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Premiere in Oberhausen: Antigone (irgendwie von Sophokles oder so)

Christian Bayer als Antigone am Theater Oberhausen (Foto: Isabel Machado Rios)

Babett Grube ist Hausregisseurin am Theater Oberhausen. Sie stellte sich am 6.10. mit einer erstaunlichen Antigone dem Publikum vor. Nach den arg rumpeligen Schimmelmanns nun also ganz hehre griechische Tragödie auf der großen Bühne. Folgerichtig sitzt auch ein Teil des Publikums in einem Miniamphitheater auf der Bühne, der Rest darf ganz normal im Zuschauerraum Platz nehmen. An den Seiten des Portals stehen mehrere Flipcharts. Sie spielen im Weiteren keine Rolle mehr. Am Rand  der Bühne sind Tische mit diversen Computern, Bildschirmen und einigen anderen technischen Apparaturen aufgestellt. Aus dem Bühnenhimmel baumeln Schläuche und LED-Lichterketten herunter. Tragödie als Versuchsanordnung, Antigone als Laborratte. Warum nicht? Vier Darsteller laufen schon während des Einlasses geschäftig herum, mit Laptops in der Hand, tippen darauf herum, murmeln irgendwas und sprechen auch mal kurz mit dem einen oder anderen Zuschauer. Dann stürmen sie irgendwann zu den Türen, rufen sich gegenseitig “sichern!” zu und schlagen die Türen zu. Vielleicht sind ja doch wir im Zuschauerraum eher die Versuchskaninchen, die jetzt im Käfig ohne Entkommen sitzen und gleich im Dienste der Wissenschaft malträtiert werden?

Zunächst aber setzen sich die vier Darsteller Dornenkronen aus bunten LED-Lämpchen auf den Kopf und stecken die langen Kabel in eine zentrale Dockingstation. Jetzt sind sie vernetzt und spielen ein Onlinespiel der weltweiten Rebellion von arabischer Frühling bis Taksim. Dazu müssen wir alle aufstehen und uns an den Händen halten, damit wir auch irgendwie vernetzt sind. Antigone als Rolemodel der Aufsässigkeit ist etabliert. Gleich geht es weiter nach Griechenland. Deshalb wird jetzt erstmal ein Sirtaki getanzt und damit es auch ein ordentlicher Ringelpiez wird, müssen etliche Zuschauer Richtung Theben mittanzen. Im Bühnenbild von Demian Wohler findet sich der Tragödienspielort in Form einiger betont lieblos gestalteter Säulenelemente wieder.

Jetzt endlich: Auftritt Antigone. Die wird gespielt von Christian Bayer (auch Babett Grube scheint wie Intendant Florian Fiedler dem Postgender-Theater verpflichtet) mit blondierter Langhaarperücke samt handbreitem Ansatz, schwarzem schulterfreien Top und einer rosa Plastikhose. Jetzt kommt auch gleich noch eine Livevideokamera zum Einsatz, die wohl die große Emotion noch etwas größer machen soll. Sie liefert auf diversen Monitoren und einer Leinwand allerdings nur sehr verwackelte und viel zu dunkle Bilder, die meist nur den Haaransatz der Perücke, mal ein Ohr und ansonsten nur matschige Farbflecken zeigen.

Bayer verfügt über einen saftigen Sprachfehler, der etwas an Otto Waalkes erinnert, schafft es aber – das ist durchaus erstaunlich – das zu überspielen. Für einen kurzen Augenblick scheint in dieser Szene tatsächlich der Abend nach dem ganzen Anfangsgetöse einfach auf bierernste Tragödie switchen zu wollen. Dann wird aber erst mal ein bisschen gerangelt. Danach wird der Bruder beerdigt und wieder müssen Zuschauer als Statisten herhalten. Nebenbei wird mit dem beim Griechen nebenan bestellten Essen herumgeschmissen. Eine Prozession durch die Reihen des Zuschauerraums mit Bauplane schließt sich an. Nein, vor zuviel Sophokles fürchten wir uns schon lange nicht mehr. Tatsächlich wird an diesem Abend Originaltext und Tragödie nur in Form von Globuli eingestreut. Lieber doch eine Familienaufstellung, die von Susanne Burkhard angeleitet wird, die offensichtlich nicht nur Antigones Mutter Iokaste, sondern auch sozialpsychologisch geschult ist. Als toter Vater Ödipus wird Torsten Bauer aus dem Publikum herbeizitiert. Burak Hoffmann spielt Antigones Schwester Ismene, die rumnuschelt, dass sie ja nur hübsch aussehen will. Emilia Reichenbach tritt kurz mal als Haimon auf. Allen gemeinsam ist, dass sie von Hanne Lauch und Bettina Kletzsch in unglaublich scheußlichen Klamotten gesteckt wurden. So sehen Berliner Hipster aus, die überteuerte Second-Hand-Klamotten bei “Made in Berlin” in Mitte kaufen und “Vintage” zu textilem Sondermüll sagen.

