Der Unterschied

Vladimir Putin Foto: http://en.kremlin.ru Lizenz: CC BY-SA 4.0


Die russische Verbrechernation setzte in der Nacht ihre geballte Feuerkraft gegen Kiew ein, um zu demonstrieren, wie stark und überlegen sie doch wäre. Von unserem Gastautor Manfred Albers.

Der Kremlstrolch brauchte dies vor allem deshalb, weil er seiner eigenen Bevölkerung nach dem verlustreichen Erstarren der sogenannten Frühjahrsoffensive an der Front, den unübersehbaren Schlägen gegen seine Ölindustrie bis in den Ural hinein und der Paradeblamage, zeigen musste, dass er weiter der große Reiter des Bären mit nacktem Oberkörper der sibirischen Steppe ist. Er setze dafür ein:

Eine (vielleicht auch zwei) Oreshnik-IRBM Hyperschallrakete Nuklearwaffenträger, keine davon abgeschossen.

Zwei Kh-47M2-Kinzhal-Luft-Boden-Hyperschallraketen, keine davon abgeschossen

Drei 3M22 Zircon-Hyperschallmarschflugkörper, keiner davon abgeschossen

30 Iskander-M/S-400-Raketen, 11 davon abgeschossen

54 Kh-101/Iskander-K/Kalibr-Marschflugkörper, 44 davon abgeschossen

600 Shahed- und andere Drohnen, 549 davon abgeschossen.

Die Gesamtkosten dieses Mordunternehmens dürften um 500 Mio € betragen haben, vielleicht auch deutlich mehr, ich habe mich an den unteren Schätzungen der Kosten dieser Mordwerkzeuge orientiert.

Zerstört oder nur getroffen wurden viele Wohnhäuser und einzelne Wohnungen, ein Einkaufszentrum und Marktgebäude, sicher auch Gewerbebetriebe, das Tschernobyl-Nationalmuseum, Rundfunkgebäude, die Residenz des albanischen Botschafters und als Krönung, im südlich von Kiew gelegenen Ort Bila Tserkva ging Putins Lieblingsphallusersatz, die Oreshnik nieder, um, wie im Film ersichtlich, eine Garagenkooperative zu zerstören. Herzlichen Glückwunsch, die Fassade des Außenministeriums wurde an einer Stelle wohl auch beschädigt, das könnte vielleicht als militärisches Ziel bezeichnet werden. Brandwolken über Kiew und eine schlaflose Nacht der Bewohner, nach jetzigem Stand wurden zwei Menschen ermordet und über 80 verletzt. 50.000 Briten und 500.000 Deutsche starben beim Moralbombing im zweiten Weltkrieg, ohne dass die Moral brach, seither ist bekannt, diese Strategie ist verfehlt. Das Morden mit den teuersten Mitteln der Verbrecher Mordors sorgt nur für eines, einem Hass auf Jahrzehnte hinaus, den Ukrainer, gleich ob sie ukrainisch oder russisch sprechend aufgewachsen sind, auf ihre degenerierten Nachbarn im Osten haben werden. Nichts Kriegsrelevantes, dafür wurden 500 Mio aufgewendet.

Der Gipfel der Torheit war wiederum die Oreshnik. 25 bis 30 Mio kostet eine, nur bis zu vier im Jahr, so las ich gerade, könne Russland produzieren, immer wieder Fehlstarts machen ihren Einsatz noch kostspieliger. Tatsächlich ist sie ein reiner Nuklearwaffenträger, der 5000 km weit fliegen kann und hyperschallschnell sein soll, das macht die Stärke dieser Rakete aus, sie ist konzipiert für den Einsatz gegen andere Kontinente. Und die wurde jetzt gegen ein Nachbarland in wenigen hundert km Entfernung eingesetzt; weil sie nicht einmal konventionell bestückt werden kann, mit Dummyköpfen, deren Zerstörungskraft einzig in der kinetischen Energie von Masse x Geschwindigkeit liegt. Selbst wenn das eine Nukleardrohung gewesen sein sollte, nur das macht Sinn, war es völlig verrückt, jeder weiß, dass die Möglichkeit der nuklearen Attacke besteht, aber auch, dass Russland dafür einen noch viel höheren Preis zahlen würde; die Ukrainer sich dieser Art von Drohungen bewusst sind und sie für das Überleben in Freiheit hinnehmen. Russische Quellen melden, eine zweite Oreshnik wäre in Druzhkivka, nördlich der Frontstadt Konstantinivka, niedergegangen. Sollte das stimmen, wäre es nicht einmal bemerkt worden.

