Ruhrunis noch nicht auf doppelte Abiturjahrgänge vorbereitet

Die Universitäten im Ruhrgebiet stehen vor dem größten Ansturm von Studienanfängern, den es je gegeben hat. Wenn in drei Jahren die doppelten Abiturjahrgänge in Nordrhein-Westfalen die Schulen verlassen, wird die Zahl der Studienanfänger im Vergleich zu 2005 um fast ein Drittel steigen und erstmals die 100.000-Grenze überschreiten. In den vergangenen Jahren sind schon zusätzliche Studienplätze geschaffen worden, doch das reicht bei weitem nicht aus. In diesen Tagen beginnt das NRW-Wissenschaftsministerium mit den Universitäten darüber zu verhandeln, wie viele zusätzliche Studienplätze möglich sind. Doch ob die Universitäten dem Ansturm gewachsen sind, ist fraglich. Schon jetzt hat zum Beispiel die Mensa der TU-Dortmund ihre Kapazität überschritten und die Hörsäle der Ruhr-Uni Bochum sind laut dem dortigen Asta gerade bei den Geisteswissenschaften dauernd überfüllt.

„Ich war ja auch mal Ersti, aber was hier im Oktober los war, ist schon extrem gewesen. S-Bahn, Mensa, Cafes und die Hörsäle, alles überfüllt – total nervig“, sagt Katja Weidlich, Studentin der Erziehungswissenschaften an der TU-Dortmund. 4.000 Abiturienten haben zum Wintersemester ein Studium an der TU begonnen, 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit den 8.000 Studenten der FH Dortmund, sind nun 30.000 Menschen auf dem Dortmunder Campus unterwegs. Ähnlich sieht es in Duisburg und Essen aus, wo die Zahl der Studienanfänger um gut 8 Prozent auf 5.000 anstieg. Und auch in Bochum werden es jedes Jahr mehr. In den letzten fünf Jahren hat sich dort die Zahl der Studierenden um 1.600 auf mehr als 32.000 erhöht.

Das alles ist nur ein Vorgeschmack, auf das was bis 2015 auf die Universitäten zukommt. Bis dahin werden neun Bundesländer ihr Abitur von 13 auf 12 Jahren verkürzen. Hamburg macht in diesem Jahr den Anfang, nächstes Jahr folgen Bayern und Niedersachen, 2012 dann Baden-Württemberg, Berlin, Bremen und Brandenburg, bevor 2013 Nordrhein-Westfalen und Hessen den Abschluss bilden. Die Kultusministerkonferenz rechnet bis 2015 deutschlandweit mit 275.000 zusätzlichen Studienanfängern. Um die Hochschulen darauf vorzubereiten, sollen in den nächsten zehn Jahren 18 Milliarden zusätzlich in die deutschen Hochschulen investiert werden.

Das Land NRW stellt zu seinen jährlichen Zuschüssen von drei Milliarden Euro noch mal 1,8 Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre bereit. Darüber wie dieser Batzen Geld verteilt werden soll, wird in diesen Tagen verhandelt. Die Hochschulen sollen verbindlich erklären, welchen Anteil sie leisten können, um gut 130.000 neue Studienplätze zu schaffen.

Beim NRW-Wissenschaftsministerium gibt man sich zuversichtlich. Sprecher André Zimmermann: „Wir werden mit den Hochschulen Zielvereinbarungen schließen, in denen wir ganz genau festhalten, wie viele zusätzliche Studienplätze jede Hochschule einrichtet. Damit haben wir schon gute Erfahrungen gemacht“. Und tatsächlich sind in den vergangenen fünf Jahren 26.000 neue Plätze an den Hochschulen in NRW entstanden. Finanziert über ein Prämiensystem. Für jeden zusätzlichen Studienanfänger gab es Geld. Wenn eine Hochschule Studenten über ihrer Kapazität aufnahm, wurde der Betrag durch eine Extraprämie sogar verdreifacht. Bis zu 20.000 Euro Prämie pro Studienanfänger wurde gezahlt. Nach dem gleichen System sollen jetzt die noch fehlenden 130.000 Studienplätze in NRW geschaffen werden. Martin Schmidt von der vom Asta der Ruhr-Uni Bochum hält von diesem System wenig: „Wir sehen das sehr kritisch und befürchten, dass sich gerade durch die Extraprämie die Studienbedingungen noch verschlechtern werden.“ Schmidt hat eh den Eindruck, dass die RUB auf die doppelten Abiturjahrgänge sehr schlecht vorbereitet ist: „Schon jetzt platzen die Gebäude aus allen Nähten, die Platzsituation ist desolat und da bringen auch neue Professorenstellen keine Verbesserung.“

