Jan Keitsch (AStA Ruhr Uni): Ohne Wenn und Aber: Studiengebühren sind unsozial!

Jan Keitsch, der Vorsitzende des AStA der Ruhr Universität Bochum,  hält nichts von Studiengebühren und antwortet in seinem Gastkommentar Stefan Winter. Der Professor an der Ruhr Universität hatte gestern erläutert, warum er Studiengebühren aus sozialen Gründen befürwortet. Jan Keitsch studiert seit 2007 Religionswissenschaft und Philosophie und ist Mitglied von Bündnis90/Die Grünen.

Befürworterinnen und Befürworter von Studiengebühren stehen spätestens seit vergangenem Sonntag mit dem Rücken zur Wand. CDU und FDP – die als einzige Parteien weiter an Studiengebühren festhalten wollen – wurden in Nordrhein-Westfalen abgewählt. Ob es zum von Konservativen und Neoliberalen gefürchteten Rot-rot-grünen Bündnis kommt, ist zwar noch ungewiss: Die Studiengebühren in NRW stehen allerdings auf der Kippe.

Damit hatten wohl auch Stefan Winter und seine Kolleginnen und Kollegen der Bochumer Wirtschaftwissenschaft gerechnet und bereits im Vorfeld eine alte Studie aufgewärmt, die die Erhebung der Studienbeiträge als „sozial gerecht und geboten“ bezeichnet. Mit Wissenschaft hat die „Studie“ jedoch wenig zu tun. Stattdessen werden die Leitideen ausgeschlachtet, die Noch-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart bereits seit Jahren predigt.

Kein Wunder also, dass der „wirtschaftswissenschaftliche“ Vorstoß an der Uni mit Unverständnis und Wut aufgenommen wurde. Schließlich müssen viele Studierende, die ohnehin häufig unter Hartz-IV-Niveau leben, für die Studiengebühren hart arbeiten. Das aktuelle Kreditsystem ist unsozial und sorgt dafür, dass die, die sich die Beiträge nicht direkt leisten können, dank Zinsen am Ende fast 250 Euro pro Semester mehr zahlen müssen. Zwar zeigt Winter auf, welche Alternativen es zum aktuellen Kreditmodell gibt – Vorteile gegenüber einer Gebührenfreiheit sind allerdings nicht zu erkennen, Nachteile dafür umso mehr.

Die Erhebung der Studiengebühren ist bereits jetzt ein bürokratischer Aufwand sondergleichen, der große Geldmengen verschlingt. Wenn jetzt noch die individuelle Förderung sozial Schwächerer statt einer generellen Gebührenfreiheit eingeführt werden soll, wächst das bürokratische Monster weiter an. Die Folge: Intransparenz der Entscheidungen und somit das weiterhin bestehende finanzielle Risiko für angehende Studierende. Der Abschreckungsfaktor Studiengebühren bleibt gewaltig, wenn sozial Schwächere letztlich nur in zu überprüfenden Einzelfällen gefördert werden.

Die wirkliche Alternative zu Studiengebühren ist die vollständige Finanzierung der Hochschulen aus Steuermitteln. Winter moniert, dass so auch die Personen für Unis zahlen müssen, die diese niemals von innen gesehen haben. Er bezieht sich dabei eindeutig nicht nur auf die Menschen, die mit geringer Bezahlung und ohne Aufstiegschancen „Akademikerkinder“ finanzieren müssen, sondern auch auf die, die ohne ein Studium viel verdienen.

Wer also viel verdient, aber nie die Leistungen einer Universität in Anspruch genommen hat, soll diese laut Winter also auch nicht in diesem Maße mitzufinanzieren haben. Mit dieser Logik müssten Autofahrer auch eine Steuererleichterung erhalten, da sie die subventionierten öffentlichen Verkehrsmittel nicht nutzen. Winters Studie zielt also ganz klar darauf ab, das Solidarprinzip im Bildungssystem abzuschaffen. Wer Bildung nutzt, soll gefälligst auch dafür bezahlen.

Dass viele Studiengänge jedoch eine wirtschaftlich derart unsichere Zukunft bedeuten, dass die Aufnahme von „Bildungsschulden“ mehr als riskant erscheint, sieht Winter offenbar nicht als Problem. Seine Studie kommt zu dem Schluss, dass es erstrebenswert sei, dass durch Studiengebühren immer mehr junge Menschen in Fächer wechseln, die „individuell rentabel“ sind. Fächer wie Philosophie oder auch Sozialarbeit dürfen laut der Studie also gerne aussterben. Bewertet wird nur anhand marktwirtschaftlicher Rentabilität.

