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Precisely imprecisely

So trennscharf wie die Gauner- und Sektensprache

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Der Jargon der Betroffenheitsfächer ist beim Zentrum für Antisemitismusforschung angekommen. Unser Gastautor Jörg Metes spürt ihm nach im Buch des Soziologen Luis Manuel Hernández Aguilar, der am Zentrum für Antisemitismusforschung alles mögliche macht, nur nicht zum Antisemitismus forschen.

»Soziale Polarisierung«, schreibt der mexikanische Soziologe Luis Manuel Hernández Aguilar, »überschneidet sich grammatikalisch mit dem Integrationsdiskurs«.

Er schreibt es in einem 2018 erschienenen Buch, das wiederum auf seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 2015 beruht (Betreuung: Prof. Dr. Kira Kosnick, Frankfurt am Main).[1] Er schreibt es im Original auf englisch, doch sein Englisch ist ein ganz besonderes:

»Social polarization grammatically overlaps with the discourse on integration«.

Es ist postmodernes akademisches Englisch. Es ist eine Sektensprache. Der Satz steht in Hernández Aguilars Buch auf Seite 151, auf anderen Seiten stehen ähnliche Sätze, und in der Regel sind sie ähnlich sinnlos. Im wirklichen Leben überschneiden sich Polarisierungen, ob grammatikalisch oder sonstwie, natürlich mit gar nichts, mit Diskursen ebensowenig wie etwa mit – der Satz geht noch weiter – Rationalitäten:

»Social polarization grammatically overlaps with the discourse on integration and thus with the biopolitical rationality of defending the society by preventive means.«

Es ist eine Sekten-, aber auch eine Gaunersprache. Sie soll Verwirrung stiften. Wörter werden gerade dort verwendet, wo sie nicht hingehören. Der Historiker Richard Jenkyns hat es einmal am Beispiel des Wortes »precisely« aufgezeigt: »it is interesting to observe«, schrieb er, »how frequently the word ›precisely‹ is found in a certain type of academic prose, almost always used where ›imprecisely‹ would be more accurate«.[2]

Hernández Aguilar verwendet das Wort »precisely« in seinem Buch nicht weniger als dreißigmal. Gegenstand des Buchs ist die Deutschen Islamkonferenz (DIK), und Ziel ist es offenbar, im Zusammenhang mit ihr möglichst oft auch Wörter wie »racism« und »racist« unterzubringen:

»Precisely, I contend the German Islam Conference can be seen as the inscription of racism against Muslims within the structures of the state.«

Hernández Aguilar schreibt es auf Seite 17. Tatsächlich hat er die Wörter »racism« und »racist« am Ende sogar nicht weniger als 150mal untergebracht. Bis dahin allerdings haben sie längst jeden Sinn verloren. Alles ist Rassismus. Behandelt man Muslime anders, diskriminiert man sie, behandelt man sie nicht anders, diskriminiert man sie aber auch.

Hernández Aguilar ist ein Gauner, der hoch hinauswill. Bekannt wurde er dieser Tage dadurch, daß er gleichzeitig für eine antisemitische Organisation in London und für ein Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin gearbeitet hat.[3] Zu den Vordenkern, auf die er sich in seinem Buch beruft, gehören überdies international namhafte Antisemiten wie Judith Butler, Hamid Dabashi oder Joseph Massad. Das Zentrum für Antisemitismusforschung verteidigt seinen Mitarbeiter zwar; die Vorwürfe gegen Hernández Aguilar, heißt es in einer Pressemitteilung, seien größtenteils »eine Ansammlung verleumderischer Unterstellungen, die an Rufmord grenzen«.[4] Doch tatsächlich ist es Hernández Aguilar selbst, der Rufmord betreibt. Auf Seite 221 seines Buchs nämlich findet sich ein altes Gerücht wieder, das eigentlich schon verstummt war.

Das Gerücht, ursprünglich ein Rufmord von Lamya Kaddor an Necla Kelek, ist vor knapp einem Jahr verstummt; seither kennt man seine Entstehungs- und Ausbreitungsgeschichte.[5] Jahrelang hatten postmoderne Wissenschaftler und Journalisten es einfach nur ungeprüft weitererzählt: muslimische Männer, habe Necla Kelek einmal gesagt, hätten eine besondere Neigung zur Sodomie. Das Gerücht ist widerlegt; in Wahrheit hat Kelek das nur in der Einbildung von Lamya Kaddor gesagt.

