Super-Markt der Super-Reichen

Wer baut „die neuen privatisierten Hochglanz-Konsum- und »Erlebnis«-Räume“, über die Gerd Herholz in seinem Artikel zur Gentrifizierung schreibt: „»Wir müssen draußen bleiben«, das steht schon heute nicht mehr allein auf Schildern vor Metzgereien, die damit Hunde meinen.“ Andreas Lichte unterwegs in Berlin-Grunewald. 

Auf dem Parkplatz vor Rewe, Grunewald, steht ein Mercedes SLS AMG Coupé, der Retro-Flügeltürer für um die 200.000 Euro. Lackierung in einer Nicht-Farbe: „Ist das Braun-Matt-Metallic? Wer fährt denn sowas?“

Kaum habe ich mich entschlossen, für die Antwort heute mal im Super-Markt der Super-Reichen einkaufen zu gehen, taucht der Fahrer auf: Jeans, helles Hemd, dunkles Jacket – „Edel-Sport“.

Er macht den Zweisitzer auf und zu: in der beginnenden Abenddämmerung sind die Warnblinker so grell, dass ich fast erblinde …

Dann droht neue Gefahr, diesmal für die Ohren: Er macht einen Penner an, der Flaschen sammelt, ich frage: „Gibt es ein Problem?“

„Wie fänden Sie es, wenn jemand auf Ihrem Grundstück herumläuft?“

„Mein Grundstück ist nicht ganz so gross, da ist die Gefahr nicht ganz so gross.“

Er fährt weg, ich gehe einkaufen: „Mmh, sehen doch noch alle ziemlich normal aus. Gehen die Super-Reichen überhaupt noch selber einkaufen? Wofür gibt es Personal?“

Also muss es was anderes sein: „Wie fänden Sie es, wenn jemand auf Ihrem Grundstück herumläuft?“ Also sein Grundstück. „Schau ich mich mal um …“ Über dem Supermarkt sind Büros, auf den Fenstern überdimensionierte, pseudo-klassische Wappen – „Adel“ – mit den Buchstaben „HGHI“ darüber: „Sind das »Immobilien«?“

Ich gehe zum Eingang um die Ecke: „High Gain House Investments“ – Treffer!

Volltreffer, denn zuhause schaue ich im Internet nach:

Die „HGHI“ entwickelt Grossprojekte, zum Beispiel am Leipziger Platz 12, Berlin. Und das war er persönlich, der Geschäftsführer der „HGHI“, der heute mal nicht mit Klaus Wowereit beim Spatenstich zu erleben war. Aber ist ja gar nichts passiert, der Penner hätte sowieso ein wenig länger Flaschen sammeln müssen, um auch nur die AMG-Sonderlackierung zusammenzukriegen …

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32 Kommentare

  1. #2 | Walter Stach sagt am 28. September 2011 um 13:32 Uhr

    Was ich nicht verstehe: Die Reichen, die immer reicher werden, und ihr Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen, wohl ehe gegenüber den für sie unerwünschten, lästigen, belästigenden Personen, produzieren keine „Wut“-bürger, denen ich nach Qunantität und Qualität dieses Prädikat zubilligen würde, auch nicht in Berlin. Oder noch nicht?

  2. #3 | Andreas Lichte sagt am 28. September 2011 um 13:51 Uhr

    @ Walter Stach #2

    hilft „Wut“? Ist „Wut“ nicht ein Zeichen von „Ohnmacht“?

  3. #4 | Arnold Voss sagt am 28. September 2011 um 17:49 Uhr

    Um ein sehr teures Auto zu fahren muss man nicht superreich sein. Meines Wissens kann man es bei 100% Nutzung als Dienstfahrzeug komplett von den Steuern absetzen.