Einen weiteren fadenscheinigen Grund für die Beibehaltung von Studiengebühren sieht Winter in der laut seiner Argumentation aus Gebühren entstehenden Mitbestimmung der Studierenden. Da es sich um ihr Geld handelt, dürfen sie auch mitentscheiden, was damit passiert. Dass dies in der Praxis nicht immer passiert, ist Winter natürlich bekannt. Die Studierenden sind starken Sachzwängen ausgesetzt und haben oft keine Wahl, gegen eine von der Fakultät gewollte Ausgabe der Geldmittel zu stimmen.

Mit der Taktik, „entweder durch Studiengebühren oder gar nicht“, sollen Studis dazu gedrängt werden, grundlegende Aspekte der Lehre aus Gebührenmitteln zu zahlen. Hinzu kommt oftmals ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Studierenden in Fakultätsräten und den Professorinnen und Professoren. Wer seinen Job als studentische Hilfskraft nicht verlieren will, stimmt besser nicht gegen den eigenen Chef. Besonders dann nicht, wenn dieser einem die Wichtigkeit eines bestimmten Projekts – auch im Hinblick auf das eigene Beschäftigungsverhältnis – nahe gelegt hat. Studentische Mitbestimmung muss unabhängig von solchen Sachzwängen existieren können. Die Realität sieht aber anders aus. Im Senat stellen Studierende nur vier von insgesamt 25 Sitzen, die professorale Fraktion stellt 13 Personen. Rein faktisch haben Studierende auf dieser Ebene also keinerlei Mitbestimmungsmöglichkeiten.

Auch die Entscheidungskompetenzen der gewählten Studierendenvertretung sind mehr als begrenzt.

Denn ginge es nach den Studierenden, wären Gebühren schon längst Geschichte bzw. nie eingeführt wurden. Sowohl eine Urabstimmung vor Einführung allgemeiner Studiengebühren als auch die Ergebnisse der jährlichen Studierendenparlamentswahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Zum dritten Mal in Folge wurde in diesem Jahr ein Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) gewählt, der Bildungsgebühren von der Kita bis zur Hochschule in jeder Form ablehnt und gleichzeitig für die gleichberechtigte demokratische Teilhabe aller Statusgruppen an der Uni kämpft. Es bedarf keiner Studiengebühren, damit Studierende gleichberechtigt mit Profesorinnen und Professoren sowie den Angestellten in Mittelbau und Verwaltung die Uni gestalten können. Ohne den zusätzlichen finanziellen Druck wird es Studierenden sogar deutlich leichter fallen, sich stärker gestaltend einzubringen. Und letztlich zeichnet sich ein Studium doch gerade auch durch Selbstständigkeit und Gestaltungskraft aus.


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20 Kommentare

  1. #1 | Theo sagt am 15. Mai 2010 um 12:44 Uhr

    Danke.

  2. #2 | Petra sagt am 15. Mai 2010 um 15:27 Uhr

    Super Kommentar!

  3. #3 | Kasi sagt am 15. Mai 2010 um 16:03 Uhr

    Ein fantastischer Beitrag. Hier zeigt sich, dass ein Student der Religionswissenschaften und Philosophie mehr Ahnung von Wirtschafts- und Sozialpolitik hat, als Professorinnen und Professoren der Wirtschaftswissenschaften.
    Es ist wirklich ein Skandal, dass diese Personen immer noch an einer Ideologie festhalten, die die Welt nicht nur in der Finanzkrise fast in den Abgrund gestürzt hat.
    Bald fordern sie wohl dann auch noch die Krankenversicherung abzuschaffen, da ja nicht alle das Gesundheitssystem nutzen.
    Gut, dass diese Ideologie am 9. Mai grandios abgewählt wurde. Aber das war nur der Anfang 😉

  4. #4 | Felix sagt am 15. Mai 2010 um 18:28 Uhr

    Zunächst sind, wie immer, die Menschen vergessen worden, die von den Studiengebühren am schlimmsten getroffen werden: jene, die deswegen erst gar kein Studium aufnehmen.
    Die Entlastung sozial Schwächerer mit dem daraus resultierenden Verwaltungsaufwand schlechtzureden ist hingegen etwas, was ich nicht erwartet hatte. Denn soziale Gerechtigkeit sollte definitiv wichtiger sein als Entbürokratisierung.
    Auch den Hinweis, das SPD und Grüne in NRW viel früher als schwarzgelb allgemeine Studiengebühren einführen wollten und dank der Proteste „nur“ Langzeitgebühren durchsetzen konnte, will ich mir hier nicht sparen. Das die Parteien, die die Gebühren daher ungewollt nicht eingeführt haben, mittlerweile offiziell gegen Studiengebühren sind, war spätestens nach den beiden Bildungsstreiks 2009 wahltaktisch unumgänglich. Ob diese Positionen irgendeinen anderen Zweck hatten, werden wir ja nach der Koalitionsbildung sehen.

