegangen werden darf oder eben nicht.

    Also, Gelassenheit auf allen Seiten!

  • #56
    Nansy

    @ Walter Stach

    ich kann ja ihrer Analyse weitestgehend zustimmen, nur fehlt mir die angemahnte Gelassenheit.
    Wer sich mit den Papieren der WHO, EU, des Suchtrates und der Guttempler eingehender beschäftigt, der bekommt einen ganz anderem Eindruck. Und die Politik macht sich mal wieder zum Handlanger der Gesundheitsfanatiker.

  • #57
    Nansy

    Gelassenheit auf allen Seiten? – Nun, auf der Seite der Prohibitionisten wird Gelassenheit wohl als Schwäche ausgelegt!

    Die britische Alcohol Health Alliance fordert gerade mal wieder Warnhinweise auf Wein-, Bier- und Spirituosenflaschen. Künftig soll „mindestens ein Drittel des Etiketts eines jeden Alkoholprodukts“ Warnhinweisen vorbehalten sein – ähnlich wie bei Zigarettenschachteln:

    http://www.heise.de/tp/artikel/38/38678/1.html

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