  4. #5 | Walter Stach sagt am 28. September 2011 um 19:03 Uhr

    Andreas Lichte, Wut mag Ausdruck von Ohnmacht sein. Wenn „man“ sich seiner Ohnmacht bewußt ist, sich ihrer immer bewußter wird und folglich auch immer wütender wird, muß diese Wut irgendwann, irgendwie reale Folgen haben, welche auch immer. Die jüngsten Ereignisse in London und in anderen Großstädten Englands und ähnliche „Wutausbrüche aus vermeintlicher Ohnmacht“ seinerzeit in Paris, haben die nichts bewirkt? Sind nicht viele Revolutionen das Ergebnis jahrelang erfahrener Ohnmacht und zurückgehaltener Wut, die sich dann um so heftiger und brutaler Platz schafft? Wenn ich persönlich oft in relativ banalen Angelegenheiten wütend bin, greife ich nicht zur Gewalt, aber ich attakiere mit meinen Mitteln und Möglichkeiten öffentlich und notfalls auch sehr agressiv diejenigen, die mich wütend machen;gelegentlich bringt es in der Sache etwas in meinem Sinne. Zumindest helfen mir die „Ausbrüche von Wut“, nicht an meiner tatsächlichen oder vermeintlichen Ohnmacht zu ersticken.Aber egal, meine Frage war aufgrund Ihres Beitrages ganz simpel, warum ich z.B. in Berlin diese Wut nur in begrenztem Umfange -quanitativ,qualitativ- wahrnehme, trotz der ständig wachsenden Kluft zwischen den ganz Reichen und den Armen und einem oft menschenverachtenden Verhalten der Reichen -oder derjenigen, die sich als solche darstellen?- gegenüber anderen Menschen und der Gemeinschaft, in der und mit der auch sie zu leben haben.

  5. #6 | Vatta sagt am 28. September 2011 um 19:31 Uhr

    Exakt, der Leasingaufwand mindert den Gewinn vor Steuern. Was genau ist jetzt der Nachrichtenwert? Ein Immobilienfuzzi war unfreundlich zu einem Flaschensammler?

  6. #7 | David Schraven sagt am 29. September 2011 um 07:25 Uhr

    Die Karre ist aber ganz cool.

  7. #8 | Andreas Lichte sagt am 29. September 2011 um 09:17 Uhr

    @ David Schraven

    „Die Karre ist aber ganz cool.“

    Kauf dir doch einfach einen SLS AMG.

    Ich hab auch schon überlegt, ob ich mal zur Mercedes-Niederlassung gehe. Aber ich denke, hier ist wirklich Kaufen angesagt, nicht Leasen. Leasen find ich uncool. Findet wohl auch Mercedes, denn es wird keine Leasingrate für den SLS AMG genannt. Bei den in unseren Kreisen normalen Modellen, z.B. der S-Klasse, schon:

    https://www.mercedes-benz.de/content/germany/mpc/mpc_germany_website/de/home_mpc/passengercars/home/new_cars/models/s-class/_w221.flash.html

  8. #9 | Stefan Laurin sagt am 29. September 2011 um 09:20 Uhr

    @Andreas @David: AMG ist immer uncool. Wenn Geländewagen – und ich mag die Kisten ja – dann doch bitte Rover oder Jeep.

  9. #10 | Mit-Leser sagt am 29. September 2011 um 10:24 Uhr

    Ich tendiere zu Jeep: interessante Unternehmensgeschichte, First Mover im SUV-Segment, super Modelle z.B der neue Grand Cherokee.

    (Aber worum geht es hier eigentlich – außer Autos?)

    🙂

  10. #11 | Stefan Laurin sagt am 29. September 2011 um 10:29 Uhr

    @Mit Leser: Mahindra bietet einen Willy-Nachbau an: https://www.mahindra-indi.de/

  11. #12 | Arnold Voss sagt am 29. September 2011 um 14:16 Uhr

    @ Mitleser # 10

    Vielleicht darum, dass Autos selber nichts dafür können, wer in ihnen drin sitzt. Dass sie an und für sich unschuldig sind.

  12. #13 | Andreas Lichte sagt am 29. September 2011 um 14:54 Uhr

    welches Auto kann denn nichts dafür, dass Arnold Voss in ihm sitzt?

  13. #14 | Arnold Voss sagt am 29. September 2011 um 17:14 Uhr

    Ich hätte doch noch ein 😉 dahinter setzen sollen.

  14. #15 | Andreas Lichte sagt am 29. September 2011 um 17:26 Uhr

    Arnold Voß verkündet stolz, dass er „im oberhippen Viertel Williamsburg in New York City“ ist, und ihm fällt nichts Besseres zur Bekämpfung seiner Langeweile ein, als die Kommentarspalte eines im Ruhrgebiet beheimateten Blogs mit Nonsense-Kommentaren zu füllen?

    Der Stolze Arnold: https://www.ruhrbarone.de/gentrifidingsbums-ich-moechte-den-gorny-ja-lieben-aber-ich-schaff-es-einfach-nicht/comment-page-1/#comment-101257

  15. #16 | Arnold Voss sagt am 29. September 2011 um 19:31 Uhr

    Andreas, was soll dieser Kommentar? Ich lebe hier seit über 25 Jahren gut 2 Monate pro Jahr. Immer wenn ich hier bin beteilige ich mich genauso an der Diskussion wie vom Ruhrgebiet oder von Berlin aus. Natürlich erst seit dem es das Blog gibt. Ich habe hier übrigens ausführlich bschrieben, wie dieses Williamsburg gentrifiziert wurde.

    https://www.ruhrbarone.de/gentrification-in-new-york-city-die-williamsburgh-story/

    Ich arbeite hier, Andreas. Treffe nachher Petra Engelke, die seit einiger Zeit in New York lebt und manchmal auch für diesen Blog schreibt.