    Die Forderung, Bildung solidarisch zu finanzieren, ist natürlich richtig, denn schliesslich profitiert auch die gesamte Gesellschaft davon, wenn Lehrer_innen ausgebildet werden, neue Technologien entwickelt und genutzt werden oder der Planet Erde und seine Umgebung besser erforscht und verstanden werden, von einem ausreichend finanziert und unterstütztem Schulsystem ganz zu schweigen. Ob es sich dabei um einen ungebildeten Besserverdiener oder einen taxifahrenden Akademiker handelt ist dabei höchst unwichtig. (Ähnliches kann man auch über das Beispiel der Autofahrer sagen, da Leute die mit der Bahn fahren nicht die Straßen verstopfen.)
    Übrigens zahlt ein Klischeeakademiker, also die mit hohem Gehalt, deutlich mehr Steuern als Durchschnitsverdiener und bezahlt damit deutlich mehr als nur die Kosten seines Studienplatzes…

    Heutzutage können es sich nur noch wenige leisten, unkonventionellen Ideen nachzugehen, da sie schnellstmöglich „fertig werden“ müssen um ihre Kosten bezahlen zu können. Wenn man aber immer nur an alten Ideen hängt, kann man nichts Neues entdecken. Man kann also sagen, dass Studiengebühren selbst in den finanziell retablen Fächern Fortschritt behindert.

    Beim Thema Mitbestimmungsrechte kann ich allerdings voll zustimmen und möchte noch erweitern, dass viele Professor_innen, mindestens aber das Rektorat der Uni Bochum, seit Einführung der Gebühren studentische Mitbestimmung ausschließlich an Geld zu knüpfen scheinen. Denn währnde zwar einerseits damit Werbung gemacht wird, dass die Studierenden mitentscheiden dürfen (obwohl sie in keinem der entscheidenden Gremien eine Mehrheit haben), wird es mittlerweile als Zugeständnis gewertet, wenn Studierende hilfreiche Hinweise geben dürfen. Zumindest ist es einer der „Erfolge“ des Bildungsstreiks, das die Fachschaftsräte der RUB Workshops machen durften (die von gebührenfinanzierten Moderatoren geleitet wurden, die das Rektorat ausgesucht hat), in denen Verbesserungsvorschläge für das Bachelorstudium erarbeitet werden konnten. Es ist also offenbar notwendig einen medienwirksamen Protest vom Zaun zu brechen, damit konstruktive Vorschläge überhaupt zur Kenntnis genommen werden.

    Es gibt also viele Gründe, gegen Studiengebühren zu sein.

  5. #5 | Jan sagt am 15. Mai 2010 um 21:39 Uhr

    @ Felix: Ich glaube Du hast mich stark missverstanden. Mit dem „Bürokratiemonster“ wollte ich doch gerade kritisieren, dass sozial Schwächeren eben nicht geholfen wird und diese ggf. erst gar kein Studium beginnen. Denn schließlich ist es viel planbarer, keine Gebühren zahlen zu müssen, als unter Umständen jedes Semester aufgrund der eigenen „Bedürftigkeit“ die Gebühren erlassen zu bekommen oder was sich Herr Winter auch immer genau vorgestellt hat. Ich möchte also sagen, dass diese „individuelle Förderung“ – als Alternative zur Gebührenfreiheit – völliger Unsinn ist. Es kostet viel, kommt aber vermutlich trotzdem nicht bei denen an, für die es entscheidend wäre.

  6. #6 | Andre sagt am 16. Mai 2010 um 05:37 Uhr

    Danke für deinen Beitrag. Eine Antwort auf den unverschämten Beitrag von Herrn Winter war dringend notwendig. Wenn man Winters Argumentation weiterverfolgt stände ja nicht nur das Soldidarsystem im Bildungsbereich auf der Kippe. Zudem sind seine Argumente äußerst scheinheilig und schwach. Er verliert sich im Kleinklein und hat am Ende kein wirkliches Argument für Studiengebühren auf dem Tisch liegen. Danke fürs Aufdecken.