Hernández Aguilar aber verbreitet es auf in seinem Buch jetzt aufs neue. Er holt das Gerücht wieder hervor, belegt es mit einem von ihm selbst manipulierten Zitat, sieht darin einen Beweis für etwas, das er als eine »latent structure constantly circulating a racial image of Muslims« bezeichnet, »precisely« natürlich, und fragt schließlich[6]:

»[H]ow it is possible that someone can state that millions of Muslim men commit zoophilia due to their religion (…) ?«

Am 13. Dezember wird vor dem Landgericht Berlin endlich eine Unterlassungsklage Necla Keleks gegen Lamya Kaddor verhandelt. Es ist schwer vorstellbar, daß Kelek nicht gewinnt. Es ist schwer vorstellbar, daß damit nicht auch Hernández Aguilar des Falschzitierens und der üblen Nachrede überführt sein wird. Daß freilich das Zentrum für Antisemitismusforschung gleichwohl zu ihm halten und von ihm auch weiterhin als von einem »international ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der Islamfeindschaft« sprechen wird[7]: das leider ist nur allzu gut vorstellbar.


[1] Luis Manuel Hernández Aguilar, Governing Muslims and Islam in Contemporary Germany, Leiden; Boston (Brill) 2018, https://brill.com/abstract/title/35234

[2] Richard Jenkyns, Mother Tongue, Prospect Magazine January 2005, https://linguaphiles.livejournal.com/1283058.html?nojs=1

[3] Alex Feuerherdt, Zentrum für Antisemitismusforschung: Flaggschiff in selbst verschuldeter Seenot, mena-watch, 19. Oktober 2018, https://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/zentrum-fuer-antisemitismusforschung-flaggschiff-in-selbst-verschuldeter-seenot/

[4] Pressestelle TU Berlin, Medieninformation Nr. 209/2018, 16. Oktober 2016, https://www.pressestelle.tu-berlin.de/?200043

[5] Jörg Metes, Lamya Kaddor stalkt Necla Kelek, Ruhrbarone, 17. Dezember 2017, https://www.ruhrbarone.de/lamya-kaddor-stalkt-necla-kelek/150052

[6] S. 221n: »In an interview with the German public-service television broadcaster, Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF) program Forum on Friday—a program that specifically targets at Muslims in Germany but probably has a wider audience—Kelek further argued about the consequences of the incapability of Muslim men to restrain their sexual urges on account of what the Qurʾan allegedly stipulated. In the interview, she delved into her book Himmelreise, the national soccer team as an example of integration, Islam as an apartheid system, her own position as a Muslim, and also about the zoophilia of Muslim men, ›The people [Muslims] do not have the ability to control their sexuality. This is particular true of men. In fact, a man is under constant pressure and must give in to his sexuality. He must empty himself, that’s how it’s called, and when he does not find a woman, then an animal will do, or any other possibility … and this is well established in the population. There is consensus about this‹ (Kelek in: Safiarian & Kelek, 2010 [author’s translation]). These kinds of statements, aside from their dehumanizing effects, are only possible to be uttered in a television program on account of a latent structure constantly circulating a racial image of Muslims. Said (1978, 301) while arguing about latent Orientalism pointed out that nowadays no one would dare risk to make the kind of statements that are uttered about Muslims with regard to other groups, and that is precisely one of the effects of Orientalism’s cultural hegemony, i.e., how it is possible that someone can state that millions of Muslim men commit zoophilia due to their religion with such an authority on a national television program aimed to Muslims?«

[7] Frederik Schindler, Dubiose Zusammenarbeit, taz.de, 8.10.2018, http://www.taz.de/!5542019/

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5 Kommentare zu “Precisely imprecisely

  • #1
    Werntreu Golmeran

    "Hernández Aguilar schreibt es auf Seite 17. Tatsächlich hat er die Wörter »racism« und »racist« am Ende sogar nicht weniger als 150mal untergebracht. Bis dahin allerdings haben sie längst jeden Sinn verloren. Alles ist Rassismus. Behandelt man Muslime anders, diskriminiert man sie, behandelt man sie nicht anders, diskriminiert man sie aber auch."

    Das passiert halt, wenn man jemand vom Zentrum für Antisemitismusforschung mit seinen eingeübten Arbeitsweisen auf ein anderes Thema ansetzt. Wenn Sie geschrieben hätten:

    "Hernández Aguilar schreibt es auf Seite 17. Tatsächlich hat er die Wörter »antisemitism« und »anti-Semit« am Ende sogar nicht weniger als 150mal untergebracht. Bis dahin allerdings haben sie längst jeden Sinn verloren. Alles ist Antisemitismus. Behandelt man Juden anders, diskriminiert man sie, behandelt man sie nicht anders, diskriminiert man sie aber auch."