    Ja, man kann sich darüber aufregen, dass es Leute gibt,die sündhaft teure Autos fahren. Muss man aber nicht. Ich habe kein solches Auto und mir würde es auch nicht im Traum einfallen, soviel Geld dafür auszugeben. Aber andere tun es.

    Es gibt unter ihnen genauso viel Arschlöcher wie in Kleinwagen und auch genauso viel nette Menschen. Mehr wollte ich mit meinem Kommentar nicht sagen. Und nun komm mal wieder runter.

    Falls du allerdings meine Kommentare zur Gentrification im Posting von Gerd Nonsense findest, solltes du dich in eben diesem Thread inhaltlich äußern. Tun da andere auch und die haben mir bislang noch keinen Nonsense unterstellt.

  16. #17 | Arnold Voss sagt am 29. September 2011 um 19:56 Uhr

    @ Andreas Lichte

    P.S. und noch ein Posting von mir das mein grundsätzliches Verhältnis zu Autos, egal wie teuer, deutlich machen könnte:

    https://www.ruhrbarone.de/radfahren-erobern-wir-uns-die-stadt-zuruck/

  17. #18 | David Schraven sagt am 29. September 2011 um 20:55 Uhr

    Ach, ich find die Karre trotzdem ganz cool.

  18. #19 | Puck sagt am 30. September 2011 um 00:57 Uhr

    Lieber Adreas Lichte!
    Ich überlege gerade, welches Klischee Sie ausgelassen haben könnten.
    Also, dicker Wagen war drin, lässig-teure Klamotten auch. Adel (Wappen!) wurde berücksichtigt.
    Auch der „Penner“, der Flaschen sammelt. (Obwohl ich persönlich das Wort „Obdachloser“ bevorzuge – im Grunde aber das englische „Homeless“ am zutreffendsten finde, wofür es leider kein deutsches Äquivalent gibt. Aber lassen wir diese Haarspaltereien…)
    Und natürlich macht der Schnösel mit dem dicken Wagen in den teuren Klamotten den „Penner“ an.
    Zeugt zweifellos von vorbildlicher Zivilcourage, wenn Sie dem Schnösel dann mal Bescheid sagen.
    Aber nicht unbedingt von vorbildlicher Beobachtungsgabe: Weitaus öfter dürfen sich „Penner“ nämlich dumme Bemerkungen von knapp am Prekariat vorbeigeschrammten wir-waschen-jeden-Samstag-unsern-Golf-Kleinbürgern anhören.
    Und wenn ich das aus meinen bisherigen Besuchen in Berlin richtig in Erinnerung habe, gehörte Grunewald nie zu den Arbeitervierteln, war nie ein „Kiez“. Da lebten schon immer Leute, die was „an den Füßen hatten“, wie man hier im Revier so sagt.
    Daß man dort auf „Gentry“ trifft, ist also nicht ganz so neu, und der Verdacht kommt auf, daß Sie mal zum REWE in Grunewald fahren, um sich mal wieder so richtig über die „Gentry“ aufzuregen.

    Überhaupt verfolge ich die ganze Diskussion über die „Gentrifizierung“ mit gemischten Gefühlen. Nein, ich mag die Schnösel mit den dicken Wagen, die Latte-Macchiato-Schnepfen und die Gucci-Eltern auch nicht. Aber eine „Bestandsgarantie“ für den Charakter eines Stadviertels gibt es eben nicht. Und wenn ich mir den Mietspiegel so ansehe, liegt Berlin eher so im Mittelfeld.
    Insofern sind die nächtlichen Auto-Abfackler ungefähr so spießig wie die wir-waschen-jeden-Samstag-unsern-Golf-Kleinbürger, die sich darüber aufregen, daß in der Nachbarschaft Tamilen eingezogen sind.

    Und wissen Sie was ich am schlimmsten finde? Nach meiner Erfahrung hätte der „Penner“ es eher geschätzt, wenn Sie ihm auf die Schulter geklopft hätten und „Laß den Schnösel doch quatschen“ gesagt hätten.
    Damit hätten Sie zweierlei erreicht: Den Schnösel einfach auflaufen lassen und den „Penner“ nicht zum ideologisch relevanten Diskussionsobjekt degradiert.

