Schöner spielen, schlechter punkten – kostet mehr Attraktivität Schalke den Aufstieg?

Auch gegen den Abstiegskandidaten aus Dresden konnte Schalke nicht gewinnen. Foto(s): Michael Kamps

Der Erfolg kam leise. Und er kam anders, als man es in Gelsenkirchen über Jahre gelernt hatte zu erwarten. Als der FC Schalke 04 in der zweiten Jahreshälfte 2025 Woche für Woche Punkte sammelte, geschah das selten mit Glanz, kaum mit Spektakel, dafür mit einer fast schon stoischen Konsequenz.

Spiele wurden zugemacht, Räume verengt, Risiken minimiert. Der Ball lief nicht filigran durch die gegnerischen Reihen, sondern landete oft genug im Seitenaus oder hoch und weit im Nirgendwo. Es war ein Fußball, der Puristen die Zornesröte ins Gesicht trieb und Romantiker zuverlässig in die Verzweiflung stürzte.

Aber er war erfolgreich.

Während anderswo über Expected Goals, Pressinglinien und Spielkultur philosophiert wurde, addierten sie auf Schalke schlicht Zähler. Ein Tor reichte häufig zum Sieg. Schönheitspreise gewann diese Mannschaft nicht, doch sie gewann Spiele – oder sie verlor sie zumindest nicht. Und plötzlich stand da etwas in der Tabelle, das selbst unter den hartgesottensten Optimisten eher als gewagtes Gedankenspiel gegolten hatte: Schalke ganz oben.

Aus Flüstern werden Aufstiegsträume

Wer im Sommer davon gesprochen hätte, wäre vermutlich milde belächelt worden. Zu groß war das Misstrauen gegenüber der eigenen Fragilität, zu präsent die finanziellen Sorgen, zu frisch die Erinnerungen an Jahre des sportlichen Taumels. Doch mit jedem weiteren Wochenende wuchs im Umfeld etwas, das auf Schalke ebenso schnell entstehen wie implodieren kann: Hoffnung.

Aufstiegsträume machten die Runde. Erst flüsternd, dann immer lauter. Man begann zu rechnen, Restprogramme zu studieren, mögliche Feierlichkeiten zumindest gedanklich durchzuspielen. Die Mannschaft wirkte gefestigt, unangenehm zu bespielen, defensiv diszipliniert. Es war nicht der Fußball zum Verlieben, aber einer, mit dem man leben konnte – solange er den Weg zurück nach oben ebnete.

Der Greis als Heilsbringer

Und dann tat der Verein etwas, das so gar nicht zum Bild der vergangenen Jahre passen wollte. Trotz chronisch klammer Kassen, trotz des Mantras der Vernunft, sprang Schalke zu Beginn des Jahres 2026 über den eigenen Schatten und verpflichtete Edin Džeko. Einen Namen, der nach großer Bühne klingt, nach internationalen Nächten, nach Toren in wichtigen Momenten. Aber eben auch nach einem Stürmer, dessen beste Jahre längst im Rückspiegel liegen. Ein fußballerischer Greis, wie manche spöttelten. Keiner für die Zukunft, sondern einer für das Jetzt.

Doch genau dieses Jetzt elektrisierte.

Die Vorstellung, vorne endlich einen echten Zielspieler zu haben, einen, der aus halben Chancen Tore macht, der Präsenz ausstrahlt und Abwehrreihen bindet, verlieh den ohnehin wachsenden Aufstiegsträumen zusätzliche Flügel. Der Transfer fühlte sich an wie ein Signal: Wir meinen es ernst.

Tore ja, Siege nein

Und Džeko lieferte. Bei seiner Premiere traf er direkt. Abgeklärt, wuchtig, mit dieser Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat. Am vergangenen Wochenende legte er gleich noch zwei Treffer nach. Jeder Jubel, jede Umarmung mit den Mitspielern schien das Band zwischen Mannschaft und Publikum enger zu knüpfen.

Nur: Der erhoffte Nebeneffekt blieb aus. Die Mannschaft siegt nicht mehr.

Was in den Monaten zuvor fast klinisch kontrolliert gewirkt hatte, bekam Risse. Die Balance stimmte nicht mehr in derselben Selbstverständlichkeit. Aus knappen Siegen wurden Unentschieden (2:2 gegen Kaiserslautern und Dresden), aus Unentschieden Niederlagen (0:2 gegen Bochum). Und während Džeko weiter trifft und begeistert, ist Schalke die Tabellenführung durch seine aktuelle Durststrecke jetzt erst einmal los geworden.

Wird der Mut zur Falle?

Plötzlich stellt sich eine Frage, die vor wenigen Wochen noch absurd geklungen hätte: War der unansehnliche Pragmatismus am Ende der bessere Weg? Der Fußball ist reich an Ironien, und diese könnte eine besonders bittere werden. Ausgerechnet in dem Moment, in dem Schalke wieder etwas von seiner alten Strahlkraft zurückzugewinnen scheint, in dem die Spiele mehr Spaß machen, droht der sportliche Ertrag zu schrumpfen.

Noch ist nichts entschieden. Die Saison bietet genügend Spieltage, um Trends zu drehen, um eine neue Balance zu finden zwischen defensiver Stabilität und offensiver Lust. Vielleicht braucht es nur Zeit, bis sich alles einpendelt, bis Džekos Qualitäten wirklich in ein funktionierendes Konstrukt eingebettet sind.

Sollte der Traum vom Aufstieg am Ende tatsächlich daran scheitern, dass man den Schritt vom nüchternen Zweckfußball hin zur verführerischen Attraktivität gewagt hat, würde diese Pointe noch lange nachhallen.

Schalke wollte mehr wagen – und könnte alles verlieren.

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