Aber, ob überhaupt neue Professoren eingestellt werden, ist unklar. Drei Jahre vor dem großen Ansturm auf die Ruhrgebietsuniversitäten gibt man sich da noch recht wortkarg. Die Frage, wie viele zusätzliche Professuren geschaffen werden sollen, konnte uns nur die Universität Duisburg-Essen beantworten. Dort sollen 24 zusätzliche Professoren eingestellt werden, sagt Pressesprecherin Beate Kostka. Jetzt werde man in den Verhandlungen mit dem Wissenschaftsministerium aber in ersten Linie auf zusätzliche Hörsaal- und Seminarkapazitäten drängen.
Geld für Baumaßnahmen ist da. Acht Milliarden Euro will das Land den Hochschulen bis 2010 zur Verfügung stellen. 290 Millionen sind bei der Ruhr-Uni Bochum schon fest verplant. Dort werden als erstes Gebäude der Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften saniert. Doch Ministeriumssprecher Zimmermann macht auch klar, dass das die Milliarden nicht für Neubauten gedacht sind, die die zusätzlichen Studierenden Platz bieten sollen: „Es dürfen keine dauerhaften Kapazitäten aufgebaut werden, die nach 2020 nicht mehr benötigt werden. Daher geht es sowohl bei Personal als auch beim Raumbedarf um befristete Lösungen“. Konkret heißt das: Universitäten sollen Räume anmieten und schon einige Jahre bevor Professoren ausscheiden ihre Nachfolger einstellen. Denn schon nach 2013 rechnet das Ministerium wieder mit sinkenden Zahlen von Studienanfängern an den Universitäten.

Neben all diesen großen, offenen Fragen, bleiben auch noch viele praktische Probleme. Wie werden zum Beispiel die Mensen der Ruhruniversitäten den größeren Andrang bewältigen können? In Dortmund hat man sich dazu schon Gedanken gemacht aber die große Lösung nicht gefunden. Rainer Niebur, der Geschäftsführer des Studentenwerk Dortmund: „Unsere Mensa ist schon jetzt technisch am Anschlag. Wir spülen zum Beispiel 38 Tabletts pro Minute, obwohl die Maschinen nur für 30 ausgelegt sind.“ Geld für die dringende technische Aufrüstung der Mensa stellt das Land aber nicht zur Verfügung. Deshalb ist unklar, ob sich in den nächsten Jahren überhaupt etwas verbessern wird. Um nicht völlig unvorbereitet zu sein, will das Studentenwerk jetzt ein Fahrzeug anschaffen, aus dem warmes und kaltes Essen verkauft werden soll. Zu Stoßzeiten soll dieses Fahrzeug vor der Mensa stehen. Außerdem hofft Niebur auf den Anbau der Fachhochschule Dortmund. Dort soll ein Gastronomieangebot mit 190 Sitzplätzen geschaffen werden.

Auch die Verkehrsbetriebe haben sich noch nicht auf die zusätzlichen Studierenden eingestellt. Ob zum Beispiel die S1 die TU Dortmund öfter anfahren wird, konnte man mir beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr nicht sagen. Die Bogestra in Bochum sieht ebenfalls kaum Möglichkeiten, die U 35 öfter zur Ruhr-Uni fahren zu lassen. „Zu Stoßzeiten fahren wir schon im zweieinhalb-Minuten-Takt. Mehr geht nicht“ sagt Sprecher Christoph Kollmann.

