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Premiere in Oberhausen: Pension Schöller

Jürgen Sarkiss und Ronja Oppelt in Pension Schöller am Theater Oberhausen (Foto: Birgit Hupfeld)

Ein Schwank geht immer. Erst recht, wenn die Regie ein Eskalationsexperte wie Martin Laberenz übernimmt. Am 23.3. hatte seine Version von Pension Schöller von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby Premiere. Das deftige berliner Lustspiel von 1890 ist ein Dauerbrenner auf den deutschsprachigen Bühnen. Der gutsituierte Phillip Klapproth wäre durchaus bereit seinem Neffen Alfred eine Anschubfinanzierung für sein neues Geschäft zu gewähren, wenn dieser dem exzentrischen Onkel den Besuch in einer echten Nervenheilanstalt ermöglicht. Da das nicht so einfach ist, laden Alfred und dessen Freund Kissling ihn einfach in die Pension Schöller. Die dort residierenden Gäste bieten genug Verschrobenheit, um den Onkel davon zu überzeugen, er sei tatsächlich in einer Heilanstalt gelandet. Zurückgekehrt auf seinen Landsitz, kommen genau diese vermeintlichen Verrückten zu Besuch bei Klapproth, plötzlich verschiebt sich der Fokus und der Onkel steht als der Irre da, bis gerade noch rechtzeitig der Schwindel Alfreds aufgeklärt wird.

Martin Laberenz setzt gleich zu Beginn auf Powerplay. Torsten Bauer kippt sich als Major Gröber einen Cognac nach dem anderen, bis ihm auch ein schales Bier und ein Rotwein recht sind. Dabei drangsaliert er den Kellner (Christian Bayer) im lautstarken Drillton. Dann gesellen sich Klapproths Schwester Ulrike (Ronja Oppelt) und ihre Tochter Ida dazu. Ida ist eine dauerquassende Nervsäge (Ayana Goldstein), die von ihrer Mutter nur durch große Mengen Wodka erträglich gemacht werden kann. So wird die gesamte Personage vorgestellt, immer schrill, immer laut, oft ziemlich durcheinander und die Band am Bühnenrand um Peter Engelhardt, der auch die Rolle des Kissing übernimmt,  steuert ab und zu ein bisschen Musik bei.

Dann geht es zum Ausflug in die Pension Schöller. Bühnenbildner Peter Schickard hat sie als Kubus aus Holz und Metalltraversen, der zunächst mit halbtransparenten Tüchern bespannt ist, die nach und nach heruntergerissen werden, auf die Drehbühne gebaut. Die Soiree in der Pension gerät schnell aus der Bahn und befriedigt aufs feinste Klapproths Neugier. Und während vorne an der Rampe dessen Neffe Alfred (Mervan Ürkmez) und die Tochter Ulrikes übereinander herfallen und sich die Kleider vom Leib reißen, singt Direktor Schöller (Klaus Zwick) einen Blues. Nun ist Klaus Zwick leider kein besonders guter Sänger und ohnehin ist zu diesem Zeitpunkt längst die Frage, warum diese ganze Überdrehtheit so gar nicht zünden will, wichtiger als das, was da so laut und angestrengt auf der Bühne passiert. Doch Rettung naht!  Christian Bayer kommt als verhinderter Schauspieler Eugen Rümpel, der kein „L“ sprechen kann, und gibt Klapproth eine ausführliche Kostprobe seines Könnens. Bayer zeigt sich hier als großartiger Komödiant mit Gespür für Timing, Präzision und Skurrilität. Und weil Jürgen Sarkiss ein – auf ganz anderer Art – ebenbürtiger Schauspieler ist, ist diese letzte Szene vor der Pause die beste des gesamten Abends.

Im zweiten Teil fährt Laberenz das Tempo merklich runter. Den Auftakt muss Ayana Goldstein bestreiten. Sie hat die schwere Aufgabe, nach der Pause wieder Konzentration aufzubauen. Ohnehin ist die Rolle des schrill plappernden Mädchens wohl eine der schwierigsten im Stück, weil ihre Ida zwar glaubhaft nerven muss, aber natürlich trotzdem für das Publikum Komik entwickeln sollte. Goldstein gelingt letzteres leider zu selten. Auch Banafshe Hourmazdi tut sich in der Rolle der Schriftstellerin Josephine Krüger schwer. Kostümbildnerin Aino Laberenz verpasste ihr turmhohe goldene Plateauschuhe und einen weißen Anzug, um ihr wenigstens etwas Glaubwürdigkeit als der Homoerotik zugeneigte, dauerrauchende Möchtegern-Grand-Dame zu geben.

Wenn schließlich alle vermeintlich Verrückten im Hause Klapproth versammelt sind, dreht der Hausherr kurzerhand durch und erschießt einfach den Großteil der Gesellschaft. Hier greift Laberenz‘ Regie einmal in den Text ein, während er bis dahin beinahe brav am Schwank entlanginszeniert. Das Happyend darf danach aber wie geplant über die Bühne gehen und auf dem Weg zum Essen legen die Übriggebliebenen eine Polonaise zwischen den Leichen hin.

Jürgen Sarkiss und im Rahmen seiner wenigen Auftritte auch Torsten Bauer zeigen an diesem Abend am ehesten, wie das Theater von Martin Laberenz hätte funktionieren können. Sie bringen die nötige Körperlichkeit im Spiel und das Gespür für Timing und präzise gesetzte Tempobrüche, das gerade in der Überdrehtheit und Eskalation unerlässlich ist, mit. Letztlich spielt da wohl auch eine Rolle, dass beide durch die Herbert-Fritsch-Schule gegangen sind. Christian Bayer setzt gleichermaßen auf ein natürliches komisches Talent und großartige Präzision, wenn es darum geht, den vertrackten Sprachfehler seiner Rolle zu zelebrieren. Mühsam wird der Abend, weil der Rest des Ensembles mit diesen Qualitäten überfordert ist. Und so kam es, dass bei der Premiere das Regieteam es fast nicht mehr auf die Bühne geschafft hätte, weil der Applaus schon nach dem zweiten Vorhang zu verebben drohte und erste Besucher den Saal verließen, was hier nur erwähnt wird, weil es der Rezensent in dieser Form kaum einmal erlebt hat.

Termine und Tickets: Theater Oberhausen

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