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Schüsse auf Synagoge in Bochum: Ein Nachtgebet und eine Frage

“Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen”: Schriftzug bei Nacht by thw

 

Am Montag ist auf die Synagoge geschossen worden in Bochum. Auf ein Fenster, neben dem Bilder für Kinder hängen. Man hat diese Nachricht entgeistert gelesen und wusste im selben Moment, dass sie einen nicht überrascht und fragt sich seitdem, was es eigentlich ist, das einen entgeistert: die Tat selber oder dass man sie erwartet hat. Im Politikersprech würde es jetzt heißen, die Schüsse galten „uns allen“, was zweifellos stimmt, während „uns allen“ klar ist, dass es nicht stimmt, es sind nicht „wir“, die im Fadenkreuz stehen. 

Die Tat selber: unklar. Geschossen wurde auf die Synagoge und auf das Planetarium nebenan sowie auf zwei weitere Ziele in einigen Hundert Metern Entfernung. Ob gezielt geschossen wurde oder wahllos, lässt sich nicht sagen bisher, und gerade dies  –  dass es sowohl gezielt als auch wahllos gewesen sein könnte  –  lässt an Halle denken: Im Oktober 2019 hatte der Attentäter die dortige Synagoge zum Ziel, hat Einschusslöcher fabriziert und dann andere Ziele gewählt.

Die Assoziation mit dem Attentat in Halle ist spekulativ, für die jüdische Gemeinde ist sie real. Vier Tage nach den Schüssen begann der Schabbat, wer von „uns allen“, denen die Schüsse gegolten haben, würde in eine Kirche gehen, auf die vier Tage vorher geschossen worden wäre? Oder in seine Stammkneipe und sich an den Tresen setzen ans Fenster, das Einschusslöcher aufwiese, während der Schütze einer von allen sein dürfte, die vor dem Fenster auf und ab spazieren?

Also hingehen. Die beiden großen Kirchen in Bochum haben  –  in Abstimmung mit Polizei und beteiligten Behörden  –  ein „Nachtgebet“ organisiert, zu zweit oder allein haben Hauptamtliche die Nacht über in 12 Schichten 12 Stunden über gewacht und gebetet, das eine symbolisch, das andere nicht.

Die Erfahrung dabei: wie einsam es um einen wird, steht man allein vor einer Synagoge. Niemand sieht, was man tut, es hört nur Gott, der demonstrative Charakter entfällt. Das ist fast angenehm, dazu null Nervenkitzel, kein Anflug von existenziellen Fragen, auch kein Gefühl des Verlassenseins, eher eines des Alleingelassenseins: 1 von 12 Stunden in 1 Nacht von 365 Nächten x 12 x 1 … man gewinnt ein Gespür für Relationen, es gibt 1100 Juden unter 365 000 Bürgern dieser Stadt.

Eine Stunde Zeit also, sich die anderen 364 Nächte und Tage vorzustellen. Wie es wäre, wenn jedes Mal, dass man seine Kirche beträte oder seine Stammkneipe, eine bewaffnete Security am Eingang grüßte. Wenn man das Kind nicht zum Kindergarten brächte, sondern zur Sicherheitsschleuse. Wenn kein Fest und kein Konzert und keine Party denkbar wäre, ohne dass der Staatsschutz das Gefährdungspotenzial abgeschätzt hätte. Neben der Hüpfburg eine Security, die nicht auf Kinder achtete, sondern auf Leute, die Kinder wegschießen wollten, wer ist „wir“, denen die Schüsse gelten?

Und dann geht man nach Hause und es ist klar, dass man sich an die Sicherheitsmaßnahmen vor einer Synagoge so gewöhnt hat wie daran, dass ab und an eben doch geschossen wird, so wie man sich an die Zeichen gewöhnt, die man dann dagegen setzt:

Man kann sich darauf verlassen, dass die Juden im Fadenkreuz stehen, alle wissen es, man gibt es ungern zu: 99,8 Prozent der Bevölkerung sind privilegiert.

Immerhin ist damit die Frage beantwortet, was einen eigentlich entgeistert hat beim Lesen der Nachricht, dass auf die Synagoge der eigenen Stadt geschossen worden ist: dass es ist wie immer.

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8 Kommentare zu “Schüsse auf Synagoge in Bochum: Ein Nachtgebet und eine Frage

  • #1
    thomas weigle

    Ich hätte den Artikel gerne auf FB geteilt, weil er sicher auch für andere als hier lesenswert ist. Geht aber nicht. Liegt`s an mir oder an euch?

  • #2
    Stefan Laurin

    @thomas weigle: Muss an Dir liegen. Aber: Die Seite hat auch ihre Probleme. Wir wollten da ran, aber dann kam Corona und man kann sich nicht zusammen ein Wochenende vor einen Rechner setzen. Holen wir nach, wenn es wieder geht.

  • #3
  • #4
    Wolfram Obermanns

    Antisemitismus ist eine Pest, gegen die es keinen zuverlässigen Impfschutz gibt.
    Neue, resistentere Bazillen, die aus Kreuzungen mit Antizionismus, Antikolonialismus, Antikapitalismus oder Identitärrassismus lassen diese braune Sch…e wieder verstärkt an der Oberfläche schwimmen.
    Dank des hybriden Charakters dieser neuen Bazillenstämme vermögen sie es häufig selbst bestehende Immunitäten zu umgehen. (Stefan hast Du kürzlich die BDS-Apologie in der Zeit gelesen?)
    Der Kampf gegen Antisemitismus wird wieder härter, vielfältiger und häufiger. Allein die defensive Dauerbewachung jüdischer Einrichtungen reicht jedenfalls genauso wenig wie etablierte Kristallnachtrituale, um die Plage wieder in die Nischen zurückzudrängen, in denen sie leidlich beherrschbar ist.

  • #5
    discipulussenecae

    @ Wolfram Obermanns:

    Wie hieß der Artikel zur BDS-Apologie in der "Zeit", und wann ist er erschienen?

  • #6
    Wolfram Obermanns

    @ discipulussenecae
    https://www.zeit.de/kultur/2021-04/judentum-antisemitismus-deutschland-israel-bds-fabian-wolff-essay

    In dem Essay versucht der Autor seine jüdische und seine linke Identität unter einen Hut zu bekommen. Das gelingt ihm.
    Der zu zahlende Preis dafür hoch.
    Zufällig ist fast zeitgleich dieser Artikel in der NZZ erschienenen:
    https://www.nzz.ch/folio/warum-sie-nie-recht-haben-ld.1612968

  • #7
  • #8

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