PFT – Das Problem von NRW – Die Kette

Nach gut zwei Jahren Arbeit habe ich vermutlich die ganze Kette der PFT-Verschmutzung an der Ruhr aufgeklärt. Wie also das Gift auf die Äcker im Sauerland kam. Von da aus in die Ruhr und weiter ins TRinkwasser. Dann habe ich aufklären können, dass für 50 Prozent der PFT-Einträge n die Ruhr der Ruhrverband mit seinen Kläranlagen sorgt, das versuchert zumindest der Laborleiter des Ruhrverbandes, Ralf Klopp, an Eides Statt. Nur noch eine kleine Quelle oben an dem Möhnesee ist offen. Da weiß ich noch nciht, wo das Zeug herkommt. Aber auch das werde ich eines Tages herausfinden.

Dabei sind im Skandal um die krebserregende Chemikalie immer noch nicht die Hauptursachen der Giftverseuchung ausgeschaltet worden. Dies habe ich herausgefunden. Noch immer gelangt das krebserregende Gift aus den neun am stärksten betroffenen Kläranlagen nahezu unverändert in die Ruhr und von da aus weiter in die Nahrungskette.

Neu ist allerdings, dass neben den bekannten Schwierigkeiten mit PFT nun noch ein neues Problem auftritt. So wurde eine weitere Substanz aus der Familie der PFT in einer Konzentration von 200 Nanogramm je Liter Trinkwasser im Wasserwerk Möhnebogen nachgewiesen. Der Stoff heißt PFBA. Der Zielwert für die Stoffgruppe von 100 Nanogramm je Liter wird überschritten, teilte das Landesumweltamt mit.

Offensichtlich kann diese Chemikalie nicht von den bestehenden Aktivkohlefiltern aus dem Trinkwasser entfernt werden. Allerdings gelten die PFBA als weniger krebserregend als die bereits bekannten PFT. Die Herkunft der PFBA-Stoffe ist unbekannt.

Die PFT-Belastung allein aus den Klärwerken Werdohl, Rahmedetal, Menden, Iserlohn-Baarbachtal, Wickede, Hemer, Arnsberg-Neheim, Lüdenscheid-Schlittenbachtal sowie Sundern lag nach Angaben des nordrhein-westfälischen Landesumweltamtes im Mai bei rund 142 Gramm am Tag. Dazu kommt das Gift aus über fünfzig weiteren Kläranlagen.

Genaue Aussagen zu den PFT-Einträgen dieser Kläranlagen sind nicht möglich, da das Umweltministerium die ständige Beobachtung für diese Anlagen weitgehend eingestellt hat. Eine Sprecherin des Landesumweltamtes erklärte dazu, die vorhandenen Mittel müssten auf wenige Anlagen konzentriert werden. Proben für die Monate März wurden darüber hinaus vernichtet. Bislang hatte Umweltminister Eckhard Uhlenberg öffentlich vertreten, dass jeden Tag 147 Gramm PFT aus den Kläranlagen in die Ruhr abgehen. Nach meinen Recherchen der lag dieser Wert im vergangenen Januar bei über 200 Gramm am Tag.

Heute will Uhlenberg keine Fracht-Werte mehr nennen. Seine Argumentation ist einfach: Da die Gift-Konzentration im Ruhrwasser unterhalb der Trinkwasserschwelle liege, sei es nicht nötig, die Daten zu erheben, wie ein Sprecher des Umweltministeriums erklärte. Allerdings geben allein die Frachten Aufschluss darüber, wie viel Gift in die Natur und weiter in die Nahrungskette gelangt. PFT konnte bereits in Mais, Fischen und in einer Kuh in bedenklicher Menge nachgewiesen werden.

Die PFT-Konzentrationen im Ruhrwasser geben dagegen nur an, wie viel Wasser verschmutzt wird. Auch bei der Suche nach den weiteren Ursachen für die PFT-Verseuchung spielen Kläranlagen nach meinen Recherchen eine entscheidende Rolle. Das Gift wird vor allem in der Industrie eingesetzt. Über das Abwasser der Betriebe gelangt es in die Kläranlagen und von dort aus weiter in die Flüsse. Ein Teil des PFT lagert sich dabei im Klärschlamm ab.
Nach Angaben des Ruhrverbandes weisen die Schlämme von 18 Kläranlagen an der Ruhr einen "erhöhten" PFT-Wert auf. Jahrelang wurde demnach Klärschlamm auch aus den belasteten Anlagen ins Sauerland gefahren und dort auf die Felder gekippt.

Allerdings ist nicht nur der Ruhrverband verantwortlich. Augenzeugen aus dem besonders von der PFT-Belastung betroffenen Ort Rüthen berichten, dass bis vor wenigen Jahren auch nachts Lastwagen aus Hessen gekommen seien, um Klärschlamm auf die Felder zu kippen. Neben der bereits bekannten Firma GW Umwelt seien mehr als ein halbes Dutzend weitere Unternehmen beteiligt gewesen. Auch liegt der Verdacht nahe, dass die Firma GW Umwelt tatsächlich stark PFT-verseuchten Klärschlamm aus Belgien oder Holland unter eigenen Klärschlamm gemischt hat. Nur eines ist klar: Auch die Firma GW Umwelt ist nicht der einzige Verursacher. Es gibt neben dem Ruhrverband noch weitere.

Einige Felder können identifiziert werden. Eines liegt an der Kreisstraße 776 in der Nähe des Stadtwaldes Rüthen. Dort werden heute Erdbeeren direkt von einem Klärschlammacker verkauft, berichtet ein Augenzeuge, der aus Angst vor seinen Nachbarn anonym bleiben will.

Aus den Unterlagen, die mir vorliegen, können weit über 100.000 Tonnen Klärschlamm nachgewiesen werden, die im Kreis Soest verklappt wurden. Insgesamt müssen mehrere hundert Äcker im Sauerland betroffen sein. Das Umweltministerium hat bislang allerdings nur zwei Äcker bekannt gemacht: Einen in Rüthen und einen in Brilon-Scharfenberg. Einige wenige weitere Äcker würden "beobachtet", hieß es. Um die Bauern zu schützen, werde die genaue Lage dieser Felder geheim gehalten.

Das Verklappen auf den Feldern lief bis mindestens 2006. Aus einer Ausschreibung des Ruhrverbandes geht hervor, dass im Sommer des Jahres 1500 Tonnen Klärschlamm aus der Anlage Warstein-Beleke "möglichst regional" auf ein Feld gekippt werden sollten. Die Aktion wurde nach Auskunft eines am Verfahren Beteiligten erst gestoppt, als der PFT-Skandal bereits bekannt war.

Es liegt nahe, dass mit der oben beschriebenen Klärschlammkette der Kreis der PFT-Verseuchung geschlossen werden kann. Einmal geben die Kläranlagen direkt PFT in die Ruhr ab. Daneben sickert das Gift aus Hunderten Äckern ab, die mit Zehntausenden Tonnen Klärschlamm verdreckt worden sind. Einer der Klärschlamm-Produzenten ist der Ruhrverband, der auch die Kläranlagen kontrolliert.

Update: Langemeyer vor dem Aus? Dortmunder OB kämpft um sein Amt

Dortmunds OB Gerhard Langemeyer ist dabei, die Zustimmung in der SPD für eine erneute Kandidatur zum OB im kommenden Jahr zu verlieren.