Aber nicht nur auf dem Campus wird der Ansturm neuer Studierender für Probleme sorgen. Auch die Wohnheimplätze in Bochum, Duisburg, Essen und Dortmund dürften knapp werden. Schon jetzt müssen Studierenden oft monatelang auf ein Zimmer warten. Das Studentenwerk Dortmund hat jetzt einen Arbeitskreis gegründet, um Lösungen für dieses Problem zu finden.

Das Jahr 2013 bringt also eine Menge Herausforderungen für die Universitäten und Fachhochschulen im Ruhrgebiet mit sich. Hier ist schnelles Handeln gefragt, damit das Versprechen von Wissenschaftsminister Pinkwart auch eingehalten werden kann. Im Landtag sagte er: „Jeder Studieninteressierte wird 2013 und 2014 einen Studienplatz finden.“

Dieser Text ist auch im Studierendenmagazin pflichtlektüre erschienen

Westerwelles merkwürdiges Sozialismusbild

Wenn man den Artikel von Westerwelle in der Welt liest, wirkt die ganze Aufregung um den Text arg bemüht. Westerwelle hat nur geschrieben, was er immer sagt. Was mir aber aufgefallen ist: Westerwelle hat ein erstaunlich illusorisches Bild vom Sozialismus. Mit der Praxis der heute zumeist ehemaligen sozialistischen Staaten hat es wenig zu tun.

Allgemein hält sich die Auffassung, Sozialismus wäre vor allem für Arbeiter und Arbeitslose eine prima Sache, ziemlich hartnäckig. Das mag für die Papierform noch zutreffen, für die Praxis nicht – und wir alle wissen ja: Entscheidend ist auf´m Platz.

Außenminister Guido Westerwelle, im Nebenerwerb Chef der FDP, sieht im Sozialismus vor allem eine große Umverteilungsmaschinerie, von der vor allem diejenigen profitieren, die nicht arbeiten.  Dabei war es Lenin, der schrieb „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“. Ursprünglich wohl  gemünzt  auf die Klasse der Großgrundbesitzer wurde er zum Credo aller sozialistischen Staaten. Aus dem Recht auf Arbeit wurde in der Praxis die Pflicht zur Arbeit.

Mit der Umverteilung zugunsten derjenigen die, aus welchem Grund auch immer, nicht arbeiteten, hatte es keines der sozialistischen  Länder. In der DDR bestand eine Arbeitspflicht: „‚Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit.‘ (Verfassung der DDR) Die Arbeitspflicht wurde z.B. in Form eines ‚Dienstes für Deutschland‘ 1952/1953 als Jugendarbeitsdienst umgesetzt, oder sie konnte darin bestehen, dass Arbeitnehmer bis zu 6 Monate verpflichtet wurden, in einem anderen Betrieb am gleichen Ort zu arbeiten.“

Arbeit hatte einen hohen Wert für die sozialistischen Diktaturen: Vor allem  Gefangene in Lagern sollten angeblich durch Arbeit zu besseren, zu proletarischen Menschen werden. In Wirklichkeit ging es nur darum, möglichst billig und ohne jede Rücksicht auf menschliche Verluste, Großprojekte wie Eisenbahnlinien oder Kanäle zu bauen und das Volk durch Angst vor dem Lager gefügig zu machen.