  7. #7 | Patrizia sagt am 16. Mai 2010 um 11:36 Uhr

    Der Beitrag ist hübsch traurig; hübsch, weil er auf aggressive Töne gegen die
    BefürworterInnen von Studiengebühren verzichtet und traurig, weil er keine
    fundierten Argumente gegen Studiengebühren liefert. Traurig ist auch, dass der
    Author schon in jungen Jahren das typische lobbying betreibt, nur seine Klientel
    im Auge hat, verständlich in Anbetracht seiner Position, aber nicht hilfreich beim
    Abwägen des Fürs und Widers.

    Wenn jemand eine „aufgewärmte Studie“ nicht „wissenschaftlich“ findet, dann
    sollte er andere wissenschaftliche Studien zu dem Thema vorlegen oder zumindest aufzeigen was an der vorgelegten Studie nicht wissenschaftlich ist.

    Wenn jemand die aktuellen Finanzierungsmodelle als „unsozial“, was immer das in
    diesem Zusammenhang auch bedeutet, bezeichnet, dann sollte er „soziale“
    Finanzierungsmodelle vorschlagen.

    Wenn man sich über die Bürokratiekosten im Zusammenhang mit der Erhebung
    von Studiengebühren mokiert, dann sollte man dazu Zahlen präsentieren und
    keine Pauschalbewertungen nach dem Motto abgeben, „Gebührenerhebung
    schafft Bürokratie und Bürokratie kostet Geld“.

    Wenn jemand in einigen Studiengängen ein hohes wirtschaftliches Risiko sieht,
    – das kann ich sehr gut nachvollziehen, siehe Fakultät Kulturwissenschaften in
    Tübingen -, dann müsste man überlegen, ob nicht einige Fakultäten von den
    Studiengebühren ausgenommen werden könnten. Der Kostenaufwand für einen
    Studienplatz ist ja auch von Fakultät zu Fakultät sehr unterschiedlich.

    Zitat
    … Winters Studie zielt also ganz klar darauf ab, das Solidarprinzip im Bildungssystem abzuschaffen …
    und weiter …
    Zum dritten Mal in Folge wurde in diesem Jahr ein Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA) gewählt, der Bildungsgebühren von der Kita bis zur Hochschule in jeder Form ablehnt …

    Ich finde es reichlich schäbig und auch unehrlich „die Kleinsten“, welche noch
    nicht richtig „gackern“ und „schnattern“ können, in diese Lobbyarbeit mit
    einzubeziehen. Wer das Solidarprinzip im Bildungssystem bis zum Abitur/Matura
    befürwortet, einschliesslich der Kindergartenpflicht ab dem vierten Lebensjahr,
    der muss noch lange nicht den kostenlos Zugang zu den Hochschulen
    befürworten. Das uneingeschränkte Solidarprinzip im Bildungsbereich endet mit
    der Entlassung aus dem Schulsystem. Der zahlende Teil der Solidargemeinschaft
    hat eine Verpflichtung gegenüber Kindern und Jugendlichen, gegenüber den
    Benachteiligten und Behinderten, aber er hat sie nicht gegenüber mündigen
    StaatsbürgerInnen, angehenden HochschulabsolventInnen, welche sich nach
    dem Verlassen der Universitäten sowieso zumeist einen feuchten Kehrricht um
    die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen kümmern. Die Ausnahme bestätigt
    dabei die Regel 🙂

    Zitat …
    Denn ginge es nach den Studierenden, wären Gebühren schon längst Geschichte bzw. nie eingeführt wurden. Sowohl eine Urabstimmung vor Einführung allgemeiner Studiengebühren als auch die Ergebnisse der jährlichen Studierendenparlamentswahlen sprechen eine eindeutige Sprache …

    Naja, solange die BesitzstandswahrerInnen unter sich abstimmen sind solche
    Ergebnisse naheliegend. Zu einer direkten Demokratie gehören Volks-
    abstimmungen. Wenn also angehende AkademikerInnen das Solidarprinzip
    einfordern, müssten alle über die Studiengebühren abstimmen. Aber dann
    würden die Ergebnisse wahrscheinlich etwas anderes aussagen. Für Lobbyisten
    natürlich eine schreckliche Vorstellung.