    LG
    Puck

  19. #20 | Andreas Lichte sagt am 30. September 2011 um 11:44 Uhr

    @ Puck #19

    Puck: „Daß man dort [in Berlin-Grunewald] auf “Gentry” trifft, ist also nicht ganz so neu, und der Verdacht kommt auf, daß Sie mal zum REWE in Grunewald fahren, um sich mal wieder so richtig über die “Gentry” aufzuregen.“

    Ich fahre in den Grunewald zum Grunewaldsee, zum Entspannen. Sehr schön:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Grunewaldsee

    Max Frisch: “Grunewald, Krumme Lanke, Schlachtensee, Wannsee, eine Landschaft, die mich schon heute … mit sicherem Heimweh erfüllt. Was ist es? Die Kiefern im Sand, der Himmel zwischen den Kiefern, die Luft, die spröde Weite – jedenfalls fühle ich mich unbändig wohl, man kennt sich selber nicht, oft versteige ich mich zu der fixen Idee, dass ich in dieser Luft ein ganz anderer, ein durchaus fröhlicher und sprühender Kerl geworden wäre.“

    Und auf dem Heimweg habe ich zufällig – es gab keine Routenplanung – gesehen, dass wo vorher nur Büsche und Bäume waren, plötzlich ein grosser Supermarkt stand. Mit dem Mercedes SLS AMG auf dem Parkplatz.

    Und ich hatte noch eine Frage zu klären, die mir ein Freund, der im „Big Business“ tätig ist, nicht beantworten konnte oder wollte – meine Hinweis-mail auf den Artikel, oben:

    „Hallo »…«,

    »wie macht man das mit dem Ferrari als Zweitwagen? – wie macht man soviel Geld, dass man sich das leisten kann?«

    hab ich jetzt selber rausgefunden – »muss man sich denn um alles selber kümmern?!?« – falls du einen »Mercedes SLS AMG« als Deutsches Ferrari Pendant akzeptierst: [link zum Artikel]“

    Puck: „Und natürlich macht der Schnösel mit dem dicken Wagen in den teuren Klamotten den “Penner” an.“

    Für mich alles andere als natürlich, ich habe einer Freundin die Geschichte erzählt und sie gefragt: „Warum macht er das? Kann ihm doch total egal sein, dass da ein Penner herumläuft … Warum gibt er sich persönlich in solche Niederungen herab?“

    Und genau so war auch meine Frage gemeint: „Gibt es ein Problem?“

    Puck: „Adel (Wappen!) wurde berücksichtigt.“

    Das Wappen war der Schlüssel dafür, dass ich überhaupt verstehen konnte, wer er ist: Ich bin Designer, und da ist es ein Reflex, dass man ein Logo einordnet: „Welche Anmutung hat es? Wofür steht es?“ Ich habe sofort an Immobilien gedacht, und war dann super-neugierig, ob ich damit richtig lag: et voilà!

    Puck: „Nein, ich mag die Schnösel mit den dicken Wagen, die Latte-Macchiato-Schnepfen und die Gucci-Eltern auch nicht.“

    „Auch nicht“? Wer sagt denn, dass ich sie nicht mag? Die Frau des „HGHI“-Geschäftsführers fand ich nicht unsympathisch, hab ich bei anderer Gelegenheit auch noch kennengelernt.

    Mich interessieren fremde Welten. Ich schaue sie mir an.

    Auch hier, die „andere Seite“: https://www.ruhrbarone.de/pommes-oder-pommery-sushi-oder-sekt/

  20. #21 | David Schraven sagt am 1. Oktober 2011 um 14:15 Uhr

    @ Arnold
    Da hast Du recht Arnold. Wer außer der freie Markt sollte in einer freien Welt entscheiden dürfen, wo ich wohnen darf. Richtig: niemand.

    Ich glaube, für viele Kritiker der angeblichen Gentrifizierung ist es schlichtweg nicht einsehbar, dass alles im Wandel ist. Nichts ist haltbar. Auch nicht Häuser, Viertel und Städte.

    Es wird besser – das nennen die dann Genteifizierung – oder auch schlechter – das nennen die dann gar nicht.

    Das wehleidige Erinnern an das alte ist nur Melancholie. Hat was damit zu tun, dass man seine eigene Sterblichkeit begreift, wenn man sieht, wie Viertel, Häuser und Bäume fallen.

    Sollte man die Melancholie zum Maßstab unseres Handelns machen, säßen wir heute noch auf Bäumen.

    Davon ab, war es echt ’ne coole Karre.

