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Steigende Parkgebühren: Der nächste Sargnagel für unsere Innenstädte

Foto: Robin Patzwaldt

Die aktuellen Entwicklungen in den Innenstädten, insbesondere auch hier bei uns im Ruhrgebiet, sind vielfach ein großes Problem. Immer mehr Leerstand, Vandalismus, Trostlosigkeit. Da ist guter Rat teuer. In vielen Städten arbeitet man an sogenannten ‚Innenstadtkonzepten‘, die vielfach wenig Besserung bringen.

In den vergangenen Tagen kursierten diverse Meldungen, dass die Parkgebühren für PKWs in Zukunft in vielen Städten deutlich angehoben werden sollen. Wie das die Attraktivität der Einkaufsmeilen, die ohnehin schon mit einem Verlust von Kunden klarkommen müssen, verbessern soll, erscheint rätselhaft.

Diese Pläne zeigen einmal mehr, dass die Verantwortlichen offensichtlich gar keinen wirklichen Plan verfolgen, sondern bei der Umsetzung von Maßnahmen vielfach schlicht im sprichwörtlichen Nebel stochern.

In einer Zeit der um sich greifenden Umwelthysterie mag das Verteuern der Autonutzung von der Öko-Klientel beklatscht werden, in der Praxis wird es das Sterben der Innenstädte unnötig beschleunigen. Wer längst versandkostenfrei bei Amazon & Co. bestellen kann, der dürfte aktuell schon nur noch in absoluten Ausnahmefällen den Weg in die Innenstadt auf sich nehmen.

Produkte sind derzeit im Internet ohnehin schon häufig günstiger zu bekommen als in der nächsten City. Wer im Kopf einmal seine kürzlich erfolgten Einkäufe jenseits der Lebensmittel durchgeht, der wird bei einem Preisvergleich feststellen, dass die Produkte im Netz fast ausnahmslos besser zu beschaffen sind. Auswahl und Preise lassen dem Einzelhandel vor Ort keine große Zukunftschance.

Die einzigen Hoffnungen auf eine geringe Perspektive haben viele Geschäftsinhaber mit einem besonderen Ambiente und einem guten Service und persönlicher Beratung. Sicherlich nette Dinge, die, wenn sie geschickt eingesetzt werden, den einen oder anderen an ein konkretes Geschäft binden können. Mehr sicherlich nicht.

Die große Maße der Kunden wird die Bequemlichkeit von der eigenen Couch aus einkaufen zu können und eine riesige Auswahl bei Tante Google vorziehen und online kaufen. Die Schnäppchenjäger kommen ohnehin schon seit Jahren im Netz besser als in der nächsten Innenstadt zurecht.

Wenn die im Vergleich vielfach zeitaufwändige und teure Fahrt in die Innenstadt jetzt zusätzlich noch durch steigende Parkgebühren weiter belastet wird, wer bleibt dann noch für den Kauf im Einzelhandel vor Ort? Ein paar Internetverweigerer und die wenigen, die ein Produkt unbedingt hier und jetzt sofort haben wollen. Aber auch an diesem Punkt arbeitet der Onlinehandel ja schon, ist die Lieferung am Tag der Bestellung, längst nicht nur beim Branchenriesen Amazon, doch schon ‚im Anflug‘.

Keine guten Nachrichten also für unsere Innenstädte. Der Kampf um ihre Zukunft, der ohnehin keine guten Erfolgsaussichten hat, wird durch solche Pläne zusätzlich erschwert. Und das ausgerechnet von denen, die sich der Entwicklung der Innenstädte verschrieben haben. Darauf muss man auch erst einmal kommen. Irre Zeiten!

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8 Kommentare zu “Steigende Parkgebühren: Der nächste Sargnagel für unsere Innenstädte

  • #1
    Björn Wilmsmann

    "dass die Verantwortlichen offensichtlich gar keinen wirklichen Plan verfolgen, sondern bei der Umsetzung von Maßnahmen vielfach schlicht im sprichwörtlichen Nebel stochern"

    Herzlich willkommen im Ruhrgebiet. Planlosigkeit ist hier Leitprinzip.

    Es ist spätestens seit Ende der 90er – als man in Deutschland noch glaubte, dass "sich dieses Internet nicht durchsetzen" werde – klar, dass dem Einzelhandel in Innenstädten und Einkaufszentren keine rosige Zukunft beschieden sein wird und derlei Konzepte ein Auslaufmodell sind.

    Während anderswo bereits zahlreiche Malls zu Ruinen verfielen, eröffnete man vor 10 Jahren in Essen mit dem Limbecker Platz nochmal ein derartiges 70er-Jahre-Gedächtnis-Bauwerk. Die Mühlen mal hier halt langsamer als anderswo …

    Es wäre wichtig, sich stattdessen zu überlegen, wie Innenstädte und Leerstände anderweitig genutzt werden können. Derlei Konzepte gibt es. Sie sind nur in den Köpfen von hiesigen Planern, für die Innenstadt gleich Einzelhandel ist, noch lange nicht angekommen.