Langemeyer hat seit längerem Probleme mit der Parteibasis in Dortmund – und mit seinem autokratischen Regierungsstil. Ein wenig geht es ihm da wie Schröder: Er kam mir immer zu schlau für seine Partei vor, die mit dem kompromisslosen Macher ihre Schwierigkeiten hatte und immer lieber jemanden fürs Gemüt gehabt hätte. Langemeyer hat viele Projekte in Dortmund angestossen – auch wenn etliche davon weit entfernt sind, Wirklichkeit zu werden. Ideeen  hatte er  mehr Ideen als die anderen OBs der Region und seine Bilanz ist unter dem Strich erfolgreich. Das Dortmund auf einem guten Weg ist, ist auch das Ergebnis seiner Arveit – und er ist ein genialer Strippenzieher: Ob Erhalt der Rot-Grünen Koalition im RVR, Geld für den Ausbau des Us oder ein Sitz im Aufsichtsrat der Ruhr2010 GmbH: Langemeyer bekommt was er will, ist bis in höchste Konzernkreise gut vernetzt und verfolgt seine Pläne für Dortmund langfristig. Nur mit dem Ruhrgebiet kann er wenig anfangen.

Man kann gegen das Grummeln in der eigenen Partei regieren – wenn man Erfolg hat. Und daran haperte es in letzter Zeit: Nach einem satten Finanzskandal im Rathaus, nach Dauerstreit um den Flughafen und nach einem "Alleingang" bei der Erstellung eines Finanzierungskonzeptes zur Rettung des Klinikums diskutieren  Fraktion und Partei über einen neuen Kandidaten zur Kommunalwahl im kommenden Jahr – und das könnte Ulrich Sierau werden.

Sierau ist der Planungsdezernent Dortmunds und deutlich charismatischer als sein Chef. Anders als Kulturdezernent Jörg Stüdemann, der auch als OB-Kandidat gehandelt wird, hat Sierau die Unterstützung des Langemeyer-Intimfeindes Franz-Josef Drabig. Der mächtige Dortmunder SPD-Parteichef wollte zwar eigentlich selbst OB werden, ist aber am Widerstand der eigenen Fraktion und einem Skandal gescheitert, an dem wohl Teile der eigenen Partei nicht ganz unbeteiligt waren.

Sierau soll sich jetzt bis Ende Juni entscheiden, ob er gegen Langemeyer antritt. Wie Langemeyer ist Sierau eher ein Intellektueller – aber er kann besser reden. Sierau kann mit Polemik das Hinterzimmer einer SPD-Versammlung zum Beben bringen – aber seine Ideen auch bei Bedarf mit Zitaten in Altgriechisch schmücken. Im Gegensatz zu Langemeyer ist Sierau ein Freund der Zusammenarbeit der Städte des Ruhrgebiets – aber nicht des RVR. Dessen Chefplaner Rommelspacher nimmt er nicht für voll, den RVR hält er für überflüssig und so wundert es nicht, dass Sierau als der Autor des Oberbürgermeisterpapiers gilt, mit dem Langemeyer auch noch die SPD des Ruhrgebiets gegen sich aufgebracht hat. Wahrscheinlich stellt sich Sierau das ideale Ruhrgebiet als eine Variane des Attischen Seebundes vor – und Dortmund als  Revier-Athen.

Sierau wurde früher von Zöpel gefördert und arbeitete mit ihm in der Landesregierung zusammen. Mit der Westfalentümelei von Langemeyer kann er nicht viel anfangen –  er steht zum Ruhrgebiet, nur will den Weg des Reviers selbst bestimmen. Eigentlich wäre Sierau auch ein idealer  Nachfolger für RVR-Chef Klink, eine Top-Besetzung für die noch zu schaffende Stelle eines Ruhrgebiets-OBs – wenn denn der Posten adäquat ausgestattet wäre und es mehr Gestaltungsmöglichkeiten gäbe. Aber soweit wird es nicht kommen: Sierau wird in Dortmund bleiben und vielleicht Nachfolger von OB Langemeyer. Der hätte meiner Meinung nach einen anderen Abgang verdient, als er sich jetzt abzeichnet, denn bei aller Kritik, die ich an Langemeyer hatte: Unter den OBs des Ruhrgebiets stach er hervor – und für seine Stadt hat er viel geleistet. Das können nicht alle seine Amtskollegen von sich behaupten.

Update: Langemeyer wird sich am 29. November auf dem SPD-Nominierungsparteitag als Kandidat für das OB-Amt bewerben. Die nächsten Wochen und Monate in Dortmund werden also richtig spannend. Langemeyer wird aber, so ein Sprecher von ihm, auf keinen Fall ohne ein Votum der Partei als unabhängiger Kandidat antreten. Nun muß sich Sierau entscheiden, ob er innerparteilich gegen Langemeyer antritt. Kenner der SPD  in Dortmund glauben das nicht. Sierau hätte immer gesagt, dass er nicht gegen Langemeyer kandidieren wird: "Der Uli ist loyal", so ein Sozialdemokrat  zu mir vor ein paar Tagen. Zwei Dinge sind klar: Langemeyer ist ein harter Brocken und eine SPD, diesich zwischen Sierau und Langemeyer entscheiden muß, kann sich eigentlich glücklisch schätzen. Auch weil die Opposition bislang noch nicht einmal ernsthaft versucht, aus dem Streit der Sozialdemokraten politisches Kapital zu schlagen.

Ex-IOC-Präsi Samaranch ein Nazi?

Mein Vertrauen in das Internationalen Olympischen Komitee (IOC) war noch nie besonders groß. Leider. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass so einer wie Michael Vesper, Grüne, Ex-NRW-Bauminister da mit machen darf. Aber egal. Richtig schief hängt das Bild vom ehrlichen Verein erst, seit ich dieses Bild von Juan Antonio Samaranch beim Hitlergruß in Barcelona 1974 gesehen habe. Wow. Das ist ein Ding.

Samaranch ist der vierte von rechts in der ersten Reihe. Barcelona 74. Man achte auf die Hand an der Hosennaht.

Das Bild hat der BBC-Kollege Andrew Jennings besorgt. Ein verdammt guter Mann. Er hat auch das andere Samaranch-Bild unten beschafft. Mein Lieblingsspruch vom ihm war auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche: "Ich gehe jeden Morgen böse Männer jagen. Ich meine, wir reden hier von richtig bösen Männern, die muss man jagen."

Ansonsten hat das Netzwerk dem IOC noch die "Verschlossene Auster" verliehen. Und zwar, weil das IOC mit seiner Informationspolitik das Gegenteil von ‚fair play‘ betreibt. Stellvertretend ging die Auszeichnung an IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Routiniert verbreitet der Mann Teilwahrheiten und heikle Themen werden dafür systematisch ausgeblendet. (Wahrscheinlich darf deswegen auch der Vesper da mittun – erinnert sich noch wer an das Olympische Dorf in Düsseldorf?)

Thomas Bach (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb) Thomas Bach, Vizepräsident des IOC und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes


So war das IOC war im Zusammenhang mit dem Tibet-Konflikt und der Austragung der Olympischen Spiele in Tibet in der Öffenlichkeit kritisiert worden, weil es sich nicht zu den politischen Ereignissen äußern wollte. "Olympische Spiele in einem politikfreien Raum waren immer eine Illusion", hatte etwa der Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestags, Peter Danckert, im April gesagt. Die Regeln des IOC verbieten außerdem bei den Sportveranstaltungen den teilnehmenden Atlethen politischen Meinungsäußerungen.

Warum kann man sich denken, wenn man die Samaranch-Bilder sieht. Prima Spiele bei Freunde. In Peking, Russland und anderen lupenreinen Schröder-Demokratien.

Samarach ist der zweite von rechts in der ersten Reihe. Szene von 1954 in Barcelona.

