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Seyran Ateş: Liberale Zukunft des barmherzigen Islam

Seyran Ateş als Streiterin für einen säkularen Islam der Gegenwart
Seyran Ateş als Streiterin für einen säkularen Islam der Gegenwart
Seyran Ateş als Streiterin für einen säkularen Islam der Gegenwart

Seyran Ateş als Streiterin für einen säkularen Islam der Gegenwart

In Ihrem neuesten Buch „Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete.“ geht die Autorin und Rechtsanwältin Seyran Ateş von der Prämisse des muslimischen Glaubensbekenntnisses aus:

„‘Bismillahhirrahmanirrahim‘ – Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. So beginnt der Koran und damit ist die herausragende Eigenschaft Allahs benannt, seine Barmherzigkeit. Das ist der Kern unserer Religion, darauf wollen wir uns konzentrieren.“

Der Islam ist eine barmherzige Religion, die das Nachsichtige, das Ehrliche, die Liebe zu Gott und den Menschen anspricht. Diese gilt es, mit kritischen Debatten gegenüber Fundamentalisten, Gewaltauslegungen und Feindseligkeitspredigern zu verteidigen. Diese missbrauchen die Texte des Korans für ihre Zwecke. Darum ist es notwendig, „die Suren und Hadithen in unsere Zeit zu übersetzen, ohne den Kern unserer Religion zu verändern.“ Man muss sich die Frage stellen, was Allah mit den einzelnen Suren im Koran zum Ausdruck bringen wollte, wie die Hadithen zu verstehen sind und was der Prophet Mohammed heute sagen würde.

Zweite Prämisse ist: dass der Islam mit der Demokratie vereinbar ist, wenn die Muslime die Trennung von Staat und Religion anerkennen. In Demokratien ist dementsprechend kein Platz für die Scharia. Spätestens hier geht der gewöhnliche fundamentalistische Muslim zur geregelten Schnappatmung über.

Dritte Prämisse: Männer und Frauen sind vor Allah gleichwertig. Dies lässt sich an vielen Stellen im Koran und den Hadithen nachweisen. Eine zeitgemäße Auslegung der heiligen Schriften kann zur Gleichberechtigung der Geschlechter führen. Vorschriften wie die Geschlechtertrennung und das Kopftuchgebot sind aufzuheben. Bereits in ihrer Streitschrift: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ von 2009 plädierte Ateş dafür, dass sich Musliminnen und Muslime ihre Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung erstreiten und die Sexualität von Verboten, Ängsten und Gewalt befreien, um Freiheit und Menschenwürde in der islamischen Welt durchzusetzen. Der reaktionäre Zorn der orthodoxen islamischen Weltvertreter gegenüber diesem feministisch-liberalen Manifest ließ schon damals nicht lange auf sich warten.

„Wir dürfen das öffentliche Bild des Islam nicht länger den konservativen, islamischen Verbänden überlassen, die hierzulande in allen erdenklichen Gremien sitzen und bestimmen, was im Namen unser aller Religion propagiert und gelehrt wird. (…) Für diese theologische Auseinandersetzung braucht es einen Ort, an dem diese Debatten geführt werden können.“

Mit der Gründung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee hat Seyran Ateş gemeinsam mit ihren Mitstreitern einen solchen Ort geschaffen, um den Islam von innen heraus zu erneuern. Den Grundimpuls dazu gab ihre Mitgliedschaft an der Deutschen Islamkonferenz von 2006-2009, deren Zusammensetzung Ateş als türkisch-sunnitsich-lastig kritisiert. Die tatsächliche Vielfalt des Islam wurde in diesem Gremium gar nicht gespiegelt, der Ditib als verlängertem Arm des türkischen Staates wurde hingegen eine unverhältnismäßige Schlüsselrolle eingeräumt. Obwohl es gegen den Kern des Islam verstößt, sich zu organisieren, erkannte die Autorin zu diesem Zeitpunkt, dass es notwendig ist sich zusammenzutun, um den Fundamentalisten nicht das Feld der Meinungshoheit zu überlassen.

In den folgenden Kapiteln geht es um das Verhältnis zwischen Gewalt und Islam, die Gemeinsamkeiten zwischen Christentum, Judentum und Islam, die Türkei und Deutschland, die tatsächlichen Grundlagen des Islam, sowie die moderne Theologie in der Türkei.

„Eine Welt, in der Menschen keine Kriege mehr gegeneinander führen, einander nicht mehr diskriminieren oder gar töten, nur weil sie vermeintlich an einen anderen Gott glauben – so eine Welt wird es nur geben, wenn wir erkennen, dass wir uns gar nicht so fremd sind. Und dass Gott und Allah eins sind.“

Hier dürften sich spätestens die Ordinarien sämtlicher führenden Weltreligionen schwer auf den Monopolschlips getreten fühlen, denn Ateş erteilt dem Alleinvertretungsanspruch der einzelnen Religionen eine klare Absage zugunsten eines pantheistischen Gottesglaubensansatzes. Weitere Themen sind die Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft im Islam, Ursprung der Religionen und die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der höheren Macht, die alles erschaffen hat als Erklärungsmodell des Daseins, die alle Religionen miteinander verbindet.