    hätten Sie wahrscheinlich regen Zuspruch von zigtausend AfD-lern und Pegidaisten bekommen. Sie haben da – wohl – unfreiwillig gewisse Doppelstandards offengelegt. Ich glaube, man sollte sowohl bei der Diskussion über den Islam und Islamismus als auch bei der Diskussion über Israel, das Judentum und Antisemitismus versuchen das Maß nicht zu verlieren, da ansonsten in beiden Diskussionen die Gefahr besteht, die jeweiligen Lager weiter zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Es muß erlaubt sein, konkrete Missstände in muslimischen Gemeinschaften und von konkreten Muslimen zu kritisieren, ohne dafür als Antimuslim oder Rassist beschimpft zu werden, es muss aber auch erlaubt sein, konkrete Missstände in jüdischen Gemeinschaften oder von deren Mitgliedern zu kritisieren, ohne dafür als Antisemit beschimpft zu werden.

    Die Überspitzungen in diesem Bereich führen ja oft genug zum Ende der Kommunikation. Das Politikum Özil-Erdogan-Hoeneß ist dafür ein gutes Beispiel. Beim DFB wurde bei der Frage, wie die Nähe der Nationalmannschaft oder einzelner Nationalspieler zur Politik gehandhabt werden soll, ganz offensichtlich mit doppelten Standards gearbeitet. Wenn ich mich recht erinnere haben Toni Kroos und P. Lahm vor wichtigen Wahlen sich klar als Anhänger von Angela Merkel geoutet und damit direkt oder indirekt eine Wahlempfehlung gegeben. Die Besuche der Kanzlerin bei unseren halbnackerten Weltmeistern ist ja auch allseits bekannt. Aus meiner Sicht können Kroos und Lahm das machen; nach meiner Meinung hat Frau Merkel aber nichts in der Kabine zu suchen. Selbstverständlich dürfen Özil und Gündogan sich auch mit dem Semi-Diktator Erdogan treffen. Sie müssen dann aber auch damit leben, dass ihnen der Vorwurf gemacht wird, sie unterstützen einen Feind der Menschenrechte, der allerdings vor ein paar Wochen von Herrn Steinmeier im Schloß Bellevue mit militärischen Ehren empfangen wurde. Wenn aus dem Treffen der Beiden mit Erdogan dann eine Staatsaffäre gemacht wird und Herrn Özil gefühlt die alleinige Schuld an der desaströsen Leistung der Nationalmannschaft bei der WM gegeben werden soll, kann ich verstehen, dass Herr Özil sich aus rassistischen Gründen gemobbt fühlt. Ich bin mir aber sicher, dass nicht "der DFB" rassistisch ist, sondern dass dort einige Verantwortliche, namentlich Herr Grindel und Herr Bierhoff möglicherweise nach dem "Schwarze-Peter-Prinzip" versucht haben könnten, von den eigenen Fehlentscheidungen abzulenken. Ich glaube zwar nicht, dass dies vor allem mit der familiären Herkunft von Herrn Özil oder dessen Religion zusammenhängt, sondern aus rein opportunistischen Gründen geschehen ist, aber woher soll Herr Özil das wissen? Der konkrete Vorwurf an den DFB hätte daher lauten müssen, es seien Vorfälle geschehen, die bei Herrn Özil das Gefühl verursacht hätten, dass er aus unsachlichen Gründen, die mit seiner Herkunft oder Religion zusammenhängen, beim DFB benachteiligt worden sei. Mit dieser Einschätzung hätte der DFB leben müssen und wenn Herr Özil darüber mit Herrn Löw unter 4 Augen gesprochen hätte, wäre er heute möglicherweise noch in der Nationalmannschaft.

