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Premiere in Dortmund: Das Internat von Ersan Mondtag

Das Internat von Ersan Mondtag am Schauspiel Dortmund (Foto: Birgit Hupfeld)

Wenn sich am Beginn der eiserne Vorhang hebt, erwartet die Zuschauer ein echter Wow-Effekt. Rechts und links auf der Vorderbühne bilden riesige schwarze Bäume mit roten Strichen wie böse Augen eine sich verjüngende Allee, an deren Ende in dem auf die Hälfte geschrumpften Guckkasten das Internat zu sehen ist. Durch große gotische Spitzbögen blicken wir in eine Treppenhaus, auf der Ebene darüber ein schmiedeeisernes Gitter und Tor, hinter dem zwei Internatsschüler wachend stehen. Ersan Mondtag erdachte nicht nur die Idee des Stückes, das in Dortmund als Uraufführung geführt wird, sondern auch das Bühnenbild, die Kostüme und das Maskenbild. Nur wenige Augenblicke nach dieser Eröffnung setzt sich die Drehbühne, auf der das Internat mit erwähntem Treppenhaus, Duschen, Speise- und Schlafsaal steht, in Bewegung. Sie wird sich in den nächsten anderthalb Stunden unablässig drehen. 

Das Internat von Ersan Mondtag am Schauspiel Dortmund (Foto: Birgit Hupfeld)

Der entscheidende Kniff an Mondtags Ausstattung ist, dass alles mit groben, fast expressionistischen Pinselstrichen aufgemalt ist. Die Bäume genauso wie das Mauerwerk, die Kacheln, die Falten der Kleidung genauso wie die Gesichter. Selbst wenn die Internatsschüler nackt in der Dusche stehen, tragen sie hautenge Anzüge, auf die die Körperformen gemalt sind. Lediglich die Genitalien sind akribisch plastisch aus Stoff gearbeitet. So können auch etliche Schauspielerinnen im Jungeninternat bestehen.

Die gotischen Fenster und die Zinnen lassen den Eindruck entstehen, dass wir uns in einem klassischen britischen Internat befinden, die Uniformen mit den roten Ärmelaufschlägen deuten auf das vergangene oder sogar vorletzte Jahrhundert hin. Alles ein bisschen Harry Potter in der düsteren Erwachsenenversion. Und gegen Ende des Abends spukt es auch tatsächlich noch. Vor allem aber lässt die konsequent durchgehaltene Ästhetik, die über weite Strecken auf Tableaux Vivants setzt, den Abend wie eine Graphic Novel wirken.

Mondtag erzählt eine Geschichte von Demütigung und Aufstand der Gedemütigten, von Tätern und Opfern und Opfern, die zu Tätern werden sowie umgekehrt. Er erzählt diese Geschichte  nicht stringent, sondern lässt Passagen rückwärts spielen (dann wird auch hochpräzise auf der sich drehende Bühne rückwärts gelaufen), fügt Traumsequenzen ein, die die Geschichte scheinbar vorantreiben, dann aber abreißen und wir kehren zu einem früheren Zeitpunkt in der Erzählung zurück. Das alles ist so vertrackt verschachtelt, dass kaum ein Überblick zu bewahren ist, doch darum scheint es Mondtag auch nicht zu gehen. Einzig dass der Gedemütigte und seine in der Mitte des Stücks erscheinende Gefährtin irgendwann tatsächlich nackt (auch ohne die hautengen Kostüme) sind, markiert einen deutlichen Einschnitt. Sie treten so klar aus der verschworenen Internatsgemeinschaft heraus, legen die Entmenschlichung des Systems sichtbar ab und bekommen in einer der letzten Szenen beinahe noch eine religiöse Aura.

Besetzt ist der Abend mit sieben erstklassiger Schauspielerinnen und Schauspieler des Ensembles sowie Studierenden der Folkwang Universität der Künste, so dass nicht weniger als 17 Darstellende die Bühne bevölkern. Unter der aufwendigen Maske sind allerdings die Darstellenden kaum zu unterscheiden und da der Text, den Alexander Kerlin und Matthias Seier geschrieben haben, nahezu ausschließlich, bis auf einen kurzen Monolog am Schluss, vom Band kommt, fügen sich hier Ensemblemitglieder wie Studierende ein in die ausgeklügelte Choreographie. Das alles unterlegt mit einem durchgehenden Soundtrack von T.D. Finck von Finckenstein, der teilweise von einem Quartett der Dortmunder Philharmoniker eingespielt, teilweise elektronisch erzeugt wurde. Ein anspielungsreiches düsteres Klangband in das immer wieder Versatzstücke aus Klassik bis zu Philipp Glass, aber auch diverse Sounds, die direkt aus Gruselfilmen zu stammen scheinen, eingewoben sind.

Das Internat von Ersan Mondtag (Foto: Birgit Hupfeld)

So sehr die konsequente Ästhetik des Abends überzeugt – und nicht zuletzt eine Meisterleistung der Werkstätten des Dortmunder Schauspiels ist –, so schnell erlahmt aber auch deren Reiz. Die Bilder, die da von der müde vor sich hin rotierenden Drehbühne am Zuschauer vorbei gefahren werden, sind doch alle zu ähnlich. Viel zu schnell  ist klar, was da gezeigt werden soll und dann mangelt es Mondtag einfach an neuen Einfällen, die es so dringend bräuchte, wenn schon eine nachvollziehbare Erzählung verweigert wird. Und anders als bei den Inszenierungen von Kay Voges, wo die von den Bühnenhandlungen abgekoppelten Texte ein engmaschiges Assoziationsnetz ausbreiten, bleibt im Internat die Textebene doch auch immer etwas brav. Und dann ist da noch diese unüberwindbare Distanz, die die Durchästhetisierung, die räumliche wie zeitliche Entrückung und nicht zuletzt die Märchenattitude der Inszenierung zum Zuschauer aufbauen. Ja, natürlich könnte es hier um das ewiggültige Prinzip der Unterdrückung, die nichts als neue Unterdrückung zeitig, gehen. Und ja, das ist, was „Das Internat“ behauptet. Aber es wird eben nur so behauptet und lässt dabei furchtbar kalt. Nie schafft es dieses Schauermärchen, den Zuschauer wirklich hineinzuziehen, nie kommt die Inszenierung den Mechanismen dieser Systeme wirklich nahe. Jedes Bild, das Mondtag da baut, ist immer schon so tausendmal gesehen und vergeblich wartet der Zuschauer auf ein wirkliches Durchdringen dieser behaupteten Gewaltmechanismen, auf irgendetwas, das ihn an diesem Abend wirklich intellektuell herausfordern könnte. Aber da ist nichts – außer der zerstückelten Leiche einer Geschichte.

In sofern steht das Aufgemalte für den ganzen Abend: Der Inhalt oder gar eine Haltung dazu sind nur in ein paar groben Pinselstrichen aufgemalt, zu grob, als dass sie die Ödnis darunter ganz verbergen könnten. Und so ermüdet das Internat den Zuschauer nicht zuletzt wegen des Fehlens jeglicher rhythmischer Varianz in der Inszenierung doch erheblich in den anderthalb Stunden, in denen es an einem vorbei zieht – und es bleibt nichts als etwas dösende Langeweile und die vage Erinnerung an eine hübsche Ausstattungsidee.

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