  8. #8 | Würfelwerfer sagt am 16. Mai 2010 um 12:26 Uhr

    @ Patrizia

    Wenn Du einen Asta-Vorsitzenden (= Vorsitzenden eines demokratisch gewählten Gremiums) jetzt schon als „Lobbyisten“ denunzierst, hast Du offenbar unser Gemeinwesen nicht verstanden und disqualifizierst Dich selbst. Unter der scheinbar rationalen Decke Deiner „Argumentation“ lauern verräterische Begriffe voller Gift — zB wenig besitzende Studis ausgerechnet als „Besitzstandswahrer“ zu bezeichnen mutet mir in diesen Zeiten durchaus zynisch an.
    Patrizia, Du betrittst dunkle Wege…

  9. #9 | Benny sagt am 16. Mai 2010 um 12:55 Uhr

    Danke für diesen Beitrag, der die dringend nötige Gegenposition zu Winters Plädoyer pro Studiengebühren bezieht und seine fadenscheinige Argumentation entlarvt.

    Ich denke, die meisten inhaltlichen Aspekte wurden hier bereits in ausreichender Weise diskutiert, zu einem Punkt möchte ich mich dennoch im Besonderen äußern:

    Ich halte die Tendenz, das Solidaritätsprinzip auszuhebeln und mit jeder Einzelnen nach den von ihr in Anspruch genommenen Leistungen „abzurechnen“, wie sie sich auch in Winters Beitrag deutlich abzeichnet, für sehr bedenklich und zutiefst antisozial. Statt dem Anspruch gerecht zu werden, in einer hochtechnologisierten Gesellschaft auch denen im gleichen Maße wie allen anderen Leistungen (i.e. Bildung, aber auch Gesundheitsversorgung, Kulturelles etc.) zukommen zu lassen, die nicht unmittelbar wirtschaftlich „verwertbar“ sind, werden Gebühren erhoben, die das Studium, die ärztliche Behandlung oder den Konzertbesuch zu etwas Exklusivem erheben und den finanziell schlechter gestellten im Zweifelsfall vor die Frage stellen, sich auf ein intransparentes Kreditmodell o.ä. einzulassen, das oft auch mit einem sozialen Stigma verbunden ist (cf. die „Hartz IV“-Debatte), oder eben: zu vezichten.
    Ich möchte hier sicherlich nicht den moralischen Verfall der Gesellschaft beklagen und eine Rückkehr zur „sozialen“ Martwirtschaft fordern. Nicht nur Brecht ist aufgefallen, dass die Möglichkeiten, „moralisch“ zu handeln, in einer kapitalistischen Gesellschaft doch sehr begrenzt ausfallen. Vielmehr sollte man sich Gedanken machen, ob es trotz unserer hochentwickelten Technologie (inkl. Massenproduktion etc.) nötig ist, die Teilhabe am Wohlstand einzuschränken und einigen schlechterdings zu verwehren; hier ist die Erhebung von Studiengebühren sicherlich in Schritt in die falsche Richtung und ihre Abschaffung nur der kleinste und leichteste Schritt zu einem selbstbestimmten Studium nach Interessen und Maßgaben der Einzelnen statt denen der Wirtschaft.

    Winter hingegen verteidigt genau dieses Vorgehen, ganz im Sinne des Wirtschaftsliberalismus, der die Freiheit der Wirtschaft und des Marktes durch den Staat (hier in der Erscheinungsform des Sozialstaats) bedroht sieht.
    Der Freudsche Versprecher/Tippfehler „staatdessen“ soll hier gar nicht weiter erörtert werden…

    Dann jedoch der sehr bemüht erscheinenden Argumentation zunächst ein Zitat von Marx voranzustellen, das vorgeblich die eigene Position unterstützt, ohne dann darauf einzugehen, dass vor 150 Jahren doch etwas andere gesellschaftliche Verhältnisse vorlagen, nur um zu unterstellen, dass selbst „linke“ Ansichten mit Studiengebühren vereinbar seien, ist dann nur noch eines: lächerlich.

  10. #10 | Patrizia sagt am 16. Mai 2010 um 14:38 Uhr

    @Würfelwerfer
    Ich glaube der Author wird meine „Formulierungen“ verschmerzen können 🙂

    Wir sind beide nicht mehr Teil der Gesellschaft die Heimweh nach der Zukunft hat,
    was aber jetzt doch nicht bedeuten kann sich auf Positionen zurückzuziehen,
    welche nur noch die eigenen Gruppen-Egoismen reflektieren. Wege entstehen
    dadurch, dass wir sie gehen und zwischen 100 % Selbstfinanzierung und 100 %
    Fremdfinanzierung, hier durch Steuergelder, gibt es viele begehbare Wege.

