Relegation 1986: Als der BVB plötzlich vor dem Abgrund stand

Drei Jahre später kämpfte der BVB 1989 dann in Berlin um den DFB-Pokal. Foto: Patzwaldt

Es gibt diese Momente im Leben eines Fußballfans, die sich für immer einbrennen. Spiele, Tore, Niederlagen oder Triumphe, die Jahrzehnte später noch sofort Bilder im Kopf erzeugen. Für viele jüngere Anhänger von Borussia Dortmund sind das vermutlich Meisterschaften, Champions-League-Abende oder emotionale Duelle gegen Bayern München. Für mich aber war es etwas ganz anderes: der nackte Überlebenskampf im Frühjahr 1986.

Hätte der BVB kürzlich nicht selbst daran erinnert, ich hätte beinahe vergessen, dass diese dramatische Relegation gegen Fortuna Köln inzwischen tatsächlich schon 40 Jahre (!!!) zurückliegt. Vier Jahrzehnte! Und doch fühlt sich vieles daran für mich noch immer erstaunlich nah an.

Ich war damals gerade einmal knapp 15 Jahre alt. Jung genug, um Fußball emotional vollkommen ungefiltert zu erleben – und alt genug, um bereits ernsthaft mit dieser Borussia zu leiden. Genau diese Wochen haben meine Liebe zum Verein wahrscheinlich stärker geprägt als alle späteren Titel zusammen.

Das wohl emotionalste Tor meines jungen Fanlebens

Heute ist Fußball allgegenwärtig. Livestreams, Pushmeldungen, soziale Medien, Highlight-Clips in Sekunden. Damals war vieles anders. Das entscheidende Rückspiel gegen Fortuna Köln hörte ich tatsächlich vor einem alten Röhrenradio bei meinen Großeltern in Niedersachsen. Allein diese Vorstellung wirkt heute fast wie aus einer anderen Welt.

Und was habe ich gezittert.

Nach der 0:2-Niederlage im Hinspiel schien der Abstieg kaum noch vermeidbar. Im Rückspiel lag Dortmund dann sogar erneut zurück. Als Bernd Grabosch das 0:1 erzielte, fühlte sich der BVB praktisch schon wie ein Zweitligist an. Trotzdem kämpfte sich die Mannschaft zurück. Michael Zorc verwandelte den Elfmeter zum 1:1, Marcel Raducanu köpfte das 2:1 – doch die Uhr lief gnadenlos herunter.

Dann kamen diese letzten Sekunden.

89 Minuten und 53 Sekunden waren gespielt, als Jürgen Wegmann den Ball irgendwie über die Linie stocherte. Kein schönes Tor. Kein technisch perfekter Treffer. Aber vermutlich eines der wichtigsten Tore der Dortmunder Vereinsgeschichte.

Ich weiß noch genau, wie ich in diesem Moment vor dem Radio förmlich explodierte. Diese Mischung aus Erleichterung, Euphorie und völliger Fassungslosigkeit vergisst man nicht mehr. Schiedsrichter Aron Schmidhuber pfiff danach gar nicht erst wieder an. Das Westfalenstadion bebte – und irgendwo in Niedersachsen sprang ein 15-Jähriger durchs Wohnzimmer. Das Entscheidungsspiel in Düsseldorf gewann der BVB dann wenige Tage später auf neutralem Boden gegen ersatzgeschwächte Kölner souverän mit 8:0.

Warum gerade schwere Zeiten echte Fans prägen

Rückblickend wird mir immer klarer, wie sehr gerade diese schwierigen Jahre meine Beziehung zum Verein geformt haben. Ohne diese Relegation hätte ich mir vermutlich kurze Zeit später keine Dauerkarte auf der Südtribüne gekauft. Vielleicht wäre der BVB für mich einfach „nur“ ein Lieblingsverein geblieben – aber keine Leidenschaft fürs Leben.

Heute wachsen viele Fans mit einer völlig anderen Erwartungshaltung auf. Wer sich jetzt mit dem BVB-Virus infiziert, kennt einen Klub, der regelmäßig international spielt, Millionen umsetzt und selbstverständlich hohe Ansprüche formuliert. Damals war das komplett anders.

Damals war man glücklich, wenn es am Wochenende keine Niederlage gab. Wenn Borussia Dortmund irgendwie Teil der Bundesliga blieb. Wenn man weiterhin gegen die großen Klubs antreten durfte.

Und so verrückt das vielleicht klingt: Vielleicht war genau das sogar schöner.

Denn Erfolg war nicht selbstverständlich. Jeder kleine Schritt fühlte sich riesig an. Jede Hoffnung hatte Gewicht. Jede Enttäuschung tat weh. Aber genau deshalb bedeuteten die schönen Momente auch so viel mehr.

Der Pokalsieg 1989 schmeckte deshalb doppelt süß

Als Norbert Dickel 1989 im DFB-Pokalfinale gegen Werder Bremen traf und Borussia Dortmund den ersten großen Titel meiner Fanzeit gewann, war die Freude grenzenlos. Nicht nur wegen des Pokals selbst. Sondern weil man wusste, wo dieser Verein wenige Jahre zuvor noch gestanden hatte.

Zwischen Abstiegsangst und Pokaltriumph lagen gerade einmal drei Jahre.

Ohne die Relegation von 1986 hätte ich diesen Erfolg wahrscheinlich niemals so intensiv empfunden. Wer nie gelitten hat, kann echte Erlösung kaum begreifen. Genau deshalb gehören diese dunklen Kapitel eben genauso zur Faszination Fußball wie die glorreichen Nächte.

Vielleicht ist das sogar die wichtigste Erkenntnis, wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke: Fanliebe entsteht nicht nur durch Titel. Oft entsteht sie gerade in den Momenten der Angst, der Unsicherheit und der Hoffnung gegen alle Vernunft.

Und genau deshalb denke ich heute, 40 Jahre später, mit einem Lächeln an diese Tage zurück.

Schön war’s. Und unfassbar prägend.

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