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Raus aus der Armutskomfortzone – Ein Kommentar zum Wechsel von Anselm Weber ans Schauspiel Frankfurt

Anselm Weber (Foto: Diana Küster)

Anselm Weber (Foto: Diana Küster)

Anselm Weber verlässt das Bochumer Schauspielhaus und geht nach Frankfurt. Glaubt man den Kommentaren auf Facebook oder Nachtkritik, ist das erst einmal eine gute Nachricht für Bochum. Das Haus, das Kulturdezernent und Stadtdirektor Michael Townsend in seiner Verlautbarung noch als „eines der ersten Häuser der Republik“ bezeichnet, spielt längst im nationalen Theaterdiskurs keine Rolle mehr. In seinem Text auf derwesten.de bringt Jürgen Boebers-Süßmann die finanziellen Engpässe des Hauses in Stellung. Sie seien dafür verantwortlich, dass Weber eher „Buchhalter als Künstler“ gewesen sei. Es sind jene Engpässe, die Weber von seinem Vorgänger Elmar Goerden übernommen hat, die wahlweise in der Argumentation sich plötzlich wie ein Bergschaden aufgetan haben, oder über Jahre hinweg entwickelten. Dass am Schauspielhaus Bochum schon in den letzten Jahren der Ära Goerden bekannt war, dass das Geld knapper wird – geschenkt. Wer ein bisschen was von Versicherungen versteht und über die Ereignisse zu Beginn der Goerden-Zeit bescheid weiß, kann sich ausrechnen, wie die Finanzierung damals funktionierte und warum sie eben jetzt nicht mehr funktioniert. Die Überraschung über diesen Umstand waren nie zu verstehen, sie dürfte Webers erfolgreichste Inszenierung gewesen sein.

Als Maßgabe für den künstlerischen Erfolg eines Hauses wird in der WAZ wieder einmal die Mähr von der Unmöglichkeit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen bei zu wenig Geld verbreitet. Es ist eine Rechnung, die Weber selbst in einer Podiumsdiskussion aufmachte. Kurz bevor das Theater Oberhausen mit Herbert Fritschs Inszenierung von „Nora“ nach Berlin eingeladen wurde. Ein Haus, das seit Peter Carp dort Intendant ist, mit ständig neuen Sparauflagen gebeutelt wird. Und wenn wir auf die Einladungen der vergangenen Jahre schauen, dann finden sich dort immerhin auch das Ballhaus Naunynstraße, das Theater Bonn und das Theater Schwerin. Alles keine besonders reichen Häuser.

Natürlich braucht ein Haus von der Größe des Bochumer einen völlig anderen Etat als das Oberhausener und jedem Intendanten sei jeder Cent mehr, den er für seine Arbeit erhält, gegönnt. Und natürlich ist eine Einladung zum Berliner Theatertreffen nicht das letztgültige Argument für die künstlerische Qualität eines Hauses. Doch wenn Weber diese Rechnung selbst aufmacht, dann muss er sich auch gefallen lassen, dass man sie mal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Fakt ist, dass in Kritikerkreisen ein Satz wie „Was soll ich denn in Bochum“ seit Jahren keine Seltenheit mehr ist. Ob das gerechtfertigt ist? Tatsächlich ist Weber ein beinharter Traditionalist in seiner Theatersprache, der auch als Intendant anderen Regieansätzen wenig Raum lässt. Bei den Autoren vertraut er auf gehobenen Boulevard von Lutz Hübner, statt sich an spannende Positionen wie Elfriede Jelinek oder Wolfram Lotz zu wagen. Gewagtere Regiepositionen wie die von Hermann Schmidt-Rahmer müssen erst erfolgreich in Essen durchprobiert werden, bevor sie Weber nach Bochum holt. Dass er einen David Bösch nicht am Haus halten kann, wenn der vom Burgtheater umworben wird, ist klar. Dass aber regelmäßig selbst andernorts hochgehandelte Regisseure wie Stefan Kimmig, Lukas Langhoff und Daniela Löffner in Bochum scheitern, muss einem schon zu denken geben.

Nun geht Weber nach Frankfurt. Ein Haus mit wesentlich soliderer finanzieller Ausstattung. In der WAZ wird das als wesentliches Argument für seine Wechselentscheidung zitiert. Es könnte sich sehr schnell als Pferdefuß erweisen, denn dann bricht Weber ein gutes Argument für künstlerische Erfolglosigkeit weg. Nach seiner eigenen Argumentation müsste es ab 2017 in Frankfurt dann regelmäßig mit der Einladung zum Berliner Theatertreffen klappen.