Das Netzwerk Recherche, zu dem auch ich gehöre, beschuldigt das IOC außerdem, "seit vielen Jahren Korruption und Interessenkonflikte bei der Vergabe der Spiele" zu dulden. Das IOC versucht sich zu reformieren, aber tut zu wenig, um Hinweisen und Indizien für solche Vorfälle nachzugehen und sie aufzuklären. Genehme Journalisten würden zugleich von einzelnen Verantwortlichen bevorzugt bedient. (Das kenn ich doch von Vesper aus NRW?)

Das Netzwerk Recherche verleiht die "Auster" jedes Jahr an einen Menschen, ein Unternehmen oder eine Organisationen, die die Berichterstattung in den Medien behindert haben. In den Vorjahren haben wir das Ding an Bahn-Chef Hartmut Mehdron verliehen, meinen Lieblings-Bundesinnenminister Otto Schily, Ex-DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder und Russlands früherer Präsident Wladimir Putin.

Thomas Bach, herzlich willkommen im Kreis dieser Leuchttürme.

Economist: Ruhrgebiet erwacht zu neuem Leben

Im internationalen Wirtschaftsmagazin Economist ist ein Artikel zum Ruhrgebiet erschienen.

Der Text – dessen Zahlen zum Teil schwer nachvollziehbar sind: Die Arbeitslosenquote ist zu niedrig angesetzt und das Wachstum des Ruhrgebiets war in den vergangenen Jahren stärker als das Westfalens, lag aber hinter dem Rheinland, aber warum soll man sich bei uns nicht mal zum Vorteil irren? –  sieht die Lage differenziert:  Logistik, Gesundheitswirtschaft  und Energiewirtschaft seien die starken Branchen der Region, aber die mangelnde Einigkeit der Städte eines der Problem, dass den Fortschritt behindern würde. Der Artikel geht auf das rasche Wachstum der Wirtschaft im Ruhrgebiet ein, schildert aber auch die Konsequenzen des Unfugs verschiedener Nahverkehrsgesellschaften in einem so kleinen Raum wie dem Revier. Für die Region ein schöner Artikel, denn der Economist gehört zu den führenden Wirschaftsmagazinen der Welt und ein wenig gute Presse können wir gebrauchen.

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Living-Games-Festival macht weiter

 

Am Freitag und Samstag fand im Vorbau der Jahrhunderthalle in Bochum das Living-Games-Festival statt. Das Festival will  alle Aspekte von Computerspielen darstellen und versteht sich als Kulturfestival.

Gamer. Foto: Ruhrbarone

Stephan Reichart vom Veranstalter Aruba war zufrieden: Gut 470 Gäste waren an beiden Tagen gekommen – am Samstagabend waren noch immer gut 100 da. Die Stimmung war nett, unten konnte man spielen – vom Lan-Spiel bis zu Mario Kart Wii. Oben gab es einen gut besuchten Vortrag von  Daniel Lieske von Ascaron wie man Spiele-Designer wird. Sein Tipp: Ganz viel mit dem Bleistift zeichnen, den Umgang mit Photoshop könne man immer noch lernen. 

Vorher hatte es aber auch Foren zu Themen wie Gewalt in Computerspielen oder die Zukunft der Spieleentwicklung gegeben. 

Im nächsten Jahr wird das Festival wieder stattfinden. Dann soll aber auch die eigentliche Jahrhunderthalle genutzt werden. Während des Kulturhauptstadtjahrs 2010 soll das Thema Computerspiele im Ruhrgebiet ganz groß gefahren werden – und das Living-Games-Festival noch wachsen. Mein persönliches Fazit: Ich will eine Wii!

Ruhrland sucht DEN Ruhrbaron

 

flickr.com

 

Ein halbes Jahr Ruhrbarone im Internet. Aber wer war eigentlich DER Ruhrbaron, der wichtigste, erfolgreichste, beste, erste? Oder DIE Ruhrbaronesse? Die Hitparade im 250. Jahr der Ruhrindustrie. Unsere Top 23.

Startnummer 23) Unser Schlusslicht ist Walter Borbet (1881-1942). Den Ingenieur kennt keiner mehr, obschon er Generaldirektor des Bochumer Vereins war und bei der Aufrüstung in Nazi-Deutschland krätig mitmischte. Heute gehört der Bochumer Verein übrigens der Georgsmarienhütte und die dem amtierenden RWE-Boss Jürgen Großmann. 

22) Als Hinterletzter der alldeutsche Chauvinist Albert Vögler (1877-1945), Generaldirektor der 1926 gegründeten "Vereinigten Stahlwerke", Nazihelfer. Mit der Fusionsfirma ein Hitler-Wegbereiter, Aufrüstungsprofiteur, Kriegsproduzent und dann – kurz vorm Zugriff der US-Truppen – Selbstmörder.

21) Wie Vögler war auch Fritz Springorum (1886-1942) Mitglied der 1928 gegründeten so genannten "Ruhrlade", ein genauso diskreter wie deutschnationaler Geheimbund von 20 Ruhrindustriellen; immerhin waren auch Hitler-Gegner dabei. Hauptberuflich war Springorum Aufsichtsratsvorsitzender der Hoesch AG in Dortmund und machte damit exakt den gleichen Job wie zuvor Vater Friedrich (1858-1938). Der war dazu mächtiger Präsi im "Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen“. Humorbombe Bismarck hatte für den Dachverband der Ruhrbarone den Titel "Langnamverein" erfunden.

20) Wie die Zwei von der Hoesch AG war auch Emil Kirdorf (1847-1938) leitender Angesteller, kein Fabrikbesitzer. Als Sprössling eines rheinischen Textilunternehmens begann er seine Montankarriere auf der Wattenscheider Zeche Holland. Rasch stieg er auf zum "Schlotbaron", leitete die Gelsenkirchener Bergwerks AG, bis die in den 1920ern Europas größter Zechenverbund wurde. Betrieb Interessenpolitik im Rheinisch-Westfälischen-Kohlensyndikat, einer Art Ruhrpott Opec. Förderte Hugenberg, dann Hitler. Zum Dank gab’s das goldene Parteiabzeichen und ein Staatsbegräbnis mit Führer am Grab.

19) "I paid Hitler", so der Titel eines auf der Kriegsflucht diktierten Buches von Fritz Thyssen (1873-1951). Tatsächlich war Fritz eifriger Hitler-Förderer, durfte sich unter den Nazis seinen ständischen Gesellschaftsideen widmen. Nebenbei hatte er den Aufsichtsratsvorsitz der Vereinigten Stahlwerke inne, sabottierte 1923 im Ruhrkampf eifrig die Franzosen. Vor dem Weltkrieg kam es aber zum Zerwürfnis mit den Nazis. In Südfrankreich wurde er geschnappt und kam in Ehrenhaft in verschiedenen KZ. Nach dem Krieg emigrierte er zur Tochter nach Buenos Aires als geringfügig belasteter Nazikollaborateur. Vater August Thyssen (1842-1926) aus Eschweiler, nicht Duisburg, hatte mit der Firma Thyssen-Fossoul angefangen, später mit dem Kollegen Stinnes RWE gegründet, ein Ruhrmagnat.
 
18) Nicht als Nazi bzw. Naziabtrünniger, sondern als katholischer Reichstagspolitiker und Unternehmer machte sich Florian Klöckner (1868-1947) einen Namen. Sein Bruder Peter (1863-1940) hatte Klöckner & Co als Stahlunternehmen groß gemacht, ging nicht in die Vereinigten Stahlwerke, kaufte Humboldt und Deutz dazu. Heute gehören die  Überreste von Klöckner der Salzgitter AG – und seit 1993 ein Teil, die Georgsmarienhütte in Osnabrück, für zwei DM dem ehemaligen Klöckner-Manager Großmann. Der heutige RWE-Chef kopierte dann als Sanierer von maroden Unternehmen das einstige Erfolgsrezept Peter Klöckners – in den ersten Jahren nach 1897 erwarb sich der gebürtige Koblenzer den Ruf eines Firmensanitäters.