Russenblogger Rybar fragte sich, warum das Ziel in Bila Tserkva gewählt wurde, für einen militärisch geschulten Mann wie Mikhail Zvinchuk, der dahinter steht, eine pseudonaive Frage, er wird es besser wissen. Bila Tserkva wurde getroffen, weil die “Präzision” dieser Waffe viele Kilometer Streuung umfasst, bei atomarer Bewaffnung mit vielen Sprengköpfen auch vollkommen gleichgültig, aber mit Stahldummies ausgerüstet vor allem wirkungslos. Weniger mit Russlands Führung verbandelte Propagandablogger kommentierten hingegen das Geschehen bereits mit bitterem Zynismus. Nach mehr als vier Jahren Krieg, stellen sie sich immer offener die Frage, warum die Führung ihrer Armee nicht in der Lage ist, von wirkungsloser Verschwendung ihrer Kampfmittel, auf eine ideengesteuerte Kriegsführung über zu gehen. Die Antwort zu geben, trauen sie sich noch nicht. Sie hieße nämlich, weil die Struktur dieser überaus primitiven Mordmaschinerie nur die dummen, brutalen und korrupten Opportunisten nach oben kommen lässt und selbst Verbrechertypen wie Surowikin umgehend gefeuert werden, sobald sie Sachverstand zeigen und kluge militärische Entscheidungen treffen, von denen die russische Front im Süden bis heute zehrt.

Dabei verfügt die Ukraine nicht im Ansatz über die Mittel, die die Kriegsverbrecher Mordors seit vier Jahren stur nutzen, um die Zivilbevölkerung nahezu ohne militärische Wirkung zu terrorisieren. Die ersten ukrainischen Marschflugkörper werden erst seit kurzem einsatzreif und noch spricht wenig dafür, dass die Flamingos präziser als die russischen Kalibrs sind. Aber es wird daran gearbeitet, denn ihr Ziel ist nicht irgendein Wohnblock, sondern stets eine militärische oder kriegswirtschaftliche Einrichtung, deren Zerstörung den Feind schmerzt.

Von Beginn an begannen die Ukrainer daher mit Drohnen zu experimentieren, einfach deshalb, weil sie nichts anderes hatten. Sie haben so den modernen Drohnenkrieg erfunden, den Billigkrieg erweiterten ehemaligen Spielzeugs mit Sprengkörpern. Mit entscheidender Hilfe durch die Mullahs, hat Russland diesen Krieg auf dem Gefechtsfeld übernommen, mit der Lancet und den Glasfaserdrohnen sogar eigene Innovationen eingebracht, zur Zeit aber ist durch die Einführung der Drohne als Massenkampfmittel, ja als Ersatz für den menschlichen Soldaten, die zur Taktik der Killzones führte, die Ukraine wieder in innovativer Hinsicht auf dem Schlachtfeld führend. Im Fernkampf haben die Russen zwar die Drohne mit den Shaheds der Mullahs sehr früh bereits verwendet, aber ihre Aufgabe war immer nur als Hilfsmittel begrenzt, sie besteht in der wahllosen Zerstörung ungefährer Ziele, auf die die Shaheds eher unpräzise programmiert sind, in erster Linie aber in der Erschöpfung der Luftabwehr, um den Raketen und Marschflugkörpern den Weg frei zu machen und teure Patriotraketen zu verschwenden. Auch hier führen die Russen diese Art Krieg stur seit 2022 unverändert. Die Ukrainer hingegen haben das Kampfmittel Drohne zur eigenständigen hochpräzisen Angriffswaffe über große Entfernungen entwickelt. Der Erfolg, der sich in den letzten Monaten immer deutlicher einstellt, ist auf ein äußerst kreatives Einsatzmodell zurückzuführen, das die Schwächen der langsamen und mit schwachem Sprengkopf ausgestatteten Drohnen ausgleicht, die Ziele und ihre Lage selber dafür nutzt.