Und was geschieht in Bochum? Das Schauspielhaus ist sicher nicht mehr eines der ersten Häuser der Republik, aber wenigstens hängt ihm noch der Ruf an, dass es einmal eines der ersten Häuser der Republik war. Es ist also sicher noch nicht alles verloren. Der oder die nächste Bochumer Intendant oder Intendantin entscheidet darüber, ob das Schauspielhaus wieder auf der deutschen Theaterlandkarte einen Platz bekommt oder endgültig in der Provinz untergeht. Dafür braucht es eine mutige Entscheidung. Einen weiteren Status-Quo-Verwalter braucht es nicht. Nur jemand mit klarer künstlerischer Haltung, mit Mut zu Experimenten und einem Gespür für aufregende Ansätze kann das Ruder herumreißen. Und dieses Herumreißen muss mit einer Entscheidung beginnen. Eine Entscheidung, die nicht wieder einfach den nächstbesten Intendanten aus der Nachbarstadt holt. Sondern ein klares Statement für einen Aufbruch am Bochumer Schauspielhaus setzt. Die ganz großen Namen wird man nicht nach Bochum holen können, doch jemand etabliertes aus der dritten Reihe kann auch keine Lösung sein. Originell, vielleicht ein bisschen verrückt und auf jeden Fall überraschend muss die Entscheidung sein. Was die Entscheidung nicht bestimmen darf, sind finanzielle Sicherheit und Auslastungszahlen. Wer das über den künstlerischen Mut setzt, trifft eine Entscheidung gegen Bochum. Denn die Besucher werden niemals das Theater finanzieren und darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass Bochum sein Schauspielhaus hat, um wahrgenommen zu werden. Für die Wahrnehmung eines Theaters ist aber künstlerische Qualität entscheidend, nicht die Auslastung.  Wir wünschen der Bochumer Kulturpolitik dabei viel Glück. Und uns selbst auch.

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8 Kommentare zu “Raus aus der Armutskomfortzone – Ein Kommentar zum Wechsel von Anselm Weber ans Schauspiel Frankfurt

  • #1
    Udo Höppner

    So isses, Herr Rambow. Das Schauspielhaus ist der VfL der Kultur. Nebenan in DO, wo das Schauspiel stets Stiefkind schien, machen sie grad vor, wie spannendes Theater geht, das eine Rolle spielt! Ob Glück allerdings reicht, die allseits unbefriedigenden Zustände zu ändern, ist fraglich! Es stellt sich allenthalben die Frage nach dem professionellen Niveau der "Bochumer Kulturpolitik" und ihrer exponierten Vertreter.

  • #2
    Wolfgang Wendland

    In der WAZ-Berichterstattung zum Thema fand ich diesen Satz ein wenig besorgniserregend:
    "Über die Suche nach einem/einer Nachfolger/in für Anselm Weber wollte Kulturdezernent Michael Townsend gestern naturgemäß nicht viel sagen; es werde allerdings keine Findungskommission geben, er selbst werde die Suche leite und bis spätestens Sommer 2016 den „bestmöglichen Bewerber“ präsentieren."

  • #3
    Thorsten Stumm

    @Wolfgang Wendland
    Da wird der nächste Bochumer OB den Townsend wohl rausschmeissen müssen…. 🙂

  • #4
    Udo Höppner

    Diese Intendantenfindungskomissionen sind aber oft auch Trauerspiele für sich gewesen. K.-Dezernent T. ist allemal zuzutrauen, den durchschnittlichsten aller Kandidaten zu finden!

  • #5
    Martin Kaysh

    Es tut mir ja Leid für Bochum. Aber mit dem einen Satz ist eigentlich alles gesagt: Da wechselt einer vom Bochumer Schauspielhaus nach äh.. Frankfurt, ja, Frankfurt am Main, glaube ich. Freiwillig.

  • Pingback: Links anne Ruhr (29.04.2015) » Pottblog

  • #7
    Urmelinchen

    Wie Wolfgang Wendland schon schreibt, die Tatsache, dass unser werter Kulturdezernent sich höchstpersönlich mit der Suche beschäftigen will, sollte besorgt stimmen. Bislang zeichnete sich dieser doch dadurch aus, dass er die Leute stets verlängerte. Steven Sloane weilt jetzt schon 20 bei den BoSy. Frischer Wind? Fehlanzeige. Bei Weber wurde ja auch nach kurzer Zeit die Verlängerungskarte gezogen.

    Man merkt an allen Ecken und Enden, wie vergangenheitsorientiert diese Stadt ist. Alles soll so bleiben, wie es mal war, damals, als das Geld ob der Kohle noch sprudelte. Bochum hat so etwas derart Lähmendes, dass jede geriatrische Abteilung im Vergleich wie eine dynamische und energiegeladene Tanzveranstaltung wirkt.
    Dass irgendwann mal ein Ruck durch diese Stadt gehen wird, darauf kann man lange warten.

  • #8
    Rambow

    Liebes Urmelinchen, an dieser Stelle muss ich widersprechen. Die Verlängerung von Intendanzen im Kulturbereich ist nicht grundsätzlich als negativ zu bewerten. Eher ist das Gegenteil der Fall. Es hat sich heute im Kulturbereich eine Ex-und-hop-Mentalität durchgesetzt, die Intendanten sofort feuert, wenn sie nicht umgehend den gewünschten Erfolg bringen. Im Kulturbereich kann es aber durchaus sinnvoll sein, Konzepten etwas länger Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Für mich herausragend ist da immer noch das Beispiel von Michael Gielen an der Frankfurter Oper, dessen legendären Ruf erst seiner zweiten Intendanz geschuldet ist, da er mit seinem Konzept zunächst das konservative Publikum aus dem Haus trieb, um dann (nach ersten schwierigen Jahren) ein komplett neues Publikum in das Haus zu holen. Es lohnt sich also durchaus manchmal, Intendanten im künstlerischen Bereich länger Zeit zu geben und ihnen zu vertrauen. Auch im Fall von Stefan Soltesz in Essen war es sicherlich kein Fehler, ihm eine lange kontinuierliche Arbeit zu ermöglichen. Bitte beachten: Dies ist eine generelle Anmerkung, die sich nicht unbedingt auf hier konkret genannte Fälle bezieht.

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