17) Ähnlich brüderlich wie bei Klöckner ging es bei Reinhard Mannesmann (1856-1922) und Bruder Max aus Remscheid zu. Wer kennt nicht die Röhren u.a. aus Mülheim? Kaum noch jemand. Denn der einstige Welt- und Mischkonzern mit Sitz in Düsseldorf wurde zur Jahrtausendwende von Vodafone feindlich geschluckt mit juristischem Nachspiel für Deutschbanker Josef Ackermann. Und auf den reimt sich? Richtig: "Erstick doch dran" (taz).

16) Schluck, schluck, weg sind sie! Das gilt auch für den einst so stolzen Konzern Stinnes, nun Teil der DB Logistics. Vor Urzeiten begann Mathias Stinnes (1790-1845) aus Mülheim/Ruhr als Schiffsjunge mit dem Geschäft. Freilich auf dem Binnenschiff des Vaters. Er wurde Binnenreeder und Bergwerksbesitzer. Hugo Stinnes (1870-1924), Enkel des Firmengründers, führte den Mischkonzern zum Weltrekord: 600.000 Mitarbeiter.

15) Kommen wir zur ersten Ruhrbaronesse unserer Liste. Emilie Flottmann (1853-1933) übernahm die Firmenleitung von ihrem verstorbenen Mann, verlagerte die Maschinenfabrik von Bochum nach Herne. Dort lief es so gut, dass ihr Sohn Otto Heinrich das Patent auf den Presslufthammer anmelden konnte. Heute hat sich in den Flottmann-Hallen bekanntlich Industriekultur breit gemacht.

14) Ein findiger Tüftler war auch Carlos Otto, besser bekannt als Dr. C. Otto (1838-1897). In Mexiko geboren, lernte der Chemiker bei Justus Liebig und entwickelte sich zum Pionier im Koksofenbau. Jetzt gehört die Fabrik in Bochum-Dahlhausen Preiss-Daimler, die sich ansonsten besonders um Bitterfeld bemühen. 

13) Wir bleiben in Bochum, kommen zum Bochumer Verein. Gleich zwei Ruhrbarone tummeln sich im Umfeld der Schwerindustrie mitten in der damals eher kleinen Bauern- und Bergbaustadt. Jacob Mayer (1813-1875) kam aus Württemberg und gründet mit einem Compagnon 1842 die Keimzelle des Werks für Stahlformguss, aus dem 1854 der Bochumer Verein wurde. Louis Baare (1821-1897) war erst Bahner und stand dann 41 Jahre an der Spitze des Bochumer Vereins, ein Nestor der Ruhreisenindustrie und Gründervater der Industrie und Handelskammer mittleres Ruhrgebiet. Die berühmten gusseisernen Glocken enstanden unter seiner Leitung, noch heute steht eine von 1867 vorm Rathaus der Stadt.

12) Am Bochumer Verein partizipierte auch Friedrich Grillo (1825-1888). Und nicht nur hier, er beteiligte sich am späteren Bergwerk Nordstern in Gelsenkirchen, verdiente sein Geld auch mit der Saline Königsborn in Unna. Grillo, aus einer ursprünglich französischen protestantischen Vertriebenensippe stammend, sorgte für die zeitgemäße Organisationsform für die Ruhrindustrie: Actiengesellschaften. Sein Geld investierte er nicht allein in Wertpapiere, auch fürs spätere Grillo-Theater griff er in sein Portemonnaie (frz./ sic!).

11) Friedrich Wilhelm Brökelmann (1799-1891) interessiert sich eher für die praktischere kommunale Daseinsvorsorge, etwa Straßenbeleuchtungen und fürs Jagen. Eigentlich aus Dortmund, in jungen Jahren Waise, half er Neheim-Hüsten industriell auf die Füße. Nachdem er seine Geschäfte als Handlungsreisender begann, schuf er die Hüstener Gewerkschaft, ein Vorläufer der Westfälischen Union in Hamm.

10) Ein weiter Seitenwechsel übers Revier an den Niederrhein. Was Brökelmann für Hamm, war Friedrich Freiherr von Diergardt (1795-1869) für Moers und den gesamten Niederrhein. Der Fabrikant für Samt und Seide hatte tausende Heimarbeiter am Start und ein boomendes Nebengeschäft. Er sorgte sich um den Eisenbahnanschluss und für reichlich Zechengründungen im flachen Land. Zwei davon hörten schließlich auf die Familie Diergardt.

9) Ganz im Süden, eigentlich weit weg vom Ruhrgebiet, lebte Leopold Hoesch (1820-1899). Von seinen Arbeitern nicht bloß als Baron, sondern sogar als Fürst betitelt, blieb Düren der Lebensmittelpunkt des Schwerindustriellen. 1871 im Siegesrausch gründete er die Hoesch AG in Dortmund. Keine Globalisierung, aber eine kleine Standortverlagerung. Aus dem Rheinland ins Ruhrgebiet – der Nähe zu den Rohstoffen und besseren Transportwege wegen. Man kennt das.

Acht) Und jetzt eine wirkliche Ruhrbaronesse. Helene Lohmann, geborene Berger (1784-1866) aus Witten. Sie mehrte das Vermögen ihres verstorbenen Gatten, wirkte 29 Jahre als höchst eigenständige Unternehmerin. Ihre Bilanz: Beteiligungen an 69 Zechen. Bruder Carl Ludwig (1794-1871) gründete das Gussstahlwerk Witten. Dessen Sohn Louis Constans (1829-1891) veredelte sie zu, ja doch!, Edelstahlwerken. Erfolgreich vor allem mit Gewehrläufen. Ob’s ihm im Ruhrtal zu militant wurde? Als nationalliberaler Reichstagsabgeordneter gehörte sein späteres Engagement der Moselregion.  

7) Nicht nur phonetisch war Louis Constans mit einer Luise vermählt. Luise Harkort, der Tochter vom Ruhrpionier Friedrich Harkort (1793-1880), genannt nach dem gleichnamigen See, nein, natürlich ist es umgekehrt. Der "Vater des Ruhrgebietes" ist zwar in aller Munde, war aber gschäftlich weniger erfolgreich als etwa seine Mutter Louisa, geborene Märcker (1718-1795). Sie sorgte fürs Grundkapital der berühmten Sippe, ließ auf der Ruhr Roheisen transportieren.

6) Bei Harkorts die Louise, bei Krupp Helene Amalie (1732-1810). Sie besaß Anteile an der Wiege der Ruhrindustrie, der Hütte in Sterkrade-Oberhausen und in Neu-Essen. Ihr Enkel Friedrich (1787-1826) gründete seine Gusstahlfabrik erst als er die Hütte Gute Hoffnung herunter gewirtschaft hatte. Sein ganzes Erbe steckte er in die "Verfertigung des englischen Gussstahls", auch das nicht besonders gewinnbringend. Erst Alfred (1812-1887) rockte das Kruppsche Fachwerkhaus. Er hieß eigentlich Alfried, was nun gar nicht zur Kanonenfabrik passte, die der manisch-depressive Geist voran trieb. Seine Schreibwut ist legendär, heute würde man ihn wohl Spam-Person nennen, aber die Firma Krupp machte er zum Weltgiganten. Unter Sohn Friedrich Alfred (1854-1902) ging der Aufschwung weiter, dabei liebte F.A. Caprisonne mehr als Essens Ruß. Die Tochter heiratete nobel: Gemahl Gustav von Krupp zu Bohlen und Halbach war dann bekanntlich mittenmang bei Aufrüstung und Faschismus. 1943 musste der Erstgeborene dran, Alfried, der letzte Krupp. Nun heißt die Familie längst Berthold Beitz und der ist eine Stiftung. Oder so.