  21. #22 | Helmut Junge sagt am 1. Oktober 2011 um 16:27 Uhr

    @David,
    „“alles ist im Wandel“. Stimmt, aber muß ich alles gut finden?
    Ich weiß zwar, dass ich selber lieber in einem Haus mit mehr Komfort, und in einer attraktiveren Gegend wohnen möchte. Das würden 99,9% aller Menschen gerne. Wer sagt, dass er freiwillig darauf verzichtet, ist den eigenen Worten nach einem Heiligen vergleichbar, wahrscheinlich aber doch nur ein Schwindler.
    Wenn ich nun die Gentrifidingsbums dennoch kritisiere, könnte das aus Neid, Populismus, oder sonstwas geschehen.
    Aber wir haben es doch auch mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun, daß so etwas wie Ghettobildung darstellt. Wenn schon nicht die Reichenviertel so genannt werden wollen, dann doch der Rest, in den die billigen Mieten gelten, und die teilweise stark herunterkommen. Da kann man doch mal eine Anmerkung zu machen.
    Es gibt übrigens eine auseinanderklaffende Einkommensschere, die ursächlich dazu beiträgt, dass einige Mitglieder überhaupt die finanzielle Möglichkeit haben,
    in die teueren Viertel zu ziehen. Sofern das höhere Einkommen auf einer höheren Leistung beruht, habe ich da auch nichts gegen. Aber eine Einkommensschere ist ein statistisches Phänomen. Allein deshalb ist schon klar, dass wir es nicht mit einer individuell höheren Leistung einzelner zu tun haben. Die Gentrifitierung ist ein, von einer statistischen Eigenart unserer Einkommensentwicklung abhängiger Prozeß.
    Zuletzt möchte ich aber noch einmal betonen, dass ich nichts gegen ein ehrliches Leistungsprinzip habe, und dazu gehört selbstverständlich das Marktprinzip.
    Das ist mit den oben genannten Einschränkungen immer noch besser, als feudalistische Willkür, wie im Fall des „New Forest“ in England. Da hatte nämlich damals Wilhelm der Eroberer ein Riesenstück Land als königliches Jagdgebiet umgewandelt, und „Die Einwohner von 66 Ortschaften wurden vertrieben.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/New_Forest_%28Landschaft%29

  22. #23 | Andreas Lichte sagt am 1. Oktober 2011 um 18:18 Uhr

    @ David Schraven #21

    wunderbar: „Das wehleidige Erinnern an das alte ist nur Melancholie. Hat was damit zu tun, dass man seine eigene Sterblichkeit begreift, wenn man sieht, wie Viertel, Häuser und Bäume fallen.“

    Danke für den tiefen Einblick in dein Seelenleben! Du kannst das sicher noch vertiefend mit Eros und Thanatos ausführen: https://de.wikipedia.org/wiki/Todestrieb

  23. #24 | Puck sagt am 1. Oktober 2011 um 21:42 Uhr

    @Andreas Lichte
    Daß Sie meinen Spott nicht vertragen, geschenkt. Bin ich gewohnt. Auch verkürzt zitiert zu werden, bzw. aus dem Zusammenang gerissene Sätze herauszupicken, damit der anschließende Kommentar stimmt.

    Aber warum so gehässig zu David Schraven, der eine milde Kritik angebracht hat?

    Ihr Beitrag strotzt nur so vor Allgemeinplätzen und Klischees. Der reiche Schnösel (mit dem Wagen, den wir auch alle gerne mal fahren würden aber uns nicht leisten können), der arme Penner, der Flaschen sammelt (den wir aufrichtig bedauern, aber lieber über ihn sprechen als mit ihm).
    Das gilt auch dann, wenn Sie etwas lahm hinterherschieben, daß Sie die Frau des Benzfahrers ganz sympathisch fanden.

    Daß die Einkommensschere in D immer weiter auseinanderklafft, kann mann seit den 80er Jahren des letzten Jh. beobachten. Das Problem dabei ist nicht so sehr, daß es sehr Reiche und sehr Arme gibt, das gab es schon immer, sondern daß in zunehmendem Maße die Mittelschicht ihre Felle davonschwimmen sieht. Aber anstatt angesichts dieser Tatsachen für ein bedingungsloses Grundeinkommen oder wenigstens für einen Mindestlohn zu kämpfen, geschieht etwas ganz anderes: Man grenz sich „nach unten“ ab und schimpft auf die „Hartzies“, die es sich angeblich mit Bierdose und Flachbildschirm-TV gemütlich machen – und verstärkt so den Effekt.