    „Die Grünen“ in BW, soweit ich mich da an die Diskussionen erinnern kann, lehnen
    Studiengebühren nicht pauschal ab. Es gibt also in Deutschland offenbar bei fast
    allen Parteien durchaus BefürworterInnen in Sachen Studiengebühren.

    Was ich als sehr unehrlich empfinde, und das ist so etwas wie das „Gift zwischen
    den Zeilen“, welches du angesprochen hast – allerdings nicht von mir, sondern der
    Gegenseite, ist das Vermengen der Finanzierung von Bildungseinrichtungen.
    Es besteht ein Unterschied zwischen Kindergärten und Schulen auf der einen
    Seite und Hochschulen auf der anderen Seite. Einmal geht es um Minderjährige,
    die auf die Hilfe der Solidargemeinschaft angewiesen sind und diese auch ohne
    Einschränkung erhalten sollen, und im anderen Fall geht es um volljährige
    StaatsbürgerInnen mit aktivem Wahlrecht, welche, ich darf hier

    @Benny
    zitieren … >>>hier ist die Erhebung von Studiengebühren sicherlich in Schritt in die falsche Richtung und ihre Abschaffung nur der kleinste und leichteste Schritt zu einem selbstbestimmten Studium nach Interessen und Maßgaben der Einzelnen statt denen der Wirtschaft.<<<

    welcher ganz klar sich Wissen und Bildung nach seinen persönlichen Massstäben
    und Neigungen aneignen möchte. Niemand möchte ihn davon abhalten … aber
    noch einmal … die Mehrheit einer Bevölkerung ist nicht dazu da die Weiterbildung
    von angehenden AkademikerInnen zu finanzieren. Das ist nicht Sache einer
    Solidargemeinschaft. Wer die Bedürfnisse eines @Benny mit jenen von Kindern
    verknüpft, beides auf dieselbe Stufe stellt und dafür die Solidargemeinschaft in
    die Pflicht nehmen möchte, ist, bewusst oder unbewusst unaufrichtig in seiner
    Argumentation.

  11. #11 | Höddeldipöp sagt am 17. Mai 2010 um 08:50 Uhr

    Die Studiengebührenbefürworter haben die Schlacht intellektuell verloren. Es wird Zeit, dass sie es zugeben.

    Dass sie weiterhin ihre Spielchen mit den „Insellogiken“ betreiben zeigt, dass es ihnen nicht um Rationalität, sondern um Täuschung der Öffentlichen Meinung geht.

    Es wird Zeit, Fakten zu schaffen. Wenn in NRW die Studiengebühren fallen, sind sie in Deutschland Geschichte. Und zwar zu Recht. Ähnlich wie in der Diskussion um Atomkraftwerke wird man immer mal wieder mit der Schippe draufhauen müssen, um sie endgültig zu begraben.

  12. #12 | Arnold Voß sagt am 17. Mai 2010 um 10:04 Uhr

    @ Patrizia
    Patrizia, ihre Argumentation bezüglich des Unterschiedes zwischen der akademischen und der schulischen und vorschulischen Ausbildund klingt zwar im ersten Moment plausibel, hat aber einen Haken.

    Es gibt nämlich eine finanzierungsstrukturelle Ähnlichkeit die sie hier nicht beachten: Ein(e) Student(in) kann sein (ihr) Studium genauso wenig parallel zur Ausbildung durch Arbeit finanzieren wie z.B. ein Kind seine Kindergartenzeit.

    Beide sind in diesem sind gleich eltern- bzw. solidarabhängig, denn sie können erst dann direkt oder indirekt per Steuern/Kreditabzahlung usw. ihren (Rück)Beitrag leisten, wenn sie ihre Ausbildung beendet haben.

    Es gäbe also gar kein öffentliches Bildungssystem, wenn von Anfang an ihr Modell zum tragen gekommen wäre bzw. hätte es nie seine Weiterentwicklung auf den heutigen Stand gegeben.

    Was aber viel entscheidender für den Produktivitäts- und Kulturfortschritt einer Gesellschaft ist, ist nicht die Frage wer die Ausbildung finanziert, sondern was bei ihr herauskommt. Ob es gelingt, dass wirklich die zusätzlich zu ihrer Grundausbildung zu einem Studium bzw. zu seinem Abschluss gelangen, die dazu auch begabt und motiviert sind.

