Rosenkavalier am Theater Dortmund: Currywurst statt Kalbsschnitzel

Emily Newton (Feldmarschallin), Ileana Mateescu (Octavian), Karl-Heinz Lehner (Ochs von Lerchenau)  ©Thomas Jauk / Stage Picture GmbH
Emily Newton (Feldmarschallin), Ileana Mateescu (Octavian), Karl-Heinz Lehner (Ochs von Lerchenau)
©Thomas Jauk / Stage Picture GmbH

Am 25.1. hatte in Dortmund „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauß Premiere. Intendant Jens-Daniel Herzog inszenierte die Oper, die gleichermaßen Publikumsliebling wie einer der großen Prüfsteine für Ensemble und Regie ist.

Es beginnt mit Octavian und der Marschallin in einem goldenen Rokoko-Bett vor glitzerndem Firmament. Ein perfektes Anfangsbild für das, was Herzog erzählen will und was auch Hofmannsthal und Strauß erzählen. Eine Geschichte von Zeit, ihrem langsamen und oft unmerklichen Vergehen und den plötzlichen, schmerzlichen Brüchen. Zunächst aber ist das Liebespaar ganz aus der Zeit geschleudert und treibt im endlosen wie ewigen Weltraum. Fast könnte die Rokoko-Optik des Bettes als eine Referenz auf die Schlusspassage von Stanley Kubricks „2001“ gelesen werden, in der sich der Astronaut Dave Bowman jenseits der Unendlichkeit in einem Rokoko-Salon wiederfindet. Der Rest der Inszenierung spricht allerdings dafür, dass diese Assoziation trügt und Bühnenbildner Mathis Neidhardt hier ganz schlicht die Handlung in der Zeit Maria Theresias verortet, in der auch Strauß und Hofmannsthal sie anlegten.

Jens-Daniel Herzog choreographiert in diesen Anfangsminuten den Liebesakt perfekt auf die Musik, inklusive Orgasmus Octavians, der danach gleich ermattet auf die Seite sinkt. Der Marschallin meint man anzusehen, dass sie es in diesem Augenblick bereut, sich auf diesen jugendlichen Liebhaber eingelassen zu haben, der zu wenig Erfahrung mitbringt, um eine erwachsene Frau wirklich zu befriedigen. Und schon verschwindet das unendliche Weltall und ein goldener Salon (Käfig!) klappt von den Seiten her um die Liebenden. Die Welt hat sie wieder fest im Griff.

Dem ungleichen Liebespaar bleiben nur wenige Minuten, denn die Geschichte drängt herein. Baron Ochs von Lerchenau kündigt sich an sowie zahlreiche Bedienstete und Bittsteller. Und damit bricht auch die Komödie herein. Die Kostüme von Sibylle Gädeke setzen in diesem Sinne unübersehbare Zeichen. Ochs trägt Krachlederne, der italienische Sänger ist ein bisschen Elvis und ein bisschen Amadeus aus dem gleichnamigen Film, der Frisör hat einen ordentlich tuntigen Assistenten. Es macht dramaturgisch durchaus Sinn, denn der Rosenkavalier fungiert als „Komödie für Musik“ und auch Hofmannsthal setzt diese Szene klar dazu ein, das Genre festzulegen.

Doch ist der Rosenkavalier eben keine Operette, wenn er auch gelegentlich mit den Mitteln der kleinen Schwester spielt. Er ist eine philosophische Komödie, in der Fragen der Zeit in verschiedenen Erzählsträngen durchgespielt werden. Da ist die Marschallin, die durch den jugendlichen Liebhaber gegen das Altern ankämpft und doch gerade dadurch ihr Alter schmerzhaft erfährt. Da ist der Umbruch von einer adligen Gesellschaft zu einer bürgerlichen. Baron Ochs, der einen guten Namen, aber kein Geld hat. Da sind die neureichen Faninals, die zwar Geld haben, deren frischverliehener Adelstitel aber wenig gilt. Die Hochzeit zwischen Ochs und Sophie Faninal soll diese Differenzen ausgleichen. Und da ist Octavian, der gerade erst erwachsen wird. Der letztlich die vielleicht modernste Figur im Rosenkavalier ist, weil er noch nach einer sexuellen Identität sucht. Strauß schreibt die Rolle als Hosenrolle. Ein brillanter Schachzug, weil die theatrale Travestie dadurch überlagert wird, dass sich Octavian gleich im ersten Akt aus purem Übermut als Dienstmädchen verkleidet und so seine Geschlechtsidentität auf zwei unterschiedlichen Ebenen verschleiert. Das Spiel der Travestie setzt sich auf musikalischer Ebene fort, wenn Strauß immer wieder Wiener Walzer anklingen lässt, aber kurz vor der Operettenseligkeit abbiegt, wenn er auf Wiener Klassik referiert, aber gleichermaßen den gemäßigt modernen Klang seines Erstlings „Salome“ nutzt. Es ist dieses hochfeine Geflecht, das den Rosenkavalier so beliebt und schwierig macht. Und vielleicht auch zur wienerischsten Oper überhaupt.