5) Heute würden wir Thomas Mulvany (1806-1885) wohl als Büttel einer Heuschrecke beschimpfen. Mit britisch-irischem Investivkapital im Rücken suchte der Dubliner im Ruhrbergbau sein Glück. Nicht alles glückte ihm. Aber weil er nicht nur Geld, auch Know-How im Tornister hatte, war er bald anerkannt. 1871 wurde er gar Vorsitzender des Langnamvereins. Seine irische Herkunft verleugnete er nicht, also hießen seine Zechengründungen Shamrock, Hibernia, Erin. Leben wollte er nicht im Pott, Mulvany residierte in Düsseldorf.

4) Wir nähern uns dem Mekka, wo alles begann. Osterfeld. Am Anfang war ein Priester. Franz von der Wenge zum Dieck (1707-1788) aus Schonnebeck. Der Domherr beantragte beim Kölner Erzbischof eine Schürfgenehmigung für Osterfeld und Buer. 1754 wurde mit dem Bau der St. Antony Hütte begonnen, am 18. Oktober 1758 glüht der erste Hochofen der Region, angefacht nicht von einem Ruhrbaron, sondern einem waschechten Freiherr.

3) Nach der Geistlichkeit übernahmen Kapitalisten. Heinrich Arnold Huyssen (1779-1870) war Oberbürgermeister von Essen, das gerade mal 4.000 Einwohner zählte. Wichtiger also seine kommerziellen Umtriebe. Zusammen mit den Compagnons Gottlob Jacobi und Franz Haniel schuf er die Gewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen. Jacobi (1770-823), geboren in Koblenz, kam aus Trier ins Revier, wurde Hüttendirektor von Neu-Essen in den wildesten Zeiten der Ruhrindustrie, als sich um Hütten gekloppt wurde wie um Goldclaims in Kalifornien. Jacobi war so vorausschauend in die Familie Haniel einzuheiraten – und dann wartete er auf seine Chance.

2) Die kam, als Maria Kunigunde von Sachsen (1740-1826) ihre Anteile an der Hütte in Sterkrade verkaufte. Die Fürstäbtissin des Reichsstift Essen sollte eigentlich schick heiraten, einen Habsburger. Doch die Pläne scheiterten, die Frau wurde Fürstäbtissin und geschäftstüchtig. Zwar verbrachte sie nur wenig Zeit im Essener Stift, doch das Vorkommen an Raseneisenerz an Emscher und Rhein hatte es ihr angetan. So gründete sie 1789 eine Hüttengesellschaft des Stifts, 1791 die Hütte Neu-Essen. Sie lotste Jacobi ins spätere Industrierevier. Und dann verkaufte die Kunstsinnige an Haniel. 

1) Duisburg, Ruhrort, das väterliche Packhaus, eine Art vorgeschichtlicher Logport, hier begann das Wirken von Franz Haniel (1779-1868). Mit seinen beiden Schwagern, Huyssen und Jacobi, gründet er schließlich die spätere Gutehoffnungshütte (GHH – übrigens auch Wurzel des MAN-Konzerns). Erfolge hatte Haniel bereits als Händler, Spediteur gefeiert. Die napoleonische Kontinentalsperre spielte ihm ins Blatt, genauso seine tüchtige Mutter Aletta und der Familienbetrieb Haniel, der 1756 als Weinhandel startete. 252 Jahre und kein Ende: Noch heute ist Haniel Familien- und Mischkonzern mit 56.000 Mitarbeitern. Haniel gehören 36 Prozent der Metro AG, aber auch Unternehmungen mit obskureren Titeln wie Xella, Takkt, HTS, ELG und Celesio.

Foto: http://flickr.com/photos

Mad Max in Spanien

Was passiert eigentlich, wenn der letzte Tropfen Öl aus der Erde gesaugt ist? Bis dahin soll es zwar ein paar Jahre dauern, glaubt man den Beteuerungen der Ölbarone. Wie die Welt ohne Sprit aussieht, konnte ich in Zeitraffer in Spanien beobachten.

Foto: Flickr/JFabra

Angefangen hat alles mit ein paar streikenden Lkw-Fahrern in Spanien, die wegen dem Anstieg der Dieselpreise auf die Straße gingen. Genauer gesagt auf die Autobahnen. Und wenn so ein paar Lastwagen auf der Bahn stehen, dann geht bald nichts mehr. Dass sich mit diesem Mechanismus herrlich Chaos anrichten lässt, hatten schon die Kohlekumpel im Ruhrgebiet erkannt, die mit Autobahn-Blockaden ihren Forderungen Nachdruck verliehen hatten.

Rund jeder fünfte Trucker Spaniens macht bei dem Streik schließlich mit. Ihre Forderung: Die Regierung soll die Spritpreise deckeln und damit die Existenz der zumeist unabhängigen Spediteure sichern. Madrid lehnt eine Begrenzung ab, schließlich werden die Preise über die Börse festgelegt. Und dort dreht sich die Spirale dank der fleißigen Spekulanten aufwärts. Die Fronten sind verhärtet. Dem Protest der Spanier schließen sich Fahrer in Portugal und Frankreich an. An den Grenzen bilden sich kilometerlange Staus von fahrwilligen Lkw-Fahrern, die Zufahren zu den großen Städten sind blockiert, das Transportwesen bricht zusammen.

Angefangen hat der Protest am Montag. Am Abend bilden sich bereits lange Schlangen an den Tankstellen. Noch sieht man die Besitzer lächeln, machen sie doch das Geschäft ihres Lebens. Am Dienstag gibt es erste Hamsterkäufe bei Lebensmitteln. Man weiß ja nie, wie lange so ein Streik dauert. Und der Protest wirkt: In meinem örtlichen Supermarkt klaffen in der Frischeabteilung bereits Löcher im Sortiment. Und was in den Regalen liegt, ist oft schon welkes Zeug.

Die Trucker meinen es ernst: Streikbrecher werden gestoppt, die Ladung auf die Straße gekippt. Die Spediteure stehen mit dem Rücken zur Wand, die Dieselpreise sind innerhalb kurzer Zeit um rund 30 Prozent gestiegen. Jetzt wollen auch die Taxifahrer mitziehen. Dabei können sie auf Verständnis in der Bevölkerung bauen. „Die sollen mal ruhig streiken, Benzin ist so teuer geworden“, sagt sogar meine Friseurin. Auch sie ist betroffen: Ihr Shampoo-Vorrat neigt sich dem Ende zu; schlimmer noch: Auch Farbe wird knapp. Geht der Streik weiter, werden die vielen hier ansässigen Rentner-Ladys aus Deutschland und Großbritannien grau. Keiner will das.