    Ich behaupte einmal, dass ein großer Teil unsere Jobs und Posten von Leuten besetzt wird, die da nicht hingehören, obwohl sie einen akademischen Abschluss, ja sogar noch höhere akademische Auszeichnungen und Titel ihr eigen nennen. Dass die Förderung und Auswahl der Begabungs- und Leistungsrerservoirs der Bevölkerung nicht nur in Deutschland so etwas von schief läuft, dass der dadurch produzierte volkswirtschaftliche und kulturelle Schaden die Finanzierungsumme dieses Systems bei weitem in den Schatten stellt.

  13. #13 | Patrizia sagt am 18. Mai 2010 um 08:59 Uhr

    @Arnold Voss

    Zitat…
    >>>Es gibt nämlich eine finanzierungsstrukturelle Ähnlichkeit die sie hier nicht beachten: Ein(e) Student(in) kann sein (ihr) Studium genauso wenig parallel zur Ausbildung durch Arbeit finanzieren wie z.B. ein Kind seine Kindergartenzeit<<>>Was aber viel entscheidender für den Produktivitäts- und Kulturfortschritt einer Gesellschaft ist, ist nicht die Frage wer die Ausbildung finanziert, sondern was bei ihr herauskommt. Ob es gelingt, dass wirklich die zusätzlich zu ihrer Grundausbildung zu einem Studium bzw. zu seinem Abschluss gelangen, die dazu auch begabt und motiviert sind.<<<

    Eine Beteiligung der Studierenden an den Kosten, – es geht immer nur um eine
    Beteiligung -, garantiert doch genau die individuelle Freiheit bei der Wahl des
    Studienfachs. Niemand wird, wenn frau jetzt einmal die allgemeinen Kriterien für
    eine Immatrikulation aussen vorlässt, auf seine Begabung oder seine Motivation
    hin überprüft oder an irgendwelchen anderen Auswahlkriterien gemessen. Durch
    die finanzielle Beteiligung in Form von Studiengebühren wird die wirtschaftliche
    Effizenz des Handelns nicht mehr nur von der Institution Hochschule vorgegeben,
    sondern auch wesentlich von den Studierenden bestimmt. Jede(r) entscheidet für
    sich und nach ihren(seinen) persönlichen Massstäben, welche Prioritäten sie/er
    bei der Bewältigung der Hochschulausbildung setzt.

    Und so ganz nebenbei, bei staatlichen Ausgaben gibt es immer Interessengruppen
    die behaupten, dass bei ihnen das Geld besser angelegt wäre.

  14. #14 | Patrizia sagt am 18. Mai 2010 um 09:02 Uhr

    pardon, pardon, pardon 🙁 … das System hat ein Teil meines Beitrages herausgeschnitten und zwar zwischen den zwei Zitaten … tut mir leid,
    tut mir leid …. keine Zeit mehr hat

  15. #15 | Patrizia sagt am 18. Mai 2010 um 12:24 Uhr

    @Arnold Voss

    jetzt versuche ich auf die Schnelle den fehlenden Absatz im letzten Beitrag
    einzufügen. Hoffentlich klappt es …

    Zitat…
    >>>Es gibt nämlich eine finanzierungsstrukturelle Ähnlichkeit die sie hier nicht beachten: Ein(e) Student(in) kann sein (ihr) Studium genauso wenig parallel zur Ausbildung durch Arbeit finanzieren wie z.B. ein Kind seine Kindergartenzeit<<<

    Es handelt sich um eine "finanzierungsstrukturelle Ähnlichkeit" aber um keine
    "finanzierungsstrukturelle Gleichheit". Die Solidargemeinschaft ist deshalb auch
    ganz unterschiedlich in der Pflicht. Für das Bildungssystem Schule besteht eine
    vorgegebene staatliche Teilnahmepflicht. Die PartizipantInnen sind minderjährig
    und können ihr Leben ohne dieses Bildungssystem nicht gestalten.
    Die Hochschulausbildung ist eine Weiterbildung für welche sich eine Minderheit
    aus ganz unterschiedlichen Erwägungen heraus entscheidet. Sie ist in erster Linie
    mit persönlichen Vorteilen verknüpft und keineswegs immer ein Vorteil für die
    Solidargemeinschaft. Schon wegen dieser unterschiedlichen Zielsetzung beider
    Bildungssysteme verbietet sich eine Gleichstellung.

