Salafisten-Aussteiger: Nur Märtyrer kommen sicher ins Paradies

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Bernhard Falk und Sven Lau auf einer Salafisten Kundgebung in Wuppertal


Auch an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen werben Salafisten um Anhänger. In verdeckt und offen arbeitenden Gruppen werden Einsteiger radikalisiert und Geld für den Kampf im Nahen Osten gesammelt.

Michael B. möchte seinen eigenen Namen nicht in der Zeitung lesen, denn er hat Angst. Angst davor, verfolgt und bedrängt zu werden von jenen, zu denen er sich einst zugehörig fühlte: Salafisten, Anhänger einer radikalen Auslegung des Islams, zu denen auch Terrorgruppen wie der Islamische Staat oder die zu Al Qaida gehörende Al Nusra Front gehören.

Damals, als er vor fünf Jahren seinen Glauben wechselte und vom Katholiken zum streng gläubigen Muslim wurde, war Terror noch kein Thema. „Den Islamischen Staat gab es noch nicht und niemand sprach davon, nach Syrien oder in den Irak zu ziehen, um mit der Waffe in der Hand zu kämpfen.“

Alles begann Anfang des Jahrzehnts in einer Hochschule in Westfalen. Michael hatte sein Studium gerade begonnen und genoss die vielen neuen Eindrücke, die an der Uni auf ihn einwirkten. „Alles war spannend. Ich liebte mein Fach und genoss es, mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen.“ Die Jahre, in denen er in schwierigen persönlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt aufgewachsen war, lagen hinter ihm. Alles war wie ein großes spannendes, intellektuelles Abenteuer. Michael war neugierig, wollte mit seinen Kommilitonen ins Gespräch kommen. „Irgendwann lernte ich in der Cafeteria eine Gruppe Muslime kennen. Einige waren Deutsche, andere hatten einen türkischen oder arabischen Hintergrund. Ich war gespannt darauf, mich endlich einmal mit Muslimen über den Islam unterhalten zu können und nicht mehr auf Wissen aus dritter Hand angewiesen zu sein.“

Was Michael damals nicht ahnte: Die Gruppe, zu der er Kontakt aufnahm, waren nicht irgendwelche Kommilitonen muslimischen Glaubens, sondern radikale Salafisten mit dem Willen zur Missionierung.

Der Erstsemester tauchte in die Gedankenwelt seiner neuen Freunde ein. „Sie machten mir deutlich, wie stark Muslime unter der Politik des Westens leiden.“ Es sei der Westen gewesen, der die Staaten des Nahen-Ostens erst kolonisiert und später mit dem Lineal die Grenzen der Staaten gezogen hätte, ohne die Menschen zu fragen. Nur am Öl seien die USA und Europa interessiert. Das Leben eines Muslims zähle für ihn nicht, wegen des Zugangs zum Öl würden Kriege geführt und Despoten unterstützt. „Von Demokratie hielten meine gläubigen Freunde nichts. Ihre Lösung war die Rückbesinnung auf den Glauben, auf die Zeit der Gründerväter des Islams, die Salafia.“

Michael begann, sich mit diesem Glauben zu beschäftigen und war fasziniert. „Es war eine Welt klarer Regeln, die alle Unsicherheiten beendete. Und sie war schön. Der Klang der Suren, die wunderbare arabische Kaligraphie, all das nahm mich sofort gefangen.“ Es dauerte nur wenige Wochen, bis er das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahāda, ablegte und strenggläubiger Muslim wurde.