Irgendwann zieht sich dann auch noch Christian Bayer aus, was mehr als erwartbar war. Und dann tritt Banafshe Hourmazdi als Kreon auf. Der König von Theben ist bei ihr eher aalglatter Europa-Politiker – allerdings in der fuchtelnden Schultheaterversion. Vielleicht ist diese Abwesenheit schauspielerischer Begabung aber auch nur Regieeinfall, genauso wie die Beleuchtung einer Szene mit der Taschenlampenfunktion der Zuschauerhandys (ich hatte leider, leider zu wenig Akku, um da noch mitzumachen). Nach rund eindreiviertel Stunden stirbt dann Antigone mit ganz viel Hipsterweinerlichkeit und ein, sagen wir es ehrlich, verstörender Theaterabend in Oberhausen ist zu Ende.

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6 Kommentare zu “Premiere in Oberhausen: Antigone (irgendwie von Sophokles oder so)

  • #1
    Lutz Hasenbeck

    Kritik ist okay, aber ob jemand einen Sprachfehler hat (mit nicht aufgefallen) oder nicht, gehört nicht in eine Kritik, es sei denn es stört wirklich.

  • #2
    Jürgen Schilling

    Sie sprechen mir aus der Seele, das muss ich als jahrzehntelanger Theater Besucher des OB Theaters leider sagen, schon die Ankündigung der neuen Spielzeit mit den Neuen ließ mich aufhorchen, irgendwie Grips Theater oder TIP Theater (die in den 70/80er ihrer sozial und gesellschaftspolitischen Zeit sehr gerecht wurden und das Original waren; ach ja, das TIP war damals das Kinder-und Jugendtheater Oberhausen). Meine zweite Premiere und ich wurde in meiner Skepsis leider bislang nicht enttäuscht. Theater als…Spielplatz?! Auch die Premierenfeier anschließend ohne Vorstellung der Schauspieler, kein Wort, kein Satz, nichts, wozu dann zur Premiere, in den folgenden Aufführungen gibt es immerhin eine kurze (da wäre ich gespannt gewesen) Einführung. Und die Musik schmeißt einen schnell heraus, damit die im übrigen nicht anwesenden (weil draußen rauchend) Personen dann endlich für sichsein können. Mir wird bange um unser subventioniers Stadttheater.

  • #3
    Dr. Jürgen Böcker

    Kreon, von Frau Hourmazdi gespielt, ließ sich keinen blasen wie Mephisto kürzlich vom Studenten in der Oberhausener Faust-Aufführung. Dafür zeigte uns Antigone, gespielt von Herrn Bayer ihre Eier und ihren beschnittenen Schwanz.

  • #4
    andrea-cora walther

    da ist ja die kritik von ralph wilms in der heutigen waz eindeutig näher an der interpretation der inszenierung – er scheint erfreulich positiv in einer "kühn, aber packend" anderen antigone gewesen zu sein – selten so mit einer kritik einverstanden wie mit der in der heutigen waz

  • #5
    antiandi

    Hätte ich doch diesen Artikel vorher gelesen. Ich hätte mir gestern einen wirklich schlimmen Theaterbesuch erspart. Geht das jetzt etwa so weiter in Oberhausen?

  • #6
    Lutz Hasenbeck

    Kurze Kurzbeschreibung:
    Alternatives Berliner Hinterhof-Experimentier-Mitmachtheater.
    Sorry.

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