Sprit ist ein teures Gut, wenn man es denn bekommt. Am Mittwoch meldet mein Wagen Bedarf an. Sorglos bin ich am Montag und Dienstag umhergefahren und habe mir die schöne Landschaft und verschlafene Dörfer im Hinterland von Valencia und Alicante angeschaut. Darunter auch Zementwagen, die aus Protest eine Sackgasse blockieren. Bei der ersten Tanke, bei der ich halte, kommt gleich der Tankwart raus: „No, No“, winkt er ab. Ausverkauft. Wie auch die zweite, wo nur noch „Geschlossen“-Schilder hängen. Auch die dritte ist leergelaufen, statt Treibstoff will mir der Besitzer ein Eis andrehen. Die vierte hat Super, ich brauche aber Diesel. Das könne ich vergessen, meint ein Mitarbeiter der Repsol-Tanke. Das sei überall aus. So leicht gebe ich nicht auf. Fünf Tanken später wächst in mir die Gewissheit: Der Landstrich ist trocken gelaufen. Meinem Wagen kann ich nur noch die letzte Waschung geben. Immerhin funktionieren die Waschstraßen, wie auch der Verkauf von Eis.

Ich weiß nun, der Wert eines Autos bemisst sich am Tankinhalt, nicht mehr an PS-Zahl und Alter. Ein klappriger Seat von 1970 ist mit vollem Tank mehr wert als meine Kutsche, die gerade ein Jahr auf dem Buckel hat. Ich bin bereit, mit jedem zu tauschen, der ein vollgetanktes Auto hat. Dann könnte ich mich Richtung Norden durchschlagen. Vielleicht würde ich die 500 Kilometer bis hinter Barcelona schaffen, dort ein Fahrrad oder einen Esel klauen und die Pyrenäen ins sichere Frankreich überqueren.

So weit kommt es nicht. Versteckt im Zentrum des Örtchen Pego – rund zehn Kilometer im Landesinneren und frei von Sehenswürdigkeiten – finde ich eine offene Tankstelle. Die zehnte, die ich abklappere. Eine Zapfanlage läuft noch, davor eine Schlange von fünf Autos. Mit einem wagehalsigen Manöver überhole ich schnell noch einen Reisebus, bevor der sich einreihen kann. Meine Mad Max-Lektionen habe ich gelernt. Mit seinen Riesentanks hätte der Bus vielleicht den letzten Tropfen des flüssigen Goldes gekauft. Auch so ist die Lage kritisch. Der Fiat-Fahrer vor mir versucht die Nummer drei in der Schlangen davon zu überzeugen, dass der nur für 20 Euro tanken soll. Jeder solle Diesel bekommen, lautet sein Argument. Doch er erhält eine Abfuhr. Jeder ist sich selbst der Nächste. Doch es reicht, auch für mich. Jetzt habe ich Sprit für 800 Kilometer im Tank. Gefahren wird nicht, der Wagen wird sicher in der Garage verschlossen. Am Tor hänge ich eine Schild „Kaufe Diesel – Jede Menge und zu jedem Preis“. Hoffentlich lassen sich Diebe davon abhalten. Die 50 Liter im Tank sind mein Rückfahrtticket. Damit komme ich bis ins spritsichere Frankreich.

VRR versus Bahn. Verband kündigt Nahverkehrsvertrag

Die Deutsche Bahn hat einen ihrer wichtigsten Großkunden im Regionalverkehr verloren. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) hat seinen Vertrag mit der Bahn fristlos gekündigt, weil es "grobe Vertragsverletzungen der DB bei der Erbringung von Sicherheits- und Serviceleistungen" gegeben habe, sagte ein VRR-Sprecher. So seien nach 19 Uhr viel weniger Sicherheitsleute in den S-Bahnen eingesetzt gewesen, als versprochen. Und vor allem, viel weniger als der VRR bezahlt habe.

 

Statt einer vereinbarten Quote von 90 Prozent hätten Stichproben eine Besetzung von durchschnittlich 17 Prozent der Züge ergeben. VRR-Vorstand Martin Husmann sagte:. "Wir lassen uns durch den Renditedruck der DB im Vorfeld des Börsengangs nicht verschaukeln. Jetzt haben wir einen handfesten Beweis, dass die DB Regio NRW zu Lasten der Kunden spart." Die Bahn wollte zunächst nicht Stellung nehmen. Der VRR will nun den Betrieb des Nahverkehrs neu ausschreiben. Für die Fahrgäste ändere sich aber nichts. Der Verkehrsverbund werde die Bahn verpflichten weiterzufahren. Gesetzlich sei der VRR dazu berechtigt. Die Sicherheitsleistungen würden zudem unverzüglich an andere Unternehmen vergeben.

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Show Down im September: Kreis Wesel vor Ruhr-Austritt

Der Kreis Wesel will am 25. September darüber entscheiden, ob er im Regionalverband Ruhr (RVR) bleibt, oder nicht. Die Auseinandersetzung hat zwei Ebenen: Zum einen fühlen sich viele Städte und Gemeinden aus dem Kreis Wesel nicht als Teil des Reviers. Zum anderen ist es eine Cash-Frage – es geht also um das Geld.

Während der emotionale Streit sicher schnell geregelt wäre, weil man über Gefühle eh nicht streiten kann, sieht es bei der Kohle anders aus.

Während der Kreis Wesel bei Einmalkosten von 3,9 Mio Euro mit einer Austrittsdividende von rund 2,5 Mio. Euro im Jahr rechnet – die er von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft so bestätigt bekommen hat.

Rechnet der RVR mit Einmalkosten von 17 Mio Euro plus unbekannte Kosten. Dazu zählt der RVR alle Kosten, die sich aus Verträgen ergeben, die der RVR in der Zeit seiner Mitgliedschaft eingegangen ist. Das heißt: Der Kreis Wesel soll für alle Zeiten für das Freibad in Hamm zahlen.

Ich weiß nicht, wer Recht hat. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Und die Entscheidung darüber trifft ein Gericht.

Aber ich weiß, dass es ein politischer Fehler ist, zum einen den Kreisen und Städten im Pott die Möglichkeit zum freiwilligen Austritt aus dem RVR einzuräumen und sie dann mit zum Teil an den Haaren herbeigezogenen Finanzargumenten in den Verband pressen zu wollen. Das ist einen andere Art von Shanghaien.

Bedenklich ist in meinen Augen vor allem, dass der RVR aktiv die Berechnungen des Kreises Wesel zum Austritt blockieren wollte. So heißt es in der Vorlage des Kreises zu den Finanzierungsfragen des Austrittes: "Es handelt sich um eine eigene Kalkulation, da der RVR hierzu noch keine Berechnungen vorgelegt hat."

Auch der Streit um das Personl ist in meinen Augen eher kleinlich als eine Idee, wie man dem Kreis den Verbleib im RVR schmackhaft machen könnte. So will der RVR, dass Wesel die Leute weiter bezahlt, die von der Verbandsumlage des Kreises bis jetzt bezahlt werden. Der Kreis selbst ist aber nur bereit, diese Kosten für eine Übergangszeit von drei Jahren zu tragen.

Richtig strittig wird die Nummer bei den Freizeitgesellschaften. Der RVR will, dass der Kreis Wesel im Falle einer Kündigung weiter die Spaßgesellschaften des Verbandes und die sonstigen Einrichtungen des RVR anteilig bezahlt. Da wird in den Augen des Kreises der Sinn eines Austrittes pervertiert.

Der Kreis ist allenfalls bereit, die Freizeitgesellschaft Xanten, also den Archo-Park und die Badeanstalten zu schultern – dafür würde er dann aber auch auf die Zuschüsse des Verbandes verzichten.

Und zum Schluss ist die AGR ein Problem, dass der Kreis Wesel los werden will. Die Müllfirma soll nach Ansicht der Weseler die Müllkippen wie versprochen sanieren und dann verschwinden und die Kassen des Kreises nicht weiter belasten. Schgon gar nicht bei einer eventuellen Pleite.