  • #2
    Berthold Grabe

    Wer sich Gedanken um den Einzelhandel macht, muss die Systemfrage stellen, die sich mit dem internet und globalisiertem Handel grundsätzlich verändert hat.
    Das Internet hat den großen Vorteil ein viel größeres Angebot sofort verfügbar zu machen und aufgrund viel höhere Stückzahlen günstiger anzubieten.
    Diese hohen Stückzahlen sind nur möglich durch immer einheitlichere massenproduktionstaugliche Angebote. Auch deshalb finden sich analog zum Internet große Handelsketten in fast allen europäischen Städten mit fast gleichem Angebot.
    Vielfalt ist teurer, weil es kleinere Stückzahlen oder geringere Absatzzahlen bezogen auf den Einzelhandel bedeutet in einer industriellen Produktion. Die globalisierte Industrialisierung schafft Gleichschaltung quasi freiwillig über den ökonomischen Sog.
    Über diese Schattenseiten der heutigen Wirtschaft wird zu wenig gesprochen, weil der zum Teil nur vordergründige Profitgewinn alles überlagert. und das nur weil er soziale und ökologische Folgekosten nicht einpreisen muss.
    Ist das noch Fortschritt oder letztlich nur noch ausbeutende Bereicherung?

    Der Einzelhandel jedenfalls scheint nur noch in der Nische und damit hochpreisig oder mit Ramschstatus Überlebenschancen zu haben.
    Und weil es nicht um Qualität sondern Masse für die Masse geht, verlieren wir alle dabei vor allem Qualität.
    Solange der globale Kostenvorteil weltweiter exzessiver Massenproduktion erhalten bleibt ist an Milderung der Entwicklung jedenfalls nicht zu denken.

  • #3
    Manuel

    Höhere Parkgebühren sind erstmal zu begrüßen. Attraktive Innenstädte schafft man ja auch nicht dadurch das möglichst viele Autos diese verstopfen. Es muss doch das Ziel sein Innenstädte von den Autos zu befreien damit diese dadurch auch wieder attraktiver werden können.

    Von daher guter Schritt 👍

  • #4
    Matthias

    Daher liebe ich das CentrO und den Ruhrpark in Bochum.
    Ausreichend gut dimensionierte UND vor allem kostenlose Parkplätze mit einem sehr gutem Ladenangebot.

  • #5
    Björn Wilmsmann

    Zu #2: Qualität und Auswahl gibt es immer noch und wird es immer geben. Nur eben nicht zu den Preisen wie beim Discounter. Angebot und Nachfrage. Wer seine Nachfrage allein vom Preis abhängig macht, bekommt dann genau das: Commodities, die sich allein im Preis unterscheiden.

    Bei immer effizienterer Produktion lohnt es sich schlicht nicht mehr, Schaufenster mit angeschlossenem POS zu betreiben. Aber das ist eine positive Entwicklung. Denn der so frei werdende Raum und die dann dafür nicht mehr aufgewendeten Kosten können anderweitig besser investiert werden.

  • #6
    Klaus Lohmann

    @#5: Solange ich beim Online-fremdelnden Einzelhandel keine Preise und Angebote, Lagerbestände/Lieferbarkeit und andere Serviceleistungen vorab einsehen und vergleichen bzw. telefonische Beratung abrufen kann, werde ich diese Läden nicht auf Verdacht per Auto anfahren. Das früher ohne Netz übliche "Bummeln" durch solche "Dunkelläden", die selbst in ihren damals noch per Post zusendbaren Katalogen "Rufen Sie uns für den Preis an" als Vergleichs-Verhinderungsmaßnahme schrieben, ist seit zig Jahren qua Parkplatznot und überfülltem ÖPNV komplett out – die, die jetzt meckern, haben das offensichtlich immer noch nicht begriffen.

  • #7
    Lucas

    Ich begrüße ebenfalls höhere Parkgebühren und damit einhergehende, Autofreie Innenstädte. Von der besseren Luft ganz zu schweigen.

  • #8
    Franz Willenbrock-Hoppe

    Höhere Parkgebühren, deutlich höhere, sind eine ganz wunderbare Idee. Dazu noch eine kräftige City-Maut für den Bereich zwischen Westen- und Ostentor, B1 und Mallinkrodtstraße. Das Aussterben des stationären Handels lässt sich sowieso nicht mehr aufhalten, die Ladengeschäfte in der Innenstadt sind bereits jetzt obsolet. Wenn die Innenstädte dann frei von jeglichen oberirdischen Fortbewegungsmitteln sind, kann man diese einer vollkommen neuen Nutzung zuführen. Beispielsweise als schicken verkehrsfreien Wohnraum. Die schrittweise Abschaffung des Individualverkehrs lässt sich ebenso wenig mehr aufhalten wie das Sterben von stationärem Handel. Das verschafft uns die Möglichkeit die Lebensweise der Menschen anzupassen und mit neuen Konzepten die Versiegelung der Städte um bis zu 45% zurückzubauen und gleichzeitig höchstwertigen Wohnraum zu schaffen. Der damit verbundene sozioökonomischen Strukturwandel wird zwar seine Zeit brauchen, schafft aber die Gelegenheit den Ballast von Stadtkonzepten aus dem letzten Jahrtausend los zu werden.

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