Das zunehmend schwierige Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland skizziert sie seit dem Putschversuch im Juli 2016, die immer krasser werdenden Töne von AfD wie auch ultranationalistischen Türken und geht hart mit der europäischen Flüchtlingspolitik ins Gericht, die es unterlassen hat, die Golfstaaten wie Saudi-Arabien hinsichtlich der Aufnahme und Versorgung der Flüchtlinge in die Pflicht zu nehmen. Die Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik der BRD ist laut ihrer Aussage mit dem Problem der verfehlten Integration ein konzeptloser Flickenteppich der Bundesländer. Die Entwicklungen der letzten Jahre in der Türkei sieht Ateş als noch problematischer an. Dort herrschen innere Konflikte in der Diskussion um säkulare und christliche Feiertage, die zunehmend kontrovers und feindselig ausgetragen werden. Diese Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Aleviten oder zwischen Türken und Kurden finden ebenso in Deutschland statt.

„Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (Ditib), bekommt den Text für seine Freitagspredigt inzwischen direkt aus der Türkei.“

Will heißen; der Text kommt direkt von der Religionsbehörde Diyanet, die Präsident Erdoğan untersteht. Der missbraucht die Ditib um seinen politischen Einfluss auf die in Deutschland lebenden Türken zu sichern und auszubauen. Man stelle sich mal vor, Kanzlerin Merkel würde den protestantischen Pfarrern die Sonntagspredigt einschließlich der Raute vorschreiben. Bei der Ditib ist das jedoch Normalität. Die Forderung des islamisch-konservativen Parlamentspräsidenten der Türkischen Republik Ismail Kahraman, das Prinzip des Säkularismus aus der Verfassung zu streichen und ein Grundgesetz mir klarer islamischer Orientierung zu schreiben, belegt die diametrale Abwendung vom laizistischen Erbe des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürks sie ist das genaue Gegenteil dessen, was die Autorin fordert.

Ateş dekliniert das System Erdoğan in Entwicklung zunächst mit und später der Abgrenzung zur Gülen-Bewegung durch und landet beim Putschversuchs im Juli 2016, in dessen Folge Tausende Richter, Staatsanwälte, Politiker, Journalisten, Universitätsmitarbeiter etc. eingeschüchtert, verhaftet oder suspendiert wurden. Sich seiner Kritiker und Gegenspieler zu entledigen ist die klassische Erstmaßnahme eines autoritären Regimes zur Gleichschaltung, an dessen Ende die Diktatur steht.

Seyran Ateş beschreibt im Kapitel „Warum ich dem Islam treu bleibe und Imamin wurde“, wie sie sich zunehmend in der Pflicht sah, sich mit den Glaubensinhalten ihrer Religion zu beschäftigen, wie sie begann, sich mit dem Koran auseinanderzusetzen und sich zur Imamin ausbilden ließ, um einen Ort schaffen zu können, „an dem der friedliche, aufgeklärte Islam praktiziert, diskutiert und weiterentwickelt werden konnte“. Ihr Fernziel – ein Verband der säkularen Muslime, welcher der Deutungshoheit der Fundamentalisten medienwirksam Paroli bieten kann – soll im Idealfall daraus entstehen.

Einer der Kernsätze des Buches ist ein Glaubenssatz ihres Vaters: „Wenn Menschen dir Böses tun, dann beschäme sie mit deiner Güte. Bleibe gut, was auch immer geschieht.“ Ateş beschreibt ihre eigene Persönlichkeit dabei als Synthese aus Ost und West, gläubig und feministisch, aufgeklärt sowie auch traditionell:

„Viele Menschen, die aus der Türkei stammen, kennen das. Immer ist da dieses Bedürfnis, den östlichen und den westllichen Lebensstil zu vereinen und ein Lebensgefühl zu entwickeln, in dem beides harmonisch und ohne Widerspruch miteinander existieren kann.“

Ihr Wunsch, Imamin zu werden und in Berlin eine liberale Moschee zu gründen hing dementsprechend damit zusammen, „dass ich hier im Westen einen Ort für Muslime schaffen möchte, an dem die Synthese zwischen West und Ost, zwischen Orient und Okzident, lebbar wird.“ Darüber hinaus bietet der Ort die Gelegenheit, diejenigen Frauen, die sich bereits jetzt im Islam und seinen Verbänden engagieren, in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Deshalb macht es natürlich Sinn, dass mehr muslimische Frauen Funktionen in des muslimischen Gemeinden und Verbänden wahrnehmen, sich zur Imamin ausbilden lassen. Es gibt keine stichhaltige theologische Begründung dafür, dass Frauen nicht Vorbeterinnen werden können. Jedoch streiten sich darüber die Rechtsschulen, den Orthodoxen sträuben sich die Barthaare.

