Phantasialand für Bildungsbürger

Das gestrige Titel. Thesen, Temperamente Special zur Ruhr2010 –kurze Portraits zugewanderter Künstler wie Steven Sloane, kritische Kommentare, etwas Ironie vom Moor – all das kam viel näher an das Ruhrgebiet heran als die peinliche Lanz-Posse ZDF und die VIP-Show am Samstag.

Schön schon am Anfang Reinhards Mohrs ironischer Kommentare zur Industriekultur : „Ich bin gespannt, ob das Parkhaus auch mal zur Kultur wird.“ Sein Tipp im Kulturhauptstadtjahr: Katalog ignorieren und sich treiben lassen – es bleibt einem auch beim Aufbau der Programmbücher kaum etwas anderes übrig.
Peter Lohmeyers lieferte einen Grund für die Verteilung des Programms auf das ganze Revier, der treffend: So reich, alles an einem Ort zu machen, sei das Ruhrgebiet nicht. Man hätte, um ein gutes Programm zu bekommen, das ganze Revier nehmen müssen. Das stimmt natürlich – keine Ruhrgebietsstadt ist für sich alleine sonderlich interessant.

Ging es ohne Klischees? Ne, natürlich nicht und wir wissen, dass viele der Klischees auch einen wahren Kern haben – wer von uns hatte keinen Opa auf der Zeche? Hat nicht auf Halden gespielt oder erinnert sich nicht an den Dreck, von dem es früher noch viel mehr gab als heute?
Bezeichnend und auch von ttt nicht thematisiert: Ob Lohmeyer, Herbert Grönemeyer oder Dietmar Bär: Keiner der vorgestellten Protagonisten lebt hier mehr. Das hat doch gute Gründe, über die würde ich gerne mal etwas wissen und vielleicht was man dafür tun kann, damit so Leute hier bleiben. Warum hauen hier fast alle ab und kommen so wenige, denn wenn auch viele kämen wäre es ein Austausch und klasse und keine Aderlass und schlecht.

Gut war, dass auch nicht so getan wurde, als ob hier alles prima wäre: Arbeitslosigkeit, auch die Trostlosigkeit, das wurde alles angesprochen.  Schön: Der Besuch bei Lukas Niermann, einem  Künstler, der im Wohnungsprojekt zwei bis drei  Straßen, von Jochen Gerz wohnt. Niermann erklärt, er werde die verändern die hier wohnen und Moor grinst breit und sagt, wohl wissend was auf Niermann zukommt, dass er auch glaube dass die Menschen der Straße ihn verändern werden.
Sicher: Die Superlativen (Höchste Museumsdichte), das neue Musem Folkwang, Mäzen Berthold Beitz das darf alles nicht fehlen und fehlt natürlich auch nicht. Hart der Kommentar von Beitz: Das Museum Folkwang sei in der Kulturhauptstadt aber kein Projekt der Kulturhauptstadt: „Soviel Geld haben die gar nicht.“
Auch ein Auszug aus dem Imagefilm der Ruhr2010 wird gezeigt, das dort gezeigte bunte, kreative Ruhrgebiet und aus dem Off kommt der passende Kommentar: „Der Film zeigt eine Art Phantasialand für Bildungsbürger.“

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Achim
14 Jahre zuvor

Stimme zu: Das war ein guter, erfrischender Beitrag, gerade in den von Dir herausgehobenen Stellen. Der Moderator heißt aber Dieter Moor…

Angelika
Angelika
14 Jahre zuvor

Dieser Imagefilm ist eines: PEINLICH!

Eva
Eva
14 Jahre zuvor

Erfahrungsbericht zum Thema Abwanderung aus dem Ruhrgebiet: Wenn ich ein bis zwei Bewerbungen nach Düsseldorf oder Köln schicke, habe ich eine Stelle. Wenn ich 10 Bewerbungen innerhalb des Ruhrgebiets verschicke, habe ich keine Stelle. Die Abwanderung ist vermutlich nicht immer freiwillig, sondern häufig durch die Chancenlosigkeit im Ruhrgebiet erzwungen. Der Prophet gilt im eigenen Lande nichts. Dies trifft ja wohl auch auf die Werbeagenturen des Ruhrgebiets zu, die bei den Aufträgen zur Kulturhauptstadt übergangen wurden, um das Geld anschließend bei hippen Hamburger Agenturen zu verbrennen, die noch nicht mal in der Lage sind, ein verständliches und übersichtliches Programmheft zu erstellen – da schüttele ich nur noch mit dem Kopf.

Dirk E. Haas
Dirk E. Haas
14 Jahre zuvor

Ach, Parkhäuser sind schon längst Kultur:
https://www.baukunst-nrw.de/index.php?oid=317

Aber im Ernst, das ttt-Special war tatsächlich angenehm unaufgeregt, ich frage mich allerdings, wann irgendwo mal ein Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr erscheint, der ohne KO-Tropfen wie ?Strukturwandel?, ?Image?, ?Metropole? und ?Kirchturmdenken? auskommt.

Dass das Ruhrgebiet ein größeres ?Image-Problem? habe als andere Regionen, das ist das eigentliche Klischee, das nun seit Jahresanfang verstärkt durch die Feuilletons geistert, sekundiert von Menschen wie dem ansonsten grundsympathischen Peter Lohmeyer, dem allerdings (für Expatriaten nicht ungewöhnlich) alte Heimatgefühle den Blick trüben. Nein, das Image des Ruhrgebiets ist genauso richtig und falsch wie es das Image Hamburgs, Münchens, Frankfurts, Stuttgarts ist (und wer, wie RUHR.2010, nun ausgerechnet Grönemeyer mit einer Ruhr-Hymne beauftragt, hat ohnehin jegliches Recht verwirkt, sich über hartnäckige Ruhrgebietsklischees im Rest der Republik zu beschweren).

Vielleicht gelingt es ja, dass sich das Ruhrgebiet im Laufe des Jahres weniger mit seinem Image und mehr mit seiner Infrastruktur beschäftigt.

Eva
Eva
14 Jahre zuvor

@ Stefan: Auch wenn das Thema bei den Ruhrbaronen schon öfter aufgegriffen wurde, muss ich ich hier einfach noch mal meine Meinung dazu loswerden. Es ist ein Skandal, dass die Ruhr.2010 GmbH die Werbe- und Marketingagenturen bei der Auftragsvergabe zur Kulturhauptstadt komplett übergangen hat. Da kommt endlich mal Geld ins Revier, und dann wird dieses Geld nicht hier eingesetzt, sondern direkt weitergeleitet nach Hamburg und Rostock (mit einem äußerst bescheidenen Resultat, s.o.).
Natürlich ist es richtig, dass die Agenturen hier es nicht gewohnt sind, große Projekte zu stemmen. Davon auszugehen, dass sie so was dann auch nicht können (was die Entscheider bei der Ruhr.2010 GmbH offensichtlich umtrieb), ist jedoch ein unzulässiger Schluss. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Das gilt sicherlich auch für Gruppen von Menschen in Agenturen. Ich bin mir sicher, dass eine Ruhrgebiets-Agentur, der man „höhere“ Aufgaben bei der Kulturhauptstadt gegeben hätte, über sich selbst hinausgewachsen wäre. Die Begeisterung fürs Ruhrgebiet, die so ein Hamburger Fischkopp nun mal nicht hat, hätte die bei den Ruhris fehlende Erfahrung mit großen Projekten locker wett gemacht. Da wäre was mit Herz und Leidenschaft entstanden. Schade – Chance vertan.

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