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Uraufführung in Oberhausen: Schimmelmanns – Verfall einer Gesellschaft

Mervan Ürkmez, Jürgen Sarkiss, Ingrid Sanne, Clemens Dönicke, Ayana Goldstein – in “Schimmelmanns” am Theater Oberhausen (Foto: Katrin Ribbe)

Mario Salazar hat das Stück zur Zeit geschrieben. Nur zwei Tage vor der Bundestagswahl, bei der mit der AfD eine Partei rechts der CSU und des demokratischen Spektrums in den Deutschen Bundestag einziehen wird, flutet der junge Berliner Autor die Bühne des Oberhausener Theaters mit einem Panoptikum von Rassisten. Zugleich ist die Uraufführung des Stückes die Eröffnung der Intendanz von Florian Fiedler, der das Haus seit dieser Spielzeit von Peter Carp übernommen hat.

Die titelgebenden Schimmelmanns sind eine großbürgerliche Familie in deren Mitte wortwörtlich Mutter Rosi thront. Sie war mal in der SPD, ist jetzt aber glühende Rassistin und in ihren verqueren und oftmals mehrfach verdrehten Argumentationen gegen den Islam eine Blaupause aller neupatriotischen Wutbürger. Ihr Sohn Siegfried geht es pragmatischer an und baut Flüchtlinngsheime, um wenigstens aus der Asylflut noch Profit zu schlagen. Hilfreich ist dabei, dass Tochter Klara mit der nationalen Rechtsarmee die Konkurrenz-Asylantenheime anzündet und artig drauf achtet, dass dabei keine Menschen zu Schaden kommen, weil die Siegfried ja noch zum Geld verdienen braucht. So geht die Reihe lustig weiter: Es gibt noch eine behinderte Tochter, eine Mutter mit Alzheimer, eine dunkelhäutige Tochter, die sich als Linksradikale betätigt und schließlich Gerlinde, die in der SPD ist, sich aber stets brav als “Sozi-Hure” anreden lässt und hilflos durch die Familienaufstellung stapft. Der Duktus des Textes ist grundsätzlich derb, da wird ganz oft “bumsen” und “Neger-Fotze” gesagt und gerne soll auch mal jemand “vergast” werden. Eine neue Variante des Volksstückes wollte Salazar schreiben und da muss halt pralles Leben auf die Bühne.

Der Plot des Stückes ist denkbar einfach: Die Familie versammelt sich, weil der Vater, das Nazi-Oberhaupt, beerdigt wird. Und Salazar hat sicherlich Vinterbergs “Fest” und Tracy Letts’ “Eine Familie” ordentlich studiert. Er zitiert in seinem Text auch artig, was man von so einem Plot erwartet: Da sagt immer mal wieder jemand, dass sie von irgend jemandem anderen als Kind oder erwachsene Frau vergewaltigt wurde und Gerlinde verkündet zwischendurch, dass sie sich von ihrem ewig fremdgehenden Mann Siegfried scheiden lässt. Das alles passiert natürlich bei dem Essen nach der Beerdigung. Es bleibt aber nur eine Randnotiz im rassistischen Unflat, der sich Kübelweise über das Publikum ergießt. Das soll auch so sein und ist wohl als gewitzte Anspielung auf die Tradition des Familien-Katastrophen-Stückes zu verstehen. Noch näher allerdings liegt die Erinnerung an die großartige Klimbim-Familie.

Aber ach! Soweit kommt der Abend nicht. Da fehlt es dem Text einfach an Pointen (“bizarrer Humor und Pointen ohne Ende” versprach die Ankündigung), da findet sich trotz Drehbühne keine Klipklap-Mechanik (“Es ist der nackte Wahnsinn” tönt die Ankündigung) außer in einer Projektion gegen Ende, die andeutet, was so alles mit den vielen Türen möglich gewesen wäre. Das Timing in der großen Essensszene, die am ehesten da heran reicht, was (noch einmal die Ankündigung:) eine Nazi-Horror-Boulevard-Dramödie hätte sein können, stimmt einfach nicht. Es ist zu spüren, wie Salazar und Florian Fiedler die Szene gedacht haben: Als sich bis zum totalen Exzess steigernder Strudel an dessen Höhepunkt die alzheimerkranke Mutter das gesamte Tischtuch herunterreißt und direkt danach der Künstler Peter Kahlow, der nichts von dem Vorausgegangenen mitbekommen hat, einen quälenden Sermon über die Theorie der Frankfurter Schule absondert. Das ist durchaus komödiantisch gedacht und könnte von bizarrem Humor sein. Allein: Es verfängt überhaupt nicht. Weder ist das Chaos genau genug durchchoreographiert, noch das Philosophiegeschwaber weit genug ins Absurde gedehnt. Dass Timing-Details noch nicht sitzen, mag sich noch einschleifen in den nächsten Vorstellungen. Dass der Text einfach nicht auf den Punkt kommt und manchmal fast schlampig gebaut ist, wird sich nicht Wegspielen lassen. Im letzten Drittel des Abends reihen sich etliche verquaste Monologe aneinander, die jeglichen Drive aus dem Abend nehmen, aber auch keine neue Farbe hinzufügen. Sollen wir hier etwa den Figuren doch noch näher kommen? Uns einfühlen oder sowas? Nicht ernsthaft, nachdem sie uns eine Stunde lang als komplette Witzfiguren um die Ohren gehauen worden sind.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Florian Fiedler zwei Rollen gezielt gegen besetzt: Klara wird von Mervan Ürkmez gespielt, der in seinem hautengen Lycrasuite sehr gern gesehener Gast auf jeder Fetischparty wäre und die Schwarze Tati wird von der gar nicht schwarzen Ayana Goldstein gespielt. Das mag man als Zeichen des postgender und postmigrantischen Theaters lesen und es ist so auch ganz ok.

Salazars Stück passt nicht nur wegen des Termins bestens, sondern auch wegen des erblichen Personalaufwands hervorragend zur Eröffnung einer neuen Intendanz. Ein großer Teil des alten und neuen Oberhausener Ensembles steht hier gemeinsam auf der Bühne und schlägt sich an diesem unbefriedigenden Abend durchweg ordentlich. Welche Qualitäten tatsächlich in Fiedlers Ensemble schlummern, werden die weiteren Inszenierungen zeigen müssen. So schmerzfrei und belanglos wie die Schimmelmanns sind die Weidels, Petrys, Gaulands und Höckes leider nicht – aber lustiger gelegentlich schon.

Termine und Karten: Theater Oberhausen

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