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Premiere in Dortmund: Orlando von Virginia Woolf

Marlena Keil und Friederike Tiefenbacher in „Orlando“ am Schauspiel Dortmund (Foto: Birgit Hupfeld)

„Die Geschichte eines Mannes, der zur Frau wird, mehr als 350 Jahre lebt und dabei kaum altert.“ So fasst der Pressetext zur Dortmunder Aufführung die Story von Virginia Woolfs Roman „Orlando“ sehr lapidar zusammen. Laura N. Junghanns stemmte diese nicht gerade unkomplexe Geschichte auf die Bühne und zwar nicht nur als Regisseurin – auch die Textfassung hat sie erstellt. Und gleich zu Beginn der Premiere am 11.2. im Studio wird klar, dass nicht nur die Roman-Handlung Thema ist, sondern Junghanns die auch noch verschaltet mit den autobiographischen Notizen Woolfs und den Briefen, die sie während der Entstehungszeit des Romans mit ihrer Geliebten und Partnerin Vita Sackville-West austauschte. Woolf schrieb „Orlando“ erklärtermaßen für sie als eine Art fiktive Biographie.

Noch bevor die Zuschauer das Studio betreten, sind draußen die Stimmen von Marlena Keil und Friederike Tiefenbacher als Sackville-West und Woolf zu hören. Im Studio sehen wir sie dann in historisierenden Kostümen am Schreibtisch sich die Briefe gegenseitig vorlesen, manchmal längere Passagen, oft nur einzelne Sätze oder gar nur die Daten. Links daneben an der Rückwand unterlegt das Duo AniYo kore die Szene mit sanft atmosphärischen Sounds mit Synthesizern, E-Gitarre und Bass. Über dem gesamten Bühnenraum spannt sich eine verschlungene Leuchtlinie, die neben dem Schreibtisch zum Boden führt und sich dort ausbreitet. Maria Eberhardt hat sie in das Bühnenbild gebaut, ein Neonbaum, unter dem Woolf den Orlando erdacht hat und der im Roman dann in dessen Magnum Opus „The Oak Tree“ wieder auftaucht.

Ekkehard Freye
Friederike Tiefenbacher
aniYo kore (Foto: Birgit Hupfeld)

Wie alles an diesem Abend sind auch Bühne und die Kostüme von Natalia Nordheimer voller anspielungsreicher und intelligenter Bezüge. Es ist eine kluge Dichte, die aber niemals gestelzt daherkommt. „Orlando“ ist immer eine wunderbar leichte und unterhaltsame Produktion. Das liegt auch daran, dass Junghanns sehr genau weiß, wovon sie erzählen möchte. Gleich zu Beginn stellt sich die Woolf Friederike Tiefenbachers die Frage nach dem Wesen der Biographie und wieviele Identitäten ein Mensch darin durchlebt. Darum kreist der Abend und Junghanns findet dafür immer überraschende wie frappierend einfache Bilder. Wenn etwa Ekkehard Freye in großer viktorianischer Robe mit Reifrock, getürmter Perücke und großem Kragen am Mikrofon steht und einen Song singt – jedoch nur im Playback, tatsächlich singt Melody von AniYo Kore aus dem Hintergrund. Und Freye sieht plötzlich irgendwie wie Klaus Nomi aus, wie auch die ganze Inszenierung eine New-Wave-Anmutung hat, nicht nur wegen des blinkenden Neonbaumes. Kurz später gibt es einen Augenblick, in dem Marlena Keil ungemein trocken und überraschend in den Raum fragt: „Entschuldigung, wer ist eigentlich der Autor?“ Ja, genau, wer ist hier Autor oder Autorin, wer ist Figur und Rolle, wer Schauspieler oder Schauspielerin und natürlich: Wer ist Mann oder Frau und warum überhaupt?

Junghanns verschneidet sehr geschickt den gesamten Abend über Woolf / Sackville-Wests und Orlandos Biographie, nicht zuletzt rhythmisiert sie dadurch virtuos die rund anderthalb Stunden Spieldauer. Die tatsächliche Biographie bildet die Ruhepole und die Episoden aus dem Roman haben meist einen beißenden und urkomischen satirischen Humor. Friederike Tiefenbacher als Autor Nicholas Greene etwa ist ein komödiantisches Highlight wie sie ihn sich eitel in Pose werfen lässt, um Orlando einen Scheck abzuschwatzen.

Marlena Keil, Friederike Tiefenbacher, Ekkehard Freye, aniYo kore unter dem Neonbaum (Foto: Birgit Hupfeld)

Bis zum rätselhaften Wandel Orlandos zur Frau, der sich einfach im Schlaf vollzieht, lässt Junghanns sich recht viel Zeit. Im Prozess, in dem die aus Konstantinopel zurückgekehrte Orlando ihren Besitz wieder einklagt, wird von Freye, Tiefenbacher und Keil in einem Parforce-Ritt mal eben die gesamte aktuelle Debatte um Gender, biologisches, soziales und empfundenes Geschlecht abgearbeitet. So rasant, witzig und grundlegend, dass danach tatsächlich jede schlichte Zweipoligkeit dahin zu sein scheint. Und dann folgt gleich eine unglaubliche Szene beim Tee. Das Teeservice wird mehrfach im Stück samt Tablett erstmal auf den Tisch geknallt, weil Orlando die Mode des Teetrinkens für grundsätzlich albern hält. Freye brüstet sich mit Jagdabenteuern und Marlena Keil versucht sich als Neu-Frau-Orlando in der Erfüllung weiblicher Klischees und Erotik. Das ist schlicht brilliant – und einfach wahnsinnig komisch.

Zuletzt kommt der Abend wieder ganz zu Woolf und Sackville-West zurück. Der Roman „Orlando“ ist erschienen und angstvoll erwartet Woolf die Reaktion ihrer Geliebten, die vielleicht zu sehr ihre eigene Biographie in der Fiktion wiedererkennen könnte. Hier hat Friederike Tiefenbacher noch einmal als Virginia Woolf einen großen Theatermoment. So glaubwürdig, echt, anrührend ist hier ihr Stolz und ihre Unsicherheit, ihre Liebe und Verunsicherung, dass es einem fast das Herz zerreißt. Doch damit ist der Abend noch nicht zu Ende: Laura N. Junghanns wagt noch etwas, das für Sekunden verwirrt, weil es so gar nicht zu allem Vorausgegangenen zu passen scheint, und dann doch eine zwingende Folgerichtigkeit entwickelt. Sie spielt Originaltöne zum Massaker in der Diskothek in Orlando ein. Ganz kurz wirkt der Bezug zu lose, doch wenn es dann auf die mögliche Homophobie des Täters zu sprechen kommt, gibt dieser Einfall dem Abend noch einmal eine weitere logische Wendung. Ganz klar: Zum Abschlusssong von aniYo kore leuchtet der Baum in den Farben des Regenbogens wie die Flagge der LGBTTIQ-Bewegung. Und Laura N. Junghanns hat mit ihrem herausragenden Team ein gar nicht so kleines Meisterwerk hingelegt.

Termine und Tickets: Theater Dortmund

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