    Und jetzt kommt Hoeneß, mit seiner unsäglichen Äußerung, Özil sei ein schlechter Fußballspieler. Aktuell hat Hoeneß ja noch einmal klargestellt, dass er mit seiner Kritik die Diskussion um Özil von der politischen wollte und auf den sportlichen Bereich beschränken wollte. Interessant ist dabei, dass er durch seine unqualifizierte Äußerung über die spielerischen Leistungen Özils, nach meinem Gefühl genau das Gegenteil erreicht hat. Nach dem Motto, ich habe zwar nichts gegen Ausländer, aber der Özil hat einen Dreck gespielt, gerät er in den Verdacht rassistische Klischees zu bedienen. Auch die Äußerungen Rummenigges zu den außersportlichen Aktivitäten Jerome Boatengs könnte man so verstehen. Unbestritten kümmern sich Rummenigge und vor allem Hoeneß um die Familie Bayern und wahrscheinlich auch genauso "väterlich" um Boateng, Robben, Ribéry, Lewandowski und Co. Die Äußerungen über Boateng oder auch die Behandlung Salihamidzic auf der letzen Pressekonferenz läßt bei mir aber den Eindruck entstehen, als geschehe dies nicht auf Augenhöhe. Und ich glaube genau darum geht es Özil und Boateng. Ich glaube nicht, dass Hoeneß oder Rummenigge Rassisten sind, aber nationalistische Tendenzen kann man schon vermuten, die dann vom Betroffenen durchaus als rassistisch empfunden werden könnten. Ich glaube diesem National- bzw. Patriotismus ist auch geschuldet, dass es in den letzten 50 Jahren mit Mark van Bommel nur einen ausländischen Kapitän bei den Bayern gab. Darunter so zwielichtige Gestalten wie Lothar Mattäus und Stefan Effenberg. Ich glaube Hauptantrieb für Hoeneß und Rummenigge ist dabei kein Rassismus, sondern Opportunismus und ihre – oft euphemistische als Gewinnstreben verbrämte – Geldgier. Genauso wie die aktuelle Pressekonferenz vor allem von der sportlichen Krise der Bayern ablenken sollte, glaube ich, dass die Propaganda gegen Özil vor allem von den desaströsen Leistungen der Bayern-Spieler Müller, Boateng, Rudy, Hummels, Kimmich oder Lewandowski bei der WM ablenken sollte. Die haben, wenn man mit Hoeneß sprechen will, ja auch teilweise einen "Dreck gespielt". Die sind aber eigene "Assets", deren Kurse nach der WM in den Keller zu stürzen drohten. Seit der WM gab es lt. Transfermarkt folgende "Buchverluste":

    Lewandowski: 10 Millionen
    Müller: 5 Millionen
    Hummels: 5 Millionen
    Boateng: 5 Millionen

    Özils Marktwert liegt trotz seiner steigenden Alters seit 2016 stabil bei 50 Millionen Euro.

    Es geht aus meiner Sicht daher vor allem ums Geschäft, wenn man zu diesem Zweck rassistische oder chauvinistische Mechanismen nutzen kann, warum nicht, denkt sich der rein gewinnorientierte Kapitalist bzw. CEO. Ws geht um die eigenen Interessen, die eigenen Assets und nicht um die Moral. Siehe Käser, siehe Merkel und Steinmeier (Rüstungsexporte an Saudi Arabien und Katzbuckelei vor Erdogan).

    Dabei ist Hoeneß sich auch nicht zu schade, als vollkommener Depp dazustehen, wenn er Özil jegliche fussballerischen Fähigkeiten abspricht. Aus seiner Sicht ist Hoeneß wohl auch ein besserer Elfmeterschütze als Antonin Panenka:

    https://youtu.be/ROG4-QPIDgo?t=87

    Für die leidende deutsche Seele noch ein bißchen Salbung, dass "wir Deutsche" doch noch Fußball spielen können:

    https://youtu.be/g-POcJ5aSsE?t=134

    (wer etwas "zurückspult" kann noch ein weitere schönes Tor mit deutscher Beteiligung sehen.

  • #2
    Werntreu Golmeran

    Um die Diskussion auf eine bessere Faktenbasis zu stellen, sollte man auch das Interview Keleks beim ZDF kennen:

    https://www.youtube.com/watch?v=1ViODBNxSNA

    Ich gebe Ihnen Recht, dass die Aussage von Hernández Aguilar sachlich falsch ist. Man könnte die Aussage aber vielleicht so zusammenfassen:

    Im Islam gibt es ein Menschenbild, nach dem die Menschen nicht die Fähigkeit haben, ihre Sexualität zu kontrollieren, danach müsse sich der Mann (nach diesem Menschenbild) ständig entleeren, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier. Und dieses Menschenbild hat sich im Volk durchgesetzt, das sei ein Konsens.

    Ich kenne ein paar Muslime und wenn mich nicht alle belügen, kenne ich offensichtlich nur Muslime, die diesen Konsens nicht mittragen. Wie sieht es bei den muslimischen Freunden und Bekannten der anderen Mitleser aus, können Sie das bestätigen, was Frau Kelek da behauptet?

  • #3
    Himynameis

    @Werntreu Golmeran: wieso muss es bei Ihnen gleich immer um Juden gehen und darum, dass sie zu lasch behandelt werden?

  • #4
    Werntreu Golmeran

    #3

    Wenn Sie gefragt hätten, wieso ich mich so breit über Hoeneß auslasse,, hätte ich auf Ihre Frage vielleicht sachlich geantwortet. Aber so können Sie denken, was Sie wollen.

  • #5
    Himynameis

    @Werntreu Golmeran: das habe ich nicht mehr gelesen, der Teil mit den Juden hat mir gereicht.

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