    Was nun die Gentrifizierung anbetrifft halte ich die im Wesentlichen für einen Medienhype.
    Siehe:
    https://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/mietspiegel/de/download/Mietspiegeltabelle2011.pdf
    Demnach liegen die Mieten in Berlin im mittleren Segment – unter den Großstädten eher im unteren!
    Vor einiger Zeit war auf TAZ-Online ein schwer investigatives Interview mit einem bekennenden Auto-Abfackler zu lesen. Auf die Frage, ob er keine Bedenken hätte, daß er versehentlich mal eine dringend benötigte Familienkutsche afackelt, sagte dieser Held wider die Gentrifizierung: „Kann sein. Aber wo gehobelt wird, da fallen halt Späne.“
    Von allen doofen Sprüchen auf der noch oben offenen Doof-Skala nimmt der bei mir einen all-time-Spitzenplatz ein.

  24. #25 | Arnold Voss sagt am 2. Oktober 2011 um 15:10 Uhr

    @ David @ Helmut

    Veränderungsprozesse sind nicht per se gut oder schlecht. Genauso wie der Markt bzw. der Marktmechanismus nicht als solcher gut oder schlecht ist. Bewohnte Räume sind immer auch soziale Gefüge die wachsen bzw. gewachsen sind. Sie sind nie nur Standort sondern immer auch Lebensort. Nachbarschaften in den räumliche und soziale Bindungen entstehen.

    Die meisten Menschen ziehen nicht gern bzw. freiwillig um, wenn sie ein solche funktionierende Nachbarschaft gefunden haben und dort ihre wichtigsten Nahbereichsbedürfnisse bedient werden. Vielleicht sogar noch fußläufig. Sie nehmen lieber, häufig über lange Zeit, erheblichen Pendelverkehr in Kauf, z.b. zum Arbeitsplatz.

    Ist nicht gerade ökologisch vorbildlich, wenn das mit dem Auto geschieht, aber den meisten Menschen sind nun mal ihre sozialen und emotionalen Bedürfnisse wichtiger als der Klimawandel. Wenn dazu eine niedrige Miete kommt, dann gibt es ein quasinatürliches Festhalten am vorhanden Wohnstandort, eingeschlossen seine Verteidigung gegen Eindringlinge von außen.

    Das genau geschieht nicht nur , aber auch und besonders bei der Gentrification. Allerdings vergessen die vorhandenen Bewohner in der Regel, wie sie denn an diesen Ort gekommen sind. Erstaunlicherweise auch die erst kurz zugezogenen, wenn ihnen der Ort eine geringere Miete abverlangt als ihr vorheriger. Es gibt allerdings auch Menschen die schon mehrer Generation in einem Stadtteil wohnen. Aber auch sie waren nicht immer da.

    Der Konflikt ist also programmiert, wenn der Platz für die Zugezogenen den Verlust des eigenen bedeutet, bzw. man zwar nicht weg, dafür aber höhere Mieten bezahlen muss. Wenn dann obendrein noch die alte Nachbarschaft ins Wanken gerät, ist in der Regel und aus durchaus nachvollziehbaren Gründen irgendwann der Aufstand derer angesagt die bleiben wollen und zwar konkret gegen die, die dazu kommen.

    Daraus allerdings ein grundsätzliches Bleibe-Recht derer abzuleiten, die schon da sind, würde jede Stadtentwicklung, ja auch jede soziale Entwicklung zum Stillstand bringen. Das ist ein Closed-Shop System, dass auch denen schadet die zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt bleiben wollen. Es ist obendrein undemokratisch und natürlich auch geschichtsvergessen, denn die zu einem bestimmt Zeitpunkt Bleibenwollenden, waren letztlich selbst zu einem vorherigen Zeitpunkt Dazugekommene.