Für den französischen Philosophen André Glucksmann ist dann auch das Lager das Symbol des praktizierten Sozialismus. In Köchin und Menschenfresser, (Wagenbach, 1976) schreibt er: „Die Lager sind geheime Kommunikationsinstrumente zwischen Herren und Sklaven, Ausbeuter und Ausgebeuteten. Auch wenn die Plebs nicht eingesperrt ist, liegt doch die Drohung und ein versteinertes Schweigen in der Luft, in denen die Stimme des Herrn unausgesprochen da ist. Jeder deportierte oder nicht deportierte Russe bewohnt „die Lagerzone.“

Die sozialistische Praxis hatte mit Westerwelles Sozialismusbild, in dessen Zentrum  großzügigen staatlichen Alimentierung steht,  nichts zu tun. Der sozialistische Staat ist der Ausbeuter, nicht der großzügige Helfer des Individuums und die Arbeit war eine seiner Waffen. Aber das ist das Problem von Phrasendreschmaschienen wie Westerwelle: Es geht ihnen nie um den Inhalt, immer nur um den Effekt und sie haben keine Ahnung wovon sie reden.

Manchmal tun sie es noch immer

Um einige offene Streitfragen zu klären, sind Briten vor 65 Jahren in Richtung Deutschland geflogen. Seit dieser Zeit ist einiges geschehen, England hat den Streit für sich entschieden, wir sind demokratisch geworden und seit gestern senden ARD und ZDF endlich in HDTV (womit ich allerdings keine Prioritätenliste aufstellen möchte).

Und dennoch, es passiert heute noch, daß Briten in Richtung Deutschland fliegen, wenn es gilt, Meinungsverschiedenheiten aus der Welt zu schaffen,

z.B. wer die besseren Autos baut oder dieselben am besten bewegen kann, ist eine solche Frage, zu deren Beantwortung die Jungs schon mal ins Cockpit ihrer Spitfires steigen. Ob das nun wirklich „more style“ bedeutet oder ob die britische Ansicht zur Existenz Belgiens korrekt ist, das soll jeder für sich entscheiden.

Ach so, ja, wer die dargestellten Ereignisse lieber von der anderen Seite beobachten möchte, der kann das hier tun.

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Dresden – es geht um die Opfer – immer

Die tausenden Kinder, Frauen und Männer von Dresden waren so unschuldig wie die Toten von Sheffield oder Guernica. Es geht darum, Krieg zu verhindern. Nicht Opfer zu Tätern zu machen, oder Täter zu Opfern. Aus diesem Grund sind wir gegen Faschisten.

Wie wichtig es ist, sich rechtzeitig Gedanken über Bombenkrieg zu machen, zeigt auch der Angriff bei Kunduz. Es war nicht mutig, Menschen aus der Luft zu töten und nachher beten zu gehen. Unschuldige Menschen starben, weil Einzelne Morden mit Videospielen verwechseln und Verantwortliche ihre Verantwortung auf andere Abwälzen. Und nachher beten.

Billers Beschwerden


Es ist das Schicksal des Maxim Biller, dass ausgerechnet sein bestes Buch Esra vor einigen Jahren vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde. Weder vorher noch nachher ist dem in Prag geborenen Autor ein vergleichbares Werk gelungen. Nun legt Biller sein neues Werk vor: „Der gebrauchte Jude“. Eine Kritik.

Als Maxim Billers erster Roman Die Tochter im Jahr 2000 im Literarischen Quartett vorgestellt wurde, charakterisierte Marcel Reich-Ranicki den Sohn russischer Emigranten als einen „unerhört aggressiven, provozierenden Autor“. Seine journalistischen Texte seien intelligent geschrieben und, was nicht als Kompliment zu verstehen sei, durch „große Aggressivität“ gekennzeichnet. Gemeint war Billers inzwischen geradezu legendäre Kolumne 100 Zeilen Hass in der mittlerweile eingegangenen Monatszeitschrift Tempo. Dass Maxim Biller seitdem nur unwesentlich umgänglicher geworden ist und nach wie vor nur allzu gerne provoziert, belegt sein neues Buch Der gebrauchte Jude. In diesem an eine Autobiografie erinnernden Selbstporträt beschreibt der Autor, wie er zu der Person wurde, die er heute ist. Dabei dauert es nicht lange, bis Biller die Unmöglichkeit erwähnt, als Jude in Deutschland ein glückliches Leben zu führen.