In Dortmund allerdings wählt Herzog dann doch eine eher westfälische Herangehensweise. Er stellt die Komödie klar vor die Philosophie. Den Zeit-Subtext überlässt er weitestgehend seinem Bühnenbildner. Neidhardt setzt auf deutliche Zeichen: Im zweiten Akt ist der Rokokosaal zur Hälfte in den Sand der Geschichte eingesunken. Die Faninals haben eine moderne Wohnung hineingebaut, die in der Donaucity liegen könnte. Mit ihrer überaus hässlichen (Kunst-)Lederpolstergarnitur wirkt diese Wohnung allerdings wenig neureich. Wenigstens wird dann noch ein Klavier als Signé des Bildungsbürgertums hereingeschleppt. Als dann allerdings Octavian und Sophie zum Duett in den Fensterrahmen treten und eine bunte Lichterkette um sie herum blinkt, glaubt man sich eher in einer Prekariatswohnung in Chemnitz. Der dritte Akt, der in einem heruntergekommenen Beisl spielt, ist in Dortmund nahezu postapokalyptisch. Der Rokokosaal steckt nun hochkant im Boden, vom Gold ist fast nichts geblieben, das Fenster ist zerborsten und vorne brennt in einem sehr kleinen Faß ein Feuer.

Jens-Daniel Herzog erzählt die Geschichte gut nachvollziehbar, aber eben ohne Feinheiten und Zwischentöne. Und auch Bühnenbild und Kostüme setzen auf klare Zeichen. Das wirkt ein wenig, als würde dem Dortmunder Publikum nicht zugetraut, dass sie bei mehr Delikatesse die Story verstehen. Und dann gibt es auf der Suche nach Komik auch noch echte Fehler. Wenn zum Beispiel der Polizeikommissar am Ende als Deus ex Machine aus dem Bühnenhimmel in die Szene schwebt, dann ist das schlicht falsch, weil eigentlich die Marschallin, die kurz später auftritt, diese Funktion übernimmt.

Auf der musikalischen Ebene allerdings funktioniert der Abend hervorragend. Das ist besonders bemerkenswert, da alle Rollen aus dem Ensemble besetzt werden konnten. Eine echte Seltenheit bei einer Oper dieser Ausmaße und Schwierigkeit. Emily Newton (eigentlich Zweitbesetzung) gab bei der Premiere ein überzeugendes Rollendebüt als Marschallin. Ileana Mateescu lieferte einen burschikosen Octavian und ließ sich nur in ihrer Spiellust in den Travestieszenen etwas zu sehr gehen. Der eingesprungene Karl-Heinz Lehner überzeugte rundweg als Baron Ochs mit viel österreichischem Akzent. Und Ashley Thouret als Sophie bezauberte mit ihrer sehr jugendlichen Stimme. Die Dortmunder Philharmoniker wurden von Gabriel Feltz überaus sicher durch die hochkomplexe Partitur geleitet. Hatte man im ersten Akt noch den Eindruck, dass die Tempi vielleicht etwas zerdehnt sind, machte dieser gemäßigte Einstieg über die Distanz absolut Sinn, da dadurch die gut vier Stunden einen großen Bogen erhielten und die musikalische Spannung bis zum Schluß erhalten werden konnte.

Zuletzt überlässt die Marschallin das junge Paar Octavian und Sophie sich selbst. Die Bühne ist wieder leer bis auf das Bett vom Anfang. Das versöhnt etwas mit dem Übermaß an Deutlichkeit an diesem Abend. Dennoch: Der Rosenkavalier ist mehr Currywurst als Kalbsschnitzel, Bier statt weißem Spritzer.

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