Wie viele Michaels es gibt, weiß der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen nicht. Die Universitäten und Fachhochschulen im Land werden grundsätzlich nicht gesondert überwacht. Klar ist nur, dass die Zahl der Salafisten rasant ansteigt. Allein 2.100 von ihnen gelten in Nordrhein-Westfalen als gewaltbereit. Von mehr als 200 ist den Sicherheitsdiensten die Ausreise nach Syrien und in den Irak bekannt. 54 von ihnen sind mittlerweile wieder zurückgekehrt. Für die Behörden findet salafistische Propaganda vor allem im Internet und auf der Straße statt. Brutale Killervideos des Islamischen Staates, aber auch die Vorträge von Pierre Vogel und Sven Lau ziehen Anhänger an. Andere werden von Koranverteilern in der Fußgängerzone angesprochen und finden so ihren Einstieg in die Szene. Was an den Hochschulen passiert, findet indes unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Staates statt. An vielen Universitätsstandorten sind auf dem Gelände der Hochschulen religiöse Gruppen aktiv und werben unter den angehenden Akademikern um Nachwuchs. „Das Bild von dem unterprivilegierten Underdog, der sich von ein paar Koranzitaten beeindrucken lässt, stimmt nur teilweise“, sagt ein Wissenschaftler, der über die islamistische Szene forscht. „Auch Akademiker lassen sich begeistern.“ Im östlichen Ruhrgebiet ist es das Netzwerk „Back to the Roots“ dem sich zahlreiche salafistische Akademiker angeschlossen haben. Zu Veranstaltungen, zu denen über geschlossene Gruppen des Nachrichtendienstes WhatsApp eingeladen wird, kommen zum Teil mehrere hundert Studenten aber auch Ärzte und Ingenieure. Sie bilden den intellektuellen Überbau der Szene, können aber auch ganz praktisch helfen. So hielten die Anwälte Martin Yahya Heising und Serkan Alka, beide vertreten auch NSU-Opfer im Terrorprozess in München, im Mai in einer Duisburger Moschee einen Vortrag zu dem Thema „Durchsuchung, Festnahme, Beschlagnahme – Wie verhalte ich mich richtig?“ Mit bei dem Vortrag dabei war auch der ehemalige Linksterrorist Bernhard Falk, der heute Al Qaida nahe steht und sich über die Erfolge der Al Nusra Front in Syrien auf seiner Facebookseite freut. Falk betreut Islamisten in Strafanstalten und verteilte vor der Veranstaltung Listen mit den Namen gefangener „Brüder und Schwestern“.

Zielgruppe des gut besuchten Vortrags waren salafistische Extremisten und all jene, die ins Visier der Polizei geraten, weil sie im Verdacht stehen, aus religiösen Motiven Straftaten zu begehen. Viele der Besucher trugen Kampfkleidung und fühlten sich vom Staat verfolgt. „Die Meinungsfreiheit in Deutschland geht unheimlich weit“, beruhigte Heising seine Zuhörer. „die sind da unheimlich stolz drauf und machen sogar Krieg deswegen.“ Es sei erlaubt, gegen das Grundgesetz zu sein, Muslime müssten sich da keine Sorgen machen. Wohl auch weil der deutsche Staat heute in den Augen von Heising eher ein sanfter Gegner ist: „Die Rote Armee Fraktion wurde früher viel härter angegangen. Es gibt kein Waterboarding durch deutsche Kriminalbeamte.“

Michael gehörte nie zu denen, die in einer Hinterhofmoschee Tipps zum Verhalten bei Verhören bekamen. So tief stieg er nie in die Szene ein. Die Begeisterung über seinen neuen Glauben hielt bei Michael nicht lange an. „Ich geriet in ein System der Angst. Mir wurde immer deutlicher gemacht, dass nach dem Tod die Hölle wartet, wenn ich mich nicht genauestens an die Regeln halte. Jeder Verstoß gefährdete meine Aussicht auf die Ewigkeit.“ Freundschaften wurden aufgegeben, das Studium vernachlässigt, in der Familie gab es Streit: „Ich hatte nur noch ein Thema, und das war der Islam.“ Es war eine ganz bestimmte Vorstellung, die Michael zur Verzweiflung trieb: „Es gab keine Garantie dafür, ins Paradies zu kommen, wenn man sich nicht an alle Regeln hält. Das machte mich wütend. Was war das für ein Gott, der mich quält und dann ein Leben lang in Unsicherheit lässt?“ Nur ein Weg, das wurde ihm gesagt, sei sicher. „Wer als Märtyrer stirbt, hat die Gewissheit ins Paradies zu gelangen.“ In den Jahren vor den islamistischen Kriegen im Nahen Osten und den immer häufigeren Anschlägen in Europa war ihm nicht klar, was das in letzter Konsequenz bedeutete.

Sein Ausstieg nach einem knappen halben Jahr verlief undramatisch. Er verabschiedete sich von seien Glaubensbrüdern und kehrte in sein altes Leben zurück. Niemand hielt ihn auf oder bedrohte ihn. Seine alten Freunde waren froh, als er wieder da war. Für sie waren die Monate, in denen er radikaler Muslim war, nur eine merkwürdige Phase, vergleichbar mit einem Alkoholexzess nach verpatzten Prüfungen.

Doch für Michael war die Sache damit nicht beendet. Heute nimmt er an Demonstrationen gegen Salafisten teil, engagiert sich in einer der traditionellen demokratischen Parteien und hat mittlerweile auch Kontakt zum Staatsschutz aufgenommen: „Die, die mich damals anwarben, sind noch immer aktiv. Sie haben Kontakte zu Gruppen, die Korane verteilen und so junge Menschen in die salafistische Szene führen.“ Er will aufklären und seinen Teil dazu beitragen, dass junge Menschen nicht in ein Glaubenssystem der Angst geraten, aus dem es scheinbar nur einen Ausweg gibt: Das Märtyrertum.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Welt am Sonntag

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