„Ich merkte nicht, dass ich als Deutschenhasser benutzt wurde“, schreibt er rückblickend über seine Arbeit als Journalist. Man habe ihm die 100 Zeilen Hass angeboten, um aus ihm einen jüdischen Nazi zu machen, „in dessen publizistischer Lederjacke zwei Hass-Runen eingenäht sind“. Dass Biller, sollte seine Vermutung überhaupt zutreffend sein, diese Rolle nur zu gerne ausfüllte, scheint er dabei komplett auszublenden. Stets sind es „die herzlosen Deutschen“, die ihn von Beginn an bestenfalls ignoriert, erfahrungsgemäß aber instrumentalisiert, marginalisiert und diffamiert hätten.

Eine scheinbar unbedeutende Anekdote indes verrät mehr über den Charakter des Schriftstellers, als ihm womöglich recht ist. Als Biller im Sommer 1980 für drei Wochen in einen Kibbuz geht, wird er nach wenigen Tagen rausgeschmissen, weil er sich weigert, um fünf Uhr morgens aufzustehen und arbeiten zu gehen. Billers Reaktion auf den Rauswurf spricht für sich: Um sich zu rächen, pinkelt er, trotzig wie ein Kleinkind, in den kibbuzeigenen Zitronenhain und verschwindet. Seit dieser Szene sind fast drei Jahrzehnte vergangen, doch das Prinzip Biller funktioniert immer noch nach diesem Muster. Erst stößt er jemandem vor den Kopf, woraufhin dieser naturgemäß mit Ablehnung reagiert, worauf Biller wiederum aus einem Gefühl der Beleidigung heraus sein Gegenüber zu verletzen versucht. Hält er sich dann auch noch in Deutschland und nicht in Israel auf, steht für ihn fest: Derjenige, der ihn kränkt, muss Antisemit sein. Man weise ihn ab und begegne ihm mit Geringschätzung, weil er Jude sei und es ihn in Deutschland eigentlich gar nicht geben dürfe, so erklärt er sich die Welt und seine missliche Lage. Aus diesem Grund küssen die Mädchen an der Universität, stets „groß, deutsch und zu Hause ein Bett aus Daunen“, auch nicht ihn, sondern lieber ihre deutschen Freunde. Dabei gibt Biller an anderer Stelle zu: „Ich bin Jude, weil ich eines Tages merkte, wie sehr es mir gefällt, die anderen damit zu verwirren, dass ich Jude bin.“

Die Lektüre von Philip Roths Roman Portnoys Beschwerden erlebt der junge Biller als eine Art literarisches Erweckungserlebnis: „Ich konnte es nicht glauben. Es gab wirklich Menschen auf der Welt, die genauso nervös, witzig und tyrannisch waren wie meine eigene Familie, und man schrieb Bücher über sie.“ In den Geschichten des amerikanischen Romanciers erkennt er die Möglichkeiten der eigenen literarischen Arbeit. „Warum schrieb ich nicht über so was?“, fragt er sich und verfasst seitdem in Roths Stil Geschichten, die in jüdischen Kreisen spielen. Wie in den Romanen seines Vorbilds hadert auch Biller mit seiner jüdischen Identität und den Meschuggas seiner Familie. Indes: Auch wenn der Autor sich als deutscher Philip Roth geriert, trennt beide ein unüberbrückbarer Gegensatz: Denn was beim amerikanischen Großmeister der Beschreibung existenzieller (jüdischer) Krisen stets originell und trotz der Schwere seiner Themen ungemein leicht daherkommt, klingt bei Biller nicht selten bemüht und unbeholfen. Bei der Lektüre seines Selbstporträts drängt sich einem unweigerlich das Gefühl auf, dass sein Plan als Schriftsteller einzig und allein darin besteht, die Nöte der Figuren Roths auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. In Der gebrauchte Jude vermögen lediglich die Passagen beim Leser auf Anhieb einen Sog zu entwickeln, in denen Biller seine Begegnungen mit Henryk M. Broder, Rachel Salamander oder Marcel Reich-Ranicki beschreibt. Allerdings liest man diese Schilderungen mit demselben Gefühl, mit dem man beim Hausarzt Personality-Magazine durchblättert: Man möchte mehr vom Leben der Prominenten erfahren. Große Literatur ist es deshalb noch lange nicht.