  25. #26 | Walter Stach sagt am 3. Oktober 2011 um 12:33 Uhr

    Schon bemerkenswert, wie vorurteilslos „das freie Spiel der Kräfte
    und der freie Markt“ in einigen Beiträgen als unabdingbares Fundament einer „freien“ Gesellschaft herausgestellt werden. Das schließt dann folgerichtig die Unabdingbarkeit der immer größer werdenden Schere zwischen den Reichen und den Armen und sowie der Unabdingbarkeit von Verdrängungsprozesses in den Städten quasi als Gesetzmäßigkeit des „des freien Spiels der Kräfte“ ein. Zumindest sollten die Weltwirtschafts- und die Weltfinanzkrise Anlaß sein, die prinzipielle Gläubigkeit an „das freie Spiel der Kräfte“ als unantastbare Grundlage jeder gesellschaftlichen Ordnung kritisch zu hinterfragen. Es sollte zudem „den Marktgläubigen“ klar sein, daß Deutschland nach dem GG ein Sozialstaat und das das Sozialstaatsprinzip Bestandteil des sog.verfassungsfesten Minimums ist. Das Sozialstaatsprinzip läßt den freien, den ungelenkten, den ungesteuerten Markt nicht zu! Daraus ergibt sich u.a. nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht für jede Stadt, dem Sozialstaatsziel gemäß zu handeln, d.h. sich zum Ziel zu setzen, beispielsweise Verdrängungsprozesse eben nicht ausschließlich dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen, sondern lenkend/steuern einzugreifen, ja eingreifen zu müssen, wenn eklatante soziale Benachteiligungen drohen, die für die Betroffenen entwürdigend sein können. Über das Maß, über das Wie kommunaler Steuerung/Lenkung solcher Prozesse ist in den Kommunen zu streiten, nicht über das Ob. Wenn eine Kommune das Geschehen ausschließlich dem freien Spiel der Kräfte überläßt, handelt sie verfassungswidrig. Insofern sind Vergleiche zu ungesteuerten, nur dem „freien Markt“ entsprechenden Prozessen in den USA fehl am Platze. Die USA kennen nicht das Sozialstaatsprinzip als Verfassungsgebot, eben auch nicht in den Städten und foglich auch nicht in den Gentrifizierungsprozessen. Abschließend noch eine Bemerkung zum Ausgangspunkt unserer Diskussion: Eine Luxuslimosine zu fahren, eine Luxusvilla zu besitzen, in einem Luxusladen einzukaufen ist jedem, der das will und es sich leisten kann, völlig freigestellt. Wenn daraus resulierend allerdings in Worten und Taten bei den betreffenden Personen ein Recht auf Abwertung, auf Diskriminierung und damit letztlich auf Entwürdigung anderer Menschen, z.B. sog.Penner, hergeleitet wird, dann finde ich das einfach erbärmlich.Und das -nicht die Luxuslimosine pp.- macht mich gegenüber solchen Typen wütend.

  26. #27 | Helmut Junge sagt am 3. Oktober 2011 um 19:06 Uhr

    @Walter Stach 26,
    sorry, aber das Wort „freie“, egal in welchem Zusammenhang, finde ich nur bei David Schraven und mehrfach bei Dir. Meinst Du eine andere Diskussion?
    Aber immerhin sprichst Du ein spannendes Thema an. Bei all den sichtbaren und versteckten Subventionen kann es „Freie Märkte“ von der Definition her gar nicht geben. Ich denke, dass es einen Markt geben muß, weil sonst willkürliche Preise jeden Fortschritt blockieren. Aber wirklich frei ist heutzutage nirgendwo etwas, schon gar nicht der Markt.

  27. #28 | Walter Stach sagt am 4. Oktober 2011 um 17:07 Uhr

    Es geht nicht um das Wort frei, sondern darum, daß nach meiner Lesart in mehreren Beiträgen das eingefordert wird, was gemeinhin mit dem Begriff einer sog. freien Marktwirtschaft inhaltlich verbunden ist;ich schließe nicht aus, oberflächlich gelesen und nur das aufgenommen zu haben, was in mein diesbezüglich kritisches Denken zu passen schien. Mir geht es auch nicht darum, zu philosophieren über die simple Tatsache, daß es „die Freiheit“ des Individums und damit „die freie Gesellschaft“ (und folglich einen „freien Markt“) nie gegeben hat, nie geben kann und also nie geben wird; und das zu erläutern ist nicht Gegenstand der Diskussion. Mir ging es mit meinem Beitrag schlicht und einfach darum, wieder einmal daran zu erinnern, daß unsere Verfassung einen „freien“ Markt nicht zuläßt, sondern eine „gelenkte/gesteuerte“ Wirtschaft einfordert, ohne daß in der Verfassung wörtlich die Festlegung auf ein bestimmtes Wirtschaftssystem stattfindet. „Lenkung/Steuerung“ ergeben sich jedoch zwangsläufig als staatliche -und damit auch als kommunale Aufgabe (sh.Gentrifizierung)-aus der Verfassung, weil das Verfassungsprinzip des Sozialstaates Lenkung und Steuerung dann zwingend erfordert, wenn der „freie Martk“ zu eklatanten sozialen Ungerechtigkeiten führt. Warum das die „Freiheit des Marktes“ einschränkende Verfassungsgebot des Sozialstaates von den „Freiheitlichen“ regelmäßig in den Diskussionen ausgeblendet wird, auch in der Gentrifizierungsdebatte, weiß ich nicht. Gedanklich weiter helfen könnte den „Freiheitlichen“ z.B. ein gelegentlicher Blick in die Rechtsprechung des BVerfGG,z.B. zu den Art.2 und 20 GG. Ich gebe zu, daß ich – wohl leider manchmal mit missionrischem Eifer- bemüht bin, bei jeder Gelegenheit, so auch jetzt in der Gentrifizierungsdebatte, daran zu erinnern, daß wir eben nicht nur die Verfassungsprinzipien des die individuelle Freiheit sichernden Rechtsstaates und das der Demokratie kennen, sondern gleichwertig (!!)auch das des Sozialstaates.