Das ist der Streit. Er wird seinen Lauf nehmen.

Ziehende soll man nicht aufhalten, heißt es doch, oder?

 

 

Was macht Großmann beim RWE?

Eigentlich wollte ich hier nicht über den Vorstandschef des Energiekonzerns RWE, Jürgen Großmann, schreiben.  Die Personalie ist zu heikel. Zu schnell kann man sich die Finger verbrennen – für lange Zeit.

Foto: RWE

Aber: es geht nicht anders. Die Wirtschaftswoche schreibt schon vom Unmut beim RWE, der sich über den Manager auflädt. Ich weiß, dass Großmann sich auch schon mal bei RWE-Vorstands-Sitzungen zum Verdruß der übrigen RWE-Chefs von einem Vertrauten vertreten läßt. Dass er manchmal Tagelang nicht im Konzern auftaucht. Das sorgt für miese Stimmung.

Tja, und dann weiß ich, dass Großmann nicht besonders gut Späße versteht. Zumindest nicht, wenn es um den Spruch: "VoRWEg gehen" geht. Neulich gab es deswegen eine Telefonkonferenz. Manager des Konzerns wurden da gedrängt, Witze über den neuen Slogan bei ihren Untergebenen zu unterbinden. Jeder, der etwa über einen „iRWEg“ schwadroniere, oder von einem „VoRWErk“-Staubsauger spreche, müsse sich fragen lassen, ob er noch im richtigen Unternehmen arbeite. Der Slogan „VoRWEg gehen“ spiegele schließlich die Philosophie des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns wieder. Das sei ernst gemeint, hieß es noch. Kurze Zeit später wurde auf einer Tagung ein Zettel herumgereicht. Darauf stand: „Kein Unfug! Sonst eRWErbslos“.

Für Jürgen Großmann läuft es auch acht Monate nach seinem Dienstantritt noch nicht rund beim Energieriesen RWE, das kann keiner sagen. Immer noch wandern Hunderttausende Kunden ab, der Verkauf der Wasser-Sparte in Amerika bringt weniger als erwartet und dann bricht auch noch Streit mit den wichtigsten kommunalen Anteilseignern aus.

Viel Pech für nur einen Mann. Dabei hat Großmann einige Erfolge vorzuweisen. Der Manager hat den Konzern aus seiner Starre gerissen und mit der Gründung von RWE Innogy den längst überfälligen Einstieg in die Erneuerbaren Energien geschafft. Auch der angekündigte Verkauf der Gastransportnetze bringt dem Konzern neue Freiheiten. „Das Gasgeschäft können wir trotzdem wie geplant entwickeln. Besser noch, wir werden wieder politisch handlungsfähig“, heißt es aus dem Umfeld des Konzernlenkers. „Wir müssen handeln, solange wir können. Wenn wir gezwungen werden, ist es zu spät.“ Großmann bewegt.

Doch gerade die Anstöße sorgen im weit verzweigten Netz des RWE für teils unkontrollierbare Schwingungen. Da wird zum Beispiel genüsslich aus dem Aufsichtsrat kolportiert, dass der Milliardär und Eigentümer des Stahlwerks Georgsmarienhütte sich seinen zwei Millionen Euro schweren Beitrag zur Alterssicherung aufs Privatkonto überweisen lässt. Und zwar jedes Jahr zusätzlich zu seinem Gehalt von sechs bis sieben Millionen Euro. Normalerweise würde man eine Pensionsrücklage erwarten. Sein Gehalt über die Vertragslaufzeit von fünf Jahren beträgt damit rund 40 Mio Euro. Ein Spitzenwert in der deutschen Wirtschaft.

Aber es sind nicht diese Sticheleien, die Großmann zusetzen. Der Kapitalmarkt ist härter. Selbst die durchaus anerkannten Erfolge reißen Analysten wie Theo Kitz von der Privatbank Merck & Finck nicht mehr vom Hocker: „Im Vergleich geht E.on vor und RWE zieht nach. RWE ist nur kleiner und immer zweiter. Das sehen auch die Anleger so.“ Der Börsenwert von RWE liegt bei rund 43 Mrd Euro. Branchenprimus E.on bringt rund 90 Mrd Euro auf das Parkett. Die Bank Merrill Lynch setzt RWE auf „Neutral“ und hält E.on auf „Kaufen“.

Eine Ursache für die Zurückhaltung im Geldhandel liegt im misslungenen Börsengang von American Water. Auch der Verkauf des zweiten Aktienpaktes Ende Mai lief nicht wie gewünscht. Statt der angebotenen 8,7 Mio Papieren konnten nur 5,17 Mio an Investoren gebracht werden. Schon der Verkauf des ersten Pakets lief schlecht. Statt der vorgesehenen 26 Dollar pro Aktie konnten nur 21,50 Dollar erlöst werden. In der Folge schmolz der Ertrag auf 1,2 Milliarden Dollar, fast die Hälfte zu den Planungen. Großmann musste eine Gewinnwarnung aussprechen.

Aus dem Großmann-Umfeld heißt es zu den Problemen: „Das Glas ist halbvoll, nicht halbleer.“ Noch gebe es genug Gründe für Optimismus. Allen voran die politische Bedeutung von RWE wird unter Großmann wieder sichtbar. Der Konzernchef ist in regelmäßigen Kontakten mit der Bundesregierung. Kanzlerin Angela Merkel akzeptiert den Manager als Ideengeber genauso wie die SPD-Mächtigen um Frank-Walter Steinmeier. Selbst mit Umweltminister Sigmar Gabriel werde nach jahrlangem Schweigen wieder gesprochen.

So kann der Konzern effektiv für eine Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke eintreten. Unter dem Großmann-Vorgänger Harry Roels herrschte eine angeordnete politische Ruhe, die RWE zu einem Spielball der Gewalten werden lies. „Wir haben jemanden gebraucht, der uns wieder auf öffentlicher Bühne vertritt“, heißt es aus dem Konzern. Großmann setze sich mit aller Kraft für RWE ein.

Und das ist dringend nötig. In etlichen Prestige-Baustellen läuft etwas schief. Kaum hat der Konzernlenker durch den Verkauf der Gasnetze ein Kartellverfahren der EU abgewendet, wird die Nachricht herumgereicht, dass sich der Bau der transkontinentalen Gaspipeline Nabucco auf nahezu 7,5 Mrd Euro verteuert. Fast doppelt soviel wie geplant. „Das Projekt ist aber nicht gefährdet“, heißt es aus der RWE-Spitze. „Nabucco kann immer noch rentabel arbeiten.“

Selbst die Übernahme des Kernkraftwerkbetreibers British Energy wächst sich zu einem Sommertheater aus. Zunächst wurde der deutsche Konzern mit seinem vorgesehenen Partner Vattenfall als Favorit gehandelt. Gemeinsam wollten die Stromriesen den größte Energieerzeuger Großbritanniens für knapp 14 Milliarden Euro übernehmen und unter sich aufteilen. Doch dann unterband die schwedische Regierung den Einstieg des Staatskonzerns Vattenfall ins Inselreich. Pech für RWE. „Das hätte der Chef von Vattenfall besser organisieren müssen“, heißt es in der Essener Zentrale. Großmann trage da keine Verantwortung.

Allerdings muss er unter den Folgen leiden. Denn RWE könnte die acht Kernkraftwerke der Briten gut gebrauchen. Als Braunkohleverstromer stößt der Konzern das meiste Kohlendioxid in Europa aus. Ab 2013, wenn die CO2-Zertifikate noch einmal teuerer werden, drohen aus den jetzigen Geldkühe Geldfressern zu werden. Deshalb muss eine Entlastung in der Strom-Produktion schnell gefunden werden. Etwa indem die CO2-intensiven Braunkohlemeiler gegen Klimagasneutrale Kernkraftwerke austauscht werden.