Maxim Biller: Der gebrauchte Jude. Selbstporträt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 174 S., 22,90 €

Die Rezension erschien auch in der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“.

Ruhrpilot – Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet

Dortmund: Pohlmann will Verhaltenskodex für Kommunalpolitiker…Ruhr Nachrichten

Duisburg: Verdächtige nach Duisburger Mafiamorden verhaftet…Der Westen

Dortmund: Diskussion um Nordstadt…Der Westen

NRW: Bleibt SChwarz-Grüne Illusion?….Kölnische Rundschau

NRW II: SPD bleibt für Grüne erste Wahl…Ahlener Zeitung

Internet: Sperren in Frankreich…Netzpolitik

Pop: Zeltfestival startet mit Jan Delay…Ruhr Nachrichten

Nachbarschaft I: Pfusch beim U-Bahn Bau in Köln…Zeit

Nachbarschaft II: Ärger um Bürgerliste im Sauerland…Zoom

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Steuersünder sind nervös

Ich habe mich vor ein paar Tagen etwas länger mit einem Steuerberater unterhalten. Ich traf ihn auf einer Party. Er arbeitet bei einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Frankfurt und er sagte, er hätte im Moment eine Menge zu tun: Viele der Mandanten seiner Gesellschaft seien wegen der Steuer-CDs ziemlich nervös.

Sie haben Geld auf Schweizer-Konten. Und sie haben die Kohle nicht versteuert. Jetzt wollen sie wissen, was sie machen müssen, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Steuern hinterziehen ist in ihren Kreisen ein Kavaliersdelikt – eine Vorstrafe hingegen gilt als eher unflott. Und teuer wird es auch, wenn zu den nachzuzahlenden Steuern noch die Strafe draufkommt,

Der Steuermann rät ihnen natürlich zur Selbstanzeige, wobei genau dieses Wort im Gespräch mit dem Finanzamt nie fallen darf. Der Steuerhinterzieher, so erklärte er mir, darf nie sagen, dass er Steuern hinterzogen hat und sich jetzt selbst anzeigen möchte. Er muss so tun, als ob er vergessen hat, etwas anzugeben: Ein paar Millionen auf einer Bank in der Schweiz zum Beispiel.

Was den Berater verwundert ist, dass auch angesichts der drohenden Strafen fast alle noch versuchen zu zocken und nicht alles angeben wollen. Davon etwas zu verstecken rät er seinen Mandanten allerdings ab – wer sich jetzt beim Finanzamt meldet, müsse die Hosen runterlassen. Ganz. Auch die Unterhose. Sonst werden die nämlich verdammt sauer – und bei allen, die jetzt auf einmal noch ein paar Millionen finden, werden sie sehr genau nachschauen. Beim Finanzamt, das sollte man nie vergessen, arbeitet die Elite des öffentlichen Dienstes. Mit denen bei der Arbeitsagentur sollte man sie nicht verwechseln.

Er sagt, er erklärt ihnen immer, dass Steuern dazu gehören, dass man sich an die Gesetze des Landes, in dem lebt, halten muss und wenn man findet, dass die Steuern zu hoch sind man sich dafür einsetzen muss, dass sich das ändert: Auf dem politischen Weg. Nicht auf kriminellem. Er sagt aber auch, dass er seine Mandanten damit nicht wirklich überzeugen kann. Der Mann mit dem ich mich unterhalten habe verdient nicht schlecht, aber im Vergleich zu seinen Mandanten natürlich nur Peanuts, Und irgendwie klang er schadenfroh.