  16. #16 | Der Tim sagt am 25. Mai 2010 um 00:48 Uhr

    Ich möchte noch vor der ganzen Studiengebührendebatte mal gerne wissen, was der ASTA mit dem ganzen Geld macht, welches sie von den Studierenden bekommt. Denn ganz ehrlich: Bis auf die große Party-Pleite haben wir nicht wirklich was von denen gesehen. Und auch so nicht wirklich etwas, was uns Studierenden auch tatsächlich was gebracht hätte. Darüber redet natürlich niemand gerne. Man mag mal einige ehemalige Asta-Mitglieder befragen, was da so intern alles abgeht: Da stellen sich einem die Nackenhaare auf.
    Also ASTA-Leute: Eine Stellungnahme dazu bitte!

  17. #17 | Benny sagt am 26. Mai 2010 um 00:09 Uhr

    Der AStA-Haushalt ist öffentlich.

    Wer wirklich Interesse an der Verwendung dieser Gelder hat und nicht nur durch vage und dunkle Andeutungen irgendwelche unhaltbaren Vorstellungen oder Verschwörungstheorien (in Richtung einer „Selbstbedienungsmentalität“) befeuern will, sollte sich zunächst mal in den Haushalt einlesen.
    Vielleicht hilft dieser Link vorerst weiter:
    (Ich hoffe, der Link wird korrekt eingefügt.)

    Überdies speist sich der AStA-Haushalt aus den Einnahmen der diversen Wirtschaftsbetriebe und dem Sozialbeitrag, der etwas völlig anderes als der sogenannte „Studienbeitrag“ (ugs. „Studiengebühren“) ist, um den es hier geht.
    Der Großteil dieses Sozialbeitrags geht meines Wissens übrigens unangetastet weiter an die Verkehrsbetriebe (Semester-Ticket) und Einrichtungen wie das AkaFö, nur etwa 14 EUR verbleiben dem AStA.

    Ich hoffe, dieser Überblick genügt, die Nackenhaare wieder zu besänftigen…

  18. #18 | Roger sagt am 21. Juni 2010 um 10:56 Uhr

    Ein Argument wird m.E. viel zu wenig beachtet:
    Ein ressourcenarmes Land lebt, wenn es Wohlstand bieten möchte, von hochwertigen Produkten, die von bestens ausgebildeten Menschen entwickelt und hergestellt werden.
    Also nicht nur die Ausbildung selbst muss optimal sein, sondern auch die Anzahl der Menschen mit Studium muss dringend gesteigert werden. Das ist kein Randproblem, das ist d a s Problem, von dem die Zukunft abhängt.
    Deshalb muss alles getan werden, damit jedes einzelne Hindernis für ein Studium beseitigt wird.
    Das Ausspielen von Gruppen in der Gesellschaft war im übrigen schon immer das Mittel, Ausgaben im Bereich Bildung und Soziales zu reduzieren. Und etwas anderes ist den Befürwortern von Studiengebühren kaum eingefallen.

  19. #19 | Peter Rath-Sangkhakorn sagt am 22. Juli 2010 um 00:13 Uhr

    Hier noch ein Argument zur sofortigen Abschaffung der Studiengebühren:

    Die Bundesrepublik hat den UN-Pakt über kulturelle, wirtschaftliche und soziale Rechte 1968 unterschrieben (er ist 1972 vom Deutschen Bundestag ratifiziert worden). Darin haben die Vertragsstaaten in Artikel 13.1 c die Verpflichtung übernommen, daß der „Hochschulunterricht auf jede geeignete Weise, insbesondere durch allmähliche Einführung der Unentgeltlichkeit, jedermann gleichermaßen entsprechend seinen Fähigkeiten zugänglichgemacht werden muss“.

    Als Hannelore Kraft vor Jahren unter dem Etikett „Studienkonten“ im Kampf um die Hoheit über den Stammtischen das Tor zur Einführung der Studiengebühren öffnete, verstieß sie gegen internationales Recht. Hier wäre ein Wort der Entschuldigung angebracht und nicht ein neues Rumeiern … – abgesehen von der unsinnigen Verschiebung erst 2011/12, nur fürs Erststudium …

    Ich würde mich ja liebend gerne endlich mal wieder von Sozialdemokraten freudig überraschen statt permanent unangenehm enttäuschen lassen … aber irgendwie werde ich meine – politisch unkorrekte – Einstufung von Hannelore Kraft als „Clement-Variante mit Schlüpferbonus“ nicht los …

  20. #20 | Gast-Kommentar auf Ruhrbarone.de | sagt am 3. April 2011 um 02:04 Uhr

    […] erschien im Ruhrgebietsblog Ruhrbarone ein Gastkommentar von mir zum Thema Studiengebühren. Bereits gestern hatte Stefan Winter, […]

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