  28. #29 | Helmut Junge sagt am 5. Oktober 2011 um 09:25 Uhr

    #28 Walter Stach,

    „…..wohl leider manchmal mit missionrischem Eifer- bemüht bin, bei jeder Gelegenheit, so auch jetzt in der Gentrifizierungsdebatte, daran zu erinnern, daß wir eben nicht nur die Verfassungsprinzipien des die individuelle Freiheit sichernden Rechtsstaates und das der Demokratie kennen, sondern gleichwertig (!!)auch das des Sozialstaates.“

    Ist ja ok, aber wenn der missionarische Eifer im Vordergrund steht, wird man manchmal ganz anders verstanden, als beabsichtigt.

  29. #30 | Walter Stach sagt am 6. Oktober 2011 um 14:15 Uhr

    Helmut Junge -29-; ja,ja, die Missionare !!Mutige Menschen(??), mit problematischem Anliegen(??) und übereifrig(??). In der Sache bleibe ich bei meiner Wahrnehmung: Sehr viele Menschen, auch in den Medien, in der Politik, wissen eben nicht, daß neben dem Rechtsstaatsprinzip und dem Demokratieprinzip gleichwertig (!!) das Sozialstaatsprinzip zum sog.verfassungsfesten, also nicht abänderbarem Minimum des GG zählt. Von daher gehen manche Diskussionen auf bundesstaatlicher Ebene, aber auch im kommunalen Bereich „ins Leere“. Wenn wir z.B. hier über das Ob und Wie denkbarer Maßnahmen einer Kommune -lenkend, steuernd, mit welchen Mitteln auch immer- im sog.Gentrifizierungsprozeß nachdenken, dann geht u.a. eine vergleichende Betrachtung mit dem „freien Spiel der Kräfte“ in den USA fehl. Dort gibt es weder für den Gesamtstaat noch für die Bundesstaaten noch für die einzelnen Kommune die Pflicht, ihr Tun oder Unterlassen stets auch abwägen und in Übereinstimmung bringen zu müssen mit dem Verfassungsgebot des Sozialstaates.

  30. #31 | Helmut Junge sagt am 6. Oktober 2011 um 18:47 Uhr

    ……“Sehr viele Menschen, auch in den Medien, in der Politik, wissen eben nicht, daß neben dem Rechtsstaatsprinzip und dem Demokratieprinzip gleichwertig (!!) das Sozialstaatsprinzip zum sog.verfassungsfesten, also nicht abänderbarem Minimum des GG zählt.“

    Ja, Walter Stach. Das ist wohl so. Aber warum ist das so?
    Das GG ist doch das einzige Regelwerk, das unsere Gemeinschaft zusammenhält.
    Viele Menschen auf dem Planeten wären froh, würden solche Regeln in ihren Ländern gelten.
    Möglicherweise liegt es aber gar nicht am mangelnden Wissen. Möglicherweise liegt da gelegentlich ein Interessenkonflikt bei einigen Mitmenschen vor? Möglicherweise denken einige unter uns, dass das GG ganz gut ist, wenn es gebraucht wird, aber falsch, wenn es gegen bestimmte Interessen wirkt?
    Wenn es gegen die eigene Interessenlage spricht, dann denkt der eine oder andere vielleicht, dass es überaltert, vielleicht sogar schädlich ist, und längst hätte geändert werden müssen, was aber nicht geht, weil es dafür keine Mehrheiten gibt? Und das, weil so viele Verfassungsfeinde das verhindern? Wer weiß schon, was die denken, die glauben, dass einige Paragraphen des GG eigentlich dem Geist der subjektiv empfundenen eigenen Verfassungsentwürfe, bzw. Interessen widersprechen?
    Dann aber sollten diejenigen, die dieses Grundgesetz für wichtig halten, gemeinsam gegen dieses „Vergessen“ antreten, und dieses GG und seine Regeln gelegentlich, möglicherweise sogar häufig, in der Öffentlichkeit in Erinnerung bringen.

  31. #32 | Walter Stach sagt am 6. Oktober 2011 um 23:37 Uhr

    Helmut Junge -31-: Ohne Wenn und Aber einverstanden!

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