Die Ukrainer haben keine Drohnen für Terrorangriffe zu verschwenden, sie wissen genug darüber, dass Moralbombing nicht wirklich militärische Wirkung entfalten kann, auch wenn kreischende russische Möchtegerninfluenzerinnen mit gruseligen Aufblaslippen einen manchmal das Gegenteil glauben lassen. Daher werden nur Ziele gewählt, die den Feind treffen. Die Geografie Russlands, die das Land scheinbar unangreifbar macht, ist nämlich auch nutzbar. Die Industrieanlagen des Landes sind weit verteilt und wären damit nur mit einer so großen Anzahl von Luftabwehrsystemen zu schützen, die das Vorhandene und Produzierbare weit übersteigt. Den großen Angriffswellen gingen ukrainische Angriffe gegen die Luftabwehr selber voraus, mit der Zielsetzung mehr Systeme zu zerstören, als in derselben Zeit gefertigt werden können. Das ist gelungen und dankenswerter Weise war das Putinregime hilfreich, in dem es auch noch Mengen von Luftabwehr nach Moskau verlagert hat.

Die Zielauswahl hat die Ölindustrie in den Vordergrund gestellt, denn sie ist das dankbarste aller Ziele. Die Öl- und Gasexporte Russlands finanzieren den Mordkrieg. Sie sind das wertvollste Gut Mordors. Öl und Gas sind das Treibmittel des Krieges. Je mehr sich dieser Hahn zudrehen lässt, desto schwieriger hat es die feindliche Armee. Nach dem Verlust der rumänischen Ölfelder und der gleichzeitigen Zerstörung der künstlichen Treibstofferzeugung aus der Luft, begann die Wehrmacht zu Fuß zu gehen und hatte den letzten Todesstoß erhalten. Benzinknappheit demonstriert auch dem gemeinen Einwohner Mordors, dass etwas nicht stimmt. Vor allem aber sind Raffinerien, Pumpstationen und Tanks die Idealziele einer Drohne. Das Ziel selber ist das Brandmittel, das nur den kleinen Sprengsatz der Drohne als Auslöser braucht, um die Zerstörungskraft, die in ihm liegt, zu entfalten.

So kommt es zu dem vollkommenen Unterschied der Luftkriegsführung beider Seiten. Der gewaltigen Sprengkraft der russischen Raketen und Marschflugkörper, stehen zwar nur die leicht bewaffneten kleinen Drohnen der Ukrainer gegenüber, die wie ein Nichts dagegen erscheinen, aber gezielt und durchdacht eingesetzt, massiven militärischen Schaden beim Feind auszulösen beginnen, wohingegen der reine Mordeinsatz der teuren russischen Waffen keine Wirkung auf das Schlachtfeld entfalten kann, weil ihre Führung einfach denkunfähig ist (und die Präzision von russischen Raketen wie Marschflugkörpern zu wünschen übrig lässt).

Kein Gegensatz illustriert dies so drastisch, wie die kleinen Drohnen, die die Tanks von Tuapse zu entzünden vermochten, welche dann den wichtigen Ölhafen in einer Kettenreaktion in ein Inferno verwandelten, gegenüber der 25 Mio € teuren Oreshnikrakete, die Stahlkugeln auf Garagen einer Kleinstadt warf. Mit Ideenkraft beherrschen zur Zeit die Ukrainer den Luftkrieg. Der Mordschlag der Russen auf Kiew hat nur einmal mehr ein grelles Schlaglicht darauf geworfen.

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