Ateş erläutert ihrer eigene Ausbildung zur Imamin, es folgt eine Beschreibung der Grundlagen des Islam und des Propheten als Vorbild. Hierdurch kommt sie zu der Schlussfolgerung:

„Im Zentrum der Reformbestrebungen vieler liberaler Muslime steht das Bemühen, die heiligen Schriften des Islam im historischen Kontext ihrer Entstehung zu betrachten und gleichzeitig dabei auch die heute problematischen Aspekte von Koran und Hadithen nicht zu verschweigen. (…) Nur der Abschied von der wortwörtlichen Lesart der Schriften kann den Weg frei machen für die Entwicklung eines liberalen, toleranten, geschlechtergerechten Islam, wie wir ihn anstreben.“

Nur so kann man den Islam als Religion der Barmherzigkeit vor den eigenen orthodoxen Glaubensanhängern schützen:

„Die historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Koran und den Hadithen in der Schlüssel zur behutsamen Anpassung unserer Glaubensinhalte an die heutige Zeit, ohne die die islamische Welt auf ewig in den Fängen der Fundamentalisten verbleiben würde.“

Der wichtigste Grundsatz des Islam, den jeder kennen sollte, lautet:

„Kein Gläubiger darf von einem anderen Rechenschaft darüber verlangen, ob er ein guter Muslim ist und alle religiösen Pflichten erfüllt. Wir Menschen haben nicht das Recht, andere in ihrem Glauben zu beurteilen. Das darf nur Allah.“

Das heißt nichts anderes, als dass KEIN Muslim das Recht hat, einen anderen wegen der Art seiner Religionsausübung und seiner Lebensführung zu verurteilen. Damit ist die Säkularisierung des Islam faktisch, denn Mitwelt und Gesellschaft haben sich aus der individuellen Religionsausübung und Lebenspraxis des Einzelnen bitteschön gefälligst herauszuhalten!

Informative Kapitel über die fünf Säulen des Islam, die Geschichte Mohammeds, die Konzeption, Planung, Umsetzung und Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, sowie ein Anhang mit fünf Gastbeiträgen runden mit dem umfangreichen Literaturverzeichnis (70 Titel) das Buch ab.

Der Titel des Buches ist etwas irreführend; statt einer Erzählung über die Gründung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee holt Ateş zu einem geschmeidigen feministischen Rundumschlag gegen den fundamentalistischen Islam aus: Angefangen von vielfältigen Grundlegungen über den wahren Islam, die Funktion von Koran und Hadithen bis hin zu dem schwierigen Verhältnis von Deutschland und der Türkei in religionspolitischer Hinsicht. Ihr Plädoyer für den liberalen Islam ist absolut plausibel, ihr Engagement für einen Ort des liberalen Islam und einen Verband der säkularen Muslime ist in seiner Gesamtheit nichts weniger als die Praktizierung eines säkularen und liberalen Islam.

Es ist sehr wünschenswert, dass ihr Buch möglichst viele liberale Musliminnen und Muslime erreicht, diese aus der Deckung lockt und sie dazu bringt, sich ebenfalls für diese gemeinsamen Ziele sichtbar zu engagieren. Außerdem ist das Buch jedem zu empfehlen, der die wahren Ursprünge und Wurzeln des barmherzigen Islam verstehen möchte und sich dafür interessiert, wo die liberalen Muslime in unserem Land derzeit stehen. Die Aufbruchsstimmung springt dem Leser auf jeder Seite entgegen und das macht Hoffnung für die Zukunft des säkularen Islam in Deutschland.
Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Am kommenden Donnerstag, 25.04.2019 veranstaltet der Düsseldorfer Aufklärungsdienst in der Reihe Islamkritik von links #3 unter dem Titel „Hat der liberale Islam eine Zukunft?“ einen Vortrag samt anschließender Diskussion mit der Autorin Seyran Ateş. (Nähere Infos dazu s.u.)

Seyran Ateş: Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete.
Ullstein Verlag 2017.
304 Seiten, gebunden EUR 20,00
ISBN 13: 978-3550081552

Hier bei Amazon erhältlich: Link

Veranstaltungshinweis:
Vortrag und Diskussion mit Seyran Ateş
Veranstalter: Düsseldorfer Aufklärungsdienst DA
Reihe: Islamkritik von links #3 – Hat der liberale Islam eine Zukunft?
Donnerstag 25.04.2019, 19.00 Uhr
Jazz-Schmiede, Himmelgeister Straße 107g, 40225 Düsseldorf
Eintritt: 10,- / DA! Mitglieder und ermäßigt 5,-
Kartenvorbestellung unter gbs@aufklaerungsdienst.de

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3 Kommentare zu “Seyran Ateş: Liberale Zukunft des barmherzigen Islam

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  • #2
    Arnold Voss

    Ich glaube nicht an Gott, dafür aber umso mehr an mutige Demokraten und Demokratinnen. Diese Frau ist eine davon und verdient als solche jede Unterstützung.

  • #3
    thomas weigle

    Ich spende seit einiger Zeit einen kleinen Betrag regelmäßig für diese Berliner Moschee. Nicht weil ich gläubig bin, denn das bin ich nicht. Aber ich bewundere den Mut derjenigen, die diese Moschee möglich gemacht haben. Ich werde das Buch nicht nur erwerben, sondern auch der hiesigen Stadtbücherei zur Anschaffung vorschlagen.

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