Unter diesem Vorzeichen versucht Großmann auch den Verkauf des Gasnetzes voranzutreiben. Nach Informationen aus dem Konzern will er die Gasanlagen gegen saubere Kraftwerke eintauschen. Gerne auch im Ausland. „Das ist die wichtigste Aufgabe in der Zukunft“, sagt ein Insider. "Großmann packt es an."

Doch nicht nur diese Baustelle ist für den Manager Großmann wichtig. Immer wieder mehr reißen neue Löcher auf. Dann stürzt sich der Chef in die anstehenden Aufgaben, ohne die alten abgeschlossen zu haben. „Manche Mitarbeiter erwarten mehr Kontinuität“, heißt es in der RWE-Spitze. Aber die kommt nicht. „Für die Details sind andere verantwortlich“, heißt es aus dem Großmann-Umfeld.

Beispielsweise bei dem Kampf um neue Kunden. Seit Januar haben mindestens 200.000 Haushalte ihre Verträge mit RWE gekündigt, berichtet RWE-Finanzvorstand Rolf Pohlig. Im vergangen Jahr hatte der Konzern bereits eine Viertelmillion Kunden verloren. Der Menschenstrom hat bereits Auswirkungen auf das Ergebnis des Konzerns. Der Betriebsgewinn ging im ersten Quartal um neun Prozent auf 2,5 Milliarden Euro zurück. Der für die Dividenden entscheidende Nettogewinn brach gar um fast die Hälfte auf 809 Millionen Euro ein, neben dem gescheiterten Börsengang von American Water sei dafür auch der Kundenschwund verantwortlich, bestätigt Pohlig.

Großmann schlägt nun immer wieder neue Angebote vor, um mehr Strom an Privatleute zu verkaufen. Die Rede ist von einer Flatrate, von Preisgarantien oder wie aktuell von einen Atomtarif im Stromhandel. Mit der Exklusivversorgung aus Kernkraftwerken könne jeder Deutschen seine Verbundenheit mit dieser Art der Stromerzeugung demonstrieren und helfen den Atomausstieg zu stoppen, sagte Großmann öffentlich. Intern kommen die Aktionen gut an. "Großmann geht neue Wege. Nur so können wir Kunden gewinnen", heißt es bei RWE. Auch wenn die Bundes-SPD den neuen Atomtarif politisch ablehnt.

Doch Werbung alleine hilft nicht den Konzern Zukunftsfest zu machen. Die Kosten müssen runter, um den Herausforderungen aus CO2-Abgaben und Regulierung zu begegenen. Großmann treibt deswegen den Umbau des Hauses voran. Alles soll schlanker werden. Die intern kritisierten „unglaublichen Hierarchien“ müssen flacher werden. Bis Oktober sollen die meisten Strukturmaßnahmen umgesetzt werden, heißt es intern. „Das ist ein Herkules-Job mit Nebenwirkungen.“

Bis jetzt sind die Kernpunkte der Maßnahmen bekannt. Allen voran soll die deutsche Vertriebstochter RWE Energy eingedampft werden. Wenn im kommenden Jahr der Vertrag mit dem Vorstandschef der Vertriebs-Sparte Heinz-Werner Ufer ausläuft, soll dessen Stelle nicht wieder besetzt werden. Gleichzeitig würden zentrale Aufgaben auf die Konzernmutter überführt, heißt es aus dem Konzern. Andere Jobs würden nach unten in die Regionalgesellschaften abgegeben. Es bliebe wenig mehr als eine Fassade vom einst mächtigen Vertrieb übrig.

In seinem Bemühen, diesen Umbau hin zu kriegen, sucht Großmann die Unterstützung der Arbeitnehmer. Er unterschrieb eine Jobgarantie bis 2012. Den Lohn erhöhte er um 3,9 Prozent. Zudem sicherte er den Betriebsräten eine weitreichende Mitbestimmung auch in den neuen Tochterfirmen zu. Vor allem zum Gesamtbetriebsratschef Günter Reppien sucht Großmann den engen Kontakt. Er lud den gelernten Elektroinstallateur in sein Osnabrücker Sternelokal "La Vie" ein. Und besuchte den Arbeitnehmervertreter in dessen Heimat Lingen. Einmal gab es einen Rathausempfang, einmal eine Stippvisite an Reppiens Arbeitsplatz im örtlichen Kernkraftwerk. Eine ungewöhnliche Ehre für einen Betriebsrat bei RWE.

Doch während an der Arbeitsfront damit Ruhe herrscht, leistet sich Großmann einen ernsten Konflikt mit seinen wichtigsten Aktionären. Ursprünglich wollten die Städte Bochum und Dortmund gemeinsam mit RWE einen neuen Stadtwerke-Konzern mitten im Pott schaffen. Unter dem Namen Unisono sollte RWE mit 20 Prozent an der gemeinsamen Holding rund um den Versorger Gelsenwasser beteiligt werden. Doch dann forderte Großmann das Wassergeschäft von Gelsenwasser für sich. Nach dem Ausstieg American Water, will er auf dieser Basis die Wassersparte in Europa ausbauen. Die Städte ließen die Gespräche verärgert platzen. „Wir lassen uns nichts diktieren“, sagt ein Spitzenbeamter.

Dabei ist die Macht der Ruhr-Kommunen im Konzern immer noch kaum zu unterschätzen. Sie beherrschen über ein Firmengeflecht nahezu 15 Prozent des RWE-Aktienkapitals. Im Aufsichtsrat sitzen gleich vier kommunale Vertreter. Mit den Arbeitnehmervertretern haben sie die Mehrheit. Um jeden Arbeitsplatz werde gekämpft. Manchmal habe Großmann keine ausreichende Unterstützung, heißt es aus dem Gremium.

Und wieder setzt es Sticheleien aus dem Konzern. Es geht um die Kunst, die im Foyer der RWE-Zentrale ausgestellt wird. Normalerweise hat das RWE für diesen Zweck eine Kooperation mit der Folkwang-Schule in Essen. Doch Großmann gefiel die Kunst nicht. Kurzerhand wollte er die Folkwang-Werke gegen Arbeiten von Markus Lüpertz aus seinem Besitz austauschen. Doch die große Geste kam nicht überall gut an. Es hieß, das RWE sei nicht Großmanns Privat-Konzern. Wenn er die Kunst tauschen wolle, müsse er wenigstens den Vorstand fragen. Großmann setzte einen schriftlichen Umlaufbeschluss in Gang. Er bekam die Zustimmung auf dem Papier. Nur: Jeder beim RWE weiß, dass gerade die Folkwang-Schule in enger Verbindung zum wahrhaften Ruhrbaron Berthold Beitz steht. Man sagt, dessen Leichen liegen alle am Grund des Baldeney-Sees. Aus dem Vorstand wurde deswegen hintenrum Kritik laut. Keiner wollte Beitz nächstes Opfer werden.

So kompliziert ist das Ruhrgebiet. Mittlerweile wird schädliches aus dem RWE-Aufsichtsrat kolportiert: „Wir haben einen Familienunternehmer zum Vorstandsvorsitzenden gemacht. Das ist ein gewisses Riskio.“ Immer wieder überschätze Großmann seine Möglichkeiten. Das müsse besser austariert werden. Zur Not müssten auch die Kommunen ein Aufsichtsrat-Mandat abgeben. „Das schlimmste für uns ist doch